Nutzt eure Stimme!

In den vergangenen Tagen ging es in Deutschland vor allem um eins: die Wahlen. Und um den Aufruf, wählen zu gehen. Damit man die Wahlurnen nicht besorgten Bürgern überlasse. Überall, wo Reichweite war, war es Thema. Nur in den reichweitenstarken Kanälen auf Youtube Deutschland:

Da war Stille.

Während man für die Wahl zum #Twitterstar unangenehm zugespamt wurde, suchte man nun lange, um Aufrufe zur #Wahl2016 zu finden.

Ich neige leider dazu, meinen Zeigefinger zu erheben und besserwisserisch zu mahnen. Verzeiht. Aber ich frage mich wirklich, von ganzem Herzen: Wo wart ihr? Keiner der beim Twitterstar nominierten Youtuber rief heute auf Twitter zur Wahl auf. Warum? Weil es nicht um euch ging? Weil es euch nicht interessiert? Das glaube ich nicht!

Jetzt, da die ersten Wahlergebnisse da sind, zeigt ihr euch bestürzt. Es ist euch nicht egal. Es geht euch nicht nur um euch. Das glaube ich. Oder möchte es glauben. Aber wo wart ihr? Wofür nützt ihr eure Stimme? Wenn nicht für euch selbst, bezahlte Kooperationen oder Aufrufe zu noch mehr Reichweite?

Was möchtet Ihr später euren Kindern erzählen, wenn sie euch fragen, wo ihr wart, als ein Rechtsruck durch Deutschland ging? Dass ihr keine Zeit hattet? Weil ihr euch gerade für irgendeine Challenge Schaum ins Gesicht schmieren musstet? Oder ihr euren Vater in einem Prank-Video damit verarscht habt, dass ihr schwul seid?

Ist es das, was von euch bleiben soll? Irgendwann?

Ich strenge mich an, den zuckenden Zeigefinger zu bändigen. Aber ich frage mich das. Immer wieder. Wenn ich als Beraterin für die Bundeszentrale für politische Bildung YoutuberInnen mit gesellschaftlichen und politischen Inhalten vorschlagen soll – es aber einfach kaum welche gibt. Wenn ich mitbekomme, wie schwer sich Mirko jedes Jahr tut, engagierte Youtuber mit Reichweite für die Aktion #YouGeHa zu finden. Wenn ich mir die Youtube-Trends ansehe. Immer dann frage ich mich: Ist es das, was ihr mit eurer Stimme machen möchtet? Ist es das, wofür ihr steht?

Versteht mich nicht falsch. Ich verlange ja gar nicht, dass ihr nur ernste Themen behandelt. Viele von euch sind Entertainer. Und ich muss das auch nicht alles verstehen oder witzig finden. Aber auch Entertainer haben eine Stimme. Die in Zeiten wie diesen Menschen bewegen. Und ja, ich weiß, es gibt sie. Die Ausnahmen. Aber noch sind sie eben: Ausnahmen.

Ich sitze hier und suche nach einem abschließenden aufmunternden Ende. Irgendwas mit meinem Zeigefinger, der sich in einen Zauberstab verwandelt oder so. Aber das ist wirklich ziemlich kitischig und fühlt sich absolut nicht richtig an. Und so holt er mich auf der Zielgeraden ein.

Der mahnende Zeigefinger. Er erhebt sich und appelliert:

Nutzt Eure Stimme, liebe Youtuber!

Und damit ich nicht allzu besserwisserisch daherkomme, füge ich hinzu:

bitte!

Marie Meimberg

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11 Kommentare

  1. Und welcher der Entertainer in den klassischen Medien macht solche Wahlaufrufe? Auch nur die wenigen Ausnahmen.

    Ich will das ja nicht gutheißen. Ich finde Ihren Zeigefinger gut, aber was sagen Sie denn wenn die Youtuber dieses Argument bringen?

  2. Naja – Kritik üben ist das eine, aber selbst hast du auch lieber DailyVlogs getestet anstatt aufzurufen, wählen zu gehen. Gut, du kannst jetzt sagen, bei YouGeHa hab ich mitgemacht, aber meiner Meinung nach geht ein kleines Video bei 20,30 anderen dann doch sehr schnell unter… Mal abgesehen davon, dass es schwierig war das Video ohne den Kontext der Aktion überhaupt zu verstehen… Bitte nicht persönlich nehmen, ist nur meine Meinung.

  3. @Hinnerk
    Wenn man es mal genau nimmt, hat Marie (zumindest auf Twitter) zwar nicht direkt aufgerufen zu wählen, jedoch indirekt schon. Sie hat gestern getwittert: „Man kann nicht nicht wählen gehen“. Ich wüsste gerne, was das war, wenn kein Aufruf zum wählen, ob direkt oder indirekt.

  4. Ich wage einfach mal eine These:
    Auch 1/5 der Zuhörerschaft der Youtube-„Stars“ sind AfD Wähler.
    Wäre doch Schade, deren Klicks (=Geld) nicht zu bekommen, nur weil man sich politisch „bekennt“.

    Außerdem: Angst vor Rechtsradikalen.
    Der Youtuber an sich ist ja eine öffentliche Person, so wie der „analoge“ Entertainer auch.
    Je deutlicher das Bekenntnis gegen Rechts, gegen AfD, desto stärker der Gegenwind aus dieser Richtung.

    „Dieser linksgrünversiffte Dreadlock-Spacko, ich weiß wo er wohnt!“
    (Rechtschreib- und Grammtikfehler bitte dazu denken…)

    Ganz ehrlich: Ich kann verstehen, dass man dann bei Longboardvideos und „Ich reagiere auf lustigen (unpolitischen) Katzencontent!“ bleibt.
    Auch wenn man dadurch quasi schon kapituliert hat.

  5. Lieber @Hinnerk,

    Man muss sich schon sehr abschrecken lassen wollen von 14DailyVlogs, um alle anderen Videos nicht zu sehen. Videos zum Thema Islam, zum Thema Nazis im Netz, zum Thema Muslimfeindlichkeit, gezeichnete Videos gegen Othering für Kinder, gezeichnete Videos gegen Rassismus, gesungene Videos gegen rechte Arschlöcher, Diskussionen zum Thema Ehe für alle oder Flüchtlinge – ganz abgesehen von gezeichneten Posts zur Steinbach, Heidenau,… ich könnte so weiter machen. Und noch meinen Tweet zur Wahl von gestern anfügen.

    Aber dann würde der Zeigefinger wieder Macht ergreifen. Und ich möchte heute lieber keine Zeigefingermarie sein.

  6. Und da sind wir wieder bei dem Privileg weißer Menschen: Sie müssen i.d.R. nur mit Gegenwind klarkommen, wenn sie sich eindeutig positionieren. Nichtweiße Menschen, die zu Rassismus arbeiten, müssen da viel mehr durchmachen und tatsächlich auch mehr fürchten. Also ein bisschen mehr Eier(stöcke) wären da schon nicht schlecht.

  7. @Marie Meimberg @Andreas Mir ging es nicht um deine politischen Videos – das wollte ich nicht in Frage stellen. Sondern um den Aufruf wählen zu gehen. Ich gebe zu – ich bin nicht auf twitter. Es tut mir Leid – den Aufruf dort habe ich nicht mitbekommen. Danke für den Hinweis und ein ernst gemeintes Entschuldigung. Ich hätte mir trotzdem auf YouTube Aufrufe von YouTubern/innen zur Wahl gewünscht. Ich meine, das ist schließlich die angesprochene Plattform…

  8. Vielleicht noch ein kleiner Zusatz: Ich persönlich erwarte nicht von YouTubern/innen, dass sie politische Statements abgeben – im Gegenteil, ich finde es eher kontraproduktiv, denn jeder sollte selbst entscheiden und nicht nach seinen Vorbildern. Das bezieht sich jetzt allerdings weniger auf politisch geprägte Kanäle sondern mehr auf die von LetsPlayern, Comedians etc.
    Aufrufe zur Wahl oder gegen Hass finde ich hingegen sinnvoll. Für mich ein gutes Beispiel, Dner: Vor einiger Zeit macht er vielleicht unüberlegt Werbung für die Afd – meiner Meinung nach negativ, weil gerade junge Menschen zu wenig hinterfragen. Jetzt ist er aber aktiv bei der YouGeHa – finde ich super, weil es eben kein Parteiaufruf ist sondern ein Video, in dem es um Werte geht.

  9. Ist denn das Klientel der meisten YouTuber überhaupt wahlberechtigt?
    Vielleicht sagen die ja deshalb nichts dazu…
    Nur so eine Frage.

  10. Ich denke es mag daran liegen, dass Komplexe Zusammenhänge und vor allem eine Meinung zeigen in Deutschland beschissen klicken. Verglichen mit dem angelsächischen Sprachraum ist das deutsche YouTube-Publikum einfach nicht sehr interessiert an politischen, sozialpolitischen und gesellschaftlichen Themen. Klar, wenn man ihnen ihre Raubkopien wegnehmen will, dann kriegt man die Zuschauer mal für etwas motiviert – da ist der Zusammenhang zum Leben gegeben. Für alles andere eher nicht. Vor allem wenn ein YouTuber politische Meinung zeigt läuft er Gefahr zu polarisieren. Sei es Feminismus, Rassismus, Homophobie, Pegida… jeder YouTuber hat auch diejenigen die sich vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn er sich dazu äußert. Selbst bei banaleren Themen wie Kino klicken ja die Wischi-Waschi Meinungen besser, weil die Zuschauer nicht zum nachdenken gebracht werden sollen. Ein unsexy Thema wie Wahlen wird vielleicht von ein paar Zuschauern gelobt, aber viele Zuschauer wird es eher verschrecken weil es keinen Unterhaltungswert hat und vielleicht auch nicht simpel erklärt werden kann. Es ist einfacher dann hinterher etwas zu sagen, wenn Feindbilder klar sind und man nur noch sagen muss: Schau die bösen Nazis, Buhhh das find ich nicht gut. YouTuber die versuchen unsexy Themen zu präsentieren dümpeln mit ihren Videos dann eben oft unterhalb der Wahrnehmungsgrenze und kriegen vielleicht mal von extern Anerkennung, erreichen aber kein Publikum. Guckt euch DailyKnödel oder FloVloggt an. Und solange Deutschland das Land der LetsPlays, Pranks und Beautytipps ist wird sich vermutlich nicht viel ändern, weil die großen Stars dann höchstens mal ab und zu ihr Gesicht für die Gute Sache hergeben und das auch nur, wenn es ein Thema mit breitem Konsens ist.

  11. Tja, das waren noch Zeiten, als Dietmar Schönherr mit einer roten Nelke seine Sympathie für die SPÖ zeigte. Wer könnte heute so ein Zeichen dekodieren?

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