Sachverstand (8)

„Was haben Journalisten immer mit dem Staub?“

Im Landesarchiv NRW in Duisburg *** NUR F
Landesarchiv NRW in Duisburg IMAGO / Funke Foto Services

Sie kennen sich aus, weil es ihr Fachgebiet ist. Immer wieder stolpern sie über Ungenauigkeiten und Fehler in journalistischen Berichten, die sie ärgern – und hier erzählen sie davon. In der achten Folge unserer Reihe „Sachverstand“ spricht Diplomarchivarin Tanja Wolf über staubige Dachböden, weiße Handschuhe und andere Klischees über Archive, die ihr in Filmen und Medien immer wieder auffallen. Unsere Autorin Kathrin Hollmer hat ihre Aussagen protokolliert. Wenn Sie auch immer wieder Falsches über Ihren Beruf oder Ihr Fachgebiet in den Medien lesen, schreiben Sie uns eine E-Mail.


„Umgangssprachlich wird der Begriff ‚Archiv‘ für alles Mögliche benutzt. Wenn ich in einem Institut Akten anfrage, bekomme ich oft als Antwort: ‚Die sind bei uns im Archiv‘. Was, genau genommen, nicht stimmt. Datenschutzrechtlich sind Institute, ebenso wie Unternehmen oder Behörden, meist gar nicht berechtigt, Unterlagen langfristig zu speichern. Das darf nur ein institutionelles Archiv. Auch in Filmen wird der Begriff inflationär benutzt. Ich erinnere mich an die Folge ‚Ring Out Your Dead‘ der britischen Krimiserie ‚Inspector Barnaby‘, in der eine Historikerin die Mörderin ist. In der Folge wird sie immer wieder als ‚Kirchenarchivarin‘ bezeichnet. Historikerin oder Dokumentarin – von mir aus –, aber Archivarin ist sie keine. Und nicht nur das: Die Frau hortet einfach alles über das Dorf, in dem sie lebt, und weiß das alles auswendig. In Wahrheit weiß ich als Archivarin natürlich nicht alles, aber ich weiß, wo ich die Antwort finde. 

Archive im Film sind meistens entweder Keller ohne Fenster oder Dachböden, vergessene Räume mit Stapeln von vergessenem Papier, meist abgeschottet, dreckig und unstrukturiert.

Ich fange mal mit dem Ort an. Dachböden gehen gar nicht! Die klimatischen Bedingungen schwanken viel zu sehr, das schadet analogen Unterlagen. Keller haben den charmanten Vorteil, dass kein Tageslicht und damit keine UV-Strahlung einfällt, auch ist dort die Temperatur oft relativ konstant. 

Archive sind nicht „vergessen“ – im Gegenteil

Eine ganz wichtige Eigenschaft von Archiven ist, dass sie eben nicht vergessen sind. Archive gibt es, weil Menschen wie wir sich darum kümmern, dass Unterlagen geordnet und erhalten werden, und unter anderem Mäuse, Staub, Wasser und zu viel Licht fernhalten.

Wenn in Fernsehfilmen ein Archiv zu sehen ist, sind da meistens ganz viel Staub, Dreck und Spinnweben, da zucke ich echt zusammen! Staub im Magazin, dem Raum, in dem analoges Archivgut gelagert wird, ist tabu. Denn er zieht Wasser an und bietet Schimmelsporen eine Grundlage, was langfristig das Papier schädigt. In nicht gereinigten Magazinen sammeln sich auch Schädlinge, die sich durchs Papier fressen. Dazu gehören Papierfischchen, wie Silberfischchen, die man aus dem Badezimmer kennt, nur größer. Das wollen wir natürlich nicht! Spinnweben sind weniger ein Problem für Akten, aber ein Hinweis, dass es Schädlinge in einem Raum gibt, weil Spinnen sich von ihnen ernähren. 

Ähnlich oft wie Spinnweben sieht man in Medien oft weiße Baumwollhandschuhe, wahrscheinlich, weil das die Aura des Alten betonen soll. Archivar:innen tragen die nur, wenn Kameras in der Nähe sind, ich nicht mal dafür. Mit Handschuhen hat man kein gutes Gefühl, da ist die Gefahr, dass man zum Beispiel eine Buchseite einreißt, und sie können sogar Schmutz einfangen und transportieren. Für empfindliche Objekte wie Glasplattennegative oder Gemälde benutze ich Feinmechanikerhandschuhe mit gummierten Fingerspitzen.

Kommunikativer Job

Ein anderes Klischee ist, dass Archivar:innen einsam oder menschenfeindlich sind, nicht kommunizieren können und sich nur mit ihren Dokumenten unterhalten. Meistens sieht man in Filmen vor sich hingrummelnde alte, weiße Männer, die ihre Schätze hüten und Nutzende als Eindringlinge betrachten. Das widerspricht völlig dem Zweck des Archivs: Dokumente zu bewahren und nutzbar zu machen. Mein Job besteht zum Großteil aus Kommunikation, daraus, dass ich Anfragen beantworte und dafür in der Datenbank recherchiere, oder mit Instituten, Professor:innen und Studierendengruppen spreche, die uns Unterlagen liefern. 

Einen Kritikpunkt habe ich noch: Archive im Fernsehen sind meistens chaotisch. In der Serie ‚Pfarrer Braun‘ zum Beispiel gab es eine Szene, in der die Hauptfigur (Pfarrer Guido Braun, gespielt von Ottfried Fischer, Anm.) mit einer Kerze in ein Gemäuer – ein sogenanntes ‚Archiv‘ – hinuntersteigt, vorbei an Spinnweben, und dann liegen da lauter unverpackte Akten herum. Die gehören in Kisten! Und Kerzen sind natürlich nicht erlaubt. Ebenso wie Privatleute, die selbst in analogen Magazinen stöbern. Der Großteil des Archivguts ist heute noch analog, in Zukunft wird es mehr digitale Magazine geben. Die Datenerfassung geschieht bereits digital. Dadurch ist unser Archiv von außen, online, zugänglich.

Immerhin sind Archive positiv besetzt: Im Film holen die Figuren meistens eine wichtige, authentische Information daraus hervor, die die Handlung vorantreibt. Mein Lieblingsbeispiel ist aus ‚Herr der Ringe‘: wenn Gandalf im Archiv in Minas Tirith den entscheidenden Hinweis darauf findet, dass die Inschrift auf dem einen Ring zu Sauron gehört. 

Gandalf im Archiv
Gandalf im Archiv Screenshot: YouTube

Ähnlich wie in Filmen und Serien wird der Begriff ‚Archiv‘ auch in Artikeln oft falsch oder irreführend benutzt. Da sprechen Privatpersonen von ‚Archiven‘, aus denen sie für ein Jubiläum Informationen ziehen. Oder Heimatforscher:innen zeigen ihre ‚Archive‘ – die aber keine institutionellen sind. Das ist ein Unterschied. Wenn ein Heimatforscher stirbt, entscheiden die Erb:innen, was mit den Sachen passiert – eine langfristige Aufbewahrung ist nicht garantiert.

Viele Journalist:innen wollen Klischees durchaus vermeiden, schreiben aber dann trotzdem solche Sätze: ‚Stadtarchiv – das klingt erst einmal nach verstaubten Akten‘. Oder: ‚Archivare arbeiten in dunklen Kellern, pusten dicken Staub von alten Akten und verbringen die Zeit damit, Dokumente zu sortieren nach denen kaum jemand noch einmal fragen wird? Von wegen.Was haben die immer mit dem Staub?

Und dann ist da natürlich das Horten. Als ich als neue Leiterin der Abteilung Stadtgeschichte, Museum und Archiv der Stadt Waiblingen vorgestellt wurde, stand in den Artikeln, dass ich eine ‚Meisterin im Wegwerfen‘ sei. Ich hatte gesagt, dass wir das meiste, was wir angeboten bekommen, wegwerfen, weil wir es nicht als erhaltungswürdig bewertet haben. Die Vorstellung von unserem Beruf ist aber, dass wir Messies sind, die alles sammeln, was alt ist. Alt ist aber kein Kriterium. Was wir als archivwürdig erachten, bewahren wir.

Im Archiv der Technischen Universität Braunschweig zum Beispiel fragen wir uns, ob Unterlagen von langfristigem Wert für das Verständnis sind, unter welchen Bedingungen Forschung und Lehre stattgefunden haben. Auf den Bauplan eines neuen Biozentrums trifft das zu, auf die Rechnung für 50 Bleistifte dagegen nicht. Die Bewertungshoheit haben wir Archivar:innen. Bis zu 95 Prozent dessen, was als Schriftgut entsteht, werfen wir weg.     

Aufmerksamkeit durch Podcasts und Social Media

Archive sind für die Menschen da, und sie sind ein Grundpfeiler funktionierender Gesellschaften. Durch Social Media sind Archive offener und zugänglicher geworden. Das Bundesarchiv zum Beispiel investiert viel in Öffentlichkeitsarbeit. Den Podcast ‚111 Kilometer Akten‘ des Stasi-Unterlagen-Archivs, in dem Mitarbeitende und Nutzende zu Wort kommen, finde ich sehr fundiert und unterhaltsam. 

Früher gab es Informationen in Archiven, die nicht allen Menschen zugänglich sein durften. Heute ist das nur noch innerhalb bestimmter Fristen so. Archive – und zwar nur sie – dürfen Akten sperren, in der Regel für zehn bis 30, maximal für 60 Jahre, personenbezogene Daten bis zu 100 Jahre nach Geburt. Die NSU-Akten waren zunächst für 120 Jahre gesperrt worden, das ist in keinem Archivgesetz verankert, das darf gar nicht sein und war keine Entscheidung des Archivs, sondern der Sicherheitsbehörden, obwohl sie das nicht dürfen. (Später wurde auf 30 Jahre heruntergesetzt, Anm.) Die Sperrzeit bemisst sich zum Beispiel danach, ob sensible Daten enthalten sind, wenn gewisse Interessen, etwa von Firmen, oder Geheimhaltungsvorschriften aus Bundesrecht berücksichtigt werden müssen. Für wissenschaftliche Forschungsvorhaben oder für die Erfüllung der öffentlichen Aufgaben von Presse und Rundfunk können wir unter Auflagen eine Nutzung vor Ablauf der Schutzfristen zulassen.      

Bei Deutschlandfunk Kultur gab es gerade einen interessanten Beitrag über die Schwierigkeiten, die Historiker:innen bei der Überprüfung von Quellen haben. Um zu beantworten, ob ein Dokument historisch oder von einer künstlicher Intelligenz (KI) verfasst worden ist, kam als Tipp, zu fragen, in welchem Archiv sich die Information befindet. In Zeiten, in denen KI die Menschen verunsichert, können Archive Sicherheit geben. Doch unser Beruf wird leider meistens wenig zukunftsorientiert, modern und digital dargestellt. 

Das falsche Bild in den Medien kann sogar dafür sorgen, dass sich weniger Menschen für den Beruf Archivar:in interessieren. In meiner Berufsberatung vor dem Abitur war das Ergebnis in der Tat Archivarin, doch die Berufsberaterin fragte mich, ob ich sicher sei, Archive seien doch verstaubt und eher etwas für introvertierte Menschen. Ich habe mich zum Glück nicht davon abschrecken lassen.“

8 Kommentare

  1. Großartiger Beitrag – herzlichen Dank! (Sagt ein Archiv-Fan, den die Archivar-Ausbildung allerdings doch abgeschreckt hat :-)

    Besonders interessant der Gedanke zu Archiven als Rückversicherung in KI-Zeiten. Darüber lohnt es, nachzudenken.

  2. Vielen Dank für diesen sehr interessanten Beitrag.

    Eine Frage bleibt bei mir aber zurück: wie soll ich Orte nennen, an denen Akten oder anderes Schriftgut für unbestimmte Zeit eingelagert wird, die aber keine institutionellen Archive sind?
    Behörden und ja auch viele Unternehmen lagern bestimmte Dinge ja eben doch für gewisse Zeiträume ein. Sie müssen diese Sachen aber auch irgendwie katalogisieren, damit sie ggf. zur Nutzung zur Verfügung stehen.
    Katalogisiertes-Akten-Zwischen-Lager wäre aber ein ziemlicher Zungenbrecher und klingt so, als wäre einem das Wort Archiv gerade entfallen.

  3. Zu #3: Danke für die Nachfrage! Wir haben sie an Tanja Wolf weitergeleitet. Sie schreibt dazu:

    „Es ist richtig, dass Behörden, Unternehmen und andere Stellen ihre Unterlagen für eine bestimmte Zeit (für unbestimmte Zeit dürfen das nur Archive) aufbewahren müssen, für die Dauer der Aufbewahrungsfristen. Und das passiert in Registraturen bzw. Altregistraturen. Alternativ kann man die entsprechenden Räume auch Aktenlager nennen. Eine schöne Übersicht über die Begriffe gibt es übrigens beim Bundesarchiv: https://www.bundesarchiv.de/DE/Content/Downloads/Anbieten/Behoerdenberatung/beratungsangebote-grundl-sgv-glossar-2023.pdf?__blob=publicationFile.“

  4. Sehr schöner Beitrag! Einem SPIEGEL, der mit Millionenaufwand sein Archiv pflegt und fortführt, vertraue ich daher immer noch um ein Vielfaches gegenüber denen, die mit halbgaren Informationen aus Tiktok hausieren gehen und dies für Recherche halten.

  5. Danke für diese Einblicke! Wie traurig, dass gerade die Berufsberaterin so ein offensichtlich falsches Bild von dem Beruf vermittelt hatte.

  6. Ich habe bei meinen Recherchen ob in Wien, Lwiw (mit Hilfe eines (Dolmetschers) oder Bielefeld, wo ich lebe, immer sehr sachkundige, hilfsbereite und freundliche Menschen getroffen. Es war eine Freude mit ihnen zu reden. Und meistens kamen am Ende noch Tipps heraus, wo man eventuell noch fündig werden könnte. Danke für diese schöne Darstellung.

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