Social Sisyphos

Online-Diskussionen bringen nichts. Warum führen wir sie trotzdem?

Jeden Tag zu Schichtbeginn startet Kathrin Weßling ihren Computer. Nimmt einen Schluck Kaffee. Atmet durch. Und beginnt, was sie „keinen völlig entspannten Job“ nennt. Sie diskutiert mit Usern, also echten Menschen. Über Politik. Über Flüchtlinge. Über die geheimen Mächte, die ihren Arbeitgeber steuern, ihren Kollegen eine Agenda diktieren, auch sie selbst zum Lügen zwingen. Ihr Arbeitgeber heißt „Spiegel Online“. Ihr Job: Social-Media-Managerin. Ihr Einsatzgebiet: die Facebook-Seite des Nachrichtenportals. Ihr Motto: „Aufgeben gilt nicht“.

Weßling ist eine von geschätzt tausenden Social-Redakteuren in Deutschland, ein guter Teil davon arbeitet im politischen oder publizistischen Bereich. Niemand erhebt Zahlen, sie haben keine Lobby, keine Seelsorge. Dabei werden sie bezahlt zu erleiden, worüber momentan das ganze Land diskutiert: Verschwörungstheoretiker. Hetzer. Trolle. „Bei uns kommen, je nach Thema, manchmal bis zu 70 Prozent der Kommentare von Leuten, die nur ihre Meinung rausbrüllen wollen“, sagt Weßling. Egal wer die sind, wogegen sie giften, an was sie glauben – sie haben eines gemeinsam: Sie sind immun gegen jedes Argument.

Von den tapferen Social-Rittern kann man viel darüber lernen, wie wir Menschen Medien und Informationen konsumieren. Dass wir offline wie online auswählen, was ohnehin unserem Weltbild entspricht, wusste man schon. Doch für die sozialen Medien wird dieser berühmte „Confirmation Bias“ zur Legitimationsfrage. Denn hier lesen wir zwar andere Meinungen. Aber sie dienen meist nur als Vorlage zur eigenen Empörung, als Boxsack, als Opfer.

Wozu also eine endlose Arena wie die sozialen Netzwerke und ihre Kommentarspalten, wenn keiner bereit ist, etwas aufzunehmen? Wenn jeder, wie es der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ausdrückt, auf die sich im Turbo-Informationszeitalter überschlagenden Ereignisse nicht mit Neugierde, sondern mit „maximalem Wahrheitsfuror“ reagiert? Wozu noch Austausch gestalten, wenn das Auskotzen gewinnt? Sollte man die Kommentare und Foren dann nicht besser abschalten, oder wenigstens für immer ignorieren?

Wer weicher formuliert, ist überzeugender

Manchmal passiert Überzeugung. Auch online. Sogar messbar. Forscher der Cornell University untersuchten zwei Jahre der Diskussionen auf „ChangeMyView“, einem Forum der reddit-Plattform. Hier tauschen sich Menschen explizit mit dem Ziel aus, sich überzeugen zu lassen, von anderen Meinungen in Bezug auf Politik, Philosophie oder Moral. Anders als in den üblichen Abgründen des digitalen Dissens erklären sich die Diskutanten hier ausführlich. Sie signalisieren einander, wenn sie etwas überzeugt hat und vor allem warum. Ein feuchter Traum des Habermas’schen Kommunikationsideals!

In diesem Mikrokosmos fanden die Forscher einige wichtige Faktoren: Je mehr Leute eine Meinung vertraten und je schneller jemand mit Argumenten versorgt wurde, desto eher ließ sich jemand davon überzeugen. Wer nach vier Postings nicht überzeugt war, wurde es auch nicht mehr.

Generell überzeugender waren lange Einlassungen mit Worten die sich vom Vokabular des zu Überzeugenden unterschieden – je „ruhiger“ die Ausdrucksweise, desto wirkungsvoller. Bestimmte Artikel, abschwächende Konjunktive und „positives“ Vokabular („helfen“, „bitte“, generell Adverbien und Adjektive) sowie ein persönlicheres „ich“ statt eines zu starken „wir“ tauchten in überzeugenden Posts häufiger auf. Superlative und entschiedene Ausdrücke wie „sicherlich“, „jeder“, oder „nichts“ eher in weniger überzeugenden. Kurz: Wer weicher formuliert, ist überzeugender.

So aufschlussreich die Studie auch sein mag, so wenig lassen sich ihre Erkenntnisse auf die meisten Online-Diskussionen übertragen. Denn der wichtigste Faktor fehlt denen: Das Ziel der Teilnehmer, sich überhaupt überzeugen zu lassen. ChangeMyView trägt es schon im Namen. Facebook und Twitter tun es nicht. Und die Merkmale überzeugender Online-Kommunikation, wie die Forscher sie fanden, fehlen den meisten Diskussionen.

Umweltschützer des offiziösen Diskurses

Auch im Berliner Bundespresseamt sitzen, wie Kathrin Weßling im „Spiegel“-Hochhaus, einige junge Mitarbeiter vor Facebook. Und diskutieren mit aufgebrachten, vielleicht sogar besorgten Bürgern. Über Politik. Über Flüchtlinge. Über den infamen Plan ihrer Chefin, Deutschland per massenhaftem Zuzug von Fremden zu destabilisieren. Man darf diese Umweltschützer des offiziösen Diskurses nicht interviewen, weil „außer unseren Sprechern Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Hauses generell nicht für Interviews zur Verfügung stehen“. Das ist schade. Denn jeder Internetnutzer weiß, dass ein Gesicht schwerer zu beschimpfen ist als eine anonyme Facebook-Seite.

„Kontroverse Themen wie die Flüchtlingspolitik oder das Handelsabkommen TTIP, aber auch emotionale Posts werden von den Facebook-Nutzern sehr intensiv diskutiert“, lässt eine Sprecherin schriftlich wissen. Zu den Aufgaben des Teams gehöre auch, „Falsches und nicht Hinnehmbares nicht unwidersprochen stehen zu lassen“. Angesichts von durchaus üblichen Kommentaren an der Grenze zur Volksverhetzung scheint das nötig.

Insgesamt geben sich Angela Merkels Netzwerker dennoch professionell frohgemut: „Die Reaktionen auf Facebook zeigen uns, dass viele Nutzerinnen und Nutzer die zusätzliche Möglichkeit, sich über die Regierungsarbeit zu informieren, ebenso begrüßen wie unseren Umgang mit unsachlichen Beiträgen und „Trollen“.

Je unsicherer, desto unvernünftiger 

Pessimistischer zeigt sich hingegen Medienprofessor Pörksen in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“: „Ungewissheit und Unsicherheit sind in der digitalen Gesellschaft der informationstechnisch produzierte Dauerzustand – und gleichzeitig eben doch kognitiv unaushaltbar. Das macht die Haltegriffe eingeschliffener Denkweisen so attraktiv.“

Sprich: Wir sind dauernervös, hysterisch, empfindlich, verunsichert. Die globalisierte Netz-Öffentlichkeit provoziert uns, zeigt Widersprüche auf, lässt uns gegenseitig in unsere Köpfe schauen. Das tut weh. Wenn alte Sicherheiten erodieren, wenn Geschäftsmodelle und Hierarchien und Institutionen und Überzeugungen von heute auf morgen fallen, bleiben wir ohne Halt zurück. Fallen auf den harten Boden der postmodern komplizierten Realitäten. Und werden paradoxerweise umso weniger offen für Vernunft und Argumente, je nötiger wir sie hätten.

Das ist, anders als es uns die Liga der gewöhnlichen Kulturpessimisten glauben machen will, nichts Neues. Und hat mit dem Netz erst einmal wenig zu tun. Es galt und gilt die uralte Evolutions-Regel: Je unsicherer die Lage, desto schreckhafter, voreiliger und damit unvernünftiger der Mensch. Ein Abwägen aller bekannten Informationen und darauf aufbauender Argumente, eine valide Hochrechnung von Einzelfällen auf generelle Bedrohungslagen und das Ableiten der persönlichen Gefährdung und damit der adäquaten Alarmierungsstufe – das alles wäre wünschenswert. Und ist schlicht unmenschlich.

Eine realitätsbasierte Lösung für ein Problem mag grundsätzlich sein, was der Mensch sucht. Der Weg dorthin beinhaltet aber nicht unbedingt das offene Verarbeiten von Informationen. Wir sammeln sehr selektiv, was wir meinen, gebrauchen zu können. Und entscheiden uns dann. Meistens für das, was wir instinktiv sowieso schon glaubten. Medien, so rational sie auch daher kommen mögen, schaffen keine Ausnahme. Je höher der wahrgenommene Druck, desto stärker das Verlangen nicht nach Erhellung, sondern nach Bestätigung. Und desto weniger Erkenntnisinteresse, weniger Kommunikation, weniger „ich gebe dir etwas, ich bekomme etwas“.

Digital-kognitive Verweigerungshaltung

Die folgerichtige Resignation, was den Online-Austausch angeht, ist momentan publizistischer common sense. Serdar Somuncu, Kabarettist und Moderator, drückt es in seiner Kolumne so aus: „Wir sprechen nicht mehr miteinander, um etwas über den anderen zu erfahren, sondern wir nehmen das, was er sagt, nur noch zum Anlass, um unsere eigenen Gedanken loszuwerden und ihn damit zu überfahren.“

So und ähnlich äußern sich fast alle Kommentare zur Lage der Netz-Nation. Axel Hacke und Sascha Lobo schimpfen in ihren jeweiligen Kolumnen angesichts der digital-kognitiven Verweigerungshaltung auf die „Dummheit“ der Leute.

Doch diese Diagnose ist selbst schmerzhaft unterkomplex. Denn was ist Dummheit eigentlich? Dummheit – der Mangel an Intelligenz oder Weisheit – kann zuerst interpretiert werden als absichtliche oder unabsichtliche Nicht-Reflexion des eigenen Bias, der Wahrnehmungsfehler und Vorurteile, mit denen man an Informationen herangeht.

Darüber hinaus ist Dummheit aber vor allem das Vergessen oder die Weigerung, die wichtigste Frage zu stellen, nämlich: Warum? Die bösen Kommentarschreiber fragen nicht nach den Gründen, sie wissen ja schon alles. Aber auch die schlauen Kolumnenschreiber tappen manchmal in die Falle, nur phänomenal zu betrachten – womöglich differenzierter und kontext-klüger als andere – dabei jedoch aus Bequemlichkeit oder aufgrund eines eigenen Wahrnehmungsfehler nicht zu schauen, wieso sich diese Leute eigentlich so kurios verhalten, wie man es wortreich feststellt. Wer nicht darüber nachdenkt, weshalb die anderen so dumm sind, der ist also selber in diesem Moment nicht ganz frei von Dummheit.

Mangelhafte Textrezeption

Gleichwohl kann die These der Dummheit einen Aspekt des Warum ein wenig klären: Mangelhafte Textrezeption. Viele Menschen können oder wollen tatsächlich gar nicht genau lesen, was Anlass ihrer automatischen Empörung ist. „Viele kommen über die Überschrift nicht hinaus“, glaubt zum Beispiel Andre Wolf von Mimikama, einem Wiener Verein, der Meldungen auf Facebook auf ihre Echtheit überprüft. „Bei Facebook werden nur Teaser und ein Bild angezeigt. Da reicht vielen schon eine kleine Schlagzeile. Dass diese vom Artikel selbst revidiert wird, interessiert sie nicht. Auch große Medienhäuser spielen damit. Die spezialisieren sich auf virale Überschriften, betreiben also gezielte Verunsicherung der Leute durch ihr Clickbaiting.“

So wiederholt sich auf der Facebook-Seite der „Welt“ ein Kommentar der Social-Redakteure, wenn sich wieder jemand kenntnisfrei ereifert: „Na, Artikel gelesen?“ Kurz anschmecken, was immer mich momentan auch bestätigt, dann möglichst schnell einen scharfen Kommentar dazu ablassen – das scheint der modus digitali einer lautstarken Minderheit. Und weil man in einer Kakophonie der Meinungen unterzugehen droht, wird aus einer Schweigespirale eine „Schreispirale“ (Lobo).

Was das Nicht-verstehen-Wollen angeht, wäre es höchste Zeit, das uralte Vorurteil endgültig auf den Kopf zu stellen, dass Menschen lesen, um etwas zu erfahren oder zu lernen. Aus dem Missverständnis der Medien als Mittel der diskursiven Aufklärung muss das Eingeständnis werde, dass Menschen mindestens genau so oft lesen, um mehr von dem zu bekommen, was sie ohnehin schon glauben. Diese Entlarvung ist eben nicht die Schuld, sondern eher das Verdienst Sozialer Medien, die anders als die klassischen Medien einen Blick in unsere Betonköpfe erlauben. Oder besser: Die uns ironischerweise dazu provozieren, unsere Betonköpfe so lange gegeneinander zu hauen, bis es staubt.

Das Nicht-verstehen-Können hingegen erscheint als eine Mischung aus medienunabhängiger Text-Inkompetenz und medienspezifischer Unfähigkeit (und Faulheit), gewisse wichtige Unterscheidungen zu treffen: Seriöse von unseriösen Quellen, Überschrift von Aussage und Ironie von Ernst  – man denke an den zu oft Ernst genommenen Postillon). Diese Mischung aus Liederlichkeit und Unvermögen kann nur in eine Abwärtsspirale der kommunikativen Unfruchtbarkeit führen, deren Boden wir vermutlich noch nicht erreicht haben.

Sich selbst befeuernde Informationsfilterblase

So beobachtet es Kathrin Weißling bei „Spiegel Online“: „Der Ton ist gefühlt beständig rauer geworden. Mit jedem Ereignis, nach Charlie Hebdo, dem Germanwings-Absturz, der Flüchtlingskrise, dachte ich: so krass war es noch nie. Aber es wird immer noch eins krasser.“ Doch obwohl die Schreihälse niemals zu überzeugen seien, glaubt sie daran, dass man die Kommentarspalten nicht aufgeben darf. „Wir halten zwar manchmal nur noch dagegen, weil das Nicht-Dagegenhalten inakzeptabel ist. Aber auch wegen der seltenen Momente, in denen eine echte Diskussion entsteht. Und wegen der unsichtbaren Masse an Nicht-Kommentierern, die man nicht verlieren darf. Wenn ich meinen Vorgarten nicht halbwegs sauber halte, besucht mich irgendwann gar niemand mehr.“

Was wäre die Alternative? Gibt es überhaupt eine? Ist eine Online-Welt, in der niemand mehr versucht, mit Argumenten dagegenzuhalten, denkbar und lebenswert? „Personen mit dubiosen Weltanschauungen (und dafür empfängliche) würden sich nur noch in einer sich selbst befeuernden Informationsfilterblase bewegen“, schätzt Sebastian Hirsch, Online-Marketing-Manager der besonders auf Facebook unermüdlich gegen den Irrsinn kämpfenden Stiftung Warentest.

Der „Majority Effect“, die wahrgenommene Mehrheit einer abstrusen Minderheitenmeinung, würde mit voller Kraft zuschlagen. Ohne Widerspruch oder zumindest Einordnung würde noch so abseitige Meinung durch Wiederholung zu einer Gewissheit. Impfgegner, 9/11-Truther und jene Menschen, die glauben, die Erde wäre eine Scheibe (die gibt es wirklich) – sie alle wären mit ihrem Glauben alleine. Und sie fühlten sich umso mehr im Recht, je einsamer man sie ließe. Denn der vernünftige Rest würde ihre verbrannten diskursiven Schlachtfelder meiden. Kurz: „Ein Diskurs und Aufklärung würde überhaupt nicht mehr stattfinden“, schließt Hirsch.

Sarkastische Pointen-Kanonen

Aufgeben gilt also nicht. Weitermachen ist mühselig. Schon unken manche, es bliebe vielleicht nur ein letztes Mittel, wie immer: eine Steuer. Meinungen kostenpflichtig zu machen, eine Sondersteuer zu erheben, könnte die einzige Lösung sein. 70 Cent pro Ausstoß jedweder noch so kleinen Meinigkeit – ob der preissensitive Homo Oeconomicus sich dann noch so viel unfruchtbaren Output erlaubte? Eine schöne Vorstellung.

Im Ernst aber ist es  kein Wunder, dass unter dem Dauerdruck der Ego-Kommunikation viele Avatare auch durchweg seriöser Medien inzwischen zu sarkastischen Pointen-Kanonen evolutioniert sind. „Ihr monatliches Aluminiumvolumen ist aufgebraucht. Ab jetzt verschwörungstheoretisieren Sie nur noch mit gedrosseltem Hut“, antwortet die „Welt“ schon einmal einem Spinner. Ironie und Sarkasmus versöhnt einerseits mit den giftigen Spitzen, die ständig ausgestreut werden. Und findet beim gemäßigten Publikum großen Zuspruch. 304 Likes sammelte zum Beispiel dieser Kommentar. Inzwischen ergeben „Die acht besten Facebook-Reaktionen der ‚Welt'“ schon wieder einen eigenen Artikel – journalistisches Upcycling, quasi.

Kathrin Weißling von „Spiegel Online“ ist derweil grundsätzlich abgehärtet: „Es gibt eine Regel: Keine Schicht, keine Kommentare. Zu der Disziplin muss man sich allerdings hinleiden. Anfangs habe ich nachts noch geschaut, was kommentiert wird.“ Sie fühlt sich manchmal als digitaler Sozialarbeiter, oder wie eine Mutter, die eigentlich selbstverständliche Regeln zum 148. Mal laut aufsagt, nur um zu beobachten, dass ihre Kinder, an Regeln nunmal nicht interessiert, sich davon unbeeindruckt verhalten. Und, ja, auch wie Sisyphos. „Aber wenn ich nicht glauben würde, dass es doch was bringt, könnte ich den Job hinschmeißen.“

Der sture Kampf gegen die Sturheit vermag wohl ein Menschenherz auszufüllen. Und Sisyphos schuftete die Kugel womöglich auch deswegen immer wieder den Berg hoch, weil er sonst von ihr überrollt worden wäre.

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Medien besser kritisieren.

16 Kommentare

  1. Interessant wäre die Frage, ob bei einem zunehmenden Rückzug der journalistischen Angebote hinter Paywalls die Gefahr nicht deutlich anstiege, dass sich isolierte Meinungssilos bilden. Die meisten werden sich kaum eine größere Anzahl von Abos leisten. Zurück blieben die unzähligen fragwürdigen, aber kostenlosen Seiten, die für viele primäre oder gar einzige Quelle für Informationen und Meinungen würden.

  2. Es ist schwierig den Artikel ganz zu lesen, wenn die Social Media Redakteure einen Link nach dem anderen raushauen. 4 bis 5 meinungsrelevante Artikel pro Tag sollten ausreichen.

    @Tobias Steinke Da haben sie natürlich recht. Auf der anderen Seite, wird es denen auch keinen Spaß mehr machen, wenn sie sich gegenseitig nur in ihren Meinungen bestätigen. Die Leute suchen die Kontroverse. Um eine Paywall wird der deutsche Journalismus nicht drum herum kommen. Alleine aus ökonomischen Gründen. Und wenn sich dadurch der Traffic ein wenig minimiert, wäre das ein positiver Effekt.

  3. @Tobias
    „(…)Die meisten werden sich kaum eine größere Anzahl von Abos leisten.(…)“

    Das trifft die…ich nenne sie mal ‚die seriösen poster’…genauso. Diskursfähigkeit ist nicht vom Geldbeutel abhängig

    @Marko
    „(…) Auf der anderen Seite, wird es denen auch keinen Spaß mehr machen, wenn sie sich gegenseitig nur in ihren Meinungen bestätigen. (…)“

    Die Erfahrung zeigt durchaus anderes. Die können sich wunderbar mit sich selber beschäftigen…tage-, wochen-, wahrscheinlich monatelang.

    Und wenn’s dann doch mal zu öd wird…
    „(…) Die Leute suchen die Kontroverse.(…)“
    …dann verlinken die sich Beiträge. Von anderen Medien (wäre bei paywall zugegebenermaßen weitgehend hinfällig), aber auch facebook, twitter, blogs werden dann gerne gemeinsam hingerichtet.

    paywalls sind – zumindest für diesen Aspekt gesehen – nicht sinnvoll. Die zementieren die Blasen nur noch.

  4. Für mich wieder ein in der Endlosschleife befindlicher Monolog, „warum konsumiert der Kunde nicht widerstandslos Verkündetes“? Die Medienschaffende verorten sich im kommentatorischen Bombenhagel wieder in der heroischen Opferrolle. Ungefähr nach der Hälfte des Artikels bin ich ausgestiegen und wage es jetzt sogar trotz „Mangelhafter Textrezeption“ einen Kommentar zu schreiben. Das macht mich jetzt bestimmt auch zum Unbelehrbaren, Ignoranten, Leugner, Verschwörungstheoretiker oder einfach nur zum Dummen.

    Warum lässt der Konsument sich nicht überzeugen? Sagt dieser Satz nicht schon alleine aus, einer hätte die Wahrheit, der andere irrt? Was anscheinend einfach nicht in den Redaktionen ankommt, es gab schon immer Stammtischgeschwätz, die haben jetzt nur eine Tastatur. Das ist die eine Gruppe. Die viel wichtigere Gruppe aber sind die, die diese einfachen Botschaften in einer komplexen Welt nicht mehr glauben. So einfach gestrickt, wie die Medien über Zeitgeschehen berichten, komplexe Zusammenhänge in mundgerechte Konsumentenhäppchen servieren, sind die Nachrichten mittlerweile unverdaulich. Wer dann noch beleidigt reagiert, wenn der Konsument sagt, nee, so einfach ist die Welt nicht, wirkt doppelt unglaubwürdig. Es wird keinen „Leitjournalismus“ mehr für die Masse geben, das Entropieprinzip geht unaufhörlich seinen Weg.

  5. „Was das Nicht-verstehen-Wollen angeht, wäre es höchste Zeit, das uralte Vorurteil endgültig auf den Kopf zu stellen, dass Menschen lesen, um etwas zu erfahren oder zu lernen. Aus dem Missverständnis der Medien als Mittel der diskursiven Aufklärung muss das Eingeständnis werde, dass Menschen mindestens genau so oft lesen, um mehr von dem zu bekommen, was sie ohnehin schon glauben.“

    Wenn Sie das wirklich glauben würden, hätten Sie diesen Artikel so gar nicht schreiben können. Es stimmt so pauschal ja auch nicht. Schließlich haben wir ja zu etlichen Dingen gar keine Meinung, weder Pro noch Kontra. In diesen Fällen sickern die Infos wesentlich leichter rein.

    Das Problem ist doch, dass es aufwändig ist, sein Weltbild zu ändern, weil da so viele Dinge miteinander verknüpft sind, dass die Aufgabe einer These gleich eine ganze Kaskade weitere Thesen bedeuten kann. Konsistenz im Weltbild ist ja eigentlich bei allen Menschen recht populär. Da lehnt man lieber gleich die These ab, die nicht ins Bild passt. Oder man gibt sich bei der Kritik zumindest wesentlich mehr Mühe bis sie klein genug ist, dass man sie ignorieren kann.

    Es gibt ein Hilfsmittel: Argumente auf den Einlassungen des Diskussionspartners aufbauen. Das kann zu Situationen führen, in denen der Diskussionspartner in beiden Fällen sein Weltbild in einer Weise umorganisieren muss. Es hält die Kosten hoch und das ist gut. Die Methode setzt aber einen direkten Dialog voraus, was der Journalismus wiederum nicht leisten kann.

  6. Eine der Hauptursachen für die „Schreispirale“ scheinen hauptberufliche Journalisten nur sehr selten wahrzunehmen: Die enorme Reichweitenasymmetrie. Changemyview und andere fruchtbare Diskussionen basieren auf einer fundamentalen Gleichheit der Diskutanten und gleichberechtigten Zugang zum Medium. Der Journalist hingegen kontrolliert ein Megaphon. Das weckt zum einen das Gefühl, das nur Dagegenanschreien hilft und lockt zum anderen all die an, die sich mit ihrer eigenen Meinung an die Reichweite des Originalartikels anhängen wollen, die sie aus eigener Kraft niemals erreichen könnten.

  7. Danke für den interessanten Text, und Respekt dafür, dass es dem Verfasser gelingt, sich relativ sachlich und differenziert mit dem leidigen Thema auseinanderzusetzen. Ich selbst fühle mich dazu offen gestanden weder berufen noch in der Lage.

    »[…] Wer nicht darüber nachdenkt, weshalb die anderen so dumm sind, der ist also selber in diesem Moment nicht ganz frei von Dummheit.«

    Da ist sicher was dran, allerdings liefert eben auch der Text keine andere, weitergehende Erklärung jenseits der unter dem Begriff Dummheit subsumierten Denk- und Verhaltensweisen, die einen konkreten Therapieansatz böte, so dass letztlich doch wieder nur die sokratische Erkenntnis bleibt, dass wir alle dumm sind und der Unterschied lediglich darin besteht, inwieweit wir uns dessen bewusst sind.

    Insofern muss dem Freiwilligen als Motivation für seine ehrenamtliche Sisyphos-Arbeit wohl tatsächlich das im verlinkten Krautreporter-Artikel formulierte Minimalziel genügen: »Nicht um Fanatiker umzustimmen, sondern um ihre Wirkung einzudämmen, darf man sie nicht gewähren lassen.«

    Ist nicht viel, aber besser als nichts.

  8. Der Artikel vermittelt mir den Eindruck, es würde sich um ein lokales Problem handeln, ein deutsches Problem. Doch gegenüber der Medienverdrossenheit in den USA oder anderen westlichen Staaten sieht es für den deutschen Journalismus noch verhältnismäßig gut aus. Doch solche Artikel sind eher kontraproduktiv, wieder dieser typische paternalistische Stil.

    Ich benutze mal das Vokabular aus dem Artikel. Verschwörungstheoretiker, Hetzer, Trolle, die rausbrüllen, die giften, die immun gegen jedes Argument sind, die sich Auskotzen. Keiner ist bereit, etwas aufzunehmen, Menschen, die glauben, die Erde wäre eine Scheibe. Auf der anderen Seite tapfere Social-Ritter, digitale Sozialarbeiter, bezahlt zu erleiden, missbraucht als Boxsack, die wie Eltern sind, die beobachten, dass sich ihre Kinder nicht an die Regeln halten. Doch man möchte die Sisyphos-Arbeit weitermachen, die Kinder nicht alleine lassen mit ihrer Bockigkeit bis Fanatismus.

    Schon ziemlich dick aufgetragen. Mir drängt sich der Gedanke auf, dass besonders die Journalisten keine Freunde des offenen Internets sind. Man möchte es nutzen, aber als Einbahnstraße, höchstes mit Daumen nach oben Buttom für den Leser. Auch ist in den Foren immer wieder zu lesen, Kommentare mit fundierter sachlicher Kritik werden nicht freigeschaltet, Verschwörungsmüll oder Trollkommentare dagegen schon. Ich kommentiere viel bei der ARD und bin auch öfters der Zensur zum Opfer gefallen, ohne es zu verstehen.

  9. @Friedemann Karig: Danke! Ich glaube: Das Kommunikationsverhalten der Leute hat sich gar nicht verändert, es kann sich jetzt nur einer größeren Öffentlichkeit präsentieren, die nicht mehr von den Medien allein definiert wird. Habermas‘ Öffentlichkeitsbegriff war schon immer eine fromme Fiktion, aber immerhin eine, auf die sich die bisherigen Akteure der Öffentlichkeit in Deutschland als eine Art Konvention, als anzustrebendes Ideal verständigt hatten. Je stärker das Gebaren der Medien selbst von dieser Konvention abweicht (z.B. durch unreflektiertes Weitertragen von Kolportage oder volkspädagogische Attitüde) desto weniger werden sie als deren Sittenwächter akzeptiert. insofern tut es dem Netut gut, wenn sich mehr Menschen aktiv beteiligen, die wirklich diskutieren können. Es geht dann,

    @2 Jannik, eben nicht darum, „Pegida aufzuklären“, weil deren Anhänger diesen Versuch wahrscheinlich als Belehrung von oben herab auffassen würden. Aber man kann sie in der Diskussion immer wieder auffordern, ihre Behauptungen zu begründen, ihre Quellen offenzulegen und ihre Begriffe zu präzisieren.

  10. Dummheit nach Paul Watzlawick:

    Dummheit ist die Unfähigkeit zwischen wesentlich und unwesentlich zu unterschieden.

  11. Ich werde seit einiger Zeit nicht müde, eine gewagte These zu vertreten: Die dummen Menschen sind im Internet angekommen! In den 90er Jahren und auch in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, war die Diskussionskultur im Netz zwar auch schon rau, aber sachlicher. Erst seit die Foren langsam aussterben und Social Medie angekommen ist, verirren sich mehr und mehr Leute ins Netz, die von Leitkultur und Bildungsbürgertum weit entfernt sind. Früher wurde das, was aus der Bild aufgeschnappt wurde, nur in der Kneipe und in geselliger Runde verbreitet, heute wird es in die Kommentare geklatscht.

    Es gibt auch heute noch Foren in denen sachlich und auf hohem Niveau diskutiert wird. Das sind aber fast immer fachspezifische und für Lieschen Müller uninteressante Ecken des Internets. Und dazu ist immer auch ein engagiertes Moderatoren Team notwendig, dass Pöbeleien direkt im Keim erstickt. Denn es ist wie mit weißen Wänden: Das erste Graffitti sollte man schnell entfernen, sonst kommen die nächsten ganz schnell dazu!

  12. Sehr schöner Artikel. Ich würde noch einen Aspekt hinzufügen, dass nämlich im Netz und da gerade bei den Breitenmedien und auf den Plattformen, erstmalig konträre Milieus, Lebenshaltungen und politische Richtungen nahezu ungebremst und fortwährend aufeinanderprallen. Da muss ja Streit entstehen.

    Was die Moderatioen der Journalisten angeht, ist die allerdings tatsächlich nicht immer nachzuvollziehen. Nachfolgend zwei Beispiele von entfernten Kommentaren, als ich es mal mit Counterspeech bei der WELT versuchen wollte. Wenn mir irgendjemand schlüssig eklären kann, warum die WELTsolche Kommentare für gegen die Netiquette hält, wäre ich ehrlich dankbar. Revision habe ich nie beantragt, ist ja alles nicht wichtig, ich äregere mich eigentlich auch nicht darüber, sondern wundere mich nur:
    1. „vor 17 bTagen“ – „entfernt“
    Die Aufregung empfinde ich als oberflächlich. Den Dritten Weltkrieg verbal als Abschreckung ins Spiel zu bringen, ist offfenkundig die übliche, altbackene „politische Technologie“, die in Putin vielleicht den letzten großen Anhänger hat. Der Hintergrund ist die Hoffnung, dass derzeit nichts mehr die westliche Kohärenz schwächt als das Aussäen von Zwietracht und Angst. Wer tiefer blickt, erkennt aber das eigentliche Motiv, nämlich die schwindende Bedeutung von militärischem Material. In einer hoch kooperativen, von vielen Allianzen, Verträgen und vor allem wirtschaftlichen Verflechtungen geprägten Welt können Sie das größte Heer haben, der praktische Nutzen zum Durchsetzen von Interessen erodiert aber immer mehr. Die Politik kann sich heute im Konfliktfall mit anderen Mitteln fortsetzen als mit Krieg, und dies viel besser. Iran ist befriedet worden – mit jahrelangen Sanktionen. Vielleicht ist Putin überhaupt nur in Syrien aktiv, um sich für den Westen wieder wichtig zu machen – guter Zug, das wäre dann ja teilweise gelungen. Generell ist er aber in der Situation, sich noch ans Militär klammern zumüssen, weil er sonst nichts hat. In diesem Fall riskiert er, weiter ins Abseits zu driften – für die Hoffnung, unsere innenpolitische Stimmung beeinflussen zu können und die Regierungen zu entlegitimieren, die ihn mit Sanktionen immer mehr ins Schwimmen bringen. Ich würde vermuten, dass dies ein Schuss ins Knie wird. Putin ist in der kooperativen Welt ein Zwerg. Außer für Öl und Gas braucht niemand Russland – das ist seine Misere, deshalb muss er noch mal die Panzer und Raketen flott machen. Historisch ist dies die gespannte Sehne: der Kampf zwischen Intelligenz und Muskelmann. Muskelmann Putin droht noch einmal verzweifelt, er könne auch viel schlimmer – vermutlich kann der Westen aber auch noch viel schlimmer den Muskelmann im Regen stehen lassen, ohne dafür eine Patrone an einen russischen Soldaten verschwenden zu müssen. Eventuell schafft Russland dann den Anschluss an die moderne Welt.“

    2. „vor einem Monat“ – entfernt
    „Eine Demokratie ist mitnichten so definiert, dass „das Volk herrscht“ – wie sollte das denn praktisch aussehen – sondern dass das Volk seine Regierung selbst wählt und dass es ferner verschiedene Mechanismen gibt, die die Regierung kontrollieren (Parlament, Präsident, Verfassungsgericht, Länderregierungen usw. usf.). Die Vorstellung, dass die Regierung oder eine „Volksregierung“ (das war historisch nie etwas anderes als eine Form von Diktatur, aus naheliegenden Gründen, denn nichts lässt sich leichtern kapern als komplett zentralisierte Macht) die „Macht“ haben solle zu herrschen, ist ebenfalls ein klein wenig nicht zu Ende gedacht.
    In D wie in EU ist die Macht ein ungeheuer kompliziertes Machtgeflecht. Auch eine Kanzlerin Petry könnte nur viel weniger „Macht“ ausüben, als sie Ihnen heute verspricht – es sei denn, sie würde, wie das in Polen versucht wird, die demokratischen Kontrollen der Regierung „diktatorisieren“). Obama hat seine Position neulich mit der eines Spielers im Rugby verglichen – wenn er Glück hat, öffnet sich mal das Feld und er kommt mit etwas durch. Auch Merkel muss einerseits die Probleme bis zum Grund durchdenken (was oppositionelle Populisten nie tun), andererseits im Inland und im Ausland taktieren, Allianzen bilden, mit diversen Oppositionen fertig werden und dann noch obendrein sich ihre „Popularität“ erhalten. Na ja, wie auch immer, bevor Sie solche Vereinfacher-Formeln trompeten, Demokratie sei Volksherschaft, sollten sie sich vielleicht etwas damit befassen, wie das politische Gemenge in D tatsächlich aufgebaut ist.“

    Wenn solche Beiträge entfernt werden, wirft das natürlich einen gewissen Schatten auf die Kommentarmoderationsbranche, ich muss daher dazu sagen: Es passierte noch nie woanders als bei der WELT. (Früher schon einmal 2 Beiträge, andere Counterspeech-Attacken meinerseits gingen allerdings durch.)

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