Feier in Hamburger Schule

„Bild“ und „Welt“ von „Kleinstmenge“ Marihuana vollkommen berauscht

In Hamburg ist kürzlich das Schuljahr zu Ende gegangen, und am renommierten Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer, kurz Kaifu, haben sie ein paar Kollegen verabschiedet, die die Schule verlassen. Es gab Sekt, Büffet, ein paar warme Worte. Ein Fest wie viele andere auch.

Doch später, als der offizielle Teil längst beendet war, kehrten einige Lehrerinnen und Lehrer in die Schule zurück, um dort weiter zu feiern. Und dann geschah etwas, das Teile der Presse in helle Aufregung versetzte.

Skandal! „Bild“ über die Feier am Kaifu-Gymnasium in Hamburg Screenshot: Bild

Für „Bild“ ist es ein „Drogen-Skandal“, der die Schule „erschüttert“. Da liest man natürlich hin: Uh, eine „Drogen-Party“, wie es in der Überschrift heißt, auch noch an einem Gymnasium, ja also. Was gab’s denn? Spritze im Arm, Zeug in der Nase? Nee. Es geht um etwas Gras.

In Hamburg passieren ganz andere Sachen

Zuerst hat die „Welt“ über diese „Drogen-Party“ berichtet, von der sie offenbar Wind bekommen hatte. Im Text heißt es schön nebulös, man habe es „aus Polizeikreisen“ erfahren, und zwar „mit Verweis auf eine Mitteilung der Polizei, in der die Vorgänge aus der Nacht beschrieben wurden“. Es scheint ein interner Bericht zu sein, denn eine offizielle Pressemitteilung zu dem Vorgang gibt es nicht. Dafür war er einfach zu klein, wie die Polizei auf Nachfrage erklärt. In einer Stadt wie Hamburg passieren ganz andere Sachen.

15 Lehrer, schreibt die „Welt“, hätten die Aula der Schule in der Nacht für eine „private Feier“ genutzt. Irgendwann erschien die Polizei, wohl um zu überprüfen, weshalb da so spät noch Licht brennt in der Schule. Als die Beamten sich Zutritt verschafft hatten, fanden sie laut „Welt“ „neben zwei Joints auch ein Tütchen mit ‚rauschgiftverdächtiger Substanz‘, mutmaßlich Marihuana“. Außerdem: „zerstörtes Mobiliar“ und, Achtung, „eine laufende Musik- und Lichtanlage“, was bei einer Party natürlich verdächtig ist.

Inwieweit die Funde mit der Feier zu tun haben, ist der „Welt“ allerdings „unklar“. Wie vieles andere auch, zum Beispiel: „Wie heftig die Feier ausfiel, dazu gehen die Beschreibungen weit auseinander.“

Bei „Bild“ fällt die Feier sehr heftig aus: Da hat die Polizei die Schule „umstellt“, von den Lehrern „fehlt jede Spur“, weil sie auf die Dachkuppel „getürmt“ seien, alles wie in einem Fernseh-Krimi, und dann auch noch das: „Gegenüber den Beamten ist eine Lehrerin unkooperativ.“

Die Polizei bestätigt auf Nachfrage, sie habe eine „Kleinstmenge“ Marihuana in der Schule gefunden, „weniger als ein Gramm“, und die Sprecherin erklärt, solche Fälle gebe es „zuhauf“ in Hamburg. Aber natürlich wird jeder Fall zur Anzeige gebracht, auch dieser, allerdings gegen Unbekannt, weil nicht klar ist, wem das Gras gehörte. In der Regel werden solche Fälle, bei so einer geringen Menge, später eingestellt. Doch erstmal beschäftigen sie Behörden.

Erschrocken von der Berichterstattung

Der Schulleiter sagt, die aufgefundene „Bagatellmenge Marihuana“ habe bisher keiner Person zugeordnet werden können. Und natürlich sagt er, dass er generell gegen Drogen sei, seine Schule betreibe da auch Aufklärung und Prävention. Und außerdem: So eine Party in der Schule, also keine offizielle, sei prinzipiell verboten. Die Lehrer müssen sich deshalb jetzt Fragen anhören, „es folgen dienstrechtliche Konsequenzen“.

Besonders erschrocken ist der Schulleiter über die Berichterstattung. Die Schule sei von der Polizei nicht „umstellt“ worden, sagt er. Die Kollegen seien auch nicht vor der Polizei unters Dach „geflüchtet“, sie hätten sich einfach dort aufgehalten, für einen „letzten Blick vom Turm“.

Und das „zerstörte Mobiliar“? Haben die alles kurz und klein gehauen? „Unfug“, sagt der Schulleiter. Die Schule befinde sich mitten im Umzug, in der Aula liege ein großer Haufen, der bald entsorgt werden solle. Und die kaputte Gitarre, über die auch „Welt“ und „Bild“ bereits geschrieben hatten, dass sie nichts mit der Feier zu tun habe, stamme vom Auftritt einer Band, schon etwas her. Natürlich: eine Rock-Band.

Berichtet haben nicht nur „Welt“ und „Bild“, es gab auch eine dpa-Meldung, einen NDR-Beitrag („mehrere Drogen“, „Riesen-Ärger“) und einen Artikel im Stadtteil-Magazin „Eimsbütteler Nachrichten“ mit einer goldigen Zwischenüberschrift aus den Siebzigerjahren: „Diskobeleuchtung und Joints“, steht da. Ob auch geschwoft wurde oder es gar zu Heavy Petting kam, steht da nicht.

Alkohol? Kein Thema

Aus einer „Kleinstmenge“ weicher Drogen machen Medien hier einen großen Skandal. Ein Wunder, dass nirgends Spritzbesteck als „Symbolfoto“ ausgewählt wurde. Dabei dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, dass Marihuana legalisiert wird, auch in Deutschland; Teile der USA, Kanada oder die dafür berühmten Niederlande haben das bereits gemacht. Und wäre bei der Feier „lediglich“ gesoffen worden, jede Wette: Es wäre kein Thema gewesen. Alkohol gehört zu Deutschland.

Aber, klar: Es geschah in einer Schule. Es waren Lehrer. Jedem Schüler in einer ähnlichen Situation würde ordentlich was blühen, und den Lehrerinnen und Lehrern jetzt eben auch, zumindest wegen der verbotenen Party am gymnasialen Ort. Die Schulbehörde weiß jetzt über alles Bescheid, und laut „Bild“ „tobt“ sie, weil bei „Bild“ andauernd alle toben.

Die „Welt“ winkt sicherheitshalber auch selbst mit dem moralischen Rohrstock. Die „Vorgänge“ würden „Fragen zur Vorbildfunktion des Lehrpersonals“ aufwerfen, schreibt sie, und zwar auch was Feiern während einer Pandemie betreffe. Allerdings seien die Lehrer „doppelt geimpft“ gewesen, und da muss selbst die „Welt“ einräumen: „Es geht also nicht um einen Verstoß gegen die Eindämmungsverordnung, sondern um die weiteren Umstände der Feier.“

Kritische Nachfragen

Für den Ruf der Schule sei das „fürchterlich“, sagt der Schulleiter. Auch die Art, wie darüber berichtet werde. Das Kaifu genießt Ansehen, wurde mehrfach ausgezeichnet, was die Fallhöhe für Berichte über eine „Drogen-Party“ natürlich noch mal vergrößert. Es gebe jetzt kritische Nachfragen von Eltern, zu recht, sagt der Schulleiter, es gebe aber auch Unterstützung. Und die Sache ist noch nicht ausgestanden. Da stehen noch Gespräche an.

Im Internet machen sich die Leute derweil lustig, weniger über die Lehrer, sondern vielmehr über die Sache an sich und Medien, die das zum Skandal aufblasen. Unter dem Facebook-Post der „Eimsbütteler Nachrichten“ witzeln sie zum Beispiel: „‚Drogenparty‘ 😂 Wegen zwei Joints. 🤦🏽‍♂️ Glaub dann war ich seit Jahren fast nur auf Drogenpartys ohne es zu wissen.“ Oder: „Da lohnt es sich ja nicht mal nen Bericht drüber zu schreiben.“

8 Kommentare

  1. Was die mal wieder nicht beantworten – haben die das Gras selbst gekauft oder irgendwelchen SuS abgenommen, die sich das vom Munde abgespart hatten?

  2. Sehr liberaler Standpunkt der liberalen „Welt“ mit ihrem sehr liberalen Chef. Vielleicht sollte die Chefreporterin Freiheit das Ganze auch nochmal einordnen.
    Warum der Terz? Steht die Schule in irgendeiner Verbindung zu den Grünen oder ACAB?

  3. Hmmm… Vorbildfunktion in Sachen Corona. Ob die Springerpresse so genau darauf geachtet hat als es um den Fußball ging?

    Des Weiteren: Hätten von den feiernden Lehrern 80% sternhageldicht in der Ecke gelegen, es wäre piepegal gewesen. Wenn Lehrer genau gewusst hätten dass sie nach Alkohol ausfallend werden hätte man das Verhalten noch damit entschuldigt. Aber klar, ein Joint? SKANDAL!

    Anmerkung: Ich rauch gar nicht!

  4. @ #2: Grüne /Linke sind für Legalisierung, also muss man ja an einem Narrativ arbeiten, dass die Kriminalisierung richtig ist und immer war. Es ist schließlich Wahlkampf.
    A propos: Ein Thema, ein Thema!

    „Wenn selbst die Lehrer … Schutzbefohlene … Denk doch mal einmal jemand an die Kinder!“ – Sagt die Zeitung, die gerne Bilder von toten Kindern aus dem Netz klaut um damit Profit zu machen (man denke sich die Links hinter jedem einzelnen Wort bitte selbst oder schaue hier https://bildblog.de/129375/die-opfer-von-bild-2/). Und ja Bild ist nicht Welt… Doch. Oder?

    Offenlegung: Ich rauche auch gerne mal einen aber bin gegen die Legalisierung (Es braucht schlicht nicht noch mehr legale Suchtstoffe. Lieber Alkohol und Tabakwerbung verbieten …) Aber bin für Entkriminalisierung, also quasi-Nichtverfolgung von Mindermengen. Gebt der Polizei eine Chance, diesen Quatsch nicht jedes Mal verfolgen zu müssen.

  5. Schlimm finde ich an der Berichterstattung vor allem, dass die genannten Medien damit rechnen können, bei großen Teilen ihrer Leserinnen und Leser auf Zustimmung zu stoßen. Nicht falsch verstehen: Ich bin gegen Drogen in jeder Art, solange sie sich nicht auf mäßigen, unregelmäßigen Konsum beschränken.
    Aber für Zigaretten(-produkte) wird wie wild Werbung gemacht, man muss sich vor Restaurants und öffentlichen Gebäuden durch Rauchwolken kämpfen, und bei zwei Joints und weniger als 1 Gramm Gras gibt’s nen Artikel. Ts.

    Viel spannender aber finde ich die Frage, warum sich die Lehrerinnen und Lehrer denn ausgerechnet zum Partymachen in der Schule getroffen haben. Die Gründe bei Schülerinnen und Schülern – keine eigene Wohnung, kein Geld für die Kneipe (waren die in Hamburg noch zu?) – kommen hier ja eher nicht zum Tragen… Und gegen einen „letzten Blick vom Turm“ hätte ja niemand was gehabt, wie ich den Schulleiter verstehe. Für mich ist daher eine dumme Idee noch dümmer gelaufen.

  6. Danke für den Artikel, sehr lesenswert.

    Aber kann sich bitte jemand die Mühe machen mir Spätgeborenen zu erklären was an „Diskobeleuchtung und Joints“ so unfassbar 70er ist? Ich bin Jahrgang 90 und empfinde beides als Begriffe des regulären Sprachgebrauchs. Gut ‚Diskobeleuchtung‘ ist etwas gestelzt und sicherlich keine Jugendsprache, aber zumindest in den Nullerjahren und in der Provinz, sagten auch Jugendliche noch ‚Joint‘ – ob man sich damit 15 Jahre später als senil outet, kann ich nicht beurteilen, ich bin schon lange internetalt.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.