Podcast-Kritik (88)

„Winnetou ist kein Apache“: Die Karl-May-Debatte und der innere Konflikt des Festspieldarstellers

Der Podcast "Winnetou ist kein Apache" fragt: Sind Karl-May-Spiele noch zeitgemäß?

„Mein Name ist Karl May. Alles was ich erzähle, habe ich selbst erlebt. Und ich versichere, es ist wahr“, sagt eine tiefe Stimme im Intro des sechsteiligen Podcasts „Winnetou ist kein Apache“. Doch Ben Hänchen, der durch die MDR-Produktion führt, unterbricht ihn und stellt klar: May ist ein „sächsischer Märchenonkel“, der „dritte Gebruder Grimm“. Seine Geschichten sind frei erfunden. Hänchen ist emotional, wenn er das sagt. Und das hat einen Grund.

Es begann 1993 als Schulprojekt. Heute sind es die kleinsten Karl-May-Festspiele Deutschlands im sächsischen Bischofswerda. Und mittendrin seit seiner Kindheit: Ben Hänchen. „Ich war hier Old Shatterhand, ich war hier Winnetou, ich war hier schon jeder Bösewicht, der man sein kann“, erzählt er. Es seien seine schönsten Kindheitserinnerungen. Bis heute spielt er mit.

Im richtigen Leben ist Hänchen Kulturredakteur beim MDR. Er ist kritischer geworden – auch mit sich selbst. Ist es richtig, was sie da auf der Bühne tun? Ist es noch zeitgemäß, historische Tatsachen zu verdrehen oder gar zu ignorieren? Und kann man Karl-May-Spiele überhaupt so ausrichten, dass sie ohne plumpe Klischees über indigene Völker auskommen; ohne dass die Personen, um die es geht, verletzt werden? Oder gehört das alles abgeschafft? Der Podcast ist die Suche nach Antworten auf die Fragen, die Ben Hänchens Bauch schon länger stellt.

Ben Hänchen beginnt den Podcast mit einem Monolog, während er über die Festspielbühne läuft. „Wir spielen hier Cowboy und Indianer, das Gute gewinnt, das Böse verliert. Eigentlich wissen wir es besser, wir wissen von den Problemen in den Reservaten, die es bis heute noch gibt.“ Er habe immer häufiger Bauchschmerzen bei der ganzen Sache. Seine Gedanken reflektiert er mit Co-Autorin Linda Schildbach, die eine eindeutige Meinung vertritt: „Das kannst du 2022 nicht mehr bringen, (…) die Gründe reichen von kultureller Aneignung bis Rassismus“.

 

Nachdem diese Positionen geklärt sind, arbeitet der Podcast Punkt für Punkt das ab, was eigentlich falsch läuft, wenn wir in Deutschland die Stücke von Karl May aufführen. Das fängt schon bei der Begrifflichkeit an. „Indianer“ ist nicht der korrekte Ausdruck, das wissen mittlerweile alle. Aber bei Karl May waren es eben noch die „Indianer“. Also einigen sich Ben Hänchen und Linda Schildbach darauf, im kulturellen Kontext bei „Indianer“ zu bleiben, das Wort aber ansonsten durch „Indigene“ zu ersetzen oder eben gleich konkret zu benennen, um wen es gerade geht. Ebenso geht es um „Blackfacing“ bzw. „Redfacing“, also darum, sich als weißer Schauspieler mit schwarzer oder auch roter Farbe anzumalen, um stereotyp Afroamerikaner oder indigene Menschen darzustellen.

Vater-Sohn-Konflikt

Die Recherche-Reise beginnt bei Schauspieler Alexander Klaws, der bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg den Winnetou gibt und mit Sascha Hehn und Katy Karrenbauer dort auf der Bühne stand. Dass Klaws es für unmöglich hält, über eine Absetzung der Festspiele nachzudenken, ist erwartbar. „Wir ehren das, was die Native Americans getan haben und wir lassen nicht nur die Weißen gut aussehen, um es mal so plump zu sagen.“

Interessanter wird es, als Drew Hayden Taylor zu Wort kommt. Er ist ein kanadischer Autor und Dokumentarfilmer und war für seine Doku „Searching for Winnetou“ in Deutschland unterwegs. Taylor ist selbst indigener Abstammung und für ihn ist klar: die deutschen Festspiele seien respektlos, man solle sie unbedingt neu bewerten.

Die O-Töne aus den Interviews werden unterbrochen vom Zwiegespräch zwischen Ben und Linda. Sie ordnen die Informationen ein, sortieren sie neu, bewerten sie im Hinblick auf die grundlegende Frage, die der Podcast stellt. Besonders spannend: Ben Hänchens Vater Uwe ist der Regisseur der Karl-May-Festspiele in Bischofswerda. Es ist also auch eine Geschichte über einen Konflikt zwischen Vater und Sohn. Und genau das sind für mich die stärksten Minuten des Podcasts: zum einen die Gespräche zwischen den beiden, zum anderen die Gedanken, die Ben ins Mikrofon spricht, wenn er alleine ist. Dann kann ich nachvollziehen, dass zwei Herzen in seiner Brust schlagen. Dass es hier auch um die eigene Kindheit geht, um große Gefühle.

Und um das Lebensprojekt seines Vaters. Der zieht eine erstaunliche Parallele: „Das ist dann ähnlich wie das Ende der DDR. Dass die Art, wie wir gelebt haben, damit in Frage gestellt war und man sich damit auseinandersetzen muss und dann das Neue in Angriff nehmen muss und damit irgendwie klarkommen muss. So wäre das mit dem Wegfall der Karl-May-Spiele auch.“ Wenn der Sohn aufhören würde, mitzumachen, würde er es nicht verstehen, sagt er. Aber er würde es akzeptieren. Aber wird Ben wirklich aufhören?

Was ist eigentlich kulturelle Aneignung?

Der Podcast hält immer wieder inne, um Begriffe wie den der „kulturellen Aneignung“ zu erklären und einzuordnen. Der Podcast holt dadurch sowohl die Menschen ab, die sich über all diese Themen noch gar keine Gedanken gemacht haben, als auch jene, die die Debatte schon länger verfolgen. Dafür haben die Hosts auch mit Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal gesprochen, die erklärt, welche Geschichte und Bedeutung „cultural appropriation“ hat. Wie schwer es sei, wenn es nicht mehr um beispielsweise Kunstgegenstände geht, die in Kolonialzeiten gestohlen und in unseren Museen ausgestellt sind. Sondern um Dreadlocks oder eben um Winnetou-Geschichten auf der Bühne.

An manchen Stellen wirkte mir das Zwiegespräch zwischen Linda und Ben zu sehr geskriptet. Das ist in amerikanischen Podcasts zwar gängig und sollte eigentlich nicht mehr stören. Hat es mich aber dennoch. Auch ansonsten folgt der Podcast der amerikanischen Erzählweise, versucht den Reportagecharakter von beispielsweise „WNYC Radiolab“ einzufangen. Da ist dann auch mal die Regisseurin beim Toncheck zu hören oder das Einwahlsignal der Videokonferenz-Software. Dadurch habe ich als Hörerin das Gefühl, bei der Suche nach den Antworten dabei zu sein.

Für mich als Amerikanistin war besonders wertvoll, dass der Podcast auch auf die Kulturen der indigenen Völker eingeht. Erklärt, dass Stammesbezeichnungen in unserer Übersetzung oft abwertend sind. Das für uns positiv und stark klingende Wort „Apache“ ist eigentlich ein Schimpfwort, „fremder Feind“ oder „Idiot“ statt strahlender, stolzer Held. Aus Unwissenheit plappern wir also heute munter falsche Dinge nach, die andere Menschen beleidigen. Gut, dass darüber gesprochen wird.

Unterschieden wird auch die Kritik an den alten Büchern von Karl May und die an den heute immer noch stattfindenden Festspielen. In Folge vier geht es auch um die berühmten Winnetou-Filme der 60er-Jahre, die mit ihrer Musik und mit dem Franzosen Pierre Brice als Winnetou das Bild der Winnetou-„Indianer“ prägten, das wir heute im Kopf haben. Und nach dem sich bis heute Festspiele in ganz Deutschland richten.

Wichtige Perspektiven

Während des Podcast-Hörens kann ich mir selber meine Meinung bilden, kann Dinge nachvollziehen oder ablehnen. Das ist an sich gut. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Perspektive der Betroffenen. Das Thema wird nicht nur aus Sicht der weißen, sächsischen Winnetou-Fans beleuchtet. Es kommen auch die Menschen zu Wort, die hier dargestellt werden sollen – und zwar Indigene. Um sie muss es gehen. Und sie sagen in diesem Podcast: Nein, es ist nicht ok, so etwas heute noch auf diese Weise auf der Bühne zu zeigen.

2019 kamen rund 400.000 Menschen nach Bad Segeberg, um Winnetou zu sehen. So viele wie nie. Die meisten von ihnen haben sich wahrscheinlich gar keine Gedanken über all das gemacht, was in diesem Podcast zu Recht aufgeworfen wird. Ben Hänchen jedenfalls zieht am Ende ein Fazit, was die Zukunft seiner Winnetou-Karriere angeht. Wie er sich entscheidet, wird hier nicht verraten – aber ich kann sagen, dass es mich sehr erstaunt hat.


Podcast : „Winnetou ist kein Apache“ von MDR KULTUR

Episodenlänge: 6 x ca. 35 Minuten

Offizieller Claim: Sind Karl May-Spiele noch zeitgemäß?

Inoffizieller Claim: Es ist Zeit, vieles endlich zu überdenken.

Wer diesen Podcast mag, hört auch: „Warum denken Sie das?“ und „Akte: Raubkunst?“

2 Kommentare

  1. „„Indianer“ ist nicht der korrekte Ausdruck, das wissen mittlerweile alle.“
    ich weiß es nicht.
    Ich weiß, dass „Indian“ ein noch immer von vielen Indigenen in den USA und Kanada, vom „Indio“ in Lateinamerika ganz zu schweigen, häufig verwendete Selbstbezeichnung sowohl im Alltag wie in offiziellen Benennungen ist.
    Solche angeblichen sprachpolizeilichen Korrektheits-Festlegungen werden immer wiederholt, sind allerdings oft völlig ohne Substanz.

  2. „Das für uns positiv und stark klingende Wort „Apache“ ist eigentlich ein Schimpfwort…“ Ja, aus der Zuni-Sprache. Und „Mescalero“ ist eine Agavenart, die der Apatschenstamm, zu dem Winnetou gehören würde, angeblich besonders gerne äße. Also ungefähr auf dem Level von „Krauts“.
    Die Eigenbezeichnung war „Ndé“, was „Volk“ bedeutet.

    Dank der Diskussion interessiere ich mich schon viel mehr für amerikanische Ureinwohner als als Kind.

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