Auslandspresse sieht Atombomben­stimmung in Deutschland

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Sicher haben Sie davon gehört: Die Deutschen „debattieren gerade über eine militärische Aufrüstung“. Und zwar „in einer Art und Weise, wie seit dem Fall der Berliner Mauer nicht mehr“. Selbst „das einst Undenkbare“ – eine deutsche Atombombe! – ist „kein Tabu“ mehr.  In diesem Zusammenhang fallen Schlagworte wie „Hitler“, „Nazis“ und „1945“. Und überhaupt, die Deutschen stehen schon kurz vor Moskau.

Was?

Sie haben von dieser Debatte gar nichts mitbekommen?

Stand doch aber in vielen berühmten internationalen Zeitungen. Am Montag berichtete die „Washington Post“ darüber unter der Überschrift: „In the era of Donald Trump, Germans debate a military buildup“ anlässlich des deutschen Nato-Einsatzes in Litauen (kurz vor Moskau!). Der „Economist“ titelte vergangene Woche: „Eine deutsche Atombombe – Germans are debating getting their own nuclear weapon“. Und die „Financial Times“ schrieb im Februar: „Thinking the unthinkable on Germany going nuclear“. Weniger seriöse Zeitungen verbreiten schon mit großen Buchstaben Panik, wie der Daily Express („Merkel urged to make Germany a NUCLEAR SUPERPOWER for Europa over US-Exit fears“).

Da diskutiert Deutschland anscheinend, ob es nicht die Atombombe bräuchte, und Deutschland hat gar nichts davon mitbekommen.

Muss man denn alles aus der ausländischen Presse erfahren?

Wenn Sie, wie ungefähr alle, die große Atom-Diskussion verpasst haben, fragen Sie sich sicher: Warum wird denn debattiert, mit wem, seit wann, wie und mit welchen bisherigen Ergebnissen? Das sind ziemlich viele Fragen. Aber wir wären nicht Übermedien, wenn wir nicht versuchten, sie für Sie zu beantworten.

Fangen wir mit dem Wann an. Die britische Wochenzeitschrift „The Economist“ eröffnet ihren Artikel mit der präzisen Zeitangabe: „Es begann im November, gleich nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten.“ Die „Washington Post“ bestätigt, seit der November-Wahl fühlten sich die Deutschen immer weniger sicher. Das heißt, die Debatte dauert nun schon reichlich ein Vierteljahr an!

Und warum wird debattiert? Wegen Trump. „Den Auslöser des nuklearen Teils der Diskussion lieferte die Wahl Donald Trumps“, schreibt die „Financial Times“. Da der neue Präsident die Nato nach eigenem Bekunden für obsolet hält und „den Druck auf verbündete Nationen erhöht, sich selbst stärker um die eigene Verteidigung zu kümmern, befindet sich Deutschland so sehr im Fadenkreuz wie kein anderes Land“, erklärt die „Washington Post“. „Berlin steht unter Druck“, weiß der „Daily Express“ und bebildert seinen Artikel konsequent mit einer Merkel-Atompilz-Collage.

Die Post hört Stimmen

Seit etwa 50 Jahren hat hierzulande niemand mehr gewagt, über eine deutsche Atombombe öffentlich zu sprechen. Nun aber meldeten sich angeblich „Politiker, Kritiker und die Medien“ zu Wort, schreibt Anthony Faiola, der Berliner Korrespondent der „Washington Post“, der die Debatte am detailliertesten schildert. Für ihn sind das unverbindliche Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Mitgliedstaaten, die weit vor Trumps Wahl im Mai 2016 bekannt gegebene Bundeswehr-Personalaufstockung und der momentane Nato-Einsatz in Litauen so starke Belege für eine bereits „wieder erwachte deutsche Stärke“, dass eine Diskussion über eine deutsche Bombe als logische Konsequenz erscheint. Faiola hört in Deutschland „vermehrt und lauter werdende Stimmen nach einem stärkeren Militär“.

„Sollte sich Deutschland (…) den amerikanischen Forderungen fügen, könnte es sich auf dem schnellsten Weg zur größten Militärmacht Westeuropas entwickeln“, schreibt er. Und um eventuelle Zweifel an der Entschlossenheit der Deutschen zu beseitigen, zitiert Faiola einen Sprecher der Bundeswehr, der den Nato-Einsatz in Litauen begleitet: „Herr Trump sagt, die Nato sei überflüssig und dass wir unabhängiger werden sollen. Nun, vielleicht werden wir das ja.“

Auch andere britische und amerikanische Zeitungen vernehmen Stimmen. Gemessen an der Zahl ihrer Erwähnung haben die lautesten: Berthold Kohler, Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und Roderich Kiesewetter, CDU-Bundestagsabgeordneter. Aber selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen beteiligen sich anscheinend – beide haben sich zwar bisher nicht zu einer deutschen Atombome, aber seit Trumps Wahlsieg doch immerhin irgendwie zu militärischen Themen öffentlich geäußert.

Kein Vorpreschen? Kein Wegducken!

Ursula von der Leyen wandte sich auf der Münchner Sicherheitskonferenz vor wenigen Wochen mit folgenden Worten an die Adresse der neuen Trump-Regierung:

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16 Kommentare

  1. Krass!
    Warum fragt mich keiner, ob ich auch eine Atombombe will?

    Jedenfalls, wenn dt. „Diskussionen“ so im Ausland dargestellt werden, was sagt uns das über die dt. Berichterstattung über Diskussionen im Ausland?

  2. Dass es diese Debatte gibt, haben die Nachdenkseiten bereits am 3. Februar berichtet, am Tag nach dem NDR-Bericht (dem ersten in der Liste unter #1).
    Ist doch köstlich, wie gekonnt die Super-Propagandistin Reschke über Trump den Zugang zur Atombombe findet. So ein Popanz ist eben ungemein nützlich. Endlich eine gute preußische Atombombe gegen die bösen amerikanischen, britischen, französischen und natürlich russischen.
    Ich glaube aber nicht, dass eine solche meine Sicherheit in Süddeutschland erhöht, sehr wohl aber den moralischen Größenwahn in Berlin, und bin deshalb dagegen.

  3. @Stefan: Sie haben recht, es wurde seit November natürlich schon über die „deutsche Bombe“ und noch mehr über eine europäische geschrieben. Aber eine Debatte? Gleich in Ihrem ersten Link (der Panorama-Beitrag, ab 6.10 min) kommt übrigens Jan Techau von der „American Academy“ zum Schluss: „Wir haben da keine Diskussion drüber…“

    Und: Sehen Sie denn die Bedingung für eine Debatte erfüllt, nämlich unterschiedliche Standpunkte? Gegner, ja. Aber Befürworter?

  4. @Andreas Müller – #3
    „Ist doch köstlich, wie gekonnt die Super-Propagandistin Reschke über Trump den Zugang zur Atombombe findet.“

    Man kann, muss aber kein Propagandist sein, sondern einfach nur Journalist, um einen Bogen von Trump zur Atombombe, oder genauer gesagt zu amerikanischen Atombomben die in Deutschland stationiert sind, zu ziehen. Denn das Thema wurde zuvor bereits – wie in dem Reschke-Text auch zu lesen – von dem CDU-Mann Kiesewetter aufgegriffen und aufgrund der sich abzeichnenden politischen Spannungen und Trumps Äußerungen, wäre es ja schon, wie man dieser Tage so sagt, Lückenpresse, wenn Medien nicht darüber berichtet hätten.

  5. @Andre Seifert: Ich würde schon sagen, dass das eine Debatte ist. Es war halt auch ein Vorfühlen bestimmter Kreise, wie da die Stimmung ist – passend zum seit Jahren geforderten „Deutschland muss mehr Verantwortung übernehmen“. Nur weil das von vielen abgelehnt wurde, heißt das nicht, dass es die Debatte nicht gibt. Und dass das im Ausland weniger gut ankommt und daher mehr Aufmerksamkeit bekommt als hier, hat halt viel damit zu tun, was Deutschland im letzten Jahrhundert so getrieben hat.

  6. @Stefan: Akzeptiert. Doch zurück zum Thema des Artikels. Die im Text erwähnten Zeitungen konnten leider keinen Protagonisten aus „bestimmten Kreisen“ finden, der ihnen die aktuelle Debatte bestätigt. Und das ist m.E. ziemlich dünn und panisch.

  7. Eine Debatte über eine deutsche A-Bombe bestätigt die Ansicht, dass 2016 ein Jahr epochaler Umbrüche war:
    „Der Brexit ist das Ende der Idee von einem westlichen System. Von nun an sind alle Neuordnungen möglich. Das ist das wirkliche Ende des Kalten Krieges.“
    Das wirklich Schlimme daran ist, dass die deutsche Politik genau darüber nicht offen diskutiert, es sogar mit hohlen Phrasen von Kontinuität, von gemeinsamen Werten und Europa aktiv leugnet. Dann kommt es mit einer A-Bomben-Debatte durch einen vorgeschickten Hinterbänkler wie durch eine Hintertür doch auf den Tisch.
    Eine Tarnung dieser Machtambition als „europäische“ A-Bombe täuscht im Ausland niemanden. Dort wird ganz offen über das „deutsche Europa“ diskutiert, in den USA, in England, in Italien und in Frankreich. Die Täuschung wirkt nur beim deutschen Untertanen, der mit wohlklingendem europäischen Idealismus systematisch hinters preußische Licht geführt wird.

  8. Eine öfftl. Debatte ist es vielleicht nicht, aber genauso klar ist es Thema. Ich finde den Zustand der Nichtdebatte über die Willfährigkeit der deutschen Politik, unbedingt ganze 2% fürs Militär rauszuschmeißen (da hätte man sich ja verpflichtet …) um sich „mehr zu engagieren“ und „mehr Verantwortung zu übernehmen“ (und wie die Phrasen alle heißen) sogar eher bedenklich: Es scheint schon abgemachte Sache, kein Diskussionsbedarf mehr. Zur A-Bombe: Thema ist da natürlich keine deutsche, sondern eher eine Art „europäische A-Bombe“, das klingt schöner, meint aber dasselbe. Darüber redet man dann besser auch im Hinterzimmer.

  9. Vollzeittroll Müller nennt Reschke eine „Super-Propagandistin“
    Schickst du ihr auch so gerne in deiner Freizeit sexistische Vernichtungsfantasien? Das macht ihr rechten Trolle ja doch ganz gerne.

  10. @10: Der ist kein rechter Troll, er nutzt nur dieses (wesentlich bekanntere) Forum, um Traffic auf seine Page umzulenken.
    Schon wieder aus Versehen drauf gklickt … verdammt!

    @ Müller:
    „Das wirklich Schlimme daran ist, dass die deutsche Politik genau darüber nicht offen diskutiert, es sogar mit hohlen Phrasen von Kontinuität, von gemeinsamen Werten und Europa aktiv leugnet.“

    Der Link vor dem Text führt zu einem Artikel in Ihrem Blog …
    Sie stellen in Ihrem Blog eine These auf und nehmen den dazu gehörigen Artikel, um Ihre These hier glaubhaft erscheinen zu lassen.
    We-te-eff?
    Wenn Sie den Eindruck haben, dass etwas ist, wie Sie glauben, dann schreiben Sie doch „Ich meine“ oder „Meiner Meinung nach“ davor.
    „Es ist“ oder „Wir müssen“ Sätze sind hilflose Konstruktionen, die den eigenen Standpunkt als allgemeingültig ausweisen sollen.
    Ist er aber nicht.

    Und spätestens hier …
    „Die Täuschung wirkt nur beim deutschen Untertanen, der mit wohlklingendem europäischen Idealismus systematisch hinters preußische Licht geführt wird.“
    … sind wir bei kruden Verschwörungstheorien angekommen.

    Apropos … Andres Müller / Angela Merkel … Initialen AM …
    WACHT AUF LEUTE!!!
    /ironie

  11. @ Anderer Max
    Lassen Sie sich eine solche Theorie hier souverän vortragen. Ein Zitat daraus:
    „ein Regierungsstil…, in dem Parlament und Öffentlichkeit systematisch über die wahren Hintergründe getroffener Entscheidungen getäuscht wurden“. Ich behaupte nichts anderes als das.
    „er nutzt nur dieses (wesentlich bekanntere) Forum, um Traffic auf seine Page umzulenken.“
    Das ist (nach Ihren eigenen Maßstäben) auch nicht mehr als eine Verschwörungstheorie, denn meine wahre Motivation ist Ihnen letztlich nicht zugänglich, und sie kann viele Komponenten haben. Sie sehen, Theorien dieser Art sind das tägliche Brot für jeden, der bei unvollständigem Wissen die Welt verstehen will. Auch für Sie.

  12. In der derzeitigen Stimmungslage ist es nicht zu erwarten, dass ein Prominenter Befürworter auf den Zug aufspringt. Diesr Zug muss erstmal Fahrt aufnehmen, und das übernehmen Leute aus der B- und C-Riege.

    Rupert Scholz hat übrigens vor zehn Jahren schon deutsche Atomwaffen gefordert
    http://tinyurl.com/jjj29kn, und wurde abgewatscht http://tinyurl.com/jzhmwmd.

  13. Der Autor muss ja die ZEIT nicht lesen, aber dass hierzulande praktisch niemand die ZEIT lese, halte ich für fake news. Der unsägliche Artikel der ZEIT hätte überschrieben sein können mit: Die EU-Friedensbombe. Warum ein solcher Artikel? Um festzustellen, wie empfindlich die Deutschen auf die Forderung reagieren? Um dann den nächsten Schritt zu gehen. Ja, in der Politik macht man das so, Herr Seifert.

    Wieso eigentlich erwähnen Sie diesen Artikel von Peter Dausend und Michael Thumann (ZEIT) nicht, Herr Seifert? Denn ich glaube nicht, dass Sie ihn nicht gelesen haben.

  14. @Holger Schreck: Weil ich den Artikel als Bestätigung lese, dass es in Deutschland keine Debatte gibt. Übrigens finde ich den Zeit-Artikel gar nicht unsäglich…

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