Podcast-Kritik (95)

„The Trojan Horse Affair“: Ein Lehrstück über Journalismus und Recherchen

Nicht nur das Jahr 2022 neigt sich dem Ende zu, auch die Podcast-Kritik bei Übermedien – nach dreieinhalb Jahren und 95 Ausgaben. Ich habe das Glück, sowohl die erste als auch die letzte Ausgabe dieser Kolumne zu schreiben. Um das auszukosten, erlaube ich mir deswegen ausnahmsweise noch einen letzten kurzen Schlenker:

In der allerersten Podcast-Kritik hatte ich 2019 beklagt: „Ernsthafte Besprechungen, die einzelne Podcasts, einzelne Episoden oder auch das Medium als Ganzes ernst nehmen – die sind leider bis auf wenige Ausnahmen noch Mangelware.“ Drei Jahre später muss ich feststellen: An diesem Mangel hat sich nichts geändert. Leider. Ich hätte mir mehr Konkurrenz für diese Kolumne gewünscht.

Die Podcast-Branche hat sich zwar extrem professionalisiert. Quantität und Qualität haben zugenommen. Aber die Kritik und Besprechung von Podcasts ist nicht im gleichen Maße professioneller, diverser, breiter, ausführlicher und intensiver geworden. Im Gegenteil: Wie Podcasts medial wahrgenommen werden, wird vor allem vom Marketing einiger weniger Produzent*innen geprägt. 

Ja, Podcasts werden mittlerweile häufiger in den Medien thematisiert. Aber viel zu oft sind es oberflächliche „Hörtipps“, zusammengeschustert aus Pressemitteilungen und flüchtigen Eindrücken. Die tiefe und vor allem kritische Auseinandersetzung mit Podcasts ist rar. Die Podcast-Kritik bei Übermedien war für mich persönlich deswegen eine einzigartige Chance. Sie selber zu schreiben, aber auch die Kritiken meiner Kolumnen-Partner*innen Marcus Engert und später Larissa Vassilian zu lesen. Weswegen ich die Podcast-Kritik hier bei Übermedien sowohl als Kolumnist sowie als Podcast-Hörer sehr vermissen werde.


"The Trojan Horse Affair" überzeugt unseren Podcast-Kritiker mit einer spannend-erzählten Recherche und dem Streitgespräch der beiden Reporter.

2022 ist ein sehr gutes Jahr für journalistische Podcasts gewesen. Selten gab es in der deutsch- und englischsprachigen Podcast-Landschaft so viele Produktionen, die aufwendig recherchiert, erzählt und produziert waren. Der monothematische Mehrteiler ist inzwischen vom Luxusartikel zum Standardrepertoire vieler Medienhäuser geworden.

Der US-Podcast „The Trojan Horse Affair“ hat in Deutschland erstaunlich wenig Wellen geschlagen. Was verwundert, denn dahinter steckt das Team von „Serial“ und „S-Town“, das seit 2020 zur „New York Times“ gehört. Andererseits ist „The Trojan Horse Affair“ weder besonders zugänglich noch besonders bequem für seine Hörer*innen. Ich halte ihn trotzdem für einen der besten Podcasts des Jahres. Und für den medienjournalistisch interessantesten.

Ein anonymer Brief mit Folgen

Die namensgebende „Trojan Horse Affair“ ist ein Skandal in Großbritannien, der keiner war. Ende 2013, Anfang 2014 zirkulierte ein anonymer Brief in Birmingham. Eine Art Bekennerschreiben zu einer angeblichen Verschwörung, der „Trojan Horse Operation“, einer verdeckten Mission: Der Brief beschrieb, wie staatliche Schulen erst in Birmingham angeblich infiltriert und „islamisiert“ werden sollten – und dann landesweit.

Die Verschwörung hat es nie gegeben. Konsequenzen gab es trotzdem. Weil der Brief mit seiner Erzählung medial zu wenig hinterfragt und von Politikern wie Michael Gove bereitwillig instrumentalisiert wurde. Erst in der Stadt Birmingham, dann in ganz Großbritannien löste das Schreiben eine hyperventilierende Debatte aus, die rassistische und islamophobe Ressentiments bediente.

Es folgten vier offizielle Ermittlungen, Entlassungen von Lehrkräften, die Bildungspolitik wurde nachhaltig verändert. In der aufgeheizten Stimmung ging allerdings eine wichtige Frage verloren: Wer hat den Brief eigentlich geschrieben? Und warum? Jahre später ist das immer noch nicht klar.

Auftritt der beiden Reporter: Hamza Syed, Mediziner und Journalismus-Student, stammt aus Birmingham. Er trifft in seiner Heimatstadt Brian Reed, bekannt aus „This American Life“ und Host von „S-Town“. Syed will herausfinden, wer den „Trojan Horse Letter“ geschrieben hat und er schafft es, Reed für sein Vorhaben zu gewinnen.

Recherche-Reise von der Mündung zur Quelle zum Fluss-Nebenarm

Es gibt in diesem Podcast keine plumpen Vorgriffe und Chronologie-Abweichungen, um künstlich Dramatik und Spannung aufzubauen. Die Recherche funktioniert als klassische Detektivgeschichte, die an jeder Station fragt: Was ist hier passiert?

Die Reise beginnt bei Tahir Alam, der verdächtigt wurde, die „Trojan Horse Operation“ in Birmingham geplant zu haben. Wir erfahren, wie der anonyme Brief erst an die Behörden und dann an die Öffentlichkeit kam – und der Skandal seinen Lauf nahm.

Von da an folgen wir den wahnwitzigen Irrungen und Wirrungen der „Trojan Horse Affair“ durch die Institutionen. Wir lernen den Skandal kennen mit seinen Gewinnern und Verlierern, besorgten und berechnenden Akteuren. Bei sogenannten Recherche-Podcasts leider eine Betonung wert: Syed und Reed decken tatsächlich neue Erkenntnisse auf, die selbst die britischen Medien in den acht Jahren seit dem Skandal nicht gefunden hatten.

Im Galopp durch Szenen, Gespräche, Interviews

Die vielen kleinteiligen Recherche-Ergebnisse und Stationen werden oft zusammengefasst. Was auch nötig ist, um beim Hören nicht den Überblick zu verlieren. Hier vermittelt der Podcast ein gutes, weil ehrliches Bild von Recherche-Prozessen: Übersicht und Chaos, große Fragen und kleine Details. Wissen, das sich durch neu gefundene Kontexte verändert. Die besten Podcast-Momente wecken Erinnerungen an ikonische Recherche-Filmmomente bei „Spotlight“ und „All The President’s Men“.

Der Podcast reist unermüdlich den Hinweisen hinterher, der Weg ist dabei so wichtig wie das Ziel selbst. „The Trojan Horse Affair“ nimmt sich zu Beginn viel Zeit für die Einbettung und schaut aus der Vogelperspektive auf die Einwanderungsgesellschaft, die Stadt Birmingham und die Probleme in der Bildungspolitik. Denn es geht um eine grundsätzliche Frage: Wie und warum funktionieren Narrative wie die einer heimlichen „Islamisierungsverschwörung“ so gut? Wie ist ihnen zu begegnen, auch journalistisch?

In Dichte, Detailreichtum und Meta-Reflektion ist die Erzählung bei „The Trojan Horse Affair“ eher untypisch für das „Serial“-Team. Die entwaffnenden Momente in Interviews zum Beispiel stehen vergleichsweise oft für sich und werden nicht erklärt: Die hyperkorrekten Antworten der Politik, das beredte Schweigen von Behörden, die rassistischen Untertöne einzelner Gesprächspartner. Der Podcast vertraut darauf, dass seine Hörer*innen so tief in die Geschichte investiert sind, dass sie diese Momente alleine „lesen“ können.

Der Podcast springt dermaßen gut komponiert und virtuos durch Szenen, Gespräche, Interviews und Reflektionsmomente. Ein Hörvergnügen, aber ein anspruchsvolles. Das durch sein fast atemloses Tempo, die vielen Personen und Orte nicht viel Ablenkungen nebenbei erlaubt.

Hamza Syed & Brian Reed: Ein ungleiches Podcast-Duo

Während viele Gesprächsfomate auf Gemeinsamkeit und Harmonie ihrer Hosts bauen, lebt „The Trojan Horse Affair“ von den Unterschieden zwischen den beiden Reportern und ihrer komplexen Beziehung: der britische Muslim aus Birmingham, der die Auswirkungen des Skandals selber spürt – und der ahnungslose Amerikaner; der Arzt, der gerade Journalismus studiert – und der erfahrene, preisgekrönte Journalist; der ungeduldige, leidenschaftliche Syed – und der ruhige, zurückhaltende Reed. Syed, Person of Color in Großbritannien. Reed, der Weiße Amerikaner zu Besuch.

Die Podcast-Serie ist beiläufig auch die Dokumentation eines persönlichen Kennenlernens, einer Freundschaft auf Augenhöhe und einer Mentor-Schüler-Beziehung mit wechselnden Rollen. Wer als Hörer die Haupt-Handlung und die Recherche des Podcasts nicht spannend genug findet, bekommt hier einen zweiten Erzählstrang geboten.

Brian Reed erklärt Hamza Syed manchmal etwas oberlehrerhaft journalistische Arbeitsweisen. Dafür spiegelt Syed ihm in anderen Situationen deutlich zurück, wie wenig bewusst sich Reed seiner Privlegien ist. Der Journalist Reed, der mit Mikrofon bewaffnet, im Auto vor dem Haus einer Quelle wartet? Kein Problem, das sich bei Passanten nicht mit Charme wegerklären ließe. Der Journalist Syed in derselben Situation? Für Passanten ein Störfaktor, der „Ich rufe gleich die Polizei“-Reflexe auslöst.

Dokumentation eines Skandals – und journalistischer Arbeit

„The Trojan Horse Affair“ gelingt nicht nur eins der besten Porträts in Podcast-Form, sondern gleich zwei. So komplex und ehrlich wie Syed und Reed hier als Reporter in ihrem Alltag gezeichnet werden, sind sie eben nicht die Superhelden eines Epos, das Journalist*innen in Recherche-Podcasts sonst gerne über sich selbst erzählen. Das ist für sich genommen schon eine dokumentarische Meisterleistung.

Der gegenseitige Realitätscheck ist teils hörbar schmerzhaft, aber nie böswillig. Es ist aber auch die lustigste Arbeitsbeziehung, die sich zwischendurch mit selbstironischen Sherlock-Watson-Anspielungen auf die Schippe nimmt. Wir hören beide Reporter mal scheitern, mal profitieren. „The Trojan Horse Affair“ bewertet das nicht. So streift der Podcast ganz beiläufig fast jede journalistische Grundsatzdiskussion: das Nähe-Distanz-Problem, die Frage der Perspektive (Was ist subjektiv? Was ist objektiv? Kann man neutral sein?) sowie Machtstrukturen der Gesellschaft, die sich auch im Journalismus reproduzieren.

„The Trojan Horse Affair“ ist ein Lehrstück über das journalistische Selbstverständnis. Fragen, die einen ganzen Berufsstand seit einigen Jahren bewegen, werden hier in einem Podcast durch nur zwei Personen verhandelt. Syed und Reed argumentieren kontrovers, aber herzlich. Eine unbedingte Hör-Empfehlung für alle, die sich für Journalismus und das (Selbst-)Bild von Journalist*innen interessieren.


Podcast: „The Trojan Horse Affair“ von „Serial Productions“ und der „New York Times“

Episodenlänge: 8 Folgen, jeweils circa 50 Minuten

Offizieller Claim: Who wrote the Trojan Horse Letter?

Inoffizieller Claim: Die Abenteuer von Sherlock Holmes Brian Reed und Dr. Watson Hamza Syed

Wer diesen Podcast mag, hört … „Wind of Change“; „Cui Bono“


Das war die letzte Ausgabe unserer Podcast-Kritik. Auch wenn die regelmäßige Kolumne endet, werden wir in Zukunft weiterhin über Podcasts berichten und sie als Genre ernst nehmen. Larissa Vassilian und Sandro Schroeder werden in der Woche vor Weihnachten zu Gast sein in unserem Podcast „Holger ruft an…“ und noch einmal ausführlich über Podcasts und diese Kolumne reden. Wir danken den beiden und Marcus Engert für die vielen anregenden, tiefgründigen und kritischen Besprechungen! [Ü]

9 Kommentare

  1. Podcast? Warum sind eigentlich die Telefoninterviews von Holger Podcasts? Reicht es für einen Podcast aus, jemand anderen mehr oder weniger was zu fragen?

    Zum Ende der Podcast-Kolumne: Warum wird er denn beendet? Fehlt das Interesse der Leser/ Leserinnen?

  2. Lieber Sandro, ich kann kaum in Worte fassen, was deine Empfehlungen für einen Einfluss auf meinen Alltag in den letzten Jahren hatten. Da ich wenig affin für bunte, laute, glitzernd blinkende Podcasts bin habe ich die Kolumne hier extrem schätzen gelernt. Dabei hat sich eine Art Vertrauensverhältnis entwickelt, als sich herausstellte, dass sehr viele deiner Empfehlungen bei mir ausserordentlich gut angekommen sind. Ich bin daher etwas in Panik wie ich in Zukunft weiter an meine Perlen komme.
    Dir, lieber Sandro, jedenfalls vielen Dank, alles Gute und viel Erfolg auf deinen Wegen!

  3. Schade, dass die Serie beendet wird. Und danke für die vielen Empfehlungen (also wenn man von den gut besprochenen Podcasts ausgeht.)

  4. Sandros Podcastkritik war für mich stets ein zuverlässiger Wegweiser durch den Podcastdschungel, durch diese Serie habe ich Zugang zu vielseitige seriöse Infos und Diskurse bekommen, danke dafür.
    Ist das wirklich eine endgültige Entscheidung, die Serie zu beenden, oder kann ein massenhafter Aufstand derAbonnent:innen dagegen noch zu einer Entscheidungskorrektur und Fortsetzung führen ?

  5. Kann mich nur anschließen: Vielen Dank für großartige Hinweise, kluge Besprechungen und Horizonterweiterungen!

  6. Schade. Ich habe mit eurer Hilfe die Podcast-Welt entdeckt. Wenn es keine Konkurrenz und keinen Nachfolger gibt: Was machen wir jetzt ohne euch?

  7. Und wieso wird die Kolumne/ Serie jetzt beendet? Dazu wüsste man schon gerne mehr. Mit scheint, dass bei manchen, die die Redaktion erweitert haben, eher Masse als Klasse im Vordergrund stand. Ich bin weg von „bei Übermedien ist alles so gut, dass es sich immer lohnt zu lesen“ hin zu „da muss man erst mal den/die autor*in checken und sich dann überlegen. Die Kolumne hier war zumindest immer eine gute Inspiration

  8. Der erste Teil dieses Artikels (in Kursivschrift) ist irritierend widersprüchlich. Habe das kopfschüttelnd gelesen und dann noch einmal. Habe es aber nicht verstanden.
    Ja, auch ich werde die Podcast-Kritik vermissen.

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