Nach den rbb-Skandalen

Die Zukunft von ARD und ZDF als Cancel-Debatte

Die Affäre um Patricia Schlesinger erschüttert den rbb – und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk insgesamt. Immer neue Vorwürfe kommen ans Licht, immer deutlicher wird, dass es nicht nur um mögliche Verfehlungen einer einzelnen Person geht.

Man kann so einen Skandal auf zwei Arten nutzen. Entweder man schaut, was man aus ihm lernen kann, damit das System besser wird – weniger anfällig für Filz, Machtmissbrauch, Selbstbereicherung. Oder man nutzt ihn als Anlass, das System zu schwächen und möglichst ganz abzuschaffen.

Viele Kommentatoren haben sich für die zweite Variante entschieden, und ihre Reaktionen dominieren schon deshalb die Berichterstattung, weil sie besonders laut sind. Für sie ist der Skandal ein willkommener Vorwand, noch einmal all das aufzuschreiben, was sie immer schon am öffentlich-rechtlichen Rundfunk auszusetzen hatten; alte Texte mit frischer Wut und neuer Dringlichkeit.

Die Logos von ARD und ZDF, teilweise ausradiert

Der Punkt, an dem aus einem Schlesinger-Skandal in der Berichterstattung ein ARD-Skandal wurde, war – etwas paradoxerweise – am vergangenen Donnerstag, als sie den ARD-Vorsitz niederlegte. Schon am frühen Freitagmorgen erschien ein Kommentar von Michael Hanfeld, dem Medienredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, in dem es nicht mehr nur um konkrete Verfehlungen und Vorwürfe ging, sondern um alles. Er schrieb über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk:

„Er ist teuer, hat Rekordeinnahmen aus dem Rundfunkbeitrag von zuletzt 8,42 Milliarden Euro, träumt schon von der nächsten Gebührenerhöhung, erzählt permanent, es sei nicht genug Geld da, bezahlt Spitzengehälter, presst noch dem letzten armen Studenten den Rundfunkbeitrag ab, hat aber genug Rücklagen für allerlei Firlefanz, folgt den Irrungen und Wirrungen einer kleinen Medienblase, verliert sein Publikum aus den Augen, jung wie alt, ist abgehoben, arrogant und zeigt sich ebenso reform- und sparunfähig wie kritikresistent. Und das in Zeiten, in denen es für viele Bürger angesichts des russischen Vernichtungskrieges gegen die Ukraine und der Folgen der Wirtschaftssanktionen beim Bezahlen der Energiekosten ans Eingemachte geht.“

Man ahnt da die Routine der Kritik. Hanfeld könnte man nachts um vier wecken, weil bei der ARD irgendwas passiert ist, und innerhalb von drei Minuten hätte er, ohne aufstehen oder groß nachdenken zu müssen, einen kompletten Kommentar dazu verfasst, im Zweifel mit diesem Generalverriss darin. Im zweiten Satz muss man halt beim Recyceln jeweils ein aktuelles Thema einfügen, aber irgendein „Und das in diesen Zeiten“-Bezug lässt sich schon immer finden, um der Einfach-alles-ist-Mist-an-ARD-und-ZDF-Aussage des ersten Satzes noch ein böses Bonus-Schillern zu verpassen.


Als die „Bild“-Zeitung in der vergangenen Woche verschiedene Leute nach ihren Reaktionen auf die Filz- und Verschwendungsvorwürfe fragte, antwortete CSU-Generalsekretär Martin Huber: „Schluss mit dem Gendern!“

Hm? Ja:

„Informieren statt umerziehen – das ist der Auftrag von ARD und ZDF. Schluss mit dem Gendern!“

Es geht also jetzt nicht darum, die richtigen Konsequenzen aus dem aktuellen Skandal zu ziehen, etwa: die internen Aufsichtsabteilungen und die externen Aufsichtsgremien zu stärken, die Regeln zu verschärfen oder Gehälter nachvollziehbar an den Öffentlichen Dienst zu koppeln. Es geht der „Bild“-Zeitung und ihren politischen und publizistischen Verbündeten darum, die öffentlich-rechtliche Konkurrenz insgesamt loszuwerden.

Am Samstag hatte „Bild“ entsprechend alles, was sich irgendwer in den vergangenen Jahren bei der ARD vermeintlich oder tatsächlich hat zu Schulden kommen lassen, zur großen „Skandal-Akte ARD“-Titelgeschichte zusammengerührt. Nicht weniger als acht „Bild“-Autoren trugen alles aus dem Archiv zusammen, was sich irgendwie skandalisieren ließ und meist schon dutzendfach skandalisiert wurde, von der Zahl der Orchester über das berüchtigte „Framing-Gutachten“ und den Konflikt mit den Verlegern über Textmengen auf öffentlich-rechtlichen Internetseiten bis hin zur Entscheidung der „Tagesschau“ vor sieben Jahren (!), den Mord an einer 17-Jährigen durch einen afghanischen Flüchtling in Freiburg nicht als großes bundesweites Thema zu behandeln. „BILD rechnet mit den Öffentlichen ab“, prahlte das Blatt, und Chefredakteur Johannes Boie kommentierte für alle, die es noch nicht verstanden hatten, daneben gleich noch: „Das Erste ist zu oft das Allerletzte“.


Wenn es gegen ARD und ZDF geht, schreiben sich viele Sätze fast von selbst. „The Pioneer“-Chefredakteur Michael Bröcker newsletterte in Vertretung von Gabor Steingart am Tag nach dem Rücktritt Schlesingers als ARD-Vorsitzende:

Nichts fürchten die öffentlich-rechtlichen Medien so sehr wie eine Debatte über sich selbst.

Über Strukturen, über Finanzierung und über den Sinn eines Angebots, das immer weniger junge Menschen konsumieren wollen.

Das klingt so plausibel, dass man beim Lesen automatisch rhythmisch mitnickt, nur hat die ARD gerade im vergangenen Jahr immerhin in einem aufwändigen Verfahren die Menschen dazu eingeladen, an genau einer solchen Debatte teilzunehmen: „ARD-Zukunftsdialog“ hieß das mehrmonatige Projekt.

Und was den Medienkonsum junger Menschen angeht: Nach der großen und anerkannten Studie „Massenkommunikation“ von ARD und ZDF stimmen immerhin zwei Drittel der 14- bis 29-Jährigen „voll und ganz“ oder „überwiegend“ der Aussage zu: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, egal ob im Radio, Fernsehen oder Internet, bleibt unverzichtbar“. Gefragt, welche Leistungen eher auf öffentlich-rechtliche oder private Medienanbieter zutreffen, wählen 14- bis 29-Jährige bei vielen Punkten die Öffentlich-Rechtlichen: „bietet Inhalte, die für die Gesellschaft wichtig sind“ (77 %), „bietet eine hohe journalistische Qualität“ (74 %), „bietet zuverlässige und glaubwürdige Informationen“ (73 %), „bietet Inhalte, die für mich wichtig sind“ (52 %). Bei den ersten drei dieser Punkte ist die Zustimmung bei den jüngeren sogar höher als bei allen Befragten.

Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine relativ hohe Glaubwürdigkeit hat wird in Studien immer wieder bestätigt. In der Langzeitstudie „Medienvertrauen“ der Uni Mainz sagten zuletzt 70 Prozent der Befragten, sie hielten das öffentlich-rechtliche Fernsehen für „sehr“ oder „eher vertrauenswürdig“ – das sind höhere Werte als für überregionale und regionale Zeitungen. Privates Fernsehen kommt auf 23 Prozent Vertrauen, Boulevardzeitungen auf sieben.

Das ZDF-Politbarometer fragt die Menschen regelmäßig, wie groß ihr Vertrauen sei, dass in öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern „wahrheitsgemäß berichtet wird“. Im April 2022 sagten 68 Prozent „sehr groß“ oder „groß“. Die Werte schwanken seit Jahren zwischen 58 Prozent (Januar 2016) und 74 Prozent (Oktober 2020).

Bittet man die Befragten, die Glaubwürdigkeit verschiedener Mediengattungen auf einer Skala von minus 5 bis plus 5 anzugeben, landen die öffentlich-rechtlichen Sender auf einen Wert von 2,1 – hinter den überregionalen und regionalen Tageszeitungen (2,5 bzw. 2,6). („Bild“: minus 2,0.)

Das bedeutet in keiner Weise, dass alles in Ordnung ist bei ARD und ZDF, dass es keine Probleme gibt, einzelne und systemische. Das ist auch keine Antwort auf die Frage, ob sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht gravierend verändern muss, wenn er überleben will.

Es zeigt nur, dass die simple Erzählung seiner Gegner, dass die Menschen, und insbesondere die jungen, ohnehin nichts mit ihm zu tun haben wollen oder seinen Wert nicht erkennen, falsch ist. Und es könnte einem vielleicht auch zu denken geben, dass ein Medium wie „Bild“, dem die meisten Menschen nicht vertrauen, so sehr gegen ein Medium kämpft, dem die meisten Menschen vertrauen.

Zum Gesambild gehört aber auch, dass laut einer Insa-Umfrage im Auftrag von „Bild“ 84 Prozent der Befragten sagten, sie seien für eine Abschaffung des Rundfunkbeitrags. Auf Nachfrage von Übermedien gab Axel Springer an, dafür seien am 5. August 1200 Personen ab 18 Jahren repräsentativ online befragt worden. Der Wert ist höher als bei früheren Umfragen, aber er ist schon lange hoch: Anfang 2016 zum Beispiel ermittelte Insa, dass 70 Prozent „Rundfunkgebühren (…) für nicht mehr zeitgemäß“ hielten.

Anscheinend halten die meisten Menschen in Deutschland den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für unverzichtbar, wollen aber nicht für ihn bezahlen. Ein interessantes Dilemma: Die Leute mögen das, was sie mit von ihnen abgelehnten „Zwangsgebühren“ ermöglichen.


„Pioneer“-Chefredakteur Bröcker lässt in seinem Newsletter keinen Zweifel, dass er das öffentlich-rechtliche System insgesamt ablehnt: „Wieso erlaubt eine freiheitliche Gesellschaft verpflichtende Gebühren für ein Angebot, das viele gar nicht nutzen wollen?“ Klingt nach einer berechtigten Frage – solange man vergisst, dass jeder und jede einzelne in unserer freiheitlichen Gesellschaft für sehr viele Dinge zahlen muss, die er oder sie gar nicht nutzen will: Spielplätze vielleicht, Parks, Autobahnen.

Das Außergewöhnliche am öffentlich-rechtlichen System ist nicht, dass hier Leute für etwas zahlen müssen, das sie nicht nutzen (wollen), sondern dass diese Zahlung im Gegensatz zu Steuern transparent zweckgebunden ist. Das ist dem Versuch geschuldet, das System möglichst staatsfern zu organisieren …

… wovon aber Bröcker nichts wissen will, wenn er von einem „staatlichen Medienangebot“ spricht statt von einem öffentlich-rechtlichen. Auch das ist ein sich in diesen Debatten immer wiederholender Effekt: Anstatt ARD und ZDF für eine mögliche Staatsnähe zu kritisieren, werden sie von Kritikern als Staatsfunk bezeichnet. Einen solchen würde man aber naturgemäß nicht besser machen, sondern am besten abschaffen.


Auf kleiner Flamme läuft die Abschaffungsdebatte um ARD und ZDF mehr oder weniger immer; jede schlechte Sendung, jede missliebige Moderation lässt sie kurz auflodern. Aber jetzt, angefeuert von dem großen rbb-Skandal, ist der richtige Zeitpunkt, Öl eimerweise ins Feuer zu schütten. „Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: Jetzt endlich abschaffen“, ruft Jesko zu Dohna von der „Berliner Zeitung“ und formuliert markig: „Warum ARD und ZDF nach Schlesinger unreformierbar sind und es nur eine Lösung gibt: das Ende.“

Tatsächlich liefert sein Artikel keine Argumente dafür, warum ARD und ZDF unreformierbar sind, sondern nur, warum es unnötig oder falsch wäre, ihn überhaupt reformieren zu wollen. Um für die Abschaffung des großen Ganzen zu plädieren, ist kein Ärgernis zu klein: Dohna empört schon, dass ein säumiger Rundfunkbeitragszahler 8 Euro Mahngebühren zahlen müsse statt 4,50 Euro, wie sie fällig wurden, als er einmal irgendwo eine größere Menge Wein bestellte und nicht bezahlte.

Auch er behauptet einfach, dass sich die „Grundversorgung“, die ARD und ZDF leisten, lediglich „auf die langsam aussterbende Gruppe der alten Menschen und vielleicht noch auf ein paar hängen gebliebene Babyboomer vom Lande“ beschränke. „Dass die meisten Menschen heute keinen Fernseher mehr haben, wird vom ÖRR einfach ignoriert.“

Das ist gleich doppelt falsch: Die allermeisten Menschen haben heute noch einen Fernseher (96,2 %), und ARD und ZDF produzieren inzwischen auch Programme für andere Ausspielwege, nicht zuletzt für jüngere Zielgruppen. Letzteres weiß auch Dohna, findet das aber falsch.


Egal. Ich fürchte, es ist einigermaßen sinnlos, in diese Debatte Fakten werfen zu wollen. Denn in Wahrheit geht es ja nicht nur ums große Ganze, sondern um noch mehr, um alles. Um die Zumutung eines von allen finanzierten Angebots: Ist das in der heutigen Welt, in der es an Content keinen Mangel, sondern einen Überfluss gibt, ein Anachronismus? Ist das in der heutigen Welt, in der es sehr viel schlechten Content gibt und guter hinter Bezahlschranken verschwindet, eine Notwendigkeit?

Die Antworten, die die meisten Menschen auf diese Fragen geben, werden sich nicht verändert haben gegenüber dem letzten, vorletzten und vorvorletzten Mal, als darüber diskutiert wurde. Die Debatte wirkt allerdings diesmal noch schärfer, weil sie neueren Empörungsreflexen folgt, in denen Menschen mit ihren Positionen nicht mehr nur in irgendwelchen Ecken stehen, sondern sich in Ecken gestellt fühlen, in die sie nicht hingehören: Die Debatte findet dann auf der schwindelerregenderen Meta-Ebene statt, ob man schon Nazi ist, nur weil man gegen „die GEZ“ ist.

Auch der Anspruch an das, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk leisten müsste, ist nochmal hochgeschraubt worden. Es geht einigen Kommentatoren nicht mehr darum, ob er gut für die Gesellschaft und die Demokratie ist oder wenigstens sein könnte, sondern ob die Demokratie ohne ihn gleich „kollabierte“.

Schon die Meinung, dass ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk in einer Demokratie „wichtig“ ist, lässt sich irgendwie skandalisieren:

Auch auf der anderen Seite wird die Fallhöhe vergrößert: „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo wird schon wissen, warum er sein Bekenntnis zu einem reformierten, aber starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk am Ende mit einer dicken Schicht Pathos auspolsterte und formulierte:

(…) er ist eine tragende Säule unserer demokratischen Ordnung, ein Weltkulturerbe der Meinungsbildung.

Das ist die unmittelbare Folge der Enthüllungen über den rbb: Alle Beteiligten haben die Einsätze in der Grundsatzdebatte erhöht.

14 Kommentare

  1. So Leute, wie der Hanfeld oder der Steingart (ja, der hat jetzt hier explizit nichts geschrieben, ich weiß), die sind doch nicht dumm. Die sind gebildet, belesen, eloquent, kulturell interessiert. Wie geht es denen, wenn sie solchen offensichtlichen Unsinn schreiben? Und wie fühlen sie sich dabei, dass ihnen andere das abnehmen? Ich könnte vor Scham nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn ich so hanebüchenen Unsinn verbreiten würde. Man sieht doch an den USA sehr genau, wie weit es kommen kann und wird.

    Der ÖRR ist großartig und eine Gebühr/Beitrag ist genau das richtige, um ihn zu finanzieren. Ich zahle die 230 Euro in Jahr gerne für HD, Stereo, Dolby, Arte, die Dritten, 3 Sat, ZDFneo, One, die Mediatheken und Audiotheken, die Radiosender, das Streaming und die Internetangebote. Für Netflix allein zahle ich ja schon knapp 150 Euro und da gibt es nichts tagesaktuelles, nichts nationales, regionales oder lokales. Apple Music Family kostet mich 180 Euro!

    Und das Privatfernsehen ist ja auch nicht kostenlos. HDplus alleine kostet 75 Euro im Jahr. Plus die ganze Werbung, die den Kreativen verachtenden Momente, wann Werbung kommt, was für Werbung usw. usf. und die ganzen lustigen Apps…vom privaten Dudelfunk („er hat Staatsfunk gesagt“) wollen wir gar nicht sprechen.

    Glauben diese konservativen Sturmgeschütze wirklich, dass jemand das Geld, das er nicht für „die GEZ“ bezahlt, dann in diese unsäglichen FAZ+Abos steckt? Oder gar eine Zeitung kauft? Nie im Leben, eher wird DAZN, Sky oder MagentaTV noch teurer. Disney+ hat gerade in USA um 38 % erhöht. Oder man darf auch dort Werbung sehen. Ein deutscher Fußballfan, der alle Spiele sehen können will zahlt 700 Euro dafür. Das sind zweieinhalb ÖRRs!

    Ich glaube, dass mehr gebührenfinanzierte Angebote besser wären z.B. beim ÖPNV, Telefonie und Internetzugänge, Strom, Wasser, Gas.

  2. Unverzichtbar, wollen nicht bezahlen, hier der Artikel (Abo) – das hat mich schon zum schmunzeln gebracht.
    Wenn man die Schreihälse nach Lösungen fragt, wird es deutlich ruhiger. Die einen wollen am liebsten einen echten Staatsfunk (afd), die meisten aber einfach nur etwas kaputt machen (oder weniger Konkurrenz).

    Ich fande die Aufarbeitung des RBB Skandals bisher absolut vorbildlich, hat mein Vertrauen in die ÖR eher erhöht.

  3. So ein bisschen kann man diese Rhetorik auch durch Bots und Algorithmen bedienen.
    Wozu braucht die BILD eigentlich noch eine teure Redaktion?

  4. @#1: „So Leute, wie der Hanfeld […] sind gebildet, belesen, eloquent, kulturell interessiert. Wie geht es denen, wenn sie solchen offensichtlichen Unsinn schreiben? Und wie fühlen sie sich dabei, dass ihnen andere das abnehmen?“

    Bildung, Intelligenz etc. haben keinen Einfluss auf das Welt-/Menschenbild und können daher auch nicht verhindern, dass sich jemand absonderlichen Verschwörungstheorien zuwendet. Die Frage ist mMn ziemlich einfach zu beantworten: Es geht ihnen gut, weil sie glauben, was sie schreiben.

    Heutzutage hat jeder schnell den Begriff der Lüge als Vorwurf bei der Hand. Bestes Beispiel war der Umgang mit Trump, dem mal jemand 30.000 Lügen oder so nachgewiesen haben will (wenn ich mich richtig entsinne). „Lügen“ heißt aber nicht einfach „die Unwahrheit sagen“, sondern „wissentlich die Unwahrheit“ sagen und daher sind solche Vorwürfe hochgradig kontraproduktiv. Ich glaube sofort, dass Trump 30.000 mal die Unwahrheit gesagt hat, nie im Leben glaube ich, dass er 30.000fach gelogen hat. Kein Mensch könnte ein derartiges Lügengebilde leben. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die genannten Personen nicht glauben, was sie schreiben, weil das psychisch niemand dauerhaft durchstehen kann.

    „Ich zahle die 230 Euro in Jahr gerne“ Der Satz fällt in der Debatte immer wieder und auch der ist kontraproduktiv, weil es ziemlich anmaßend ist, anderen seine persönlichen Präferenzen aufzwingen zu wollen. Ich zahle für andere Dinge sehr gerne, deswegen verlange ich noch lange nicht, dass andere das auch tun müssen.

    Es gibt gute Argumente für die Gebühren, „ich zahle gerne“ ist aber kein gutes Argument, sondern einfach gar kein Argument. Natürlich kommt sich jeder Gebührengegner verhohnepippelt vor, wenn er das unter die Nase gerieben bekommt.

  5. @Mycroft: Es geht ausnahmsweise nicht um die Verfehlungen der BILD, sondern um Frau Schlesinger vom RBB, um die ARD und den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
    @Simon H.: Die Aufarbeitung des RBB Skandals wäre ohne die Berichterstattung das Springer-Erzeugnisses „Business Insider“ gar nicht möglich gewesen. Der RBB hätte von sich aus diesen Skandal niemals aufgedeckt.
    @SvenR: Schön, dass Sie den ÖRR großartig finden und gerne die Rundfunkgebühr zahlen. Andere finden ihn nicht großartig und bezahlen praktisch für Sie mit. Würden nur die zahlen, die zufrieden sind, müssten sie mindestens das Doppelte bezahlen.

  6. @Bernhard #4: Ich dachte,, es wäre klar, warum ich das gerne zahle, weil ich beschreibe, was ich dafür bekomme. Im Vergleich zu allen anderen Medien ist der ÖRR spottbillig. die FAZ alleine kostet über 560 Euro im Jahr!

    @Florian Blechschmidt #5: Es zahlen ja auch nicht alle gerne für Krankenhäuser, Feuerwehren, Polizei und THW oder Kindergärten, Schulen und Universitäten oder Bürgersteige, Radwege, Straßen, Brücken, Plätze, Parks und den Staatsforst, oder Schwimmbäder, Turnhallen und Sportplätze, geschweige denn Theater, Opern und Museen. Und trotzdem ist es richtig, dass alle dafür zahlen. Manches über Beiträge/Gebühren, manches über Steuern und manches gemischt. Sollen nur die, die Kinder haben für die gesamten Kosten der Kindergärten bezahlen? Oder nur die, bei denen es brennt für die Feuerwehr?

    Man kann lange drüber streiten, was genau wie bezahlt wird, auch über die Höhe und wer zahlt.

    Ich finde, dass ÖRR und ÖPNV perfekt über eine Beitrag/Gebühr, die alle zahlen, zu finanzieren wären. Jeder, der seine Ausbildung abgeschlossen hat und zu versteuerndes Einkommen bezieht zahlt den selben Betrag. Natürlich „bekommen“ manche mehr heraus, aber ist das schlimm?

  7. @#6 SvenR: _Warum_ irgendwer irgendwas gern zahlt, ist irrelevant. Wenn man sich um das Pro und Contra der ÖRR-Gebühren streitet, dann sollte man sich die Aussage „ich zahls gerne“ verkneifen, unabhänging davon, warum man gerne zahlt.

    Ich tu viele Sachen gerne und das ist gut so. Wenn ich aber versuche, meine Vorlieben zum Maßstab für andere zu machen, dann werde ich damit in den meisten Fällen nicht nur scheitern, sondern mich zusätzlich ziemlich unbeliebt machen.

  8. In dem Abschnitt über die Erhebung zur Glaubwürdigkeit von Medien in Deutschland hat sich ein Fehler eingeschlichen. Ich glaube, es müsste heißen: „…hinter den regionalen und überregionalen Tageszeitungen (2,6 bzw. 2,5)“ und nicht „…hinter den überregionalen und überregionalen Tageszeitungen (2,6 bzw. 2,6)“.

  9. @Bernhard #7: Wo mache ich denn meine Vorlieben zum Maßstab für andere? Ich schreibe hier meine Meinung und meine Beweggründe. Du findest das doof, von mir aus. Aber wo ist denn der rationale Grund, dass man sich das Verkneifen soll? „Der ÖRR ist zwar super, aber dafür zu zahlen finde ich unerträglich?“ Besser? Das ergibt keinen Sinn. There is no free beer.

  10. @#9 SvenR: „Aber wo ist denn der rationale Grund, dass man sich das Verkneifen soll?“ Ich versuche anders zu formulieren:

    Wenn die Aussage „ich zahl gerne“ eh kein Argument in der Streitfrage „ÖRR-Gebühren: ja oder nein, gut oder schlecht?“ sein soll, dann kann man sie problemlos weglassen, weil sie in keinerlei Zusammenhang mit der Streitfrage steht. Dann ist das einfach nur irrelevante Information.

    Wenn sie aber ein Argument sein soll, dann ist das der Versuch, mit persönlichen Präferenzen zu argumentieren, der (wenig überraschend) beim Gegenüber nicht sonderlich gut ankommt. In diesem Fall ist das nicht nur irrelevante Information, sondern schlicht anmaßend.

    In beiden Fällen sehe ich keinen auch noch so geringen Vorteil darin, die Aussage „ich zahl aber (nicht) gern“ in die Debatte zu werfen.

    „‚Der ÖRR ist zwar super, aber dafür zu zahlen finde ich unerträglich?‘ Besser?“ Nein, nicht besser: „ich zahl nicht gern“ ist genauso unnötig und kontraproduktiv wie „ich zahl gern“.

  11. Die Formulierung „Ich zahle gerne xy €“ ist hier etwas komisch, weil das suggeriert, als hätte man selbst einen Einfluss ob oder wieviel man zahlt, wie in:
    „Biofleisch ist zwar teurer, aber dafür gebe ich gerne mehr Geld aus.“

    Gemeint ist wohl: „Ich halte den Betrag für eine angemessene Gegenleistung.“

  12. @ Autor:
    „Es zeigt nur, dass die simple Erzählung seiner Gegner, dass die Menschen, und insbesondere die jungen, ohnehin nichts mit ihm zu tun haben wollen oder seinen Wert nicht erkennen, falsch ist.“
    – Seit wann geht es in diesem Kontext richtig/falsch bzw. wahr/unwahr. Es wird von einer Interessengruppe Masse produziert, die eine bestimmte Sichtweise widerspiegelt. Wenn man dann eine Suchmaschine zum Thema befragt, bekommt man eben diese erzeugte Masse vorgesetzt, bzw. wird sich in Interviews etc. darauf bezogen und die erzeugte Masse zur öffentlichen Meinung erklärt.

    @#2 Simon H. und Autor
    „Anscheinend halten die meisten Menschen in Deutschland den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für unverzichtbar, wollen aber nicht für ihn bezahlen. Ein interessantes Dilemma: Die Leute mögen das, was sie mit von ihnen abgelehnten „Zwangsgebühren“ ermöglichen.“
    Diese Darstellungsform halte ich für überaus problematisch (nicht nur in diesem Themenbereich/Kontext). Seriös wär es, wenn die Leute auch nach Finanzierungsmöglichkeiten gefragt worden wären. Wurden Sie? #VersachlichungeinerDebatte ;)

    @#4 Bernhard:
    „Bildung, Intelligenz etc. haben keinen Einfluss auf das Welt-/Menschenbild und können daher auch nicht verhindern, dass sich jemand absonderlichen Verschwörungstheorien zuwendet.“
    Das möchte ich gerne unterschreiben. Bildung/Intelligenz haben höchstens einen marginalen Einfluss auf das Welt- und Menschenbild. Das gilt nicht nur für Themen die als Verschwörungstheorie gebrandmarkt sind, sondern auch für gesellschaftlich akzeptierte Ideologien.

    Da setzt für mich dieser Teil an:
    „Die Frage ist mMn ziemlich einfach zu beantworten: Es geht ihnen gut, weil sie glauben, was sie schreiben. “

    Hier greift die persönliche Ideologie, geboren aus dem persönlichen Interesse bzw. dem Interesse der eigenen Peer-Group. Das ist keinesfalls auf den journalistischen Bereich begrenzt und gilt gleichermaßen auch für Hochbegabte.

    Ein Beispiel zur Verdeutlichung.
    Es wird behauptet wir seien eine Leistungsgesellschaft und jeder habe die gleiche Chance durch Fleiß aufzusteigen. Demzufolge wird auch offen kommuniziert, dass diejenigen die nicht aufsteigen, einfach nicht fleißig seien.
    In der (durchaus auch wissenschaftlich untersuchten) Realität (ein Besuch in der Unibibo und ein paar Stunden Sichtungs-/Lesezeit genügen), zeigt sich aber, dass dies nicht stimmt.
    Sind nun alle Behaupter einer Leistungsgesellschaft/Bildungsgerechtigkeit Verschwörungstheoretiker, oder folgen sie einfach nur ihrem Ego bzw. der ihnen genehmsten Weltsicht?

  13. #1 erster Absatz ; #4 Absatz Trump
    Nach meiner persönlichen Erfahrung nehmen solche Menschen das zynisch in Kauf.
    Ich vermute, es interessiert Trump gar nicht, ob es richtig oder falsch ist, was er sagt. Manches wird er für wahr halten, vieles lügt er wissentlich, aber es spielt für ihn keine Rolle. Er würde alles erzählen, was seinen Zwecken dient.
    Ähnlich, weniger drastisch, gilt das für Journalisten und Journalistinnen wie Steingart, Schneider und Co: Es geht Ihnen primär darum, eine Meinung zu propagieren. Dafür setzen sie die notwendigen Mittel und Argumente ein. Der Wahrheitsgehalt dieser ist sekundär, primär und völlig im Fokus ist die Wirkmächtigkeit.

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