Über Schriften (2)

Großes Werk in Brandenburg

Wenn Werbesprache von unkritischem Journalismus beflügelt wird, schafft sie es in die Alltagssprache und wirkt dort weiter. Wie Teslas großes Werk in Grünheide. Teslas was? Pardon, im Tesla-Sprech: „Die Gigafactory Berlin-Brandenburg“.

Überschriften von "Bild", "Tagesspiegel", "Focus Online", "Handelsblatt" zur "Gigafactory"
Screenshots, Collage: Übermedien

Es gilt das alte PR-Gesetz: Die beste PR wird vom Journalismus verbreitet. Also: Glückwunsch an Tesla, gut gemacht!

Doch das alte Journalismus-Credo lautet wiederum: Hinterfrage jedes Wort aus der PR und – vor allem – traue keinem Werbeflyer. Die unkritische Wiedergabe von Werbesprech (ob aus Faulheit, Zeitnot oder weil man sich mit der Sache gemein macht) ist keineswegs harmlose Semantik, sondern – bis zu Ende gedacht – einer der Sargnägel des Journalismus. Dann lieber gleich die Tesla-Zeitung lesen, die landet wenigstens kostenlos im Postfach.

Bitte Distanz wahren

Nein, es spricht nichts dagegen, Teslas-Werbesprech zu verbreiten, aber bitte mit Distanzmarkern. Also mit Anführungszeichen oder – wenn es denn vom Platz her passt – gern auch mit Attributen, etwa so: „Die sogenannte Gigafactory“.

Um der sprachlichen Abwechslung im Text zu dienen, darf der Journalismus freilich auch das machen, was er machen soll. Nämlich Teslas Werbesprech wahrheitsgemäß übersetzen und sagen, was ist, beziehungsweise was mit dem Werbebegriff eigentlich gemeint ist: Ein größeres Werk, eine große Fabrik und dergleichen mehr.

„Schmetterling“ oder „Insekt“?

Aber können sich die Leser:innen das nicht selbst denken? Einige JA, die meisten: NEIN. Lesen und Zuhören sind automatisierte Prozesse. Ein Gutteil der Sprachwahrnehmung geschieht, indem unser Gehirn das Gelesene und Gehörte simuliert, um es zu verstehen. Anhand dieser Simulation ergibt sich, was wir denken, wie wir handeln.

Die beiden Sätze „Da sitzt ein Schmetterling auf Deinem Kopf“ und „Da sitzt ein Insekt auf Deinem Kopf“ führen zu unterschiedlichen Gedanken und Handlungsimpulsen. Die „Gigafactory“ spielt hier die Rolle des Schmetterlings und die „Großfabrik“ ist eher auf Insektenniveau.

Es empfiehlt sich in solchen Fällen die simple Austauschprobe. „Der Tesla-Chef kommt zum Tag der offenen Tür in die Gigafactory in Grünheide.“ Oder eben: „Der Tesla-Chef kommt zum Tag der offenen Tür in das große Werk in Grünheide.“

Nicht nur ein Werk

Schauen wir auf die Wortbildung bei „Gigafactory“. Was wird uns mitgeteilt, wenn wir das Wort hören oder lesen?

Bei Anglizismen schwingen im Deutschen positive Neben-Bedeutungen mit: weltläufig, modern, fachsprachlich, exklusiv, neu, besser. Darum erhoffen sich Werbende von Anglizismen grundsätzlich eine Steigerung der Werbewirkung. Viele Produktnamen sollen solche Assoziationen auslösen.

Das Wort „Gigafactory“ ist (auch im Englischen) recht neu und genau damit wird bereits Bedeutung kommuniziert. Wörter markieren die Unterschiede zwischen den Dingen und Sachverhalten. Wir haben verschiedene Wörter für Kaffee, weil eines nicht reicht. Cappuccino ist kein Bohnenkaffee ist kein Café Creme ist kein Café Latte und so weiter. Wer ein anderes Wort für eine Sache einführt, markiert die Sache damit als unterschiedlich. Neue Wörter, markieren neue Sachen. Und neu bedeutet in der menschlichen Alltagslogik in der Regel besser. Darum ist die wichtigste Aufgabe des Marketings, bekannten Sachen neue Namen zu geben. „Gigafactory“ meint eben keine althergebrachte Fabrik, kein großes langweiliges Werk. Ja, die „Gigafactory“ ist nicht nur ein Werk, sie ist gleichzeitig ein Produkt. Sonst hieße sie anders.

„Giga“ wirkt

Die Vorsilbe „Giga“ steht für 9 Nullen, die Milliarde. Sie kommt vom griechischen „gígas“ und kennzeichnet bei Bildungen mit Substantiven jemanden oder etwas als besonders groß, hervorragend, bedeutend. Das Giga-Event, das Giga-Projekt, oder eben das Giga-Fest:

Handelsblatt-Schlagzeile zum "Giga-Fest" im neuen Tesla-Werk
Immerhin das „Giga-Fest“ bekommt Distanzmarker. Screenshot: Handelsblatt

Aber wie giga ist eigentlich die „Gigafactory“? Die derzeitige Grundfläche der Gigafactory Grünheide liegt bei 3.038.620 m², davon sind 729.000 m² überbaut. Schauen wir einmal zum größten Werk der Welt (Wikipedia), nach Wolfsburg. Dort liegt die Werks-Grundfläche bei 6.500.000 m² und die Hallenfläche bei 1,6 km².1)Ist das dann eine Tera-Factory?

Die Wirksamkeit der Werbevokabel zeigt sich daran, dass andere ihre (geplanten) Fabriken bereits ebenso so nennen:

Handelsblatt-Schlagzeile zu weiterer "Gigafactory"
„Giga“ macht Schule. Screenshot: Handelsblatt

Die Wahrheit ist: Tesla baut eine Groß-Fabrik in Brandenburg, südöstlich von Berlin. Der Rest ist Gigantomanie, oder netter gesagt: Marketing und zahlt am Ende auf das Image und die Verkaufszahlen des Unternehmens Tesla ein.

Halt Stopp, werden einige sagen: Hier geht es doch um die gute Sache (Klimaschutz, Arbeitsplätze).

Das wäre der Punkt! Gut gesagt ist eben noch lange nicht gut gemacht. Genau dieser Unterschied jedoch wird sichtbar, wenn sprachliche Verpackungen mit journalistischer Distanz betrachtet werden. Diese kritische Distanz schuldet der Journalismus vor allen den guten Dingen dieser Welt.

Fußnoten

Fußnoten
1 Ist das dann eine Tera-Factory?

24 Kommentare

  1. Im ähnlichen Sinne: Wenn man Menschen erzählt, dass „Mega“ eigentlich nur „Million“ bedeutet, fangen sie auch automatisch an, es weniger zu benutzen.

  2. Danke für den Text. Ich mache politische Kommunikation in Brandenburg, und diese allseitige Verwendung von „Gigafactory“ treibt mich in den Wahnsinn – als handele es sich dabei um einen klar definierten Begriff, nicht nur um PR-Gelaber.

    Englisch + „Giga“ flößt halt Ehrfurcht ein und drängt kritische Stimmen an den Rand. Auch gibt es Landespolitik und -journaille das gefühl, an etwas ganz Großem beteiligt zu sein. Da sollte man nicht mitmachen.

    Allerdings klingt auch das „Große Werk“ irgendwie nach göttlicher Mission. Ich finde, „Tesla-Fabrik“ reicht völlig.

  3. Ich sage nur „Arsch-Fabrik“ oder auch Back-Factory.
    Ok, Niveau-Limbo.

    Man nennt es Framing.
    Wobei es wohl nicht hilft, darauf hinzuweisen, was die Präfixe „giga“ oder „mega“ technisch exakt bedeuten.
    Größenwahn megalomania ist ein dictionary fester Begriff und Gigaliner beherrschen die Autobahnen.

    Ich habe gerade mehr Probleme mit Begriffen wie „Corona-Gegner“ , „Spaziergänger“, „Genderwahn“.

    Echte „Corona Gegner“ sind Impfsverweigerer am allerwenigsten, zumindest keine ernstzunehmenden, es sind keine „Spaziergänge“, was da an Querfront organisiert auf die Straße strebt und vom Genderwahn befallen waren im letzten „Wahlkampfjahr“ die vorgeblichen „Retter der deutschen Sprache“, deren inflationäres Geblöke kaum noch zu ertragen war.

    Das nenne ich mal framing. Und dabei spiele die Medien oft eine, von Naivität geprägte, unrühmliche Rolle.

  4. Vielen Dank für diesen hervorragenden, gehaltreichen Artikel!

    Ich wundere mich auch, dass ich so oft von „Gigafactory“ lese, als ob das ein richtiges Wort wäre. Und gleichzeitig weiß ich sofort, dass es um Tesla geht, wenn ich das Wort lese. Die PR funktioniert also. Ärgerlicherweise.

    Die Sache mit Schmetterling und Insekt merk ich mir – schönes Beispiel!

  5. Netter Artikel, danke. Auch auf die Gefahr hin, als uncooler Pedant dazustehen, möchte ich trotzdem einen Kritikpunkt anbringen:

    > „Gigafactory“ meint eben keine althergebrachte Fabrik

    Ich weiß nicht, wo diese Verwendung des Wortes „meinen“ ihren Ursprung hat (vermutlich eine Fehlübersetzung von „to mean sth.“ aus dem Englischen), aber das ist ein Graus. Es scheint, als hätte das altbewährte Wort „bedeuten“ einen Makel bekommen, weil es nicht mehr gebraucht wird, wo es passen würde. Ich würde es jedenfalls begrüßen, wenn man in der Übermedien-Redaktion von dieser Verwendung von „meinen“ absehen und wieder das schnöde „bedeuten“ gebrauchen könnte.

    Einen (für mich erkennbaren) Nachteil hätte diese Vorgehensweise nicht, insofern wäre das eine gute Gelegenheit, einen Leser glücklich zu machen, ohne andere zu vergraulen. ;-)

    @Frank Gemein

    Ihnen dürfte bewusst sein, dass die Erwähnung von „Corona-Gegnern“, „Genderwahn“ etc. das Potenzial hat, blitzartig Diskussionen zu triggern, die an anderer Stelle schon x-fach und ergebnislos geführt wurden. Daher eine Bitte:

    Verzichten Sie nach Möglichkeit darauf, diese Begriffe in die Diskussion zu werfen, wenn es – wie hier – nicht notwendig ist. Nichts gegen Debatten über die Corona-Pandemie oder Gendersprache, aber es wäre schön, wenn man diese Diskussionen mal außen vor lassen könnte, wenn sie nix mit dem eigentlichen Thema zu tun haben. Der Blutdruck der Leserschaft würde davon mMn spürbar profitieren.

  6. #4
    Nun, mein Anliegen war es deutlich zumachen, dass die Bezeichnung bewußt deshalb so gewählt ist, um einer „nüchterne“ faktenbasierte Auseinandersetzung auszuweichen, indem an deren Stelle ein emotionalisiertes Framing gesetzt wird.
    Und da in Pandemiezeiten, zumindest meiner Ansicht nach, vor allem an erwähnten Begriffen ebenso massives framing zu beobachten ist, welches ebenso unreflektiert weitergetragen wird, denke ich, ist es legitim, dass ich das hier auch so hinschreibe.
    Ausweiten wollte ich das aber auch gar nicht.

  7. Leute benutzen Wörter, die Assoziationen und Emotionen auslösen, weil sie keine Argumente haben?
    Ist ja ganz was supermegaultraneues.

  8. #6:
    Ja, und nun noch die Transferarbeit hin zur Bedeutung von „unreflektiert weitergetragen“ und dann haben wir es schon geschafft.

  9. Das Problem sind eher die, die Marketing- und sonstiges Geschwurbel reflektieren, und dann trotzdem weitertragen, aber ja.

    Persönlich finde ich, dass man lernen muss, sich als Leser von solchen Främing und Narrativen möglichst wenig beeinflussen zu lassen, aber das ist ja keine Rechtfertigung.

  10. @ #5

    Nun, mein Anliegen war es deutlich zumachen, dass die Bezeichnung bewußt deshalb so gewählt ist, um einer „nüchterne“ faktenbasierte Auseinandersetzung auszuweichen, indem an deren Stelle ein emotionalisiertes Framing gesetzt wird.

    Welcher „nüchternen, faktenbasierten Auseinandersetzung“ weicht der Begriff „Gigafactory“ denn aus? Musk nennt alles seine Fabriken so. Vermutlich, weil sie sehr groß sind, und er sich unglaublich geil findet. So what? Ärgerlich ist nur, dass hier PR-Sprech von den medien übernommen wird. (Gerade unter Wirtschaftsjournalisten ist das Usus – ich sage nur „Blue-Efficency-Technologie“ statt Harnstoff-Einspritzung ;-).)

    Und mit diesem Framing-Kram hat Frau Wehling echt einiges angerichtet. Ich hatte gedacht, dass sie spätestens seit ihrem famosen ÖR-Papier ein bisschen entzaubert ist, aber nein: Überall finsterste Manipulation. Dabei ist alles, was an dem Framing-Begriff stimmt, seit Jahrzehnten Allgemeingut. Das Ergebnis nennt man „Werbung“.

  11. @ #10

    Oh, technisch gewiss. Und sie ist subtiler geworden. Aber die Wirkweise ist dieselbe geblieben. Schon vor 100 Jahren wurden Produkte nicht verkauft, indem man tabellarisch ihre Vorzüge gegenüber der Konkurrenz auflistete, sondern indem man sie mit einem Gefühl verknüpfte. Zum Beispiel einem pausbäckigen Weihnachtsmann, der eine Cola trinkt und der Zielgruppe zwinkernd bestätigt: „Me too!“*

    Lesen Sie mal „Propaganda“ von Edward Bernays – das Buch ist von 1928, wird immer noch aufgelegt und kommt zu ganz ähnlichen Schlüssen wie Wehling (auch ohne den Hirnforschungs-Überbau). Es ist der Urahn aller PR-Ratgeber, und anders als seine späten Nachkommen so ehrlich wie amoralisch. **

    Bernays war Praktiker – von ihm stammte die Idee, rauchende Feministinnen ablichten zu lassen und Zigaretten so als „Fackeln der Freiheit“ zu inszenieren. Augenscheinlich eine subversive Aktion gegen das Patriarchat, das Rauchen damals als „unweiblich“ verdammte; in Wahrheit eine PR-Kampagne für Lucky Strikes. Purple-Washing in den 1920ern. Nichts Neues unter der Sonne.

    Der Begriff „Gigafactory“ ist allerdings weder subtil noch hintergründig, sondern musk-typisch großkotzig: „Elon hat den Längsten!“ Wenn das Manipulations-Technik auf der Höhe der Zeit sein soll, kann es mit den neurolinguistisch geschulten Framing-Profis des 21. Jahrhunderts nicht arg so weit her sein…

    * Coca-Cola-Plakat von 1931. Mit „Schmeckt ganz gut, macht aber dick und löst die Zähne auf“ wäre das keine Weltmarke geworden…

    ** Ähnlich wie Wehling neigt allerdings auch Bernays dazu, die Wirksamkeit von PR zu überschätzen. Aber das ist selbst schon PR: Je steiler die These, desto besser verkauft sich das Buch. Ob 1928 oder 2016.

  12. #11
    Zitat K.K.:
    „Der Begriff „Gigafactory“ ist allerdings weder subtil noch hintergründig, sondern musk-typisch großkotzig: „Elon hat den Längsten!“ Wenn das Manipulations-Technik auf der Höhe der Zeit sein soll, kann es mit den neurolinguistisch geschulten Framing-Profis des 21. Jahrhunderts nicht arg so weit her sein…“

    Nun, weil es das frühe PR Genie Barnay gab, ist es an anderer Stelle anscheinend statthaft, die Neurolinguistik, resp. die Kognitive Linguistik, wie es Wehlings Lehrer George Lackoff nannte, gering zu schätzen. Alles „längst entzaubert“ oder so.

    Wobei mir, warum auch immer, die. Charakterisierung Musks durch Sie in den Sinn kommt. Also nicht Elon, sondern ?

    Mir ist Herr Musk komplett zuwider, das ist sicher, aber seine PR Strategie ( was war noch mal der Sinn von PR? Zu verkaufen? ) läßt sich relativ leicht quantifizieren.
    An seinem Kontostand.
    Nachdem die Aktionäre jahrelang gemault haben, er gebe zu wenig Geld für PR aus ( und zwar eklatant viel weniger für die klassischen Felder als alle Konkurrenten ), wird man langsam doch kleinlauter.
    Es mag obszön und exaltiert daherkommen, es funktioniert aber wohl.
    Natürlich wissen Sie das besser.

    Das Frames letztendlich schon in den sieben freien Künsten ausgiebig benutzt wurden, hat doch keinen Einfluss darauf, wie wichtig es ist, die neurolinguistischen Zusammenhänge in der Gegenwart weiter zu erforschen und zu lehren. Was für eine alberne Vorstellung.
    Oder wie Gert Scobel es in einem Beitrag über das Framing gesagt hat:
    „Verwirrung entsteht, wenn die Frames in den einzelnen Parteien nicht mehr klar sind. Mit diesem Durcheinander haben wir es heute zu tun und davon profitieren die radikalen AFDler mit ihren klaren Frames von Volk, Nation, Rasse“.

    Das Erkennen soll natürlich nicht dazu führen, eigene, ebenso simplifizierte Gegenframes zu etablieren, aber doch dazu, die genannten zu entzaubern.

    Aber natürlich nur die unter uns, denen es nicht wie Ihnen gegeben ist, soweit über den Dingen zu schweben.

  13. @ #12:

    13. Januar. Nur noch wenige Tage. Übrigens hieß der Mann Bernays, nicht „Barnay“. Und ich empfehle Ihnen, mal Ihren kritischen Horizont zu prüfen, bevor Sie NLP & Co. für bare Münze nehmen.

    Links ist nichts daran. Aber, hey, es passt in Ihr Weltbild, weil alles Sprache und so – also wird es wohl fortschrittlich sein.

  14. Werbung dient nicht dem Publikum, sondern dem Produkt.
    Journalismus sollte dem Publikum dienen, nicht dem Produkt.
    Ergo sind – ungeachtet ihrer Wirksamkeit, es sei denn, sie wäre null – Maßnahmen, die in der Werbung noch ok wären, im Journalismus einfach der zitierte Sargnagel.

    Wenn Musk oder wer gerne seinen Namen für seine Fabrik in der Zeitung lesen will, soll er doch einfach ein Anzeige schalten.

  15. #13:
    Und ich habe auch noch einmal die Konjunktion „dass“ mit nur einem „s“ geschrieben. Jetzt haben Sie mich.

    Und wieder ein Strohmann. Sie können ja nicht ohne. Niemand hat hier irgendwie auf NLP abgehoben, aber da fällt es Ihnen eben leichter, sich zu mokieren. Viel Spaß damit.

    Aber ja, mein „kritischer Horizont“ ist das Problem.
    Immer das gleiche in minimaler Varianz:
    Strohmann und ad hominem.
    Wie langweilig.
    Ich werde Sie sicher nicht vermissen.

  16. Okay, ich möchte gerne mal einen Gang runter schalten und die Argumentation mehr auf das Wesentliche reduzieren.
    So ich das überhaupt kann natürlich.

    Konfliktlinie: „Das ist ja bloß Werbung/PR“.
    Bis auf das „bloß“ kein Widerspruch erkennbar. Wenn Menschen eingeredet wird, sie seien grundsätzlich schmutzig, um Hygieneartikel zu verkaufen, ist das Werbung.
    Die Mittel, die dafür angewendet werden, dürften teilweise exakt dem entsprechen, was manche Wissenschaftler „Framing“ nennen.
    Dass die Grundlagen dieser zugrunde liegenden Theorien auch schon früher bekannt und genutzt wurden, widerspricht der Wirkung nicht.
    Ebenso nicht, dass bekannte Vertreter dieser Theorien teilweise fragwürdige Methoden bei der Vermarktung ihrer Arbeiten an den Tag legen (Wehling). Inhaltlich ist das komplett irrelevant und es sagt rein gar nichts über die Arbeiten der zahlreichen anderen Forscher auf diesem Gebiet aus.

    Spätestens seit Aristoteles wissen wir um die Macht der Metaphern, insbesondere in der Rhetorik. Von ihm stammten auch die ersten Warnungen wegen möglichen Missbrauchs.
    Einsetzend mit der Aufklärung ist ein Bedeutungsverlust der Rhetorik und eine Verschiebung hin zur Dialektik zu beobachten.
    Was ja dem reinen Ratio auch erst einmal als folgerichtig und gut scheinen muss. Eine „Kritik der reinen Vernunft“ hat keinen Platz für emotionalisierte Metaphern bspw..
    Leider scheint dies aber auch zu einer sehr naiven Vorstellung von Kommunikation zu führen.
    Nehmen wir John Stuart Mill bspw. und seinen „marketplace of ideas“. Natürlich sind seine Grundannahmen richtig, dass aus der „collision of truth with error“ erst die Erkenntnis entstehe und dass eine Wahrheit, die sich der Lüge nicht stellt, nichts taugen kann. Nur liegt dem eine sehr schlichte Vorstellung von Kommunikation zugrunde.

    Im Geist der Wahrheit obsiegte im fairen Wettstreit immer das Reine und Richtige.

    Spätestens seit Göbbels dürften die Zweifel daran lauter geworden sein.

    Also, wie auch immer wir es nennen wollen, ob PR, Werbung, Propaganda, Framing … in meinen Augen ist es fahrlässig öffentliche Kommunikation nicht auf solche Mechanismen zu untersuchen.

    Man nenne es meinetwegen „Werbung“, geholfen ist uns damit nicht.

    Elon Musk ist anscheinend (auch) ein Genie in einer Disziplin, die u.a. „Guerilla Marketing“ genannt wird. Ob man die Wirkweisen von framing anerkennt oder nicht: Es gibt zahlreiche Player weltweit, die diese ( erfolgreich ) anwenden. Ob zum eigenen Vorteil oder für massiven Populismus.

    Just my 2 cents.

  17. @#16:
    Un
    Die Frage ist doch eher, ob eine Zeitung den Begriff aus Bequemlichkeit übernimmt oder aus Absicht.

  18. @ #16:

    NLP war eigentlich eher als Polemik gegen den Ansatz von Frau Wehling gedacht – die redet nämlich so, als könnte man das.

    An Ihren Ausführungen habe ich wenig auszusetzen, außer dass sie den „Gegner“, also die Annahme eines zu jeder Zeit rein rationalen Individuums, größer machen als m.E. er ist. Er mag noch durch die Rechenmodelle der VWL geistern, ist im öffentlichen Bewusstsein aber längst erledigt.

    Bei dieser Erledigung hat – zumindest was die westliche Linke betrifft – Goebbels bzw. die NS-Herrschaft tatsächlich eine zentrale Rolle gespielt. Aber auch die (damals noch vor allem US-amerikanische) Kulturindustrie, an der Bernays seinen Anteil hatte. Klügste Analyse dazu m.E. immer noch die „Dialektik der Aufklärung“.

    An Frau Wehling stört mich nicht die Beschreibung von Framing-Effekten, die es ohne Frage gibt (und denen sich Werbung wie Polit-Propaganda bewusst bedienen). Es ist die Überhöhung zu etwas Übermächtigem, was ich falsch finde. Ihr erwähntes „Framing Manual“ für den ÖR zum Beispiel löst – je nach Einstellung des Lesers – Ärger oder Fremdscham aus, aber keinen Überzeugungs-Sog, dem sich niemand widersetzen kann.

    Und versuchen Sie mal, einem Kind Spinat schmackhaft zu machen, indem Sie ihn jedes Mal mit dem Attribut „lecker“ framen – es wird nicht klappen. ;-)

    Viel treffender finde ich den Ansatz von Kahneman, der als Psychologe sein halbes Leben damit verbracht hat, Framing, Ankereffekte & Co. zu untersuchen, Vernunft und Prägung darüber aber nicht negiert („Schnelles Denken, langsames Denken“).

    Aber hier reden wir immer noch von dem Imponiergehabe hinter dem Begriff „Gigafactory“. Mit „bloß“ Werbung ist gemeint: Das hängt man zu hoch, wenn man versucht, die Wirkweise mit ausgefeilten, psychologischen Manipulationstheorien zu deuten.

  19. Nunja, würde man auch kritisieren wenn die Presse bei Disney von „Disneyland“ statt von einem Freizeitpark spricht?

    Ich bin wahrlich kein Musk-Fan aber das finde Ich kleinkariert.

  20. Habe eben ’nen guten Spruch gelesen:

    „Tesla war ein Genie, der schlechte Verträge geschlossen hat und so niemals viel Geld machen konnte, weil er sich auf seine Wissenschaft fokussiert hat. Heute wird sein Name von einem Marketer verwendet, der 200 Billionen Dollar auf dem Konto und nie etwas erfunden hat.“

    Postironischer Kapitalismus.

  21. Danke an Eric Wallis, der mit seinem Beitrag die aufgeblasene Sprache von E. Musk und seinen Getreuen und den ihm gerne folgenden Journalist*innen decodiert.
    In Brandenburg entsteht eine Fabrik für E- Fahrzeuge, die nicht die größte in Deutschland ist.
    Aber für alle männlichen und weiblichen Fans von Elon Musk ist alles, was er tut GROSS.

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