Der Umweg ist das Ziel: Der beste Podcast, um sich in einem Kaninchenbau-Labyrinth zu verlieren

Wie ein schlechtes Gerücht hätte der amerikanische Podcast „Wind of Change“ mit drei Sätzen erledigt sein können. Es kursiert ein Gerücht, das toll klingt – aber stimmt es auch?! Hier, das sind jedenfalls die Fakten dazu. Puff, die ganze Spannung ist raus.

„Wind of Change“ hätte schlimmstenfalls als eine kurze, effiziente Anekdote enden können. Aber das Gegenteil ist der Fall: „Wind of Change“ ist einer der mutigsten Podcasts in diesem Jahr und Anwärter auf den Titel des Storytelling-Podcasts des Jahres. Weil er seinem Publikum gleichermaßen viel abverlangt und zurückgibt. Und obwohl er einige Schwächen hat.

Die absurd-ernsthafte, ernsthaft-absurde Mission des Podcasts ist schnell erzählt: Hat der US-Auslandsgeheimdienst CIA wirklich – wie es ein Gerücht behauptet – den Song „Wind of Change“ geschrieben? Hat die CIA die Kitsch-Hymne subversiv benutzt, um in den Köpfen von Millionen Menschen das Ende der Sowjetunion einzuläuten? Reporter Patrick Radden Keefe begibt sich auf die Recherche, die sich von New York über Moskau und Kiev bis nach Hannover erstreckt und in einem Interview mit Scorpions-Sänger Klaus Meine gipfelt.

„Wind of Change“ ist eine opulente, gewagte Dokumentation dieser Recherche geworden. Eine journalistische Heldenreise, in der sich der Protagonist und Reporter jeden Raum und jede Freiheit nimmt. Er behandelt seine Recherche und seinen Job todernst, beweist aber auch Selbstironie und Humor.

Vorneweg: Ich habe mich entschlossen, das Ende des Podcasts und das Ergebnis der Recherche nicht in dieser Besprechung zu thematisieren. Zwar bin ich der Überzeugung, dass der Podcast durch Spoiler eigentlich nicht zu verderben ist. Aber ich hatte seit „S-Town“ nicht mehr so viel Spaß beim Hören einer Serie wie hier. Das Erlebnis möchte ich niemanden nehmen. Der eigentliche Zauber von „Wind of Change“ liegt für mich ohnehin nicht in der Leitfrage und im Rechercheziel des Podcasts begründet. Es sind vielmehr die Geschichten, die sich daraus beiläufig ergeben.

Keefe ist preisgekrönter Investigativjournalist und Autor. In „Wind of Change“ steckt unverkennbar dieselbe Liebe zur Langstrecke und zur Reportage mit Ich-Erzählung, wie sie der „New Yorker“ zelebriert, für den er sonst arbeitet. Umso eigenartiger, dass sich gleich zwei Podcast-Labels und Spotify hier zu einer Produktions-Supergroup zusammengetan haben, aber der renommierte „New Yorker“ nicht dabei ist.

Balancieren zwischen Pathos und Absurditäten

Der Podcast startet klassisch, mit der Reporter-Motivation: Wie habe ich diese Story gefunden und warum bin ich dran geblieben? Es ist die selbstironische Erzählung, in der Keefe einräumt, dass viele seiner Themenideen auf die guten Quellen seines besten Freundes Michael zurückgreifen. So auch hier: Michael kennt viele ehemalige und aktive CIA-Mitarbeiter, hört bei einem Abendessen aus zweiter Hand das interne Gerücht, die CIA hätte diesen Song geschrieben, und schickt seinem Investigativjournalisten-Freund eine E-Mail. Keefe sagt – so gehört sich das für ordentliches Investigativ-Storytelling schließlich – diese E-Mail habe sein Leben verändert. Michael räumt da nur lakonisch ein: „I’m sorry!“ und bricht in Lachen aus.

Die Szene ist nur ein Beispiel, wie der Podcast ständig zwischen Pathos und Absurdität balanciert. Der Drahtseilakt macht beim Hören Spaß – und ist manchmal die gesunde Satire, die zu ernsten oder zu klamaukigen Podcasts sonst fehlt.

Geheimdienste, Hollywood, Hard Rock

Die erste Folge erzählt, warum Michael eine glaubhafte Quelle ist und das Gerücht mehreren Menschen unabhängig voneinander plausibel erscheint. Dann folgen bereits meine persönlichen Highlights des Podcasts: Die zweite Folge zeigt die überraschend zahlreichen Parallelen zwischen Geheimdienstarbeit und künstlerischer Inszenierung auf. Beleuchtet die Schnittstelle zwischen Hollywood und CIA. Erklärt nebenbei noch leichtfüßig, wie das US-Informationsfreiheitsgesetz FOIA als Grundlage für journalistische Recherche funktioniert und wie Behörden wie die CIA berechtigte Anfragen torpediert.

Das alles schafft die Grundlage für eine spektakuläre dritte Folge: Keefe zeigt zuerst an älteren Beispielen, wie Kultur im Kalten Krieg zur Geheimwaffe wurde: Wie Louis Armstrong und Nina Simone von der US-Regierung eingespannt wurden, um in Afrika das Image und den Einfluss der USA zu verbessern. Während Louis Armstrong offiziell im Auftrag des Außenministeriums reiste, wurde Nina Simone durch eine Tarnorganisation der CIA unfreiwillig und unwissentlich benutzt.

Dann springt die Episode in die 70er, als ein Kulturattaché in der US-Botschaft in Moskau erfolgreich den Kreml überzeugt, eine amerikanische Rock-Band in Russland spielen zu lassen. Als die „Nitty Gritty Dirt Band“ dann in Russland tourte, wurde sie von einem CIA-Mitarbeiter begleitet, der Verbindungen zu den „Scorpions“ hat. Und natürlich treibt der Podcast den CIA-Mitarbeiter im Ruhestand auf. Wer Geheimdienste, Spionage und Agent*innen ansatzweise spannend findet, ist spätestens jetzt chancenlos dem Sog von „Wind of Change“ ausgeliefert.

Neugierig auf alles

Ästhetisch ist es ein fast schon literarischer Journalismus, manchmal ein bisschen steif, anachronistisch langsam erzählt, aber genau deswegen so reizvoll. „Wind of Change“ erinnert mich hier angenehme an den fast schon romanhaft erzählten „S-Town“-Podcast. Mit epischer Länge und langen Erzählbögen, teils über mehrere Episoden, ganz ohne Punchline-Feuerwerk, sondern immer detailverliebt in Formulierungen und Sprachbildern. Mit guten, unterhaltsamen, menschlichen Interviews. Mit vielen Nebenhandlungen, die auf den ersten Blick nichts mit der eigentlichen Leitfrage zu tun haben. Auch nicht auf den zweiten. Manchmal nicht einmal auf den dritten.

Hier polarisiert der Podcast: Wann werden Figuren und Anekdoten nur noch für den Effekt eingeführt, nicht für das Ergebnis? Man kann es mögen oder hassen: „Wind of Change“ wirft Steine in einen See – und schaut, wohin die Kreise ziehen. Für mich hat das im besten Sinne eine hypnotische Wirkung. Nicht falsch verstehen: Jede dieser Nebenhandlungen ist spannend und aufschlussreich. Da sind Drogenschmuggler, die zu Musikmanagern werden. Rockclubs unter den Augen des KGB in Moskau. Ein Anti-Drogen-Festival mit lauter drogenabhängigen Künstlern. „Wind of Change“ zelebriert themenunabhängige Neugierde und nutzt das Medium Podcast, diese Leidenschaft ordentlich auszuleben.

Spektakulär ist die Produktion dabei nicht in dem Sinne, dass es atemberaubende Live-on-Tape-Momente oder künstlerisch anspruchsvolle Klanggemälde gäbe. Spektakulär ist, wie eine trockene Recherche mit Archiv-Material, Interviews und Gesprächen lebendig werden kann. Mit einer fesselnden Erzählung, meisterhafter Dramaturgie und einem virtuosen Umgang mit Musik.

Propaganda oder Aufklärung?

Angesichts des manchmal für europäische Ohren unangenehmen Patriotismus bei „Wind of Change“ drängte sich mir nach drei Folgen auch die Frage auf: Was ist eigentlich, wenn der vermeintlich aufklärerische Podcast hier unfreiwillig Teil einer Selbstinszenierung und Marketingkampagne der CIA wird? Ist es nicht im genau im Sinne der CIA, die eigene Mythosbildung zu befeuern und ein zumindest aus CIA-Perspektive äußerst schmeichelhaftes Gerücht noch weiter zu füttern? „Hey, wir haben mit einem geschmacklosen Song eine weltpolitische Veränderunge eingeläutet!“

„Wind of Change“ lässt den Hörer lange Strecken allein mit zahlreichen Zumutungen und offenen Fragen – bis in Folge 7 viele dieser Fragen zum ersten Mal explizit thematisiert werden. Reichlich spät. Schwierig finde ich auch die manchmal kuschelige Nähe zu Geheimdiensten und der Umgang mit den vielen anonymen Stimmen. Stellenweise fühlte ich mich eher wie in einem Agentenfilm, in dem keine Grundsatzdiskussionen mehr über Sinn und Unsinn von Geheimdiensten erlaubt sind.

So gibt es in Folge 4 ein Gespräch mit einer ehemaligen Geheimdienstmitarbeiterin, die mit dem klassischen Geheimdienst-Argument ungeschoren davonkommen darf: Es wäre nicht im Interesse der Öffentlichkeit zu diskutieren, was Geheimdienste tun oder möglicherweise tun. Weil schon die Diskussion bereits die Wahrnehmung der Geheimdienste und ihrer Länder verändern könnte. Häufiger schwingt beim Host eine fast schon unkritische Faszination für die Gesprächspartner*innen aus Geheimdienstwelt mit – dazu hätte auch ein wenig Geheimdienst-Kritik gut gepasst.

Stellenweise lässt „Wind of Change“ sein Publikum erst zynisch und dann apathisch werden, besonders in der zweiten Hälfte. Parallel zum Podcast-Hören läuft dann automatisch ein Gedankenexperiment: Wenn selbst vermeintliche Sicherheiten nicht so sind, wie sie scheinen – wenn die Scorpions ihren erfolgreichsten Titel nicht selber geschrieben haben, sondern die CIA – was ist dann überhaupt noch „echt“? Soll ich dann einfach immer alles hinterfragen – oder einfach gar nichts mehr hinterfragen? Der Podcast lässt sein Publikum damit für kurze Zeit erleben, wie zersetzend politisches Gaslighting sein kann. Und wie leicht es ist, in faszinierende Verschwörungstheorien hineinzustolpern. Der Podcast demonstriert eigentlich viel besser das Rabbit-Hole-Phänomen, das obsessive Abtauchen in Mini-Universen, als der nach dem Phänomen benannte „Rabbit Hole“-Podcast der New York Times.

„Wind of Change“ demonstriert, wie fundamental verunsichernd es ist, wenn Fakten fehlen oder keine Rolle mehr spielen und nur noch konkurrierende Narrative übrig bleiben. Insofern ist der Podcast eine extrem unterhaltsamse Kalte-Krieg-Dystopie, die erstaunlich viele Anknüpfungspunkte für die Gegenwart bietet.


Podcast: „Wind of Change“ von Pineapple Street Media, Crooked Media, Spotify
Episodenlänge: 8 Folgen, jeweils circa 40 Minuten
Offizieller Claim: „Spies. Secrets. Soviets. And tight leather pants.“
Inoffizieller Claim: Rote Pille oder blaue Pille, Kalter-Krieg-Edition

Wer diesen Podcast hört, hört auch: „S-Town“; „The other Latif“; „Missing Richard Simmons“

Ein Kommentar

  1. Eine Bitte: Vielleicht könnte man in den Infos noch die Sprache ergänzen, in der der Podcast spielt. Zwar höre ich gerne mal in englischsprachige Podcasts rein, aber die funktionieren halt nicht „nebenbei“ wie deutsche Produktionen. Von denen es übrigens auch genügend gibt, es müssen ja nicht unbedingt amerikanische Produktionen sein …

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