Wenn der Kopf in der Klangschale 13 schlägt

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Ganesha heißt die gütige indische Elefantengottheit auf dem Cover der „happinez“, dem „Mindstyle-Magazine“ des Bauer-Verlages. Eine wunderbaumartige, aber geruchlose Pappfigur der hinduistischen Rüsselgottheit pappt auf dem Titel, und die Ansage ist: „Finde, was Dich wirklich erfüllt“. Außerdem hängt die Zeitschrift mit dem Bonuselefanten in einem Plexiglas-Behältnis vor dem Regal. Das sind zu viele Schlüsselreize, um achtlos daran vorbeizulaufen. 5,40 Euro sind für „Inneres Glück“ ein Schnäppchen. Übrigens trägt Ganesha eine rote Jacke und eine blaue Hose. Zwei Arme weniger und man könnte ihn mit einer bekannten Hörspielfigur namens Benjamin verwechseln.

Das Glück komme nicht von außen, schreibt die „happinez“-Redaktion in ihrem Editorial. „Jeder Mensch ist der Schöpfer seiner eigenen Welt“ und das mache doch Mut, denn daraus ergebe sich nicht nur eine große Verantwortung, das eröffne auch „eine ebenso große schöpferische Kraft“. Zusammengefasst: Jedes Lächeln, das man nach außen trägt, macht die Welt ein Stück besser, und irgendwann kommt diese positive Energie zurück, und das Ergebnis ist eine Win-Win-Win-Win-Lösung. Dagegen ist nichts zu sagen, und nebenbei ist es auch allgemein genug, um eine Religion der guten Laune auf dieser Basis zu gründen. Mehr davon!

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Und schon geht es mit der Titelstrecke zum Thema „Inneres Glück“ los. Christine Hewitt ist eine kanadische Fotografin, die in Indien eine wirklich schöne Serie mit „Neo Yogis“ fotografiert hat, über die sie auf ihrer Homepage schreibt: „I’m a title. Click here to edit me. I’m a paragraph. Click here to add your own text and edit me. It’s easy.“ In „happinez“ sind die Texte von Redaktionsleiterin Christiane S. Schönemann und lauten: „Ergib dich der Liebe. Folge deinem eigenen Stern“ oder „Vertraue der Magie des Augenblicks. Lass dich fallen.“

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Nach zehn Seiten dieser weisen Einzeiler ist man innerlich bereit für ein Interview mit Rüdiger Safranski.

Der Literaturwissenschaftler und Philosoph, der im vergangenen Jahr in einem der letzten „Welt“-Texte Matthias Matusseks im ICE an den „satten Weiden Niedersachsens“ vorbeischoss und sich angesichts der Flüchtlingszahlen über die Entscheidung der Politik, „Deutschland zu fluten“ empörte, ist im „happinez“-Interview milde und gelassen. Ruhe und der „Rhythmus der Eigenzeit“ sind sein Thema, und er spricht über die heilende Wirkung der Meditation, die auch eine beginnende Erkältung niederkämpfen könne. Die Aufmerksamkeitsspanne sinke, kaum jemand könne noch Muße ertragen und es sei wesentlich, sich auf eine Sache zu fixieren, statt zwei Dinge zugleich zu tun. Die Langeweile sei – als Zeit der Ruhe begriffen – eine „Periode des Loslassens“, die für die Erholung wichtig sei. Stimmt alles und so bleibt es ein konfliktfreies und ruhiges Interview. Muss ja auch mal sein.

Im „Waldgeflüster“ geht Redakteurin Gertje Krumbholz der Frage nach, ob ein Aufenthalt im Wald für „Flow-Erlebnisse“ sorgen kann. Und natürlich ist die Antwort: „Ja, das geht“. Wenn man sich nämlich einen Baum mit glatter oder rauer Rinde aussucht und ihn „mit allein unseren Sinnen“ erspürt. Zehn Atemzüge lang. Das ist nämlich der „Biophilia-Effekt“, der von Professor Qing Li in der Shinrin-Yoku-Therapie beschrieben wurde. Waldbaden senkt den Blutdruck, macht die Arterien geschmeidig, verringert Stresshormone – das hat er alles nachgewiesen, denn er ist „Waldmediziner“.

Barfußlaufen im Wald macht auch glücklich, denn an unseren Fußsohlen enden laut Gertje Krumbholz 70.000 Nervenbahnen – alle direkt mit dem Gehirn verknüpft, und jeder Schritt auf dem Waldboden kippt uns ein Kübelchen Glückshormone in die Synapsen. So unscharf wie die Zahl der Nervenenden auf den Fußsohlen, die es jenseits der traditionellen chinesischen Medizin auch in kleinerer Zahl gibt, so seltsam ist auch der Rest, der das Buch „Der Biophilia-Effekt“ von Clemens G. Arvay verkaufen will: Wenn ungenannte Mediziner in einer ungenannten Studie Effekte auf das menschliche Gehirn herausfinden, sollte das menschliche Gehirn sehr wachsam werden. Auch ohne Waldboden unter den Füßen.

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Und dann wird es ganz, ganz komisch. Louise L. Hay, die sich nach einer lebensbedrohlichen Krankheit der spirituellen Reinigung unterzog, ist die neue Kolumnistin der „happinez“. Die 89-Jährige sieht keinen Tag älter aus als 63, was eventuell an einem etwas älteren Foto liegt, und arbeitet bei ihren Selbstheilungstechniken mit der positiven Kraft der Affirmation: „Kritik, Groll und Schuldgefühle“ sorgen laut Louise L. Hay für entzündliche Prozesse im Körper. Statt eines Beweises für ihre Methoden bietet sie den Rat, man solle sich auf ein „inneres Klingeln“ verlassen. Und wieder kommen die „wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse“, die für viele so wichtig seien. Louise L. Hay sagt zwar, „die gibt es inzwischen“, bleibt aber natürlich Quellen schuldig.

Angereichert wird dieser Unsinn mit herausreißbaren quadratischen Karten für verschiedene Krankheiten. Oben steht jeweils das Symptom bzw. das betroffene Organ, darunter ein affirmativer Sinnspruch ihrer Positiv-Ideologie. Schmerzt die Hüfte, sollte man also keinen Orthopäden aufsuchen, sondern eine Karte mit neun farbigen Herzen anschauen, auf der steht: „In jedem neuen Tag liegt Freude. Ich bin ausgeglichen und frei.“ Bei allem empirisch erworbenen Zweifel an der Arbeit von Orthopäden – dieser Vierfarbdruck-Schamanismus ist etwas wunderlich. Aber ein Ausreißkärtchen, auf dem steht: „Akzeptiere dich und liebe dich selbst: Kaufe deinem geschundenen Rücken einen neuen, sehr teuren Schreibtischstuhl“, würde vermutlich zu lebenspraktisch klingen. Spätestens diese Stelle ist ein guter Zeitpunkt, darauf hinzuweisen, dass die Lebenserwartung in den vergangenen 100 Jahren vor allem durch medizinische Fortschritte und weniger durch Sinnsprüche gestiegen ist.

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„happinez“ sieht freundlich aus und ist hübsch gestaltet, wenn man den bunten Ethnolook mag, der die Symbolik von Hinduismus, Buddhismus, Shintoismus und Etsyismus zu einer globalen Wellness-Religion verquirlt. Zwar klingt in diesem Heft alles lieb, harmlos und achtsam, schrammt aber gefährlich oft an esoterischen Weltverklärungsmodellen entlang. Selbst wenn es um die „Magie des Einfachen“ geht, zelebriert von der Brotbäckerin Roswitha Huber: Es ist eine ganzheitliche Optimierungsorgie, die den Sonnengruß zur Feierlichkeit des eigenen Selbst macht und in dem alle Wege nicht nach Rom, sondern allein zum „Ich“ führen. Wenn sich dort allerdings die Chakren gründlich geöffnet haben, geht vielleicht auch das Portemonnaie auf – im Happinez-Webshop gibt es nepalesische Klangschalen, Zimbeln und Mantra-Anhänger.

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4/2016, 154 Seiten, 5,40 Euro
Verlag: Bauer Premium KG, Hamburg

4 Kommentare

  1. ‚Etsyismus‘ ist mir unbekannt, was mich aber nicht weiter erstaunt. Erstaunlich allerdings, dass ‚google‘ sich mir anschliesst und es ebenfalls nicht kennt.
    Es hat doch nicht etwa was mit ‚etsy‘ zu tun ? Obwohl: passen tät’s ja schon.

  2. Im Ernst jetzt!? Das kommt von Etsy – eine Verkaufsplattform für handgemachten Krimskrams, also sowas wie „dawanda“. Vielleicht wäre „Dawandaismus“ verständlicher gewesen…
    Lustiger Artikel übrigens ;-)

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