Euer Redakteur Volker

Schreiben ist unter den Künsten und Kunsthandwerken, was Laufen unter den Sportarten ist: Diejenige, bei der jeder glaubt, er könnte sie ausüben, ohne dafür jemals die Technik sauber zu erlernen. Jeder denkt, er könne laufen, weil er rennen kann, und jeder denkt, er könne schreiben, weil er schließlich jahrelang in der Schule, auf der Uni und in einem Moleskine-Notizbuch geschrieben hat. Beim Laufen bin ich mir ganz sicher, dass es nicht stimmt.

Titelseite der der Zeitschrift "Traditionell Bogenschießen"

Das Magazin „Traditionell Bogenschießen – Magazin für Langbogen und Recurve” ist ganz offensichtlich eine Mischung aus Fanzine und so etwas wie einem inoffiziellen Zentralorgan einer Szene. Man hat es schon nach der ersten Seite lieb, wo der Chefredakteur, der gleichzeitig der einzige Redakteur des Heftes ist, das Editorial unterschreibt mit „Euer Redakteur Volker”. Weniger Gewese hat noch kein Editorialist um sich gemacht. Im Text hadert er ein bisschen damit, was sich heute alles traditionell nennt, obwohl es in Wahrheit auf moderne Hochleistung getrimmt ist: „Langbogen-Wurfarme am Recurve-Mittelteil?” Also ehrlich. Bizarrerweise weiß ich nach der Lektüre einer einzigen Ausgabe des Heftes tatsächlich, was das ist.

Noch eine Kleinigkeit ist mir aufgefallen: Volker hält sich nicht mit Genderdebatten und großen I in WörterInnen auf, er begrüßt schlicht und einfach mit „Liebe Bogenschützinnen”, was ich vor allem deshalb erfrischend schön finde, weil es mir den Gedanken aufdrängt, dass er da sein eigenes kleines Reich geschaffen hat, in dem er Entscheidungen trifft, und die sind dann so. Fertig. Und Bogenschießen ist als Hobby nicht mehr oder weniger bekloppt als jedes andere Hobby*.

Doppelseite aus dem Magazin "Traditionell Bogenschießen", auf der verschiedene Bögen erklärt werden

In „Traditionell Bogenschießen” sind Texte und Fotos in ein Layout eingebaut, so wie in einer richtigen Zeitschrift, nur nicht ganz so gut. Das ist, wie gesagt, vollständig verzeihlich. (Hab ich das gesagt? Warum schreibe ich „wie gesagt“?) Wer traditionell Pfeile mit einem Bogen verschießt, oder Pfeile mit einem traditionellen Bogen verschießt oder traditionell bogenschießt, der kann und soll froh sein, dass er ein Magazin zu seinem Hobby kriegt, selbst wenn es nicht aussieht wie die amerikanische „Esquire“.

Was mich interessiert, ist eigentlich mehr die Frage, was den Unterschied ausmacht zwischen dem professionellen Stil und diesem hier. Denn im Prinzip haben die Macher dieses Heftes alle Werkzeuge zur Verfügung, die größere, reichere und professionellere Magazine auch zur Verfügung haben. Layouts kann man heute professionell auf jedem iPad erstellen, und mittelmäßige Digitalkameras machen in jeder Situation perfekt belichtete Fotos. Wahrscheinlich könnte man relativ problemlos mit guten Smartphone-Kameras Fotos machen, deren technische Qualität für den Druck von Hochglanz-Magazinen ausreicht.

Der Unterschied ist das Personal: „Traditionell Bogenschießen“ wird sehr offensichtlich weitgehend von Enthusiasten bestückt, die zum Beispiel Bogenschießturniere, an denen sie selbst teilnehmen, fotografieren und beschreiben. Das ist teilweise zauberhaft zu lesen („Nach der Stärkung ging es auf die Runde mit Hunterwertung. Hier musste der eine oder andere wahrlich Federn lassen“), ein bisschen wie Schulaufsätze zum Thema „Mein schönstes Ferienerlebnis”. Leider sind die Fotos auch so, also wie die Bilder, die Väter in endlosen Dia-Abenden vorgeführt haben, und auf denen alles drauf ist, was drauf sein soll, plus irgendjemand rechts neben Tante Nate („Wer war das noch?“) und einer fehlenden Perspektive („Und hier rechts rüber konnte man das Meer sehen. Nee, das ist jetzt hier nicht drauf.“).

Seite aus dem Magazin "Traditionell Bogenschießen"

Ich nehme an, es fehlt auch das geschulte Auge des Fotografen bei solchen Aufnahmen, aber wenn ich so eine Zeitschrift machen würde, würde ich versuchen, jedes Jahr mindestens ein Mal alle regelmäßig zum Heft beitragenden Amateure zusammen zu bekommen und ihnen eine einzige Regel einhämmern: Ein Bild braucht eine Idee. Ein Bild braucht eine Idee. Eine Idee. Eine Idee. Alles in der Hoffnung, dass sie wenigstens ein gutes Foto mitbringen, und dann würde ich wahrscheinlich eher das drucken als die drei bis fünf schlechten, die da jetzt stehen. Übers Layout müssten wir eh nochmal reden.

Andererseits, und jetzt widerspreche ich mir selber, wen die gefühlt 187 Fotos unter der Headline „Eindrücke von der Paderbow 2016” (das ist die Bogenschieß-Messe in Paderborn, knihihihihi) interessieren, der konnte entweder nicht auf der Paderbow sein oder möchte in Nostalgie schwelgend an die schöne Zeit auf der Paderbow erinnert werden. Da verzeiht man dann garantiert, dass es auf diesen Bildern eben genau so aussieht wie auf denen, die man selbst gemacht hat oder hätte.

Ich schreibe jetzt noch einmal das Wort Paderbow, weil es wahnsinnig Spaß macht, das im Kopf auszusprechen, wenn man es schreibt:

Paderbow.

Ah, ich muss nochmal: Paderbow. Paderbow!

Genug jetzt!

Bogenschießen hat eine lange Tradition, wie der Name „Traditionell Bogenschießen“ schon nahelegt, und der schönste Teil des Heftes beschäftigt sich damit, nicht mit den Turnieren und Messen und Zeugs. Folge Drei der Serie „Vom Kampf zur Kunst” in der aktuellen Ausgabe zum Beispiel beschäftigt sich mit der Technik des Schießens vom Pferd, unter der Headline „Umsetzung und Methoden des Bogenschießens vom Pferd“, was von mir einen Sonderpunkt für die am wenigsten reißerische Headline der Magazingeschichte bekommt.

Seite aus der Zeitschrift "Traditionell Bogenschießen"

Es gibt Geschichten zum Bogenschießen mit Kleinkind (in einem Tragegestell auf dem Rücken) und dem Bogenschießen mit Senioren (auf den eigenen Beinen), Abhandlungen über historische Bögen, Heilige, die mit Bögen geschossen haben, einen Do-it-yourself-Teil („Wir bauen einen indo-persischen Pfeil“) und tatsächlich eine Kurzgeschichte, in der ein vom Leben gelangweilter Rentner auf einem mit Plastikdinosauriern als Zielen bestückten Bogenschieß-Parcours plötzlich von echten Dinosauriern angegriffen wird (oder eine Nahtod-Erfahrung samt Halluzinationen hat) und deshalb – SPOILER-ALERT! – die Gulaschsuppe seiner Frau wieder schätzen lernt. Doch!

Es ist eine fremde, eigene Welt, die des traditionellen Bogenschießens, und die von „Traditionelles Bogenschießen“ auch, und das soll sie sein, und sie wird gehegt und gepflegt von unserem Redakteur Volker, der mir jetzt schon sympathisch ist und dem ich wünsche, dass er glücklich ist in seinem Biotop. Ich bin es auch, nur, weil ich kurz reingucken durfte. Es zeigt ein bisschen, was alles nicht geht, wenn man keine Mannschaft von Profis zur Verfügung hat. Aber noch mehr zeigt es, was geht, wenn einem sein Thema wichtiger ist als alles andere.

Traditionell Bogenschießen
Verlag Angelika Hörnig
7,50 Euro

*So lange man sich dabei nicht als Robin Hood verkleidet. Ich habe ein mir selbst unerklärliches Problem mit Erwachsenen, die sich verkleiden, und deshalb ein lebenslanges Misstrauen gegen Hape Kerkeling. Keine Ahnung, wieso. (Niggemeier behauptet, es wäre Homophobie, aber das ist Blödsinn. Ich bin zum Beispiel sehr verliebt in Niggemeier.)

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15 Kommentare

  1. Paderbow. Ja, das sitzt. Sollte die Messe mal den Standort wechseln müssen, wäre das wohl ihr Ende.

    Schöner Text. Wieder mal.

  2. Die Leute sagen ja immer, dass es Unterhaltsamer ist, einen Verriss zu lesen (oder zuschreiben) als das Gegenteil. Aber bei der Menge an Zitaten, die ich hier raus an meine Freunde wiedergeben muss, weil sie in mir keinen Platz mehr haben, merke ich schon, dass das keine Regel ist.

  3. Obwohl ich selbst Bogenschütze bin, ist mir das Magazin nicht bekannt. Könnte daran liegen, dass mich das Subgenre, das traditionelle am Bogenschießen, nicht interessiert. Ich kann aus meiner Erfahrung allerdings sagen, dass Sie sich jedes Magazin übers Bogenschießen hätten herausgreifen können. Obwohl, nein! Die technische Unzulänglichkeit ist immer die gleiche, aber bei den anderen fehlt zusätzlich noch die Hingabe von Redakteur Volker.

  4. Mir geht’s da ganz ähnlich. Ich lese wirklich gern Ihre ironisch-sarkastischen, manchmal ein wenig bösen Verrisse. Aber wie Sie es immer wieder schaffen hervorzuheben, dass in diesen Magazinen mitunter gutes Handwerk oder eben Leidenschaft vor Perfektion stehen, und in mir dadurch einen Kaufreiz auslösen, obwohl mich die Thematik mit denen sich die Zeitschriften auseinander setzen teilweise nicht die Bohne interessieren … das ist wirklich beeindruckend.

  5. Ich habe mir erst letztens ein Abo für Übermedien gekauft, wegen eines anderen Artikels, doch nach der ersten Folge Bahnhofskiosk bin ich alle weiteren rückwärts durchgegangen. Vielen Dank dafür!

  6. Hm, ich interessiere mich null für das Bogenschießen, aber das Heft erscheint mir sympathisch.

    Gerade der Punkt mit den unprofessionellen Fotos ließ in mir ein „Na endlich“ hervorkommen. Jedes noch so unbedeutende Magazin beinhaltet nur noch unnatürliche Profi-Fotos, gegen die Sagrotan abstinkt. Gerichte, die so perfekt aussehen, als wären sie in der Chemie-Küche entstanden oder Wanderer, die wohl zum ersten und letzten Mal auf einem Wanderweg stehen. Da sind solche Amateurfotos doch wirklich eine Bereicherung – und vor allem glaubhaft.

  7. Diese Kolumne ist sooo schön, sie macht mich noch verrückt: bald kaufe ich mir glatt ein Bogenschieß-Magazin, wenn es so weitergeht…
    Stiftung Warentest und Katapult habe ich schon erworben, offenkundig angefixt.

    (und das Katapult erlangt sogar Abo-Status)

  8. Herrje, ja, wenn man nach Lektüre der Rezension die Website der Paderbow aufsucht und verstohlene Blicke in den eigenen Kalender wirft, ob man im November schon was vorhat … dann haben Heft (wahrscheinlich) und Rezension (auf jeden Fall!) alles richtig gemacht. Danke!

  9. Das Schöne – oder genauer: eins von mehreren Schönen – an dieser Kolumne ist, dass MP einen beim Lesen stark mit Begeisterung ansteckt, weil er sich selber so dafür begeistert, wenn jemand etwas mit Begeisterung tut, auch wenn die äußere Form nicht makellos ist.

  10. Sagt mal, habt ihr alle eine Überdosis Oxytocin erwischt, oder was? Bloß, weil draußen ein paar alberne Tulpen blühen und die Vöglein zwitschern? Ist ja ekelhaft, diese überschäumende Harmonie hier. Hippies.

  11. Vielen Dank für diese nette Rezension.
    Als Ebenfallsbogenschütze meine volle Zustimung
    zu Tilmans Erfahrungen mit Bogensportmagazinen
    im allgemeinen. Vielleicht noch der ergänzende Hinweis,
    dass Rechtschreibung unter Bogensportredakteuren
    eher zu den Sekundärtugenden gerechnet zu werden scheint.

  12. Ich schließe mich allen Kommentaren über mir – trotz der Überdosis Oxytocin – an.

  13. Sollte es mit der Paderbow nicht weitergehen, bliebe immer noch die Fallingbowstel

  14. Man könnte die auch in Bownatal abhalten. Oder in Bowchum oder Bowenden. Oder man geht gleich in die Hauptstadt nach Telbow oder Rubow…

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