Strunz stolpert über linke Krankenschwester

Claus Strunz in „Die 10 wichtigsten Fragen der Deutschen“ Sat.1

Claus Strunz hat gestern Abend eine Wahlsendung im Privatfernsehen moderiert, und heute hat er sich entschuldigt. Nicht gleich für die ganze Sendung, obwohl auch das nicht unangebracht wäre, sondern lediglich für einen „Fehler“, der ihm und seinem Team „unterlaufen“ sei.

Je einen Spitzenpolitiker von Grünen, Linke, FDP und AfD hatte Strunz in seiner Sat.1-Sendung „Die 10 wichtigsten Fragen der Deutschen“ zu Gast. Ihnen gegenüber standen neben Strunz auch Menschen, die von der Redaktion als Betroffene für ein konkretes Thema eingeladen wurden: ein Polizist (Innere Sicherheit), ein Paketzusteller (Altersarmut), eine Krankenschwester (Pflege) und eine Frau, die einen Terroranschlag überlebt hat (Islamistischer Terror).

Alle Gäste wurden mit einem kurzen Film vorgestellt und im Studio noch ein bisschen befragt. Abschließend durften sie den Politikern eine Frage stellen, damit die dann die Möglichkeit hätten, „um ihre Stimme“, also die der Gäste, „zu kämpfen“. Jeder Politiker hatte dafür nur 30 Sekunden Zeit. Dann fragte Strunz noch mal die Gäste, wer sie am meisten überzeugt habe.

Strunz mit der Krankenschwester Dana Lützkendorf Screenshot: Sat.1

Und das ist nun das Problem. Denn die Frau, die als Krankenschwester vorgestellt wurde, ist auch Mitglied in der Partei „Die Linke“, was aber niemand erwähnt hat, auch Strunz nicht. Als er sie am Ende fragte, wem sie ihre Stimme „anvertrauen“ würde, sagte die Krankenschwester, im Nachhinein eher wenig überraschend: „Der Linken! Frau Kipping.“ Auch aufgrund „persönlicher Erfahrungen“, wie sie auf Strunz‘ abermalige Nachfrage erklärte:

„Es gibt einige, die hinter unseren Forderungen stehen und mit uns an unserer Seite kämpfen. Und da haben wir halt sehr gute Erfahrungen mit den Linken gemacht, mit den anderen eher schlechtere.“

Scheint so, als hätten die anderen Politiker ohnehin wenig Chance gehabt, die Krankenschwester umzustimmen. Sie setzt sich für mehr Personal auf den Stationen ein. „Die Linke“ entspricht ihr da offenbar am meisten. Deshalb ist sie dort auch Mitglied, aber die Redaktion wusste davon angeblich nichts.

Auf Anfrage von Übermedien schickt Sat.1 eine „Stellungnahme“ von Claus Strunz. Er schreibt: Dass Dana Lützkendorf Parteimitglied bei der Linken sei, „konnten wir nicht kenntlich machen, weil uns die Information aufgrund einer lückenhaften Recherche nicht bekannt war.“ Eine „bedauerliche Recherche-Panne“ sei das, für die er sich bei den Zuschauern und bei allen Politikern (außer Katja Kipping) entschuldige. Aber „selbst ein erfahrenes Team“ könne „in eine solche Situation“ kommen. Dennoch dürfe so etwas nicht passieren.

Laut Strunz kann also jede Redaktion mal in die Situation kommen, nicht zu recherchieren. Das ist natürlich doof. Zumal nun die Hinweise rumgereicht werden, anhand derer man zumindest eine Verbindung Lützkendorfs zur Linken hätte erkennen können. Dass sie Delegierte für den Bundesparteitag ist, zum Beispiel. Oder mal mit Katja Kipping Schilder hochgehalten hat, im Jahr 2015, zum Start einer Pflege-Kampagne der Linken. Oder Bernd Riexinger, den anderen Vorsitzenden der Partei, 2016 bei einer Pressekonferenz unterstützt hat. Und eine Redaktion, die recherchiert, hätte die Gäste vielleicht auch einfach gefragt, ob sie mit irgendeiner Partei in Verbindung stehen.

Lützkendorf wundert sich nun, was gerade passiert. Am Telefon erzählt sie, wie sie seit heute Nacht angegangen werde, vor allem in Sozialen Netzwerken. Noch in der Nacht, eine Stunde nach der Sendung, hatte der FDP-Vorsitzende Christian Lindner an Claus Strunz getwittert, dass es sich bei der Krankenschwester um „eine Funktionärin“ der Linken handle, was er aber sicherlich wisse, Zwinkersmiley. Am Morgen erschien dann ein Text in einem rechten Blog, der diesen Umstand skandalisierte, und von dort aus war es nicht mehr weit in die erweiterten Kreise der AfD, wo alles rasch die Runde machte.

Lützkendorf sagt, sie werde jetzt beleidigt und beschimpft. Einer habe ihr geschrieben, sie würde doch sicher AfD-Patienten umbringen, sollten die mal auf ihrer Station landen. Ein anderer unterstellte ihr, von der Partei bezahlt worden zu sein. Aber Lützkendorf bestreitet das. Sie bekomme kein Geld. Sie habe auch kein politisches Amt, sagt sie, was ein Sprecher der „Linken“ auf Anfrage bestätigt. Sie sei Delegierte für den Bundesparteitag, sagt Lützkendorf, mehr nicht. Und eben eine „starke Kämpferin“ für ihr Thema. In der Sendung sei sie als Gewerkschafterin gewesen, und über die sei auch der Kontakt zustande gekommen. Die Redaktion habe bei Verdi angefragt, und Verdi habe sie dann empfohlen. So erzählt es Lützkendorf. Abwegig ist es nicht.

Die Frage ist bloß, wie scharf sich das alles trennen lässt, und ob eine Redaktion nicht sowieso jeden, der in einer Wahlkampf-Sendung auftritt, auf seinen Hintergrund abklopfen sollte. In den Vorgesprächen mit der Redaktion habe das keine Rolle gespielt, sagt Lützkendorf. Niemand habe gefragt, ob sie ein Parteibuch besitze. Für den Sender sei das jetzt vielleicht ein Problem, für sie nicht. Es sei bloß belastend, so angegangen zu werden, gerade von AfD-Sympathisanten, dabei habe sie doch gar nichts gegen die AfD gesagt. „Ich bin eine Bürgerin, ich arbeite in einem Krankenhaus. Deshalb war ich dort.“ Da spiele es doch keine Rolle, dass sie in irgendeiner Partei sei.

Auf rechten Seiten wird die Angelegenheit nun teilweise wie ein Beleg gesehen für die weitere Linksversiffung der Medien. Was auch lustig ist, weil selten jemand Claus Strunz mit Linken in Verbindung bringt. Für ihn jedenfalls geht mit der „Recherche-Panne“ ein Abend zu Ende, den viele in schlechter Erinnerung behalten werden. Nicht nur wegen dieser Sache, die Misstrauen in Redaktionen und Protagonisten schürt. Sondern auch wegen Strunz selbst.

Wie er durch die Sendung hastete. Wie er die Politiker unterbrach und anfasste. Und, als nur ein Tiefpunkt von mehreren: Wie er es für eine strunzlustige Idee hielt, sich in einer Wahlsendung so ausführlich an Christian Lindners Äußerem abzuarbeiten, bis fast alle gegen ihn waren. Also, gegen Strunz.

Es war alles sehr peinlich, und es war erst der Anfang. Claus Strunz darf bei Sat.1 auch noch zwei „Faktenchecks“ präsentieren, anlässlich der Wahl, und am Sonntag moderiert er das große „TV-Duell“ zwischen Angela Merkel und Martin Schulz. Allerdings haben ihm die vier verantwortlichen Sender dort drei Journalisten an die Seite gestellt. Unter Umständen also können sie Claus Strunz davon abhalten, die Kanzlerin dort vor einem Millionenpublikum zu fragen, ob sie Lindner oder Schulz oder irgendwen „scharf“ findet.

 

Wie argumentiert Claus Strunz? Hier im Video:

28 Kommentare

  1. Ich bin sehr froh, dass ich pro Woche nur anderthalb Stunden fernsehe. Eine schlimmere Zeitverschwendung gibt es kaum. Na gut, Internet noch. Und Autowaschen. Aber direkt danach kommt TV.

  2. Der Strunz ist strunzrechts und vielleicht gar kein Journalist, aber in der Redaktion sind die üblichen Journalisten aus dem linksgrünen Bürgertum.

  3. So so, in der Redaktion bei SAT1 „sind die üblichen Journalisten aus dem linksgrünen Bürgertum“, weiß Theo aus dem Bauch raus zu berichten. Belege für diese Behauptung? Sicher arbeiten bei BILD auch vornehmlich Kader aus der KPD/ML. Gefühlt.

  4. Soso, er entschuldigt sich nur bei Lindner, Göring-Eckhardt und Weidel für seine miserable Recherche, nicht aber bei Kipping? Ist das die üble Unterstellung, die Linke hätte das so hingedreht oder wie? Schlechte Recherche bleibt schlechte Recherche, davon sind alle seine Gäste betroffen.

  5. Sorry für diesen etwas kleinkarierten Beitrag, aber

    hatte der FDP-Vorsitzende Christian Lindner an Claus Strunz getwittert getwittert, dass es sich bei der Krankenschwester um „eine Funktionärin“ der Linken handle, was er aber sicherlich wisse, Zwinkersmiley.

    abgesehen davon, daß „eine“ nicht als Zitat stehen dürfte und daß er „Funktionären“ und nicht „Funktionärin“ geschrieben hat – er hat nicht geschrieben, daß er das „aber sicherlich wisse“, sondern er schrieb „wussten Sie aber“ und setzte den Zwinkersmiley hinter das „Ups!“. Der Tonfall ändert sich dadurch meines Erachtens schon.

  6. @5: Ja klar, das ist doch die Masche: Andeutend formulieren, damit man weiß was gemeint ist, aber so wage bleiben, dass man nachher sagen kann „So hab‘ ich das aber garnicht gemeint“.
    Mittlerweile glaube ich sogar, dass die Kommunikations- und Politprofis mit der „Kleinkariertheit“ und Sorgfalt von akribischen Kommentatoren rechnen und diese in ihre Kommunikation aktiv einbeziehen.

    Step 1: Behauptung aufstellen
    Step 2: Kritik ernten
    Step 3: „War ja alles nicht so gemeint“
    Step 4: Ich bin das Opfer, der Kritiker ist böse, Meinungsterror, blabla.

  7. Herr Strunz hat mit dieser Veranstaltung seine Reputation als ernst zu nehmender Journalist komplett verspielt. Hier ging es nicht um eine Werbung für Waschmittel, sondern um die Interessen von Millionen Menschen und diese Menschen wurden bewußt hinters Licht geführt.

  8. Boris, hast Du Dir den rechtspopulistischen Kampfbegriff „linksversiffte Medien“ zueigen gemacht, bist Du der Ansicht, es gibt eine entsprechende Tendenz? Wenn Du diese Pegidaausdrucksweise internalisiert hättest, würde mich das schockieren. Vielleicht magst Du diesen Begriff in Anführungszeichen setzen

  9. Mmmh. Das Problem scheint mir weniger in einer unbemerkten Parteimitgliedschaft zu liegen, als darin, wie überhaupt in so einer Wahlkampfsendung vermeintliche Otto-Normalbürger als Abziehbildchen von ‚Volkes Stimme‘ bzw. einer allgemeinen Wählermeinung vorgeführt werden.

    Dass da parteipolitisch ungebundene Personen auftreten, ist doch eh eine reine Suggestion. Wer sagt mir denn, dass nicht auch die anderen Gäste Mitglieder einer Partei sind? Mal davon ab, dass es sowieso viele Parteimitglieder gibt, die sich gar nicht öffentlich engagieren, gibt es ja auch genügend Menschen, die ohne Parteibuch politisch eindeutig positioniert sind.

    Das Problem fängt doch damit an, dass hier suggeriert wird, dass diese Talkshow-Gäste in ihrer Rolle (Krankenschwester, Paketzusteller, Terroropfer usw.) irgendwie repräsentativ wären. Dabei sind sie nur für eines repräsentativ: für sich selbst. Die Aussage eines solchen Gastes, was er oder sie denn wählen würde, ist deshalb für sich genommen sowieso ohne Wert. Nur das irreführende Setting solcher Sendungen („Hier spricht der unvoreingenommene ‚normale‘ Bürger“) suggeriert etwas anderes. Das hat dann eine ähnliche Relevanz wie wenn Brigitte Büscher in „hart aber fair“ Zuschauereinträge von der Facebook-Seite oder aus dem Gästebuch vorliest.

  10. @9: Sehr geehrter Übermedien-Intendant Schmidt, vielen Dank für den Hinweis! Wollte mir den Ausdruck nicht zu eigen machen. Ich lehne ihn ab, wie „Lügenpresse“. Nächstes Mal mit Anführungszeichen oder kursiv.

  11. @11:
    Ohne jetzt Herrn Schmidt zu nahe treten zu wollen, aber dass Sie ‚linksversifft‘ nur ironisch zitieren geht aus dem Text doch völlig klar hervor.

  12. „…dass selbst ein erfahrenes Team in eine solche Situation kommen kann. “
    Welches erfahrene Team meint er eigentlich? Die Gurkenredakteure beim Sat.1 Frühstücksfernsehen, für das er sonst arbeitet?

  13. Konsequenterweise müßte z. B. bei Hart aber fair, Illner, Will und Co. in fast jeder Sitzung auch darauf hingewiesen werden, welcher Diskussionsgast Mitglied der INSM ist. So könnte sich der Zuschauer ein völlig anderes Bild über dessen Aussagen und Interessen machen. Z. B. bei dem Gast Cem Özdemir, der sich hier etabliert hat:

    European Council on Foreign Relations
    American Council on Germany
    German Marshall Fund
    Atlantische Initiative
    Atlantik-Brücke

    Und wenn gefühlte 90 % der medienpräsenten Gewerkschaftsvertreter gleichzeitig Mitglied der SPD sind, wird das als Selbstverständlichkeit hingenommen und deshalb nicht zusätzlich erwähnt.

  14. #8, FRIEDRICH, 1. SEPTEMBER 2017 UM 11:09

    „Herr Strunz hat mit dieser Veranstaltung seine Reputation als ernst zu nehmender Journalist komplett verspielt […]“

    bwahahahaha … der war gut … Ich schmeiß mich weg …

  15. Die Idee, Leute „aus dem Volk“ Fragen stellen und die erfolgenden Antworten bewerten zu lassen, macht ja nur dann vielleicht etwas Sinn (wenn überhaupt), wenn diese Leute parteipolitisch ungebunden sind und am besten tatsächlich noch unentschlossen sind, wen sie wählen wollen, Fragen und Antworten für sie selbst also einen Mehrwert haben. Die Klärung, ob sie Parteimitglied sind oder sonstige klare Präferenzen haben, ist somit eigtl. das einzige, was die Redaktion vorab zu klären hätte. Sollte nicht so schwer sein. Die Genossin Dana hätte allerdings sich auch offenbaren müssen, als sie gecheckt hatte, was das Sendungsprinzip ist (offenbar waren die „Vorgespräche“ dürftig, also wohl erst während der Sendung).

  16. Frau Lützkendorf hätte auch sehr souverän antworten können, „die Partei ‚die Linke‘ hat mich schon vor der Sendung so sehr überzeugt, dass ich sogar in die Partei eingetreten bin. Diese Meinung sehe ich hier bekräftigt“. Wäre mMn als Pluspunkt für die Linke zu sehen, und zweitens wäre die Sendung zu dem Zeitpunkt schon ins Messer gelaufen, nicht erst hinterher.

  17. @Lars:

    Die Klärung, ob sie Parteimitglied sind oder sonstige klare Präferenzen haben, ist somit eigtl. das einzige, was die Redaktion vorab zu klären hätte. Sollte nicht so schwer sein.

    Nee, das ist keineswegs so einfach. Ob jemand Parteimitglied ist, lässt sich von Seiten einer Redaktion eben nur sicher abklären, wenn der- oder diejenige für eine Partei öffentlich aufgetreten ist. Und da wird Plakatekleben oder mal am Wahlkampfstand stehen nicht ausreichen, um das recherchieren zu können. Ein Großteil der Parteimitglieder wird sich sogar überhaupt nicht öffentlich engagieren. Klar kann man solche Gäste vor der Sendung zu einer möglichen Parteimitgliedschaft befragen – dann ist man halt von der Auskunftsbereitschaft/Ehrlichkeit der Personen abhängig.

    Und „sonstige klare Präferenzen“? Was soll denn das sein? Jeder hat irgendwelche politischen Präferenzen. Selbst die sog. Wechselwähler bewegen sich meist in einem relativ engen Spektrum. Soll vor so einer Sendung ein politisches Screening veranstaltet werden? Damit am Ende dort nur Leute auftreten, die sich vorstellen können, theoretisch alles zwischen DKP bis NPD zu wählen?

    Das eigentliche Problem bleibt, dass überhaupt suggeriert wird, dort träten nur politisch unabhängige ‚Normalbürger‘ auf. Man kann ja gerne Leute einladen, die von ihren persönlichen oder beruflichen Erfahrungen berichten, um damit die Politiker zu konfrontieren. Solche persönlichen oder beruflichen Erfahrungen werden aber im Regelfall nicht von vorneherein dadurch entwertet, dass jemand Mitglied einer Partei ist. Wenn man die Leute aber nach ihren politischen Vorstellungen oder Wahlabsichten befragt, dann muss einem halt klar sein, dass die ihren vorherigen politischen Standpunkt nicht am Studioeingang abgegeben haben.

  18. Es wäre ja sowohl interessant, normale Leute mit parteilicher Bindung zu befragen, als auch Leute ohne eine solche.
    Nur bei diesem einen Format, wo es doch darum gehen sollte, dass Politiker versuchen, Leute zu überzeugen, ist es witzlos, wenn diese Leute ihre Meinung schon getroffen haben.
    Also wäre die Frage: „Sind sie parteipolitisch irgendwo involviert?“ nicht schlecht gewesen, und wenn man als Redaktion dann belogen wird, ist das zwar doof, aber nicht so doof, wie wenn man gar nicht fragt.

  19. @ Hanno #10
    Ganz richtig, das Format an sich ist schon Schmu.
    Die Linke hat das schlimmstenfalls geschickt und skrupellos genutzt und wurde dabei von einer recherchefaulen Redaktion begünstigt.

  20. Das lustige ist ja das die Menschen draussen tatsächlich zu einem Großteil glauben Sie würden eine Volksvertretung wählen. Das Problem ist das die Leute die da bräsig in Ihren Abgeordnetensesseln sitzen eben NICHT das Volk vertreten sondern der verlängerte Arm von Unternehmen, Lobbies, Banken, Eliten und dem Reichtum ist. Das ist ja ein großes Missverständnis! Mehr und mehr Menschen merken das und ziehen die einzige Konsequenz, die möglich ist: und entziehen sich durch Nichtwählen. Ich persönlich hatte bereits beim letzten mal das Gefühl das ich nicht Wähler bin sondern Mittäter. Und das kann ich leider mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Viele andere allerdings fangen an stattdessen Extreme zu wählen. Ich werde gerne wieder an der Urne anwesend sobald es wieder echte Volksvertreter geben sollte. Und leider bin ich der absoluten Überzeugung das ich das zu lebzeiten nicht mehr erleben werde. Schade.

  21. @Harald Eisenmann,

    Was im Interesse des Volkes ist, entscheidet immer noch der Abgeordnete selbst, denn er hat ein freies Mandat. Sie können wählen, welcher Abgeordnete diese Entscheidung trifft, nicht aber die Entscheidung selbst. Dafür bräuchte es Volksabstimmungen.

    Es ist ein großes Missverständnis, dass ein Politiker nicht das Volk vertritt, wenn er Unternehmen und Banken fördert. Nur deshalb steht „Deutschland“ so gut da im Vergleich zu Resteuropa. Ohne den deutschen Niedriglohnsektor wäre Deutschland jetzt vielleicht an der Stelle von Griechenland, und da geht es dem Volk bekanntlich noch schlechter.

    Ist das statistisch belegbar, dass die Wahlbeteiligung sinkt, und wenn ja, dass das daran liegt, dass die Menschen sich nicht mehr vertreten fühlen? Zu welcher Zeit wurde denn Ihrer Meinung nach wirklich das Volk vertreten, also wer war ein „echter Volksvertreter“?

  22. @ ErwinZK #22
    „Es ist ein großes Missverständnis, dass ein Politiker nicht das Volk vertritt, wenn er Unternehmen und Banken fördert….Ohne den deutschen Niedriglohnsektor wäre Deutschland jetzt vielleicht an der Stelle von Griechenland, und da geht es dem Volk bekanntlich noch schlechter.“
    Ich bin erstaunt, ErwinZK, dass Sie hier argumentativ so megapragmatisch und nationalegoistisch auf „linke Lösungen“ verzichten können. Ausgerechnet in einem Bereich, in dem die nationale Politik noch Reste legitimer Gestaltungsmacht besitzt, mit denen sie linkere Lösungen durchsetzen könnte?
    Aber bei Migrationsthemen setzen Sie auf reine linke Lösungen, die das Pferd von einer idealen Welt her aufzäumen, in der alles grenzenlos für alle zum Guten geregelt ist, richtig?
    Das scheint mir tatsächlich ein kühner Spagat zu sein. Der Grieche darf leiden, damit es Deutschland besser geht, aber dem Afrikaner muss um jeden Preis für unser Land geholfen werden: Ist es das? Und wenn ja, aus welchem Grund steht uns der Nähere nicht näher?

  23. @Andreas Müller,

    Was ich mit dem Kommentar ausdrücken wollte: Wenn Politiker das Volk vertreten und dabei zuallererst die Wirtschaft denken, dann ist das kein Widerspruch und ich sehe es als kein gutes Argument an, den Politikern ihre Wirtschaftsförderung als mangelnde Volksvertretung anzukreiden. Denn die kapitalistische Logik erfordert von einem Land, sein Volk als Arbeitskraft profitabel zu halten. Das ist eine langfristige Strategie, die seit der Ära Schröder Deutschland eine enorme Macht in Europa gebracht hat.

    Von der Politik fordere ich insbesondere in Deutschland, gegen diese neoliberale Logik kurzfristig für bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen zu sorgen, damit ein Stück ökonomische Macht als Land abzugeben und anderen europäischen Staaten die Konkurrenz zu erleichtern.

    Ich nehme also die nationale Logik des Kapitalismus zur Kenntnis, denke aber einerseits, man kann und sollte heutzutage in Deutschland gegen diese Logik handeln, und andererseits sehe ich diesen Widerspruch des Kapitalismus als Argument zu seiner Überwindung.

  24. @ ErwinZK
    „…sehe ich diesen Widerspruch des Kapitalismus als Argument zu seiner Überwindung.“
    Träumen Sie weiter. Es wird vielleicht zu Zusammenbrüchen kommen, aber danach wird es wieder von vorne losgehen, nicht mit dem Paradies oder der „klassenlosen Gesellschaft“, sondern mit einer anderen Form „ungerechter“ Ordnung, die zunächst für eine Weile „funktioniert“. Ich bezweifle, dass Sie damit glücklicher sein werden, aber vielleicht bleibt es Ihnen (oder mir) persönlich dann ja auch erspart.

  25. @ ErwinZK
    „Das ist eine langfristige Strategie, die seit der Ära Schröder Deutschland eine enorme Macht in Europa gebracht hat.“
    Länder haben keine Macht! Die Macht ist den Eliten in Deutschland zugefallen, die Lasten aber einfachen Bürgern. Weil Linke das nicht mehr mehr erkennen, sondern den Mechanismus auch noch verherrlichen (weil er angeblich im Unendlichen, wo sich die Parallelen schneiden, den Kapitalismus überwindet), sind sie für mich unwählbar geworden.
    Die für Otto Normalverbraucher nutzlose wirtschaftliche Dominanz Deutschlands in Europa zugunsten des Lebens seiner Bürger zu zerschlagen, wäre für mich ein legitimes politisches Ziel. Die Deutschen, und eben gerade auch die deutsche Linke, sind dazu aber strukturell unfähig, immer gewesen, wie 1914. Deshalb wird die Zerschlagung (mal wieder) aus dem Ausland kommen müssen.

  26. @Andreas Müller,

    verwechseln Sie nicht meinen Standpunkt mit dem der Linkspartei und der SPD. So wie ich das sehe, will die SPD weiter die Wirtschaft stärken („verherrlicht den Mechanismus“), aber nicht den Kapitalismus überwinden. Die Linke will die Arbeiter gegenüber der Wirtschaft stärken und damit langsam auf demokratischem Weg den Kapitalismus abschaffen. Stärkung der Arbeiter halte ich in Deutschland für vernünftig und notwendig, wird aber nicht aus dem Kapitalismus hinausführen, sondern nur die Lebensverhältnisse verbessern und gleichzeitig Deutschlands Macht verringern. Dieser Widerspruch zwischen politisch-ökonomischer Macht eines Landes und dem Wohlstand der Arbeiter sehe ich als Argument, weshalb der Kapitalismus überwunden werden sollte, nicht dass das notwendigerweise passiert. Sie sagen ja selbst, die wirtschaftliche Dominanz Deutschlands in Europa ist für Otto Normalverbraucher nutzlos. Aber ich prophezeihe Ihnen, wenn die deutschen Löhne um 50% steigen, sieht es mit der wirtschaftlichen Dominanz schnell düster aus, und langfristig lassen sich dann die 50% auch nicht halten.

    (@SN: ich weiß, das ist jetzt alles off-topic, aber Sie können ja jederzeit den Stecker ziehen)

  27. „Aber ich prophezeihe Ihnen, wenn die deutschen Löhne um 50% steigen“
    Das wäre natürlich zu viel auf ein Mal, aber 5 Jahre lang 6% jährlich, wären für den deutschen Arbeitnehmer und Konsumenten gut und für Italien, Spanien und Frankreich auch. Mir ist bewusst, dass ich in dieser Frage eher auf Linkspartei-Linie liege als auf SPD-Linie, und dazu stehe ich auch.

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