Wochenschau (125)

„Fuck Amber Heard“: Die furchtbare Wirkung des Prozesses mit Johnny Depp

Nachtrag: Dieser Text wurde vor den Plädoyers im Gerichtsstreit zwischen dem ehemaligen Hollywood-Paar Amber Heard und Johnny Depp  geschrieben. Am Donnerstag, 2. Juni, ging der wochenlange Verleumdungsprozess zu Ende. Die Jury sprach Heard in großen Teilen schuldig, gab ihr in einigen Punkten aber auch Recht. Heard muss nun 15 Millionen Dollar Schadenersatz an ihren Ex-Mann zahlen; ihr stehen zwei Millionen zu. 


Am kommenden Freitag werden die Schlussplädoyers in einem der wichtigsten Prozesse der amerikanischen Mediengeschichte gehalten. Seit dem 12. April stehen die Schauspieler Amber Heard und Johnny Depp vor Gericht. Eine Jury soll klären, ob Heard ihren Ex-Mann Depp mit einem Meinungsartikel verleumdet hat, den sie 2018 für die „Washington Post“ geschrieben hat. Er trägt den Titel: „Ich habe mich gegen sexuelle Gewalt ausgesprochen – und den Zorn unserer Kultur auf mich gezogen. Das muss sich ändern.“ Darin spricht sie aus der Perspektive einer Betroffenen von lebenslang erfahrener Gewalt und legt den Schwerpunkt darauf, wie Täter strukturell dadurch geschützt werden, dass Opfer öffentlich zerlegt werden, sobald sie diese Gewalt öffentlich adressieren.

Und gleichwohl sie Depp nicht namentlich erwähnte, gleichwohl es in dem Text nicht um ihn, sondern um gesellschaftliche Strukturen, ökonomische Abhängigkeiten und die Öffentlichkeit geht, sieht er seinen Ruf durch ihren Appell beschädigt. Die einzige konkrete Stelle, an der es um Depp gehen könnte, weil es assoziativ und zeitlich passt, lautet wie folgt: „Vor zwei Jahren wurde ich dann zu einer öffentlichen Person, die für häusliche Gewalt steht, und ich bekam die ganze Wucht des Zorns unserer Kultur auf Frauen zu spüren, die ihre Meinung sagen.“

Depp behauptet, dass dies zu finanziellen Einbußen und Vertragsbeendigungen geführt habe; insbesondere seine Zusammenarbeit mit Disney und Warner sieht er sabotiert. Jemand dessen Karriere davon abhängt, familienfreundlich genug zu sein, um schrullige Piraten, verrückte Hutmacher, verschrobene Schokoladenfabrikbesitzer oder schwarzmagische Faschisten in einem Harry-Potter-Spin-Off zu verkörpern, kann es sich nicht leisten, auch nur in die Nähe von Missbrauchsvorwürfen beschrieben zu werden. Er möchte von Heard 50 Millionen Dollar.

Heard hat eine Gegenklage eingereicht, ebenfalls wegen Verleumdung. Ihr Ruf und ihre berufliche Zukunft hängen umgekehrt davon ab, ob sie als lügende, die Metoo-Bewegung missbrauchende, durchgedreht-bipolare, geldgierige Ex-Frau in der Öffentlichkeit steht, die ihre lukrativsten Schauspieljobs nur ihrem prominenten Ehemann verdankte. Sie möchte von Depp 100 Millionen Dollar.

Beide verklagen sich also gegenseitig, es geht am Ende um die Frage, wer wem mehr zahlen muss. Viel mehr aber noch geht es um die Frage, wie öffentlich über Gewalt gesprochen werden kann, sollte, muss. Wie auch immer der Prozess ausgehen wird, es wird nur Verlierer geben können, allen voran vielleicht Betroffene häuslicher Gewalt, die aufmerksam beobachten, wie Justiz, traditionelle Medien, soziale Medien und die Öffentlichkeit mit einer angeklagten Frau umgehen, die von Gewalterfahrungen berichtet, und mit einem von ihr angeklagten Mann, der so prominent wie beliebt ist.

Der „My dog stepped on a bee“-Test

Zu Beginn möchte ich gerne einen kleinen Test mit Ihnen machen. Es geht um einen Ausschnitt aus einer Aussage von Heard:

„My dog stepped on a bee“, „mein Hund trat auf eine Biene“, dieser Schnipsel wurde, ich möchte fast sagen: natürlich!, vermemt. Der Gesichtausdruck parodiert, die paar Sekunden rezitiert, reenactet, remixt, weil das Internet oft ein alberner Ort aus diskursiver Auseinandersetzung, Übersprungsquatsch und nervöser Pennälercoolness ist.

Und ich muss gestehen: Als ich nur den kurzen Ausschnitt gesehen hatte, wirkte es auch auf mich – obwohl ich weiß, wie schmerzhaft es ist, auf eine Biene zu treten (und für einen Hund ja noch mehr) – lächerlich melodramatisch. Das verzerrte Gesicht erschien auch mir zu exaltiert, und das Pathos ihrer Nacherzählung wird offenbar von vielen als so überzogen empfunden, dass es parodiert werden musste, gerne verbunden mit der Unterstellung, es handele sich um Manipulation und Overacting.

Das kontextlose Fragment verfing bei mir. Meine erste Assoziation beim Schauen: wie ein WM-Fußballer bei einer albernschlechten Schwalbe.

Jetzt schauen sie sich die Stelle mit ein bisschen Vorlauf an:

Ich weiß nicht wie es Ihnen ging, aber ich fühlte mich meiner vorschnellen Einordnung überführt. Wenn ich mir das ganze Video anschaue, ist es einfach nur expressive Mimik in einem Rede- und Gedächtnisfluss, kurz wird an den verletzten Hund gedacht, vielleicht ist das Zusammenkneifen der Augen eine Konzentrationsgeste beim Abrufen einer Erinnerung, aber nichts, was eine derartige Lächerlichmachung im Entferntesten rechtfertigen könnte.

Bauchgefühl und Sympathie statt Fakten und Belege

Ich erzähle dieses kleine Beispiel, eines von etlichen, um an mir selbst etwas zu veranschaulichen: Würde ich diesen Gerichtsprozess allein über die Social-Media-Häppchen rezipieren, die mir insbesondere auf Tiktok und Youtube in ungewollter All-You-Can-Eat-Menge serviert werden, wäre mein subjektives Urteil über Amber Heard eindeutig negativ. Ich fände sie unsympathisch, und deswegen hielte der unreflektierte, dumpfe, einfach gestrickte Teil in mir sie auch für unglaubwürdig.

Die Social-Media-Verkürzung eines Prozesses, von dem Stunden um Stunden Streamingmaterial online zur Verfügung stehen, lenkt mich plötzlich in eine vereinfachende, banale True-Crime-hafte Bewertung des Sachverhalts basierend auf Bauchgefühl, Intuition, persönlichem Empfinden. Und weg von dem, worum es bei einer Gerichtsverhandlung und bei diesem Prozess insbesondere geht: ein Urteil auf Grundlage von Fakten, Beweisen, Belegen, unbeeinflusst davon, wie unterhaltsam oder eben unsympathisch eine Öffentlichkeit die Angeklagten findet.

Ohne Effekte der Medienwirkung zu schlicht denken zu wollen, frage ich mich: Wieviel Einfluss kann die mediale Verfügbarkeit dieses Prozesses zum einen und die sozial-mediale Verarbeitung zum anderen nicht nur auf den Prozess selbst nehmen, sondern auch längerfristig auf die öffentliche Verhandlung häuslicher Gewalt? Fangen wir mit dem ersten Medienschritt an: die Übertragung.

Lehrstunden der Schauspielerei

Die Gerichtsverhandlung wird vom digitalen Sender Court-TV gestreamt, nachdem Johnny Depps Team eine Live-Übertragung des Prozesses gefordert und die Richterin dies gebilligt hatte.

Die Anwesenheit von Kameras können sich nach Ansicht von Expert:innen darauf auswirken, wie eine Person vor Gericht aussagt, und den Prozess stören. Kritiker:innen fürchten, dass sie zu größerer Selbstinszenierung der Beteiligten führen und Anwälte zur Theatralik ermutigen, das Verfahren mehr für die öffentliche Wahrnehmung zu gestalten als für die Jury vor Ort, die sich eigentlich das Urteil bilden soll. „Johnny Depp gibt buchstäblich jedes Mal, wenn er in den Zeugenstand tritt, eine Lehrstunde in Sachen Schauspielerei“, sagt Journalismusprofessorin Paula Todd.

Und ohne über Authentizität oder Inszeniertheit, über Emotionalität und Spiel urteilen zu wollen, müssen wir festhalten, dass beide Schauspieler sowohl eine Jury von ihrer Wahrheit zu überzeugen versuchen, als auch eine Öffentlichkeit, von der sie wissen, dass sie gerade zuschaut und jede Regung und Handlung registriert und bewertet. Wie viel Einfluss nimmt das Wissen um ein globales, urteilendes Publikum auf die Akteure und ihre Aussagen – insbesondere wenn es in einer Verleumdungsklage ja um die Wiederherstellung eines öffentlichen Rufs geht? Die juristische Dramaturgie der gegenseitige Anklage erfordert es, dass beide Parteien versuchen müssen, sich als Opfer des jeweils anderen zu beweisen. Wie wird die Wahrheitsfindung verändert durch den Wunsch oder die Notwendigkeit, diese öffentliche Auseinandersetzung nicht nur gerichtlich sondern auch performativ zu gewinnen?

Befürworter der Übertragungen sagen, sie hülfen der Transparenz, und sowieso bestünde aufgrund der Prominenz der Beteiligten ein Publikumsinteresse, das die Kameras im Prozess rechtfertige. Diese Argumentation wurde schon nach dem Prozess gegen O.J. Simpson hochgehalten, beispielsweise vom damaligen Court-TV-Chef Steven Bill, und jetzt von seinem Nachfolger Ethan Nelson, der sagt: „Gerichtsfälle, die so hochkarätig sind wie dieser, erzeugen oft viel Lärm, und es kann für die Zuschauer schwierig sein, diese Ablenkungen zu durchbrechen, um ein klares Bild von den Fakten zu erhalten, aber hier kommen wir ins Spiel.“

Misogynie, die sich auszahlt

Ginge es um Quantität, hätte Depp den Fall haushoch gewonnen. Eine überwältigende Mehrzahl der Artikel und Kommentare im Netz stellt sich auf die Seite des Schauspielers. Auf Tiktok wurden Videos mit dem Hashtag #JusticeForJohnnyDepp über 15 Milliarden Mal angeklickt; #JusticeForAmberHeard wurde nur einige Millionen Mal verwendet. Auch Anti-Heard-Hashtags wie #Amberturd („AmberKacke“) sind reichweitenstark.

Schon der juristische Streit zwischen Depp und der britischen Boulevardzeitung „The Sun“ über die Vorwürfe gewalttätiger Attacken vor zwei Jahren wurde von extremen Social-Media-Kampagnen vor allem gegen Amber Heard begleitet.

Woher kommt diese einseitige Stimmung – also außer von der guten alten Misogynie? Ein Faktor könnten Orchestrierungen von Anti-Heard-Kampagnen sein, nicht mal zwingend aus Frauenhass, sondern aus einem ökonomischen Bewusstsein dafür, dass man mit der Abwertung von Frauen, insbesondere auf konservativen Seiten, statistisch immer mehr Interaktion erzeugt. Unter anderem „Daily Wire“ macht vor, wie gut das funktionieren kann. Das vom konservativen politischen Kommentator Benjamin „Ben“ Shapiro gegründete und auf Facebook extrem erfolgreiche Medium hat laut „Vice“ zigtausend Dollar ausgegeben, um irreführende Nachrichten über den Prozess auf Facebook und Instagram zu verbreiten.

Mit Erfolg: Die Artikel, zumeist klar voreingenommen pro Depp und contra Heard, haben bisher rund vier Millionen Aufrufe erzielt. Es entsteht ein Schneeball frauenfeindlicher Selbstbestätigung: Je mehr Anti-Heard-Inhalte geteilt werden, desto größer wird die Wut auf sie und die Gewissheit, dass die Attacken auf sie berechtigt sind, und desto mehr werden die Anti-Heard-Inhalte geteilt.

Manipulationen der öffentlichen Meinung

Wir sehen hier Manipulationen der öffentliche Meinung wie aus dem Lehrbuch rechtsextremer Diskursverschiebung. Am Montag twitterte Geheimdienstexpertin Alexa O’Brien: „Es gibt einige ernsthafte Bot-Aktivitäten rund um diesen Depp/Heard-Prozess – auf der Ebene subversiver Propaganda – wahnsinnige Schwärme – Verbreitung falscher Behauptungen über den Prozee – so etwas habe ich noch nie gesehen.“

Der vom Team von Amber Heard im Prozess als Zeuge geladene Social-Media-Experte Ron Schnell schätzte, dass #JusticeForJohnnyDepp auch auf Twitter hauptsächlich negative Kommentare gegen Heard befördere.

Nicht nur dieser Hashtag, auch Prozess-Memes sind allgegenwärtig und beeinflussen natürlich die öffentliche Meinung über den Prozess – und sei es nur in der Art, dass man das Ganze für trivialer erachtet, als es ist. Das führt mich zu dem kleinen Test zu Beginn. Hatten Sie sich schon ein Online-Urteil gebildet? Wie ist dieses ausgefallen? Auf Grundlage welchen Informationsstandes?

Bei schönen Menschen ist es ja keine Belästigung

Ich bilde mir ja viel darauf ein, dass meine Tiktok-Timeline hauptsächlich aus Musicals, Absurditäten und süßen Tieren besteht, aber was auch immer der Algorithmus in den letzten Wochen für mich errechnet hat, um meine Seitenverweildauer zu erhöhen: Er scheint Amber Heard abgrundtief zu hassen. Ein besonders düsteres Meme, was etliche Male dort zu finden war: die Ausführungen Heards über häusliche und sexuelle Gewalt werden in der Tiktok-üblichen Duett-Montage oder als Lipsynch-Video parodiert.

Während sie beispielsweise beschreibt, wie Depp ihren Slip zerrissen und ihre Brust gegriffen hat, ist eine humoristisch gemeinte Reaktion auf Tiktok, sich die Ausführungen mit einem Glas Wein oder einer Tasse Getränk in der Hand anzuhören und dabei ein „Ich verstehe nicht wo genau das Problem ist?“-Gesicht aufzusetzen. Klar, wer würde nicht gern von Depp die Kleidung vom Leib gerissen bekommen, haha, wie lustig.

Tragischerweise speist dies genau den misogynen Mythos, dass Übergriffe durch einen als attraktiv und begehrenswert geltenden Menschen gar keine sexuelle Gewalt sein können, denn bei schönen Menschen ist es ja keine Belästigung, sondern ein Kompliment! Ebenso beliebt ist ein Meme, bei dem eine Aussage über eine Ohrfeige von Depp ironisch nachgespielt wird.

(Ohrfeigen haben dieses Jahr ohnehin eine traurige Comedy-Konjunktur.)

Interessant ist auch, dass die Emotionalität von Heard ins Lächerliche gezogen wird, das Weinen, das Entgleisen der Gesichtszüge, während zwischen den Tränen Beweise für Verlogenheit und Maliziöses entdeckt werden soll. Auch das sind alte Rezeptionsmuster voller Frauenfeindlichkeit und erschreckender Unerbittlichkeit, die deutlich machen, dass das digitale Tribunal geradezu archaisch auf diesen öffentlichen Prozess reagiert. Ich habe offenbar den Moment verpasst, als weinende Menschen lustiger Internetcontent wurden.

Es gibt sogar eine „Fuck Amber Heard“-Tasse, die man auf Etsy für 12,90 Dollar kaufen kann.

Freigesprochen wegen unfairem Medienrummel

Wenn Kameras im Gerichtssaal zu mehr Transparenz führen sollten und damit zu mehr Zivilität im Prozess und einer besser informierten Öffentlichkeit, dann scheint dieser Anspruch gescheitert.

Die Entscheidung, eine Übertragung zuzulassen, obliegt dem jeweiligen Richter. Dass, wie von Johnny Depps Team gefordert, live aus einem Gerichtssaal übertragen wird, ist eher selten. Das liegt auch an der Historie solcher medial-öffentlichen Verhandlungen.

1954 fand der Mordprozess gegen Dr. Sam Sheppard statt. Ihm wurde vorgeworfen, seine schwangere Frau ermordet zu haben. Der junge Chirurg wurde zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Zwölf Jahre später wurde Sheppard wegen eines „Justizirrtums“ freigesprochen. Das lag aber nicht an neuen Beweisen, sondern am Prozessgeschehen, das ein amerikanischen Bundesrichter rückblickend als „Karneval“ bezeichnete. In Sheppards Prozess waren die Medien im Gerichtssaal massiv präsent; auch bei einer Tatortbesichtigung wurde der Angeklagte in Handschellen durch die Meute von Reportern geführt. Trotzdem hatte der Richter die Mitglieder der Jury nicht einmal angewiesen, die Medienberichterstattung zu ignorieren.

So kam es, dass das Oberste Gericht in Washington 1966 entschied, dass Sheppard kein faires Verfahren bekommen hatte.

Lukratives Gerichtsfernsehen

Wenn die Pressefreiheit und das Recht auf Information das Recht auf ein faires Verfahren und die Unschuldsvermutung untergraben, muss die Justiz handeln, und das tat sie nach dem Fall Sheppard, indem sie Fernsehkameras aus den Gerichtssälen verbannte – bis zum Prozess gegen früheren Football-Spieler O.J. Simpson in den Jahren 1994 und 1995, ein Rückschritt für die amerikanische Justiz.

Der Prozess gegen Simpson gehört zu den meist gesehenen Fernsehereignissen der Geschichte. So gut wie jeder Amerikaner war über jeden Moment im Gerichtssaal im Bilde, und mit dem Live-Charakter und dem ungewissen Ausgang erfüllte die Ausstrahlung alles, was man für ein Fernsehereignis benötigt. Aus der angestrebten Transparenz juristischer Prozesse wurde so ein mediales Lagerfeuer, das die amerikanische Unterhaltungsindustrie bis heute geprägt hat und auch international Wirkung zeigte: Die enormen Quoten machten deutlich, wie lukrativ Reality-TV sein kann, wenn die Geschichte stimmt. Ein Drehort, kaum Kosten für Ausstattung und Kostüme, Schauspieler und Drehbücher: Es braucht nur Menschen, die nacherzählen, in welchen Fall möglicher Kriminalität sie verwickelt sind, und ein bisschen Inszenierung von Gerechtigkeit.

1996 kam die Gerichts-Realityshow „Judge Judy“ ins amerikanische Fernsehen, und sie erfolgreich zu nennen wäre eine kriminelle Untertreibung: Die resolute Richterin, welche die Angeklagten auch gerne mal anschrie, war erfolgreicher als „Oprah“ und die „Jerry Springer Show“ und erreichte regelmäßig sieben Millionen Zuschauer.

Dieser Erfolg schwappte in Form von nachmittäglichen geskripteten Gerichtssendungen wie „Richterin Barbara Salesch“ und „Richter Alexander Hold“ ins deutsche Privatfernsehen. Bei „Streit um drei“ wurden auch im ZDF Verhandlungen nachinszeniert. Dieses Gerichtssaal-Entertainment hat auch den späteren True-Crime-Formaten den Weg geebnet.

Sozialmediale Dauerbewertung

Jetzt haben wir also diesen medienhistorischen roten Teppich von der Ausstrahlung der Gerichtsprozesse zu einer abgründigen Begeisterung für zu Unterhaltungszwecken inszeniertem Gerechtigkeitstheater. Auf den stellen wir nun zwei Schauspieler: einer mit einen gigantischen internationalen Bekanntheit; eine mit einem Karriere-Durchbruch in einem weltweiten Superheldenfranchise und einer öffentlichen Positionierung zu Metoo. Und dann kombinieren wir das Ganze mit der Möglichkeit einer sozialmedialen Dauerbewertung und -kommentierung. So wie der Simpson-Fall zu einer täglichen nationalen Fernseh-Seifenoper wurde, ist der Fall Depp gegen Heard kollektiv und online geschautes Reality-TV, mit Publikumsreaktionen in Echtzeit.

Was wir hier nun als Effekt als dieser Komponenten erleben, sind die dramatischen Auswirkungen des moralisch motivierten, vernetzten Mobbings, wie es die Internetforscherin Alice Marwick beschrieben hat. Ihre Theorie besagt, dass eine Gruppe von Social-Media-Nutzern jede Art von Beleidigung eines Ziels rechtfertigen kann, wenn sie glaubt, dass ihr Anliegen moralisch richtig ist. Die kollektive Belästigung dient hier als Mechanismus, um sozialen Ordnung durchzusetzen. Sie rechtfertigt es, eine Zielperson zu demontieren, um aus Sicht der Trolle und Pöbelnden die Einhaltung der Norm zu bekräftigen und ihre Zugehörigkeit zum eigenen Netzwerk zu signalisieren.

Das führt zu Millionen von Menschen weltweit, die es für das Richtige halten, eine Angeklagte zu beschimpfen und öffentlich zu demütigen, wenn sie davon berichtet, was ihr angetan worden sei. Insbesondere wenn Menschen intensive parasoziale Bindungen zu Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aufbauen – und insbesondere online –, werden scharfe Grenzen gezogen zwischen Gut und Unschuldig sowie Böse und Schuldig. Diese Vereindeutigung der Menschen erfolgt wiederum auf Basis der eigenen, oftmals verkürzten Mediennutzung – wir erinnern uns an die Memes und Ausschnitte.

Hinzu kommt der sogenannte Halo-Effekt, eine sozialpsychologische Wahrnehmungsverzerrung, die bedingt, dass man Menschen, die man als attraktiv, sympathisch oder begehrenswert empfindet, weitere positive Eigenschaften unterstellt, ohne dafür einen Beleg oder weiteren konkreten Grund hat. Gleichzeitig unterschätzt man die Fähigkeit dieser Menschen zu negativem Verhalten. Vereinfacht gesagt denken wir immer noch in Kategorien, dass jemand einfach zu schön oder zu lustig ist, um wirklich kriminell sein zu können.

Im Sog des Spektakels

Was in diesem Fall auf dem Spiel steht, geht unter in der Reality-Show-Haftigkeit, in der digitalen Häme, auch im Abstrusitätenvoyeurismus teilweise verstörender Details. Im Sog des Spektakelhaften erregt der Fall die Öffentlichkeit: Es geht um Drogen und Sexualität, Intimität und Gewalt, Glamour und Abgründe und eine unheilvoll omnipräsente Verfügbarkeit all dieser Themen. Aber wenn man diese Boulevardnachrichtenwerte und Zuschauersehnsüchte abschält, geht es am Ende um etwas ebenso schlichtes wie grundsätzliches: Depp fordert von Heard eine hohe Geldsumme für die Veröffentlichung eines Artikels, in dem er nicht namentlich genannt wurde und in dem die Schauspielerin sich für das Sprechen über Gewalt ausspricht.

„Das Wichtigste, was hier auf dem Spiel steht, ist die Frage, ob es Frauen erlaubt ist, sich öffentlich als Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt zu bezeichnen“, sagt die Sozioloign Nicole Bedera in der „HuffPost“.

Wie wird sich die Walze digitaler Menschenfeindlichkeit, Gewaltverspottung und Empathielosigkeit (egal ob orchestriert oder nicht) und der gierige Spaß einer vernetzten Öffentlichkeit an dieser Gerichtsshow auf die Betroffenen sexueller oder häuslicher Gewalt auswirken? Was passiert, wenn der Eindruck entsteht, dass das öffentliche Sprechen über Übergriffserfahrungen zum Content wird, der bis zur Unkenntlichkeit geremixt und als Timeline-Kurzweil missbraucht wird?

In ihrem „Washington Post“-Text formulierte Amber Heard 2018:

„Ich schreibe dies als eine Frau, die wöchentlich ihre Telefonnummer ändern musste, weil ich Morddrohungen erhielt. Monatelang verließ ich meine Wohnung nur selten, und wenn ich es tat, wurde ich von Kameradrohnen und Fotografen zu Fuß, auf Motorrädern und in Autos verfolgt. Boulevardzeitungen, die Bilder von mir veröffentlichten, rückten sie in ein negatives Licht. Ich fühlte mich, als stünde ich vor dem Gericht der öffentlichen Meinung – und mein Leben und mein Lebensunterhalt hingen von unzähligen Urteilen ab, die sich meiner Kontrolle entzogen.“

Die traurige Ironie ist, dass dieser Artikel, der Start- und Angelpunkt des ganzen Verfahrens ist, durch eben genau diesen Prozess auf hervorragende, furchtbare Weise bestätigt und veranschaulicht wird. Alle Seiten haben, unabhängig vom gerichtlichen Ausgang am Freitag, bereits verloren.

22 Kommentare

  1. Den Zuspruch für Depp jetzt primär auf lustige Tiktok-Videos und Social Media allgemein zu reduzieren finde ich irgendwie auch… reduziert.

    Es gibt auch durchaus viele Menschen, die den ganzen Prozess verfolgen und Amber Heard einfach für eine „Schauspielerin“ (oder Person mit mentalen Problemen) halten. Dazu gab es mehr als einen Anlass in dem ganzen Prozess.

  2. Gute Ausführungen.

    Ich vermisse noch die Tendenz gerade auf sozialen Medien, sich einseitig zu positionieren. Pro Johnny oder pro Amber. Aus dem, was ich mitbekommen habe, schließe ich eher, dass dies eine insgesamt volatile und toxische Beziehung war mit Drogenexzessen und Beleidigungen und Streitereien.

    Gleichzeitig wirkt Heard auf mich tatsächlich bisweilen gekünstelt, was aber auch an der Präsenz der Kameras und falschen Vorstellungen über „richtiges“ Opferverhalten sein kann. Dass die Anwälte von Depp rhetorische Erfolge feiern, liegt Evtl einfach daran, dass sie besser sind, nicht dass sie die Wahrheit vertreten. Usw

    Insgesamt finde ich, geht uns das alles nix an. Ich habe das nur geguckt, weil eine Kollegin sich über Heard aufgeregt hat und ich ihr das Gegenteil beweisen wollte (und jetzt hänge ich da zugegeben drin). Es ist jedenfalls unappetitlich.

  3. Effektiv betrachtet ist die öffentliche Übertragung für Depp die bisher einzige Chance gewesen, die öffentliche Meinung überhaupt zu erreichen. Bis dahin war er quasi auf die Darstellung in den Mainstreammedien angewiesen und die waren (auch im Kontext von #metoo) eher auf der Seite von Amber Heard.

    Es war deutlich zu beobachten wie sich nach den ersten Wochen die öffentliche Meinung deutlich in Richtung Depp bewegte, obwohl in den Mainstreammedien mehrheitlich die Lage weiterhin wie vor dem Prozess darstellt wurde.
    Ebenso erfuhr auf YouTube die sogenannte LawTube-Community einen weiteren starken Zulauf, da dort Anwälte aller Art sehr ausführlich den Prozess begleiten und die vielfältigen Fragen rund um das Rechtssystem und den Prozess und was gerade passiert beantworten. Etwas das den Mainstreammedien gerade verloren zu gehen scheint. Dort wird oft ohne jegliche Einordnung nur noch wiedergegeben was passiert ist.

    Und immer öfter in einer Art und Weise , die nicht als objektiv wahrgenommen wird, da man ja selber zuschauen konnte, was im Verfahren passiert ist. Da fragen sich viele schon warum bestimmte Aspekte ausgelassen wurde. Warum an bestimmten Argumentationen festgehalten wird nachdem es auch andere Argumentationen gibt.
    Hier läßt sich aktuell ein weitere Vertrauensverlust beobachten. Nicht wenige Zuschauer äußern den Eindruck, daß ihnen nur die Liveübertragung die Chance einer unverfälschten Bewertung ermöglicht, während viele Beiträge in den Mainstreammedien einen Agendaeindruck vermitteln.

    Das Argument gegen eine Liveübertragung wäre deutlich gehaltvoller, wenn man nicht aktuell selbst in deutschen Beiträgen zum Verfahren das Gefühl hätte, daß die Autor*innen selbst gar nicht das Verfahren gesehen haben, sondern nur Hörensagen weitergeben.

    Es ist zusätzlich erschreckend, wieviele Artikel zum Verfahren, die ganze Sachlage darauf reduzieren, daß Menschen die Amber Heard nicht glauben misogyn seien müssen.
    Ja, es mutet als Farce an, daß der Inhalt des Artikels nun durch die Reaktionen in den sozialen Medien die ultimative Bestätigung der These erhält. Aber obwohl der Beitrag deutlich umfangreicher als ein TikTok-Video ist, mußauch er sich Verkürzung vorwerfen lassen.
    Es ist kein Verfahren, daß einfach so aus dem Nichts kommt, weil Johnny Depp ein Artikel in der Washington-Post nicht gefallen hat. Vielmehr war der Artikel ein notwendiger Ansatzpunkt um überhaupt eine Diffamierungsklage führen zu können. Es macht mehr und mehr den Eindruck, daß es Depp gar nicht um eine finanzielle Entschädigung geht. Es wäre völlig unkar wie Heard überhaupt die Summe aufbringen soll.

    Keine Ahnung wie das Verfahrne ausgehen wird. Die Geschworenen müssen ja explizit glauben, daß es der Artikel war, wegen dem Depp die Filmrollen verloren hat. Auf mich macht das ganze Drumherum jedenfalls den Eindruck, daß in den USA nun stattfindet, was in Deutschland bereits passiert ist, als Jörg Kachelmann vor Gericht stand. Vermutlich hatte er sogar Glück, daß sein Verfahren vor #metoo stattgefunden hat.

  4. Ja klar, man kann sich jetzt überall die manipulativ zusammengestückelten echten Bilder aus dem Prozess ansehen, angekündigt mit Überschriften, die eigentlich nie halten, was sie versprechen. Wenn das alles auf weit verbreitete gesellschaftliche Mysogenie trifft, wird auch gar nicht mehr hinterfragt, ob Heard jetzt von der gegnerischen Anwältin wirklich so „vorgeführt“ wurde, wie von den Social Media-Portalen behauptet. Da sieht man dann ein Kreuzverhör, in dem einer Person allerlei vorgeworfen wird, was diese abstreitet. Hinterher ist man eigentlich genauso schlau wie vorher. Früher nannte man das „Aussage gegen Aussage“. Was nicht abgestritten wird, und zwar von Depp, ist, dass er mit seiner abgetrennten, blutenden Fingerkuppe Botschaften auf die Wand geschrieben hat. Aber Heard ist die Durchgeknallte, logo.
    Zu glauben, man wisse nach Ansehen der Aufnahmen aus dem Gerichtssaal, wer wann lügt und wann die Wahrheit spricht, ist vermessen. Das erkennen zu glauben, was man aufgrund der eigenen vorgefassten Meinung eh schon zu wissen glaubt, ist dagegen eine gut erforschte menschliche Eigenschaft, die sich Confirmation Bias nennt. Kommt nun noch der Effekt dazu, dass alle anderen dasselbe sagen, wird die vermeintlich neutral gebildete Meinung unerschütterlich.
    Schaut man wirklich neutral auf den Prozess, sieht man zwei mehr oder weniger sympathische Personen, die sich allerlei vorwerfen, was kaum belegbar ist. Ich kann jedenfalls z.B. nicht erkennen, warum die eine Geschichte zur abgetrennten Fingerkuppe („Depp hat sie sich selbst in Rage abgetrennt) in irgendeiner Weise glaubwürdiger sein sollte als die andere (Heard hat eine Flasche nach Depp geworfen).

  5. Fragebogenbeantwortung

    „Hatten Sie sich schon ein Online-Urteil gebildet? “
    Jein.

    „Wie ist dieses ausgefallen?“
    Ich war überrascht, dass nach meinem Eindruck keine alberne Schlammschacht von abgehobenen Sternchen stattfindet, sondern in der Tat dort vor Gericht konstruktive und ehrliche Gedanken vorgebracht werden von den Beteiligten, insbesondere von Amber Heard.

    Auf Grundlage welchen Informationsstandes?
    Schnipsel von SPON und Pocket.

    Zum Videoexperiment am Anfang:
    Von der Einleitung war klar, dass der Satz „dog stepped on a bee“ aus dem Zusammenhang gerissen war. Ich habe deshalb keine Minute durchgehalten aus Fremdscham vor der Ignoranz und Gedankenlosigkeit der parodierenden Personen.

  6. „Hatten Sie sich schon ein Online-Urteil gebildet?“
    Ja.
    „Wie ist dieses ausgefallen? Auf Grundlage welchen Informationsstandes?“
    Verschiedene Medienberichte, Online-Kommentare und so ziemlich alle anderen Quellen, die ich je gelesen habe, stimmen dahingehend überein, dass Vorwürfe häuslicher Gewalt Depp mindestens zwei Rollen gekostet haben. Ob genau dieser eine Artikel von Heard der Auslöser war, weiß ich natürlich nicht. Aber es gibt anscheinend keinen anderen Grund, warum er diese Rollen verloren haben könnte, und offenbar keine andere Quelle als Heard.

    Der eigentliche Punkt ist natürlich ein anderer: treffen diese Vorwürfe zu oder nicht?
    Und dazu halte ich es für extrem sinnlos, Glaubwürdigkeit anhand von Filmschnippseln und Bildern messen zu wollen, weil man Gesichtsausdrücke bekanntlich fälschen kann, und wenn es danach ginge, gewinne, wer am besten schauspielern kann. Was hier jetzt definitiv unfair wäre.

    Ansonsten ja, wessen Story klingt insgesamt plausibler? Wer hat insgesamt mehr Zeugen, Beweise und auch Indizien für iose Version? Lügen möglicherweise auch beide?
    Ich bin froh, dass solch öffentlichen Prozesse im dt. Recht nicht möglich sind.

  7. „Hatten Sie sich schon ein Online-Urteil gebildet?“
    Gewissermaßen.

    „Wie ist dieses ausgefallen?“
    Da haben sich zwei gesucht und gefunden…
    Generell hab ich aber den Eindruck das Amber Heard sich als Opfer inszeniert und ihren „Beitrag“ komplett ausblendet.

    Jonny Depp ist in Hinsicht einer Aufklärung der Situationen aber auch keine wirkliche Hilfe. Sein Gestammel gleicht oft genug einem Tanz um den heißen Brei. Wenngleich er sich auch nicht auf so offensichtliche Falschaussagen einlässt wie Amber (7 Mio. „gespendet“).

    Das Urteil im Prozess scheint mir aber noch völlig offen zu sein. Kausalität und konkreter Schaden sind von keiner Seite hinreichend bewiesen worden. Ist wahrscheinlich auch gar nicht Ziel der Parteien.

    „Auf Grundlage welchen Informationsstandes?“
    Am meisten Beeinflusst hat mich wohl eine YT-Analyse zur Körpersprache der Beiden im Zeugenstand.

    Ich nehme von Videos mit Kommentar aber Abstand nachdem mir der Algorithmus zunehmend welche vorgeschlagen hat bei denen irgendwelche „Streamer“ ihre Live-Reaktionen mit einblenden. Ob das im einzelnen Frauenfeindlich motiviert ist weiß ich nicht, aber allein das es der Fall sein könnte brachte mich dazu andere Quellen zu bevorzugen. Aktuell hab ich eine in der die Verhandlung (weitestgehend) ungeschnitten und ohne Kommentar veröffentlicht wird. Wenn ich auch zugeben muss nicht alles gesehen zu haben.

    Was die ganze Geschichte halt so wahnsinnig komplex macht ist mein Eindruck das Heard wohl nicht einfach nur Opfer war. Und wenn doch dann zumindest die Öffentlichkeit aktiv bespielen wollte.
    Über Gewalt offen zu sprechen ist eine Sache, mit öffentlicher Meinung Rache zu üben wäre eine andere.

  8. Ist das ein verzerrtes Bild, oder äffen sich bei TikTok alle nur nach? Dieselbe Szene von unterschiedlichen Personen nachgestellt, schaut sich doch nicht ernsthaft jemand längere Zeit an. Vielleicht irre ich mich, wenn ich so mitbekomme, dass sich Insta-Leute alle vor den selben Locations ablichten und massig Likes dafür kassieren. Es geht wohl weniger um den Inhalt als um das Dazugehören.

  9. So viele Worte um Nichts: die Hollywood Medien Maschine läuft und die Medien schreiben, Filmen ohne Ende. Ja, es gibt Gewalt in der Ehe, viel zu viel. Berichtet wird selten über ordinary people und deren tragische Geschichte. Meines Erachtens verbringt die Autorin zu viel Zeit im Netz. Mehr Radfahren, Spazieren gehen, Meditieren, Demonstrieren🥴 Wäre gut für uns alle. Das TikTok , Facebook, Bloedzeitung, Instagram …. mehr Schatten als Licht für das eigene bewusste Sein haben: dürfte doch inzwischen allg. bekannt sein.

  10. Es wäre für Amber Heard ein Leichtes gewesen zu dementieren, dass sie mit dem Artikel Johnny Depps Gewalt gegen sie adressiert hat. Und alles das wäre nie passiert. Aber da sie ihn im Verfahren (habe es mir stundenlang zu – Glück aus erster Hand statt aus biased Quellen – angesehen), ausführlich äußerster Brutalität bezichtigt, muss sie sich dazu natürlich äußern. Nur dass bei mir beim Anschauen der Aussagen, Kreuzverhöre und erst recht der von beiden gemachten Tonaufnahmen ihrer Streits der Eindruck verfestigte, dass Johnny Depp das Opfer häuslicher Gewalt ist. Und der Vollständigkeit halber: ich finde den irren Kerl weder attraktiv noch sympathisch.

  11. Ich finde es lächerlich, wie Sie in Ihrem Artikel offensichtlich Partei ergreifen für Amber Heard und versuchen alles was an ihr kritisiert wird zu relativieren. Nur weil Sie auch eine Frau sind sollten Sie nicht alles für Bare Münze nehmen was Heard sagt, auch da sie offensichtlich mehrfach gelogen hat. Es gibt einfach wenn man den Fall objektiv anschaut, wenig was dafür spricht, dass Ihre Version richtiger ist. Und die Tatsache, dass die Mehrheit der Menschen anscheinend auf Johnny Depps Seit ist, kann auch einfach daran liegen, dass dieser offensichtlich das Opfer in dieser Geschichte ist.

  12. Der Witz ist anzunehmen, man müsse sich „auf eine Seite“ schlagen. Real vs. ManU, Depp vs. Heard.

  13. Ne sorry, der eigentliche Witz ist, dass ich Mitleid mit einem Schauspieler-Multimillionär haben soll, weil er in den letzten 5 Jahren nicht noch mehr Millionen verdienen „konnte“.
    Ganz egal, ob das Amber Heard’s oder seine eigene Schuld war.

  14. @Anderer Max:
    Prinzipiell ja: Leute, die pro Jahr mehr verdienen als andere im ganzen Leben, brauchen weder mein Mitleid noch das von irgendeinem Menschen. Von daher muss man weder auf Depps noch Heards Seite sein.
    Andererseits: es gibt auch andere Gründe als Mitleid, eine Partei zu ergreifen oder ganz einfach eine Meinung zu bilden.

  15. Kein guter Artikel in seiner seltsamen Einseitigkeit.
    „Das Wichtigste, was hier auf dem Spiel steht, ist die Frage, ob es Frauen erlaubt ist, sich öffentlich als Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt zu bezeichnen“, sagt die Sozioloign Nicole Bedera in der „HuffPost“.
    Nein, das Wichtigste ist, dass niemand lügt und damit durchkommt.

  16. Seit heute wissen wir nun, dass Heard Depp über 10 Millionen zahlen soll. Was löst das Urteil bei mir aus?

    Heard tut mir leid, aber nicht weil sie verurteilt wurde, sondern weil sie offensichtlich gröbere psychische Probleme hat. Gleichzeitig missgönne ich Depp das Geld, weil sich der sich seine Karriere auch hervorragend ohne die heftigen Vorwürfe selber durch Alkohol+Drogen ruiniert hat bzw hätte. Sympathisch war er mir im Prozess nicht.

    Allerdings: Auch wenn die Ehe mit einem Drogenabhängigen sicher kein Zuckerschlecken ist, muss sich der nicht von der Ex als Frauenschläger verleumden lassen, wenn er sie nicht geschlagen hat.

    Für Samira El Ouassil (und einige wenige andere Journalisten) wird aber wohl weiterhin nicht sein können, was nicht sein darf, und die Verurteilung wird für sie sicherlich auch nur durch die Misogynie der Jury erklärbar sein. Dagegen werden keine Zeugenaussagen, keine Beweise und keine Argumente ankommen. (Sorry, wenn das hart klingt, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand, der den Prozess wirklich _selber_ verfolgt hat, Amber Heard glauben kann. Im Gegensatz zu Depp konnte sie keinerlei belastbare Zeugen oder Beweise vorbringen, die ihre Gewaltvorwürfe stützen. Nix. Nada. Niente.)

    Klar hat der Prozess höchst negative Auswirkungen für die vielen wirklichen Opfer häuslicher Gewalt. Dafür dürfen die sich aber bei Amber Heard bedanken. Außer ihr kann niemand was für das ganze Debakel.

    Ich fühle mich hier frappierend an den Fall Lohfink erinnert: In beiden Fällen hat eine Frau, die eine sehr unangenehme Erfahrung hinter sich hat, versucht aus dieser unangenehmen Erfahrung wesentlich mehr zu machen. Lohfink wollte (mutmaßlich durch ihren Anwalt angetrieben) aus der Verbreitung eines Sexvideos gegen ihren Willen („Ein Foto reicht.“) eine
    Vergewaltigung machen, Heard aus einer von gegenseitigem Psychoterror („You want to see crazy? I’ll give you crazy.“) geprägten Ehe häusliche Gewalt. Beide Fälle sind Gift für wirkliche Gewaltopfer und in beiden Fällen bekommen Leute Geld zugesprochen, die das nicht im Geringsten verdienen. (Gerade Lohfinks Prozessgegner haben mit der Video-Geschichte derartig eklatante charakterliche Defizite offenbart, dass ich ihnen keinen Cent gönne.)

    Debakel hier wie dort. 3 unverdiente Profiteure und ganz, ganz viele Verlierer. Da gibts nix positives mitzunehmen.

  17. Dafür gab’s cheers und boos für die Anwaltteams vor dem Gerichtsgebäude. Und Pressekonferenz. Und Liveberichterstattung mit min. 3 Reportern vor Ort. Und Amber und Johnny wurden von den Journalisten auch immer Amber und Johnny genannt. Seriöser Prozess! Einspruch! Stattgegeben! Euer Ehren, ich muss protestieren! John Grisham! Wir haben bekommen was wir wollten, eine Show. Es war A vs. B, nur einer kann gewinnen, American Gladiators. Alles nur Show, oder ging’s hier um was? „Wir haben gewonnen“, rufen die jungen Frauen, die Heards Artikel zu 95% nicht gelesen haben. Wie hieß der noch, irgendwas mit „culture’s wrath“ oder so, ach egal gewonnen! Nun war das Urteil gar nicht eindeutig und die Heard Seite hat auch einen Teil gewonnen. Hat Heard selber auch nicht mitbekommen, hat einfach nach dem Urteil ihren vorgeschriebenen „we lost“ Tweet abschicken lassen. Durchchroreografiert, daher nicht sehr flexibel. Während unser Johnny Konzerte in Europa gibt, der alte Rockstar. So ein Tausendsassa. Hier ein Poll: Was macht Amber Heard wenn sie heute verloren hat? a) heulen b) wimmern oder c) böse gucken? Na? Ist doch witzig, die alte Schauspielerin. Nix kauf ich der ab. Aquaman war eh scheiße. Man, was bin ich froh, auf der richtigen Seite gestanden zu sein.

    PS: Insgesamt beträgt die Differenz 8,35 Millionen. Es ist erstaunlich wenig von 50 v 100 Millionen übrig geblieben.

  18. Aquaman war toll!

    Ansonsten stelle ich mir gerade vor, dass BILD ein Stück über „Horror-Hausmeister Hans D.“ schreibt, in welchem D. nur unzureichend anonymisiert wird, weshalb er erkannt und entlassen wird.
    D. findet 5 Jahre lang keinen Job, aber dann gewinnt er 1 Mio. € im Lotto und nutzt das Geld, die BILD zu verklagen, wegen Rufschädigung – die Dinge, mit denen er sich den Titel eines „Horror-Hausmeisters“ verdiente, waren weitgehend ausgedacht und ansonsten extrem übertrieben, auch wenn er schon ein recht unsympathischer Zeitgenosse ist – und zwar will er seinen Einkommensausfall wieder haben.
    Sollte ich ihm die Daumen drücken, oder ist er einfach zu unsympathisch?

    Soll heißen, wenn es überproportional oft unsympathische „reiche mächtige Männer“ sind, die solche Prozesse gewinnen, liegt auch daran, dass arme, machtlose Männer dergleichen meist gar nicht erst versuchen, obwohl sie möglicherweise mehr Sympathie verdienen.

  19. Ich bin Psychologin und habe mir einige Aussagen des Prozesses angesehen und anders als alle Welt und scharenweise selbsternannte Verhaltensexpert*innen würde ich mich nicht trauen, aufgrund des Verhaltens der Beiden den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen öffentlich zu bewerten – Dunning-Kruger lässt grüßen. Das liegt unter anderem daran, dass mir bewusst ist, dass ein bestimmtes – z.B. nachvollziehbar als gekünstelt oder übertrieben wahrnehmbares – Verhalten durchaus unterschiedlich deut- und erklärbar ist:

    Es handelt sich hier um zwei Schauspielprofis, die wissen dass von ihren jeweiligen Aussagen ihre berufliche und gesellschaftliche Zukunft abhängt und die mit Sicherheit beide von ihren jeweiligen Anwältinnen vorab stundenlang über Dos and Don´t gebrieft wurden (z.B. derart:„Johnny – versetze dich ruhig auch gestisch in die Rolle als Opfer“, „Amber zeige dich verletzlich, die Leute sollen deinen Schmerz sehen“).

    Es ist also für beide letztlich eine mit hoher Anspannung aufgeladene Performance- und gewissermaßen Prüfungssituation, in der jedes allzu authentisch spontane Verhalten – etwa ein Wutausbruch – fatal sein könnte. Dies gilt bei einer Gerichtssituation für alle, die sich mit unbedachten Äußerungen oder auch Verhaltensweisen selbst schaden könnten (insbesondere in den USA, wo zudem durch das Geschworenenkonzept Performance gegenüber sachlichen Inhalten oft noch mehr Gewicht hat). Bei Menschen, die nicht gut schauspielern können, führt das dann mitunter eher dazu, dass sie je nach Persönlichkeit z.B. einfach starr wirken oder wie z.B. seinerzeit Kyle Rittenhouse (damals angeklagt, weil er zwei BLM Demonstranten erschossen hatte) eher wie ein Kind in einer mündlichen Prüfung. Bei jemandem wie Amber Heard kann es denke ich durchaus zu dem wahrgenommenen Overacting führen, ohne dass dies bereits im Rückschluss ihre Aussagen als Lügen überführen würde.

    Das offenbar mehrheitlich von der Öffentlichkeit erwartete ungekünstelt-spontane Verhalten als Maßstab für Wahrhaftigkeit, verkennt vollkommen das Setting und entsprechende Deutungen gehen bereits damit vollkommen ins Leere. Wenn Amber Heart angespannt und gekünstelt wirkt, Johnny Depp authentisch und spontan, kann das beispielsweise (!) auch daran liegen, dass er seine Nerven in dieser speziellen Situation einfach besser unter Kontrolle hat, vielleicht auch deshalb, weil er die für beide so wichtige öffentliche Meinung mehrheitlich auf seiner Seite weiß, während sie diesbezüglich gerade ums Überleben kämpft…

    Vollends absurd wird das Ganze, wenn Leute – wie z.B. der Youtuber Mehmetmind – offensichtlich noch nie etwas von dem in den USA üblichen Konzept der Witness Preparation gehört haben und dann bereits das Nicken von Hearts Anwältin bei den Aussagen von Hearts Schwester als Lügenbeweis ansehen…

    Insgesamt ist meines achtens der öffentliche Glaubwürdigkeitsdiskurs vollkommen entglitten.

    Überall melden sich selbsternannt-führende Body Language Experts auf Tiktok, Youtube und in offiziellen Medien zu Wort. Sie attestieren dann fröhlich vor sich hin, dass Amber Heards gestische Übernahme der Aggessorenrolle in einer beschriebenen Gewaltszene – sie eindeutig (!) als eigentliche und einzige Täterin entlarvt, während Johnny Depps (naiv als spontan unterstellte) gestische Übernahme der Opferrolle angeblich beweist, dass er jahrelang nichts als das Opfer häuslicher Gewalt gewesen ist.
    Ich will damit keineswegs behaupten, Johnny Depp wäre sicher nicht seinerseits Opfer von Gewalt durch Amber Heard gewesen – es geht hier mir hier wohlbemerkt um das fragwürdige bis absurde Verhalten selbsternannter Lügen-Detektoren und den dabei sichtbaren medialen Offenbarungseid, wenn solchen pseudowissenschaftlichen Stimmen breit und weitgehend unwidersprochen Raum gegeben wird.

    Wenn sich unter diesen Experts niemand mit nennenswerter wissenschaftlich-akademischer Expertise findet (hier und da mal einen Business PhD) und das ist kein Zufall, sondern liegt daran, dass solche Bewertungen als grundsätzlich unwissenschaftlich gelten.

    Hierzu beispielsweise die Kriminalpsychologin Lydia Benecke
    „“Diese ganzen Theorien und Bücher darüber, wie du Lügner erkennen kannst, sind sehr unterhaltsam – und wissenschaftlich einfach nicht haltbar“, sagt die Kriminalpsychologin.
    In der Lügenforschung gebe es viele Fehlannahmen. Eine weit verbreitete sei zum Beispiel, dass man anhand von menschlicher Mikromimik Lügen erkennen könne. Mittlerweile sei nachgewiesen, dass das nicht funktioniere. Unter anderem, weil nicht alle Menschen beim Lügen gleich stark oder die gleichen Signale sendeten.“
    (https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/betrueger-hochstapler-manipulatoren-die-psychologie-von-luegnern)

    Oder Vincent Denault Kommunikationswissenschaftler der Universität Montreal:
    „But, like many other kinds of forensic science, body language analysis has been shown to be unreliable. The technique could unjustly sway judges and jurors in trials, says Denault, who describes some of these judgments as pseudoscience. Unsupported claims about body language, he says, may seem to offer simple solutions to the complex challenge of evaluating testimony, but evidence-based research doesn’t really provide easy answers.“
    https://www.popsci.com/story/science/body-language-analysis/

    Solche Mythen der leichten Durchschaubarkeit menschlichen Verhaltens für die Hosentasche laden ein zur Überschätzung hobbypsychologischer Fähigkeiten von sich selbst oder wie im Fall von JKO in seinem Beitrag hier (siehe oben 1. Kommentar) irgendwelcher Dritter:

    „Es gibt auch durchaus viele Menschen, die den ganzen Prozess verfolgen und Amber Heard einfach für eine „Schauspielerin“ (oder Person mit mentalen Problemen) halten. Dazu gab es mehr als einen Anlass in dem ganzen Prozess.“

    Sich den Prozess bzw. zumindest Ausschitte davon anzuschauen und dabei nicht auf mögliche Fakten, sondern aus dem Handgelenk heraus weitreichende Urteile über Glaubwürdigkeit und mentale Gesundheit der Beteiligten zu fällen, scheint mir das aktuelle Äquivalent des aus Coronazeiten bekannten -“ich habe selber recherchiert“.

    PS: Für eine unaufgeregte Analyse der tatsächlichen Faktenlage empfehle ich nebenbei folgenden Artikel:https://www.nbcnews.com/pop-culture/pop-culture-news/key-allegations-johnny-depp-amber-heard-trial-rcna30147
    Ein Zitat daraus: „Depp’s attorneys called several witnesses[…]and a marriage counselor who conducted their sessions while they were still a couple. Laurel Anderson, the marriage counselor, said she observed “mutual abuse” in the relationship.

  20. Hatten Sie sich schon ein Urteil gebildet? – Nicht wirklich.
    Wie ist dieses ausgefallen? – Ich halte beide Beteiligten für psychisch schwer belastet, Beide für schauspielerisch begabt und Beide für geneigt, sich vor laufender Kamera intensiv zu inszenieren. Beide haben absurd viel Geld, absurd teure Anwälte und absurd große Plattformen in der Öffentlichkeit.
    Was auch immer bei diesem Prozess heraus kommt: Wir werden nie erfahren, wer von den Beiden jetzt wirklich der/ die Verrücktere ist oder wer von wem stärker misshandelt wurde. Das ist auch gar nicht wichtig. Wichtig ist, dafür zu sorgen, dass misshandelte Partner (aller Geschlechter) in einer missbräuchlichen Beziehung noch am selben Tag(!) einen Platz in einer sicheren Wohnumgebung bekommen. Wichtig ist, dass bei verdächtigen Geräuschen in der Nachbarwohnung nicht nur die Polizei, sondern auch öfter mal ein*e Sozialarbeiter*in vorbei schaut. Wichtig ist, dass Opfer (oder Überlebende) aller Geschlechter schnell eine*n Anwält*in bekommen (ja, wenn nötig auf Staatskosten) und man ihnen dabei hilft, Beweise rechtzeitig zu sichern und zu dokumentieren. Das sind riesige Arbeitsfelder und die Medien sollten darüber berichten und zwar sachlich, detailliert und sehr, sehr häufig. Frau Heard und Herr Depp können uns da nicht helfen. Und das Beste, was wir für die Beiden tun können, ist, den Medienrummel nicht weiter anzuheizen.

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