Drei Stunden Privatsphäre für Michael Schumacher

Geringelt vor Gericht: Tanja May von „Bunte“ (Mitte) Foto: Übermedien

Tanja May hat kalte Hände, als sie diesen Freitag, Punkt 14 Uhr, den Saal 353 im Landgericht Hamburg betritt. Sie wirkt auf eine sehr lockere Art angespannt, sieht sich um, versucht ein Lächeln. Um sie herum turnen Kameraleute und Fotografen; die „Deutsche Presseagentur“ ist da, „Hamburger Morgenpost“, NDR. Schnell ein paar Bilder, dann schickt eine Justizbeamtin die Fotografen raus.

Tanja May, 43, blond, roter Lippenstift, soll hier heute aussagen, wie das damals war, als ihr ein Informant erzählt haben soll, der frühere Rennfahrer Michael Schumacher könne „wieder gehen“. May ist stellvertretende „Bunte“-Chefredakteurin. Das Münchner Glanzklatschblatt brachte die Geschichte damals groß auf dem Titel, mit Grinsefoto von Schumacher, natürlich aus dem Archiv. Es ist die Story, Ende 2015, „Bunte“-Ausgabe Nummer 53. Das Gerücht zieht schnell Kreise, wird vielfach zitiert.

"Bunte"-Titel von Dezember 2015 mit der Schlagzeile "Exklusiv. Michael Schumacher: Er kann wieder gehen"
„Bunte“-Titel Nr. 53/2015

„Er kann wieder gehen“, jubiliert „Bunte“, natürlich „exklusiv“. Es sei „mehr als ein Weihnachtswunder“: „Zwei Jahre nach seinem schweren Ski-Unfall gibt es wieder gute Nachrichten über die Rennfahrer-Ikone“. Im Innenteil, in einem Beitrag von Tanja May, heißt es dann, schon eingeschränkter: Michael Schumacher sei zwar „sehr dünn“, könne aber „mithilfe seiner Therapeuten“ schon wieder „ein paar Schritte“ gehen. Auch der Rest des Textes: Gerede, Gedeute.

Sabine Kehm, Schumachers langjährige Managerin, dementiert damals postwendend in „Bild“ : „Leider werden wir durch einen aktuellen Pressebericht zu der Klarstellung gezwungen“, so Kehm, „dass die Behauptung, Michael könne wieder gehen, nicht den Tatsachen entspricht.“ Schumachers Familie reicht Klage ein: 100.000 Euro solle „Bunte“ für die laut Kehm unwahre Behauptung zahlen.

Ob es so viel sein wird, ist noch unklar, aber die Pressekammer hat schon angekündigt, dass es „realistisch betrachtet“ eine Geldzahlung geben werde, immerhin sei die Behauptung, Schumacher könne gehen, offensichtlich falsch. Sollte sich der Informant obendrein als unglaubwürdig herausstellen, würde das die Sache zusätzlich erschweren. Deshalb wurde Tanja May vorgeladen. Um zu erklären, wie sie zu der Behauptung kam.

May hatte damals von einem „Vertrauten“ aus dem „engsten Schweizer Umfeld“ der Familie geschrieben, der „Bunte“ die brandheiße News gesteckt haben sollte. Den Namen ihres Informanten nannte sie natürlich nicht. Deshalb ist hier heute auch die Frage, wie viel May über diesen Kontakt erzählt – und wie oft sie von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch macht, das sie als Journalistin hat, um ihre Informanten zu schützen.

Journalisten warten im Landgericht Hamburg
Warten auf Gericht: Journalisten vor Raum 353 Foto: Übermedien

Fast drei Stunden wird das Gericht Tanja May befragen, außergewöhnlich lange. Am Ende der Verhandlung dankt ihr die Kammer sogar ausdrücklich, dass Sie gekommen sei und sich „so viel Zeit“ genommen habe. Worüber sie genau spricht in diesen drei Stunden, wie sie ihren Artikel, die Schlagzeile rechtfertigt, wird die Öffentlichkeit nicht erfahren: Das Gericht schließt sie, also auch die anwesenden Journalisten, zu Beginn der Verhandlung aus und vereinbart Verschwiegenheit.

Der Grund liegt auf der Hand: Es sei zu erwarten, so die Richterin, „dass der Gesundheitszustand des Klägers thematisiert wird“; und das berühre die „schutzwürdigen Interessen des Klägers“. Deshalb beschließt das Gericht etwas, das „Bunte“ und vielen anderen Blättern herzlich egal ist: die Privatsphäre eines schwer kranken Menschen zu schützen – und ihr das öffentliche Interesse an diesem Fall unterzuordnen. Im Grunde das, worum Managerin Kehm seit Jahren bittet, auch Ende 2015, anlässlich der „Bunte“-Geschichte:

Solche Spekulationen sind unverantwortlich, denn angesichts der Schwere seiner Verletzungen ist für Michael der Schutz seiner Privatsphäre sehr wichtig. Leider führen sie außerdem dazu, dass viele Menschen, die ehrlich Anteil nehmen, sich falsche Hoffnungen machen.

Drei Stunden also warten die Journalisten vor Raum 353, dritter Stock, roter Linoleumboden. Nur wenige ernste Menschen klackern den Gang entlang. Behördentristesse an einem Freitag Nachmittag, die Kantine hat schon zu. Sobald jemand zu forsch aus der Toilette neben dem Sitzungssaal kommt, schrecken alle kurz von ihren Handys auf. Ah, doch wieder nichts. Schade. Weiterspielen. Einer liest „Süddeutsche Zeitung“. Ein anderer lauscht, ob er nicht doch etwas hört. Schwierig. Langweilig. Weiterspielen.

Die nicht anwesende Presse* läuft derweil heiß: Der Kölner „Express“ grölt etwa eine Stunde nach Prozessbeginn, mit Bezug auf einen Gerichtssprecher: „Irre Wende – Es geht doch um Schumachers Gesundheit“! Auch andernorts ist von einer „überraschenden Wende“ die Rede, oder nur von einer „Wende“, auch wenn die im Gericht weit und breit nicht zu sehen ist. Natürlich geht es, wenn die Glaubwürdigkeit des Informanten und die Sorgfalt der Journalistin eingeschätzt werden sollen, auch um Details zum Zustand des Patienten. Beim „Express“ und anderen klingt es aber so, als würde es spektakuläre, ja, „irre“ Neuigkeiten geben. Gesundheitsneuigkeiten. Sie lechzen weiter danach.

Um kurz nach 17 Uhr ist die Öffentlichkeit wieder zugelassen. Die Luft im Verhandlungssaal ist dick. Richter, Anwälte, alle sehen geschafft aus. Die drei Stunden haben offenbar nicht ausreichend zur Klärung beigetragen. „Wir sind noch nicht sicher, wie es weitergeht“, sagt die Richterin. Möglicherweise werde man noch weitere Zeugen hören, vielleicht Schumachers Managerin Kehm. Das Protokoll gehe den Parteien bald zu, so in zehn Tagen, später als sonst, Entschuldigung: „Die Schreibstube ist überlastet im Moment“.

Wenig später rollkoffert Tanja May aus dem Saal. Ein NDR-Kamerateam begleitet sie noch bis in den Aufzug hinein, will sie nicht fahren lassen, ehe sie etwas sagt. Vergebens. Drei Stunden hat Tanja May geredet. Jetzt schweigt sie.

* Nachtrag, 11.2.2017. Ein Redakteur des „Express“ weist per Mail darauf hin, dass die Reporterin der „Hamburger Morgenpost“ in seinem Auftrag dort gewesen sei, da „Express“, „Hamburger Morgenpost“ und „Berliner Kurier“ eine Redaktionsgemeinschaft bilden, die sich austauscht. Der Text erschien deshalb in allen drei Publikationen. Identisch.

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14 Kommentare

  1. Wahnsinnsbericht. Wäre er nicht bei Übermedien erschienen, könnte man wahrscheinlich genau hier eine Kritik dazu lesen.

  2. Danke für den Artikel!
    Eine Frage: Hat Boris Rosenkranz der Tanja May die kalten Händchen gedrückt und registriert, dass sie ach so kalt sind?

  3. Ich bewundere Frau Kehm und die Anwälte Schumis ja wirklich dafür, dass sie so konsequent gegen diese Schmutzblätter vorgehen.

    Aber ist dieses Vorgehen auch dann noch so sinnvoll und klug, wenn es zu einem Prozess kommt und – im Beisein dieser Blättervertreter – der wahre Gesundheitszustand thematisiert wird? Schwierig, schwierig.

  4. Boris Rosenkranz (Alter unbek.), kahlköpfig, unrasiert, schreibt mutmaßlich in Alltagskleidung an einem Schreibtisch sitzend einen Artikel über Tanja May, 43, blond, roter Lippenstift, die geringelt vor Gericht erschienen ist und Leser, 46, brünett (warum liest sich das auf Männer bezogen eigentlich so ungewohnt?), in Jogginghosen, hofft, dass dies kein journalistischer Standard sondern ein satirischer Seitenhieb auf die Boulevard-Medien ist, den der oder die Leser*In Oylysis (Details unbek.) als „nüchterne und authentische Berichterstattung“ betrachtet und mit einem „Weiter so!“ kommentiert.

  5. @6 Schreibkraft: „kahlköpfig, unrasiert“ – unverschämt! Ich bin übrigens 23.

  6. @Schreibkraft
    Vielleicht bin ich von unseren heutigen Berichterstattungen schon so verdorben worden, daß ich selbst satirische Seitenhiebe nicht mehr erkenne…
    Das eigentliche Thema der Bunte-Redakteurin vor Gericht interessiert mit nicht. Ich fand aber die unaufgeregte Beschreibungen der wartenden (und sich mit diversen Sachen beschäftigenden) Reportern und der sich ihnen präsentierten Situation vorbildlich.
    Ich wünsche mir, daß Nachrichten in dieser Art berichten. EU- und Regierungsbesprechungen zu Griechenland, Brexit und Flüchtlinge sollten ohne großes Theater geschildert werden, mit mehr Fakten und weniger Emotionen.

  7. @Boris Rosenkranz – #7

    Nun ja, beim Rückzug des Haaransatzes in höher gelegene Kopfregionen führt der Ihre noch um wenige Zentimeter. Aber aufgrund unseres jugendlichen Alters ist das Rennen ja noch nicht beendet und ich sehe gute Chancen, Sie diesbezüglich irgendwann einzuholen. Und seien doch bitte froh, dass ich als überzeugter Gesichtshaarträger nicht mit dem Hinweis in offenen Wunden herumgestochert habe, dass so ja wohl beruflich nie irgendwas Vernünftiges aus Ihnen werden kann.

    @Oylysis – #8
    „Vielleicht bin ich von unseren heutigen Berichterstattungen schon so verdorben worden, daß ich selbst satirische Seitenhiebe nicht mehr erkenne…“

    Ganz ohne Ironie: Vielen Dank für die ehrlichen Worte. Ist mir auch schon passiert, was – neben dem von Ihnen erwähnten Aspekt – vielleicht auch daran liegt, dass die Grenzen zwischen Kolumnen, Glossen, etc. und Berichterstattung immer weniger klar gezogen werden. Es ist als Journalist dieser Tage vermutlich auch nicht einfach, auf jene bitteren Realsatiren über die man berichten muss, nicht mit schwarzem Humor zu reagieren. Ist ja ein altes, seit Generationen bewährtes Prinzip der Kompensation:
    https://www.youtube.com/watch?v=JlkjcPcMkSg

  8. die Klatschblattschreibkraft Tanja May ist ja in einer sehr komfortablen Position. Sie kann jederzeit einfach mal frech behaupten, aus dem engsten Familienkreis von X habe man ihr gesteckt, dass bla bla bla … .
    Anschließend, wenn es vor Gericht ans Eingemachte geht und sie ihren frechen Behauptungen auch Belege folgen lassen soll, flüchtet sie sich feige in den Informantenschutz.

    So kann die Klatschblattschreibkraft Tanja May immer und ewig weitermachen und haltlose Behauptungen – ich nenne das Lügen – verbreiten und ihre naive Leserschaft an der Nase herumführen und betrügen. Denn nichts anderes ist das, was da gemacht wird: Betrug am Leser.

  9. @10 Schmidt123: Woher wissen Sie, dass sich Frau May „feige in den Informantenschutz“ geflüchtet hat? Sie wurde fast drei Stunden lang vernommen.

  10. weil das bisher nie anders war und beliebte Masche aller Klatsch- und Tratschblätter ist um ihre Lügen zu decken.

  11. Mir fehlt die Kritik an der Einschränkung der Pressefreiheit, die ja auch für sie Öffentlichkeit bedeutet, sich nicht informieren zu können. Passiert es in Russland oder China, ist der Aufschrei größer. Ausschluss der Öffentlichkeit, Meditationsverfahren, Schiedsgerichte, schriftliche Verfahren… Von vielem kann man leider nichts (mehr) mitbekommen.

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