Das Ende des Nachrichten­fernsehens, wie wir es kennen

Man muss Wolfgang Jandl ein bisschen dankbar sein: Er hat die Sinnlosigkeit der Routinen und Rituale des Nachrichtenfernsehens unübersehbar gemacht.

Wolfgang Jandl ist BR-Mitarbeiter in Würzburg. Als am Montagabend bekannt wurde, dass in der Stadt jemand mit einer Axt auf Fahrgäste in einem Zug losgegangen ist und mehrere Menschen schwer verletzt hat, fuhr er ins Fernsehstudio, um den Zuschauern der „Tagesthemen“ davon zu berichten. Seine Informationen beruhten, wie er treuherzig erzählte, vor allem auf Gerüchten, die er unterwegs an einer Tankstelle aufgeschnappt hatte, wo er irgendwelche Leute „belauschte“.

Die „Tagesthemen“ schalteten, nachdem sich gerade unplanmäßig etwas womöglich Schlimmes ereignet hatte, zu einem Mann, der weniger wusste als die meisten. Weder war er am Ort des Geschehens, noch kannte er die aktuelle Lage, wie sie die Nachrichtenagenturen zu diesem Zeitpunkt schilderten.

Der Mann in der braunen Wildleder-Juppe agierte vor der Kamera mit einer rührenden Tolpatschigkeit, die einen Blick auf die Absurdität der Situation erlaubte, der sonst von der professionellen Routine und Selbstverständlichkeit der Akteure verstellt wird: Wenn etwas Schlimmes passiert auf der Welt, schalten Fernsehsender so schnell wie möglich zu jemandem, der die vorausgegangenen Minuten damit verbracht hat, in ein Fernsehstudio zu kommen.


Fernsehen ist ein Medium, das in einem immer wieder verblüffenden Ausmaß aus Praktiken und Abläufen besteht, die nicht dem Ziel der best- oder schnellstmöglichen Informationsvermittlung dienen, sondern der möglichst attraktiven und symbolhaften, eben: fernsehgerechten Verpackung. Um zu berichten, dass sich das Außenministerium zu irgendeiner Entwicklung noch nicht geäußert hat, stellen sich Fernsehreporter vor eine Kamera vor dem Außenministerium – als sei dies der Ort, an dem man am besten über Vorgänge oder Einschätzungen im Inneren informiert würde, und nicht in der Redaktion, am Schreibtisch, am Computer.

Die Standardposition der Hauptstadt-Korrespondenten vor dem Bundeskanzleramt dient in aller Regel ausschließlich dazu, dem Zuschauer eine Nähe zum Ort des Geschehens zu suggerieren, und nicht etwa, tatsächlich in einer günstigen Position zum Recherchieren zu sein.

Der ARD-Redakteur in Würzburg fuhr ins Fernsehstudio, um sich vor eine attraktive virtuelle Kulisse von Würzburg zu stellen. Früher hätte dieser Ort den entscheidenden Vorteil gehabt, die technischen Voraussetzungen mitzubringen, dass man relativ spontan live zu ihm schalten kann. Heute hat fast jeder Mensch auf der Straße die entsprechenden technischen Voraussetzungen in der Hosentasche.


Als Richard Gutjahr in der Nacht von Donnerstag auf Freitag von Nizza aus live im ARD-„Nachtmagazin“ berichtete, wie er den Anschlag an der Promenade des Anglais erlebt hatte, musste er dafür nicht in ein ARD-Studio fahren. Er brauchte keinen Techniker, keinen Kameramann, keine spezielle Leitung nach Hamburg. Er hatte nur sein iPhone dabei (nicht einmal die obligatorische Selfie-Stange) und eine externe Batterie, brauchte nur einen starken rechten Arm und nutzte die schnöde Skype-App für die Verbindung in die Sendung. Auf dem selben Weg ging er bei anderen Fernsehsendern on air; nur die BBC wünschte sich Facetime, das vorinstallierte Videostreaming-Programm von Apple, als Übertragungsweg.

Das Bild von Gutjahr hatte nicht die gewohnte Fernsehqualität, zeitweise war sein Gesicht viel zu groß und nah, auch Nizza sah hinter ihm nicht so attraktiv aus wie mit einem richtigen Hintersetzer. Aber dafür stand der Reporter tatsächlich am Ort des Geschehens; er war sogar Augenzeuge geworden.

Einem Publikum, das mit sozialen Medien aufwächst, mit überall gerade irgendwie gefilmten und fotografierten Szenen, mit Periscope- und Facebook-Live-Videos, ist es mutmaßlich völlig egal, ob das Bild vom Reporter verwackelt und unscharf ist, ob die Auflösung HD ist. Im Zweifel sind all diese Indizien sogar eher Ausweis von Qualität als ein teures Studio, hochwertige Technik, perfekte Ausleuchtung.


Die Rituale des Fernsehens wirken wie aus der Zeit gefallen, aber auch der mit diesem Medium verbundene technische Aufwand erscheint immer häufiger als Anachronismus. Am Sonntagabend produzierte „Bild“ auf Facebook eine Talkshow zu dem Putschversuch in der Türkei. Ein Moderator und „Bild“-Online-Chef Julian Reichelt unterhielten sich mit mehreren Politikern sowie mit „Bild“-Reporter Paul Ronzheimer, der vor Ort in Istanbul war. Die Gesprächspartner filmten sich teilweise ungelenk mit ihren Mobiltelefonen selbst, was für ungewöhnliche und ungewollte Perspektiven sorgte.

Die Produktion der zeitgleich im Ersten ausgestrahlten Talkshow von Anne Will muss ein Vielfaches gekostet haben. Ich bin nicht sicher, ob der Erkenntnisgewinn auch um das entsprechende Vielfache höher war.

Ich würde immer, immer eine Talkshow mit Anne Will einer mit Julian Reichelt vorziehen, aber darum geht es hier nicht. Es geht darum, dass sich inzwischen mit sehr, sehr viel weniger technischem Aufwand Gesprächssendungen organisieren, produzieren und verbreiten lassen.

Den „Bild Daily“-Talk haben auf Facebook rund 113.000 Menschen gesehen. Das ist nichts im Vergleich zu den 3,6 Millionen Zuschauern, die „Anne Will“ an diesem Abend hatte (und aufgrund der Art, wie Facebook Video-Abrufe zählt, ist der Abstand in Wahrheit noch größer). Aber ich würde mich als Fernsehmacher nicht darauf verlassen, dass das so bleibt.


Bild.de berichtete auch in der Nacht des Putschversuches länger live mit einer Art Fernsehsendung, was schon deshalb bemerkenswert ist, weil der hauseigene Fernsehsender N24 das lange nicht tat.
Man müsse „abwägen, wie wir mit den Ressourcen umgehen“, sagte eine Sendersprecherin, und die Wirtschaftlichkeit einer teuren Breaking-News-Situation im Blick behalten.

Die Live-Video-Experimente von „Bild“ und anderen werden von Facebook finanziell unterstützt, aber auch unabhängig davon dürfte so eine Netz-Übertragung mit den Mitteln von Bild.de deutlich günstiger sein als das Hochfahren des N24-Fernsehstudios.

Trotz des überaus fernsehaffinen WeltN24-Herausgebers Stefan Aust ist es bei Springer das Online-Team von „Bild“ und nicht der konzerneigene Fernsehsender, der sich ins Zeug wirft bei der fernsehähnlichen Begleitung der Breaking News. Das mag auch etwas mit unterschiedlichem persönlichem Ehrgeiz zu tun haben, aber ich glaube, es ist kein Zufall.


Ich war in der Nacht von Freitag auf Samstag auch live dabei, beim Putschversuch in der Türkei. Es war wie ein Krimi, sogar mit dem Reiz, dass man sich die einzelnen Elemente selbst zusammensuchen konnte und musste. Es war ein wildes Durcheinander, viel Unklarheit, manches Widersprüchliche. Menschen teilten echte und falsche Bilder von Panzern auf den Straßen; die Meldung eines amerikanischen Fernsehsenders, der türkische Präsident sei auf dem Weg nach Westeuropa und habe unter anderem in Deutschland Asyl beantragt, wurde aufgeregt geteilt und bezweifelt; Augenzeugen berichteten, was sie sahen; Nicht-Augenzeugen erzählten, was sie glaubten, was man sehen könnte; Kommentatoren lieferten mit der ganzen Autorität, die der Besitz eines Twitter-Accounts verleiht, ad-hoc-Analysen und Zukunftsprognosen.

Man war nicht unbedingt gut informiert, aber dafür war man dabei. Es gab ein Gefühl von Unmittelbarkeit, mit all den Unwägbarkeiten, die die mitbringt.

Auf der Karte, die zeigt, wo gerade jemand auf Facebook livestreamt, waren in der Nähe von Istanbul so viele Punkte, dass man einzelne davon gar nicht mehr gezielt anklicken konnte. Hier gab es alles: Leute, die die Ereignisse auf der Straße filmten, Leute, die von zuhause aus monologisierten, irgendwelche Gebetskanäle, irgendwelche Fernsehsender.

Als Bonus konnte man die aktuellen Flugbewegungen über dem Luftraum der Türkei live verfolgen und mit den widersprüchlichen Meldungen über geschlossene Flughäfen vergleichen; selbst die Warteschleifen, die eine Maschine drehte, an deren Bord sich der türkische Präsident befinden sollte, konnte man sich in Echtzeit ansehen.

Es war spannend, und ich bin erst ins Bett gegangen, als ich das Gefühl hatte, dass der Ausgang des Krimis feststeht und ich nichts mehr verpassen würde.


Dieses Gefühl, dabeisein zu wollen, das Bedürfnis, nicht erst im Nachhinein informiert werden zu wollen, was passiert ist, sondern es sofort zu erfahren, ist natürlich nichts Neues. Es ist vielleicht sogar noch natürlicher als das Konzept von Nachrichten.

Ein einschneidendes mediales Erlebnis, von dem mir meine Eltern immer wieder erzählt haben, war der 5. September 1972, die Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München. Sie sind an dem Abend erst ins Bett gegangen, als das Fernsehen die erlösende Nachricht brachte, dass die Geiselnahme beendet und alle Geiseln befreit worden seien. (Es gab dann am nächsten Morgen für sie, wie für viele andere, ein böses Erwachen.)

Dank sozialer Medien haben wir nun die Möglichkeit, noch näher dran zu sein und selbst Bildregie zu führen. Und weil man gemeinsam sammelt, sortiert, bewertet, kommentiert, ist es sogar eine Art Public-Viewing des Nachrichtenevents.


Und dann nimmt man den Blick vom Smartphone oder dem Computer und macht den Fernseher an und plötzlich hat man die Welt, in der alle dem Krimi in der Türkei verfolgen, gegen eine getauscht, in der ein alter „Tatort“ läuft.

ARD und ZDF haben am späten Abend mehrere Sondersendungen gebracht zu den Entwicklungen in der Türkei, aber sie haben nicht alle anderen Sendungen aus dem Programm geworfen. Auch in den öffentlich-rechtlichen Spartensendern gab es später keine ausgedehnte Live-Berichterstattung mit Rolling News mehr.

Dafür gab es erwartbaren Spott von den üblichen Verdächtigen. Als Beleg für die verschnarchte Beamtenhaftigkeit des öffentlich-rechtlichen Systems musste auch ein Tweet der Leute von Phoenix herhalten, die den Nachrichtenschalter einfach planmäßig über Nacht schlossen:

Das hat schon eine traurige Ironie: Phoenix ist deshalb kein richtiger Nachrichtenkanal, sondern nur ein „Ereignis- und Dokumentationskanal“, weil die ewigen Kritiker der ewigen Expansionsstrategie von ARD und ZDF das Mitte der neunziger Jahre verhindert haben. Erst beschränkt man künstlich die Möglichkeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, und dann kritisiert man – auch im Angesicht der real existierenden rumpeligen privaten Alternativen – dass er nur so beschränkt agiert.


Die ARD-aktuell-Abspielstation tagesschau24, die richtiger ungefähr tagesschau14 heißen müsste, ist auch eine merkwürdige Mischform aus Nachrichten- und Wiederholungskanal. Dieser Sender ist rechtlich nicht so eingeschränkt und könnte, zumindest zeitweise, durchaus zu einem Nachrichtenliveprogramm umgebaut werden.

ARD-aktuell-Chef Kai Gniffke sagt auf die Frage, warum man den Sender nicht zum Beispiel in der Nacht des Türkei-Putsches so genutzt habe, dass dem weder finanzielle, technische noch rechtliche Erwägungen entgegen standen. Die Entscheidung sei mit Rücksicht auf den einzigen Korrespondenten in Istanbul gefallen, der den Weg ins Studio geschafft hatte:

Es war klar, dass er in den folgenden 36 Stunden den Schwerpunkt der Berichterstattung für Das Erste leisten muss – der Flughafen Istanbul war geschlossen, kurzfristig daher keine Verstärkung der knappen personellen Ressource zu organisieren. Um dem Korrespondenten Zeit für Recherche zu geben und ihn in einem Nachteinsatz nicht an die Leistungsgrenze zu bringen, wurde auf eine Live-Strecke verzichtet.

Ja, Tatsache: Korrespondenten können, während sie vor der Kamera stehen, nicht gleichzeitig recherchieren. Natürlich hätte man einen Redakteur ins Studio setzen können, der sich durch die Feeds und Streams klickt und erzählt, was er sieht, und vielleicht einen Experten daneben, der zu dem, was sich als Gerüchtelage darbietet, erste Einschätzungen abgibt.

Aber eigentlich ist genau dafür Online ein gutes Medium. Mit der Möglichkeit, interessante Dinge gleich zu verlinken, und ohne die Notwendigkeit, das Bildmaterial, das man gefunden hat, in Dauerschleife zu zeigen.

Man kann im Netz ganz gut Hände oder Füße (oder den Kopf) in den stetigen Informationsfluss tauchen. Aber der Gedanke, dass ausgerechnet das Medium Fernsehen diesen Strom gut abbilden oder ihm durch seine Fernsehhaftigkeit noch etwas hinzufügen kann, ist abwegig – nicht nur die traurigen Bilder von Menschen, die von großen virtuellen Wänden Tweets ablesen, sind Ausweis davon.

Natürlich kann man das machen. CNN zeigt seit vielen Jahren, dass man sich entwickelnde Ereignisse, Breaking News, aufgeregt und aufregend begleiten kann, im Splitscreen, das bisschen brauchbare und verfügbare Bildmaterial von vorbeifahrendem Blaulicht in Endlosschleife in einem Fenster, irgendein eher nichtssagendes Live-Bild in einem anderen Fenster, ein Moderator im Studio, ein Korrespondent oder Experte irgendwo.

Aber ist damit wirklich ein Erkenntnisgewinn verbunden? Sogar im Vergleich zur hilflosen Einblendung von Textbändern ins laufende Programm?


(Wenn wir davon sprechen, dass ARD und ZDF mehr tun könnten, um ihren Informationsauftrag zu erfüllen, hätte ich einen ganz anderen Wunsch: Der britische Fernsehsender Channel 4 zum Beispiel zeigt jeden Abend um 19 Uhr ein fast einstündiges Nachrichtenmagazin, mit Interviews und ausführlichen Hintergrundberichten. Was wäre das für eine Möglichkeit: Das Sammelsurium, mit dem das Erste mühsam die Zeit zwischen den Werbeblöcken füllt, aufgeben für ein ernsthaftes, umfassendes, journalistisches Magazin. – Okay, nur ein Traum.)


Ich kann das Gefühl nachvollziehen: Nachdem man sich ebenso fasziniert wie überfordert in einer Breaking-News-Lage durch Twitter, Facebook und alles geklickt hat, möchte man das Erste Deutsche Fernsehen einschalten und dort – von unseren Rundfunkbeiträgen! – angemessen ad hoc informiert werden. Aber was könnte man realistisch von einer solchen Sendung als Zusatzinformation erwarten?

Es ist eine fast rührende (und schon in ein paar Jahren sicher kaum noch von irgendwem nachvollziehbarer) Erwartung, dass ausgerechnet das Fernsehen in diesen Momenten für besondere Erhellung sorgen könnte.

Die Irrationalität der Erwartungen hat „Spiegel TV“-Redakteur Benjamin Denes auf den Punkt gebracht:

Dem unerfüllbaren Wunsch, journalistisch fundiert in Echtzeit informiert zu werden, hat Udo Stiehl sich in einem Blog-Eintrag gewidmet.

Aber faszinierend ist ja, dass es ausgerechnet das (öffentlich-rechtliche) Fernsehen ist, an das dieser Wunsch herangetragen wird. Der Verweis zum Beispiel von ZDF-Chefredakteur Peter Frey darauf, dass ja das Online-Angebot heute.de eine Art Nachrichtenkanal darstelle, wird als lächerliche Ausrede abgetan.

Hinter dem Ruf nach dem Fernsehen in diesen Situationen steckt ein Phantomschmerzes. Je mehr wir uns in der Unübersichtlichkeit des Netzes verlieren, umso mehr sehnen wir uns zurück nach dem Medium, das uns einmal – die Älteren werden sich erinnern – Orientierung gegeben hat, Überschaubarkeit, Alternativlosigkeit.

Das wird es nicht mehr tun, vermutlich grundsätzlich nicht, ganz sicher aber nicht in der Form von Rolling News oder eines 24-Stunden-Live-Nachrichtenkanals. Es ist ohnehin ein abwegiger Gedanke, dass nun, da es ein Medium gibt, das so viel schneller ist als das Fernsehen, das Fernsehen versuchen muss mitzuhalten – anstatt, im Gegenteil, ausgeruhter zu berichten und journalistischer. Das Missverständnis beginnt aber schon damit, einen unsortierten Strom von Informations- und Desinformationsbrocken für Nachrichten zu halten.

Die Herausforderung für das Fernsehen wird darin bestehen herauszufinden, welche seiner Eigenarten und Gewohnheiten tatsächlich Anachronismen sind und welche bewahrens- und pflegenswert, weil sie einen Mehrwert gegenüber anderen Medien darstellen. Aktualitätssimulationen, bei denen ein Korrespondent in einer Breaking-News-Situation als Erstes mal ins Studio fährt, gehören aber sicher nicht zu dazu.

 

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25 Kommentare

  1. Kilroy was here! Das wichtigste ist doch wohl, dass die Fresse (sorry für die Ausdrucksweise) vom Reporter bildfüllend über den Äther geht. Inhaltliche Erkenntnisse sind überhaupt nicht wert; hauptsache: ich was hier. Noch besser sogar: hier droht sogar Gefahr! Die kann man mit einem virtuellen Hintergrund natürlich nicht so gut nachstellen.

    Euronews hatte letzten Freitag einfach einen Live-Feed von einer hochgelegenen Position auf die besetzte Bosporusbrücke. Das Signal haben sie entweder von CNN Türk übernommen oder von der Agentur DHA. Der deutsche Sprecher hat die aktuellen Agenturmeldungen durchgegeben und versucht einige Zusammenhänge herzustellen. Euronews hatte dann auch Erdogan per Facetime bei CNN Türk lieve mit drauf und simultanübersetzt. Später hatten sie von der Bosporusbrücke die eindrücklichen Bilder, als die ersten Zivilisten dem Aufruf von Erdogna gefolgt sind und friedlich demonstrierend auf den Militärposten zugegangen sind. Es wurde auf die Leute geschossen.

    Euronews hat auf jedwede Geltungssucht verzichtet und „einfach“ live berichtet. Die ÖR hatten entweder gar nichts aus der Türkei (Tatort und so) oder einen Reporter mit bildfüllender Fresse mit Istanbul-Hintergrund.

  2. Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Scheibenwischer-Sendung von Dezember 1983 ? Da ging es im Wesentlichen um das bevorstehende Jahr 1984 und die entsprechende Vision von George Orwell z.B. bezüglich der politischen Steuerung der Sprache, u.a. wurde thematisiert, daß man „Entsorgungspark“ anstelle von „Giftmülldeponie“ und das ganze weitergesponnen zu „bleifreie Humanentsorgung“ anstelle von „Atomkrieg“.

    Und es ging in der Sendung auch um die bevorstehende Einführung des Kabelfernsehens. Es wurde dabei gesagt (sinngemäß aus meinem Gedächtnis wiedergegeben): „Man sagt doch, bei einer Revolution kommt es darauf an, zuerst die Fernsehsender zu besetzen. Was aber, wenn es mehr Fernsehsender gibt als Revolutionäre?“.

    Und dabei war damals 1983 an solche Dinge wie heute Youtube oder Periscope, wo jeder selbst Fernsehsender werden kann, noch gar nicht gedacht. Es gab zwar in den Kabelfernseh-Pilotprojekten jeweils einen „Offenen Kanal“, wo Bürger nach voriger Anmeldung eigene Beiträge einreichen konnten. Daß aber das Fernsehkabel einen Rückkanal direkt aus den Wohnungen haben könnte, galt damals als Horrorvorstellung.

    Statt dessen glaubte man damals, daß durch das Kabelfernsehen sich eine riesige Zahl von unterschiedlichen Programmen ergeben würde und dadurch eine unglaublich vielfältige pluralistische politische Meinungslandschaft Einzug in die Medienwelt hielte.

    Statt dessen hat sich dieser Satz von Dieter Hildebrand jetzt nach über 30 Jahren mit den sozialen Medien bewahrheitet: Es gibt jetzt tatsächlich mehr Fernsehsender als Revolutionäre.

    Und diese Fernsehsender sind eben nicht mehr die klassischen Sender, die man damals in den 80ern meinte, als man das duale Rundfunksystem einführte. Sondern es ist die Sendemöglichkeit von Jedermann – nur leider ohne Korrespondentennetzwerk, ohne journalistische Prinzipien, ohne wirkliche Transparenz der einzelnen Interessen der einzelnen „Frau/Herr Jedermann“.

  3. Ich bin mir auch unsicher, ob ein öffentlich-rechtlicher 24-Stunden-Nachrichtenfernsehsender die richtige Antwort wäre. Was ich aber denke ich, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten in den letzten Jahren ihre Nachrichtenkompetenz, die sie ja gerne als ihre Kernkompetenz ausweisen, sträflich vernachlässigt haben.

    Natürlich muss man in der Kritik unterscheiden zwischen dem, was die Redaktionen und Redakteure konkret getan haben, und dem, was aufgrund von Strukturentscheidungen der Intendanten und Programmdirektoren überhaupt personell und programmplatztechnisch möglich gewesen wäre.

    Die Redaktionen und Korrespondentenplätze lässt man langsam ausbluten. Warum etwa ist das Studio in der Türkei so dünn besetzt? Es ist ja nicht so, dass un der Türkei und in der Region in den letzten Jahren nichts los gewesen wäre? (Und als wäre das noch nicht genug, war das ARD-Studio Istanbul bis vor kurzem noch für die gesamte Griechenlandberichterstattung zuständig.)

    Warum schiebt man Tagesthemen und heute-journal nach Gutdünken und aus kurzfristiger Quotenfixierung im Programm hin und her, kürzt die Magazine auf einen Bruchteil oder lässt sie ganz ausfallen? Und erzeugt beim Publikum das Gefühl, man werde nicht nur bei Breaking News in der Nacht, sondern auch schon in der Prime Time kaum informiert?

    Mein Vorschlag: ARD&ZDF nehmen die 100 Millionen, die sie Medienberichten zufolge für die Olympiarechte zurückgelegt hatten (plus die weiteren Millionen, die für Technik, Aktionen und Zeugs zusätzlich drauf gehen würden), verzichten auf das Gezeter mit Discovery Networks und stocken dafür ihre Redaktionen und Außenstudios personell auf. Tagesschau24 und Phoenix werden keine 24/7-Nachrichtenkanäle, aber auf Tagesschau24 kommt abends und nachts, verlässlich jede Stunde und unabhängig davon, was gerade im Ersten läuft, ein mindestens halbstündliches Nachrichtenjournal im Stil der Tagesthemen (das auch gerne so heißen darf). Das muss man nicht jede Stunde neu produzieren, aber es wird eine Bereitschaft vorgehalten, dass man es im Falle des Falles jederzeit live auf Sendung gehen könnte (und im Hintergrund noch Personal da ist, dass Recherchieren kann).

    Dass die ARD so etwas im Prinzip könnte, zeigt sie ja. In der Nacht des gescheiterten Türkeiputsches brach die vom MDR produzierte ARD-Infonacht (die nachts auf den ARD-Nachrichtenradios wie B5 Aktuell, hr-info, RBB Inforadio usw. läuft) aus ihrem üblichen Beitragswiederholungsschema aus und brachte sogar Live-Interviews. Im Deutschlandfunk, wo am Wochenende, anders als unter der Woche, kein nächtliches Infoprogramm vorgesehen war, schaffte man es, kurzfristige stündliche 10-15-minütige Infoblöcke ins Programm zu heben. Mit beiden Angeboten hob sich der ARD-Hörfunk angenehm vom Blaulicht-in-Dauerschleife-mit-frei-assoziierendem-Studiokommentar vieler internationaler Nachrichtenkanäle ab.

    Summa summarum: ARD&ZDF haben ein Nachrichtenproblem. Das Problem liegt aber nur bedingt im Fehlen eines 24/7-Ausspielkanals, sondern in falschen Prioritären der Senderspitzen. Wichtiger als Investitionen in Aktualität wären Investitionen in die inhaltliche Substanz.

  4. „Wir haben die Schalte bereits vor dem Ereignis aufgezeichnet“ – so wirds kommen !

  5. Wenn ein Ereignis passiert, die öffentlich-rechtlichen Sender live drauf halten, ärgern sich alle, dass sie nichts berichtenswertes berichten.

    Wenn ein Ereignis passiert, die öffentlich-rechtlichen Sender nicht live drauf halten, ärgern sich alle, dass sie nicht live drauf halten, obwohl doch gerade was berichtenswertes passiert.

    Lässt sich gerade in diesem Jahr bei jedem beliebigen Ereignis beobachten. Die Aufregungsspirale dreht sich, in die ein oder andere Richtung dann immer zuverlässig.

  6. Diese Routinen der TV-Berichterstattung sind nun wahrlich nichts Neues. Die Digitalisierung und Mobilität der Masse eröffnet für das Fernsehen neue Quellen und Möglichkeiten. Aufgabe seriöser Nachrichten ist es, seine Quellen zu nennen und die Glaubwürdigkeit zu überprüfen, gewissermaßen die Flut der Informationen aus dem Netz zu filtern. Online und TV sind kein Widerspruch, sondern ergänzen sich.

  7. Ein guter Text! Sehr gut. Wenn ich Nachrichten im TV sehe, wenn ich überhaupt TV sehe, dann ist das nach den gut beschriebenen Klischees gestrickt, die aber sofort ins Auge springen. Hej, es wird uns nur ein Muster gezeigt! Du stellst dich vor ein leeres Gebäude, ohne jeden wirklichen Grund. Weil es aktuell wirken soll. Der Mensch vor der Leere, die natürlich ganz anders wirken soll. Habt ihr, haben Sie aber vielleicht auch schon einmal darauf geachtet, dass erst irgend jemand bei Märchenschau oder im ZDF völlig grundlos auf einer Straße oder in einem Gebäude herumläuft? Warum tut er das? Das ist doch eigentlich sinnlos! Weil nämlich sofort danach ein Interview angefügt werden soll und es eine Art Obsession gibt, dass Personen, die Interviewpartner sind, erstmal irgendwo lang laufen sollen. Ich habe das vor vielen Jahren selber erlebt. Ein Filmteam. Ein Interview. Aber nur, wenn man läuft. „Laufen Sie hier lang“, „Laufen Sie dort lang“, „Schauen Sie nicht in die Kamera“. Völlig idiotisch, nicht in die Kamera zu schauen, wenn man gefilmt wird. Unnatürlich. Aber es gab ein kleines Honorar. Lange her! Wenn ich mir jetzt, nach so vielen Jahren, heutige Nachrichten ansehe? Was geschieht dann? Ja, es wird gelaufen und gelaufen. Erst laufen, dann reden. Manche Menschen können reden, ohne vorher zu laufen. Aber die darf es nicht geben. Oder sie dürfen nie gezeigt werden. Seit Jahrzehnten nicht. Kein Laufen, kein Sprechen. Psychopathen regeln unser TV, unsere Nachrichten, mit Vorstellungen aus dem letzten Jahrhundert. Ja, es fällt den wenigsten auf, aber es ist dennoch so lächerlich. Zum Weglaufen. Ein Beispiel von vielen Geisteskrankheiten, Klischees und „Sehgewohnheiten“. Ich schalte das TV ab und höre Deutschlandfunk. In meinen Augen oft hervorragend. Kostet 50 Cent pro Monat, aber ich muss auch den Rest bezahlen. Die Laufenden!

  8. Daß sich Journalisten automatisch für neueste Technik interessieren, ist ein hübscher Gedanke. Aber er ist falsch. Ein Kollege hier (Radio) weigert sich beharrlich, ein Smartphone zu verwenden. Stattdessen nutzt er ein ur-altes Nokia-Handy. Im Kollegenkreis bin ich der einzige, der Twitter, Periscope, Skype und eine spezielle App zur Audioübertragung verwendet. In anderen Medien ist es auch nicht besser. Bei Pressekonferenzen sitze ich meist alleine mit meinem Tablet rum. Die anderen (auch junge Kollegen U30) bekritzeln ihre Notizblöcke.

  9. „Man war nicht unbedingt gut informiert, aber dafür war man dabei.“
    Genau darum geht es! Unsere ununterbrochene Faszination für Ereignisse und unser Interesse an Dramen. Wir glauben dabei zu sein, aber das, was wir durch die Hands-on-Medien in Echtzeit oder dann in den Nachrichtensendungen zeitversetzt sehen ist ja nur simuliert.

    Diese virtuell erzeugt Wirklichkeitssimulation hat vermutlich einen höheren Realitätsgrad als das, was vor Ort passierte, denn ausser vor den Screens kann keiner gleichzeitig überall sein. Gibt es da noch eine objektive Realität? Wir wollen das glauben, aber fasziniert von der Bilder-/Text-Ereignisflut können wir die Eindrücke doch gar nicht mehr in unserem Gehirnapparat verarbeiten.
    Diese Übermaße an Daten (Periscopes, Tweets, FB-Videos and so on), an Informationsbruchstücken, führen zur Erosion unseres Wissens, weil sie vom Betrachter in Echtzeit kaum in einen glaubhaften Kontext eingebaut werden können. Daran ändert auch ein 24/7-Nachrichtenkanal nichts, egal ob privat oder öffentlich-rechtlich, egal ob zufällig immer ein Richard Gutjahr (immerhin, ein Max Musterfrau wäre uns auch suspekt) vor Ort ist oder ein Gesicht im Studio steht.
    Paulo Virilio nannte es vor 30 Jahren schon den „Rasenden Stillstand“ – alles kommt in Lichtgeschwindigkeit zu uns, unseren Arsch müssen wir nicht mehr bewegen und halten technische Verlässlichkeit der Datenübertragung schon für Wissen.

  10. Ein Selfie-Stick alleine macht dann aber auch noch keine gute Berichterstattung, wie der Mensch von der Bild eindrucksvoll bewies, als er im Mai während der Flut in Bayern mal mit BBC News telefonieren durfte. Der Stick wurde dann hauptsächlich dazu benutzt, den Menschen besser ins Bild zu rücken und nicht um die Szenerie um ihn herum besser darzustellen und das zusätzliche Geschaukel machte mich noch mehr kirre als die üblichen Handy-Videogespräche.

    Aber all die Technik nützt natürlich überhaupt nichts, wenn der Mensch nicht wirklich etwas zu erzählen hat. Der unsägliche Mensch von der Bild konnte dann auch nicht sehr viel mehr auf Englisch vor sich hin stammeln, als dass alles ganz furchtbar wäre. Und so wurde das sehr peinliche Gespräch auch recht zügig wieder beendet (und später auch nicht als Aufzeichnung wiederholt, wie es bei BBC News bei übersichtlicher Nachrichtenlage gerne mal geschieht, wenn man irgendwie die Stunde voll bekommen muss).

  11. Früher ™ hatte derjenige am Ort des Geschehens (direkt oder im nahesten Studio) einen Informationsvorsprung, den er an die Zuschauer weitergeben konnte.

    Heute ist derjenige am „Tatort“ der am schlechtesten informierte und hinkt der Zentrale hoffnungslos hinterher. Lässt sich aber immer noch verkaufen als quasi Augenzeuge, den das Publikum wünscht, auch wenn er das nicht war.

    Profis überspielen das gekonnt. Zufällig habe ich das mal direkt gesehen. Jandl’s Verzweiflung und selbstgestellte Sinnfrage im Wissen um seinen rückständigen Infostand waren authentisch und haben das Ritualkonstruktionsproblem wenigstens auch mal für Normalgucker erkennbar werden lassen.

    Das war genau deshalb wohltuend, wesentlich würdevoller angesichts eines dramatischen Vorfalles, als alle professionellen Breaking NoNews VorOrt-Reporter, die aus dem faktischen Nichts eine tolle Frontberichterstattungsshow machen.

    In der Tat, hier müssten die ÖR-News runter vom totgerittenen Schema.

  12. @5 Daniel
    Guter Punkt.
    Seit 10 Minuten Tagesschau live zu München, 10 Minuten der kaputten Schalten, des Nichtwissens und Gerüchteweitererzählens.

  13. Tagesschau heute als einziger deinen Artikel bestätigender Kommentar.
    Das schlimme ist, ich warte nicht bis man morgen Früh was weiß, sondern schaue gebannt.

  14. Was Rtl gerade ungefiltert sendet ist allerdings das Ende von Allem, was wir hier diskutieren….in THE Name of Quotengier..

  15. Den Verletzten von Nizza, Wuerzburg und Muenchen alles erdenklich Gute, den Toten R.I.P.

  16. Gibt es eigentlich schon eine Theorie, warum Richard Gutjahr in Nizza und in München jeweils ganz vorne dabei war? Und dann verhöhnt er uns auch noch mit seinem Namen. Gehört der zum Set?

  17. Persönliche Beobachtung meiner selbst von gestern Abend und letzter Woche: Ich hab den Newsticker von Tagesschau.de gelesen.
    Fühlte mich ganz gut Informiert, aktuell, aber nicht überfüttert. Meldungen und Bilder waren von der Formulierung her einzuordnen, weiterführende Links teweilweise vorhanden.

    Was ich nicht getan hab: Zusammenfassungen im Video-Format gucken. Das was man dort erfährt hat man meist kurz vorher schon im Feed gelesen und entsprechend eingeordnet.

    Die letzte TV-Dauerschleife an die ich mich bewusst erinnere war 9/11. Da finde ich einen Feed wesentlich angenehmer, hat man doch selbst die Kontrolle wie weit man in der Zeit zurückgeht um einen Überblick über das Geschehen zu bekommen. Und hat eben nicht nur dauernde Wiederholungen von sprechenden Gesichtern nur um mitgeteilt zu bekommen das es noch keine neuen Erkenntnisse gibt.

  18. Ich weiß gar nicht, weshalb zumindes ÖR diesen Schwachsinn mitmachen. Wenn man nix weiß, dann soll man auch nichts berichten. Man kann das so schön entschleunigen: „Wir wissen nur, dass dies und jenes passiert ist, das ist Fakt. Alles andere haben wir noch nicht verifiziert, wir informieren sie später, wenn wir mehr wissen. Trotzdem wünschen wir eine gute Nachtruhe.“

    Gestern tat mir der ARD-Mann Eckhard Querner in München leid, der von der Straße für die Tagesschau berichtete. Zunächst klappte die Leitung nicht wirklich und dann wusste er nichts. Hier hätte man ihn schützen müssen und vorher telefonieren: „Was weißt du? Meinst du, es ist sinnvoll, dich in die Sendung reinzunehmen? Ok, dann passst auf euch auf und versuche, mehr herauszufinden. Wir schalten dich dann in die Tagestehmen.“

  19. Am Freitag war das Netz voll von Falschmeldungen die Menschen in Panik versetzt haben und die die Polizeiarbeit massiv behindert und erschwert haben. Das soll die Zukunft des Journalismus sein? Ich weiss nicht. Ich denke die Meldungen über das Ableben des ÖR sind mal wieder verfrüht. Der rasende Internet-Reporter Richard ging da mit denkbar schlechten Beispiel voran. Ich freue mich schon auf eine medienkritische Analyse zu dem Thema.

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