Völlig durchgeknallt

Hat Bock auf Ballern: "RTL West"-Moderator Sebastian Reddig
Bock auf Ballern: „RTL West“-Moderator Sebastian Reddig Screenshot: rtl-west.de

„Am liebsten würde ich jetzt auch sofort losballern“, sagt der Moderator und grinst. In seinen Händen hält er Feuerwerks-Raketen, „dieses heiße Himmelsspielzeug“. Neben ihm, auf dem Boden, stehen noch mehr Feuerwerkskörper, bis zum Bauch gestapelt. Sieht fast aus wie im Shoppingkanal, nur die Rufnummer und der Preis fehlen. Und ein Feuerzeug. Sonst wär das Studio jetzt möglicherweise Asche.

„RTL West“, so heißt die Ballersendung, ist „das Nachrichtenmagazin für ganz NRW“, sagen sie jedenfalls selbst, und läuft werktäglich um 18 Uhr. Drei Tage vor Silvester war im größten Bundesland nachrichtlich aber dummerweise wohl so wenig los, dass „RTL West“ eine „Sondersendung“ mit dem Titel „Faszination Feuerwerk“ brachte – 23 von 30 Minuten lang, nur dieses Thema. Wobei: Es war schon noch spezieller. Es ging nicht um Feuerwerk allgemein, nicht um irgendeins.

Wirkt wie Feuerwerks-Werbung – ist es aber nicht.
Wirkt wie Feuerwerks-Werbung – ist es aber nicht. Screenshot: rtl-west.de

Die Firmenlogos, die man da mehrfach sieht, und die man erst mal für Werbung halten könnte, führen zu regulären Beiträgen von „RTL West“. In den Beiträgen porträtiert das Magazin nur diese Firma, den größten Hersteller von Feuerwerkskörpern in Europa. Der hat seinen Sitz zufällig nicht weit vom Kölner Studio entfernt, tief im Hinterland des Sendegebiets, oder wie es der Moderator sagt:

Böse Zungen behaupten ja, das Herz des Feuerwerks in Europa liege gleichsam am Arsch der Welt. Nämlich in Eitorf an der Sieg.

Genau da liegt das. RTL ist hingefahren und reingekrochen, ins Herz. Rausgekommen sind fast 17 Minuten Reportage, zackig geschnitten und unterlegt mit hymnischem Gewummer, in denen RTL das Unternehmen in den Feuerwerks-Himmel lobt.

RTL schwärmt von der „hohen Qualität“ der Kracher und vom „schönsten Sprengstofflager der Welt“. Es heißt, dass Fehler an Böllern hier „so gut wie unmöglich“ seien und dass die Geräte mit „größter Präzision“ laufen, was dem Autor so neu ist, dass er sich prompt in die Maschinen verliebt:

Wie perfekt aufeinander abgestimmt diese technischen Abläufe in Höchstgeschwindigkeit scheinbar von selbst funktionieren – bei näherem Hinsehen sind Fertigungsmaschinen lebendige Skulpturen, mit ganz eigener Schönheit.

Um diese „Schönheit“ der Feuerwerksproduktion auch schön in Szene zu setzen, hat RTL alles aufgewendet, was man für einen passablen Werbeclip aufwenden muss, natürlich auch eine Drohne. Die fliegt dann übers Gelände, über „Hallen, groß wie Fußballfelder“, in denen „Verkäufer aus Leidenschaft“ arbeiten, und zwar, vorerst letzte Phrase: „mit Herzblut“. RTL ist hin und weg. Oder anders gesagt: Die RTL-Begeisterung für die Firma ist mindestens so groß wie das Saarland.

Nicht missverstehen: Mag sein, dass es sich tatsächlich um ein tolles Unternehmen handelt, in dem tolle Leute tolle Arbeit machen, so wie es der Beitrag beschreibt. Aber ist es nicht merkwürdig, dass eine vermeintliche Nachrichtensendung – auch wenn sie bei RTL läuft – eine ganze nette Ausgabe einem einzigen Unternehmen widmet? Einer Firma, der RTL obendrein, und das ist das eigentliche Problem, verbunden ist?

Große Feuer-Freude zum 25. Geburtstag von "RTL West"
Große Feuer-Freude zum 25. Geburtstag von „RTL West“ Screenshot: rtl-west.de

Die Firma, um die es geht, hat im Frühjahr das Feuerwerk zum 25. Geburtstag von „RTL West“ ausgerichtet, was RTL nicht mal zu vertuschen sucht. Am Ende der Sendung zeigen sie noch mal den Bericht von damals, zeigen Aufbau und Abfackeln der „Königsdisziplin, dem choreographierten Großfeuerwerk“.

„Eine richtig tolle Show war das“, sagt der Moderator. Und den „Zuschauern auf der MS Loreley“, heißt es im Beitrag, „klappten die Unterkiefer reihenweise runter“ bei diesem „Hammer am Himmel“, diesem „perfekten Feuerwerk“. RTL war als Kunde offensichtlich äußerst zufrieden.

Sieht man nun die gefälligen Beiträge, wird man den Geschmack nicht los, dass es sich hier um ein nettes Tauschgeschäft handelt, von dem beide Seiten was haben – passend einen Tag vor dem Start des Silvester-Werksverkaufs der Firma.

2 Kommentare

  1. Glaubt man Google, scheint der alljährliche Bericht über den Werksverkauf bei Weco das Dinner for One des WDR zu sein. Die scheinen auch einen Platz in ihrem Herzen zu haben.

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