Burda-Zeitschrift retuschiert sich Michael Schumacher zurecht

Vor sechs Jahren sorgte „Die Aktuelle“ mit einer Titelseite bis ins Ausland für Empörung. Knapp ein Jahr nach Michael Schumachers Skiunfall zeigte die Funke-Zeitschrift im November 2014 ein großes Foto von Schumacher, mit ernstem Blick, Winterjacke und Sonnenbrille. „Was für ein Glück!“, hieß es in der Schlagzeile: „Michael Schumacher – Er sitzt in der Sonne!“

Tatsächlich war das Foto nicht aktuell, sondern fast zwei Jahre alt. Nur bei genauem Hinsehen war der kleine Hinweis „St. Moritz 26.1.2013“ zu erkennen.

Viele Medien berichteten über diese „Geschmacklosigkeit“, selbst gestandenen Fake-Journalisten wie die der „Daily Mail“ zeigten sich beeindruckt entsetzt – was die Funke-Mediengruppe und andere deutsche Klatschverlage aber nicht etwa dazu veranlasste, diese irreführende Methode mal ein wenig zu überdenken, sondern, im Gegenteil: eine Regelmäßigkeit daraus zu machen.

Bauers „Woche Heute“ etwa titelte 2016 über Michael Schumacher: „Dieses Fotos schenkt wieder neue Hoffnung“. Auf dem Foto sieht man Schumacher von hinten; sein Körper neigt zur Seite, seine Frau schaut ihn besorgt an. Als Leser konnte (und sollte) man annehmen, es sei erst kürzlich entstanden, doch in Wahrheit war auch das ein aus dem Kontext gerissenes Archivbild.

Zurzeit hoch im Kurs: Urlaubsfotos der Schumachers auf den Malediven, fast zehn Jahre alt, die von den Redaktionen nun benutzt werden, um in Kombination mit zweideutigen Schlagzeilen zu suggerieren, sie seien aktuell entstanden, es seien „DIE ERSTEN FOTOS“ von Schumi im Urlaub:

Sich juristisch dagegen zu wehren, dürfte natürlich schwierig werden. Im Zweifel argumentieren die Verlage einfach, sie hätten es jA gAr NiCHt sO gEMeiNT, darum machen sie sich ja überhaupt erst die ganze Mühe.

Die Illusion aktueller Fotos

Die größte Mühe von allen macht sich die „Freizeit Revue“ aus dem Burda-Verlag. Im vergangenen Jahr titelte sie zum Beispiel über Schumachers „geheimes Leben auf Mallorca“ und versprach „WELTEXKLUSIVE FOTOS“. Daneben: ein Foto von Schumacher, der aussieht, als müsse er gestützt werden. Wieder ein altes Bild.

Vor ein paar Monaten titelte sie: „Die Sensation ist perfekt! – Schumi ist wieder da!“ Auf dem beigestellten Foto umarmen und küssen sich Schumacher und seine Frau. Auch das: ein Archivbild.

Inzwischen präsentiert die Redaktion zu fast jeder Schumacher-Schlagzeile neben dem Aufmacherbild noch ein kleines Foto, das, insbesondere zusammen mit den Schlagzeilen, den Eindruck erweckt, es handele sich um eine aktuelle Aufnahme.

Verräterische Aufdrucke wegretuschiert

Auch auf ihrer aktuellen Ausgabe benutzt die „Freizeit Revue“ (die 500.000 gedruckte Exemplare pro Woche verkauft, mehr als der „Spiegel“) ein Schumacher-Foto zum Kundenfang. „Sensationelle Fotos! Hier wird Schumi wieder gesund!“ Zu sehen sind Michael und Corinna Schumacher, beide am Strahlen, er mit Reisetasche in der Hand, im Hintergrund ein Hafen.

Tatsächlich ist das Foto neun Jahre alt. Und das hätte man leicht erkennen können, wenn die „Freizeit Revue“ es nicht retuschiert hätte. Im Original trägt Schumacher nämlich ein T-Shirt seines damaligen Rennstalls Mercedes.

Links: Original, 2011. Rechts: Burda, 2020.

Wir haben beim Verlag nachgefragt, warum die Aufdrucke wegretuschiert wurden. Solche Details, teilte eine Burda-Sprecherin mit, würden „aus gestalterischen Gründen (z. B. um ein Titelbild optisch zu beruhigen)“ manchmal durch die Redaktion entfernt. „Die Redaktion hat in diesem Fall die Bearbeitung des Titelbildes deutlich mit dem Wort ‚Fotomontagen‘ gekennzeichnet.“ Deutlich!

Luftaufnahmen mit „spannenden Details“

Aber die Geschichte geht noch weiter. Denn die „sensationellen Fotos“, die auf dem Cover versprochen werden, sind nicht die alten Archivbilder, sondern: Luftaufnahmen des Schumacher-Grundstücks, offenbar per Drohne oder Helikopter fotografiert.

Ausriss: „Freizeit Revue“, Unkenntlichmachung: Ü

Erst im vergangenen Dezember hatte das Hamburger Landgericht ähnliche Aufnahmen von Schumachers Mallorca-Grundstück verboten. Die Veröffentlichung solch detaillierter Fotos, die es dem Leser ermöglichten, „quasi an der Terrasse beziehungsweise dem Pool der Familie“ zu sitzen, stelle „einen erheblichen Eingriff in die Privatsphäre“ der Familie dar, so das Gericht. Damals musste auch der Burda-Verlag die Fotos (erschienen in „Bunte“) nach einer einstweiligen Verfügung schwärzen.

Und jetzt also: wieder Luftaufnahmen. Wieder so nah rangezoomt, dass man „spannende Details“ erkennen kann, wie die Redaktion stolz verkündet. Zum Beispiel:

„Auf der unteren Sonnenterrasse ist ein Schirm von blickdichten Büschen umrahmt. Ist das Schumis Geheimversteck? Erholt er sich hier an der frischen Luft? Gut möglich.“

Auf unsere Frage, warum trotz des Gerichtsurteils wieder Luftaufnahmen veröffentlicht wurden, antwortet die Burda-Sprecherin:

„Das öffentliche Interesse am Genesungsprozess von Michael Schumacher ist durch seine hohe Bekanntheit sehr groß. Dies hat der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil bereits bestätigt. Auch dadurch, dass enge Freunde (z.B. FIA-Präsident Jean Todt) und Sohn Mick Schumacher immer wieder über Michael Schumacher sprechen. Die Redaktion hat sich für eine Veröffentlichung der genannten Fotos entschieden, weil die Leser dadurch eine Eindruck bekommen, in welchem Umfeld Michael Schumacher genesen kann. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs dürfen Luftbildaufnahmen von Anwesen Prominenter veröffentlicht werden, wenn sie die Rückzugsfunktion des Grundstücks nicht beeinträchtigen. Wir haben in der Vergangenheit daher mehrfach und in Kenntnis der Familie Schumacher Aufnahmen aus Gland veröffentlicht. Dies wurde nicht beanstandet. Das erwähnte Urteil aus Hamburg betrifft einen anderen Sachverhalt. Wir kommentieren es nicht.“

Wie tragfähig diese Argumentation ist, werden wohl wieder Gerichte entscheiden.

17 Kommentare

  1. Wie auch bei BILD muss man sich wirklich fragen was dort für Menschen arbeiten. Kann einem der Gehaltscheck soviel bedeuten, dass man sich am Leid anderer dermaßen ergötzt. Ich fand die Person Schumacher immer ganz schrecklich, aber was ihm passiert ist und was der Familie Schumacher hier passiert wünscht man keinem. Leider funktioniert bei solchen Leuten das Prinzip Charma irgendwie nicht…schade.

  2. @MYKI
    Was für Menschen dort arbeiten? Die Frage ist für mich geklärt: niederträchtige Lumpen, ohne Gewissen, Anstand und Skrupel, die unentwegt die Leserschaft belügen, und Menschen, die ganz offensichtlich keinen Kontakt zu den Schreibkräften des schmierigen Boulevard haben wollen, dreist und frech immer wieder auf den Pelz zu rücken. Ich denke, der Gehalts-Scheck spielt dabei keine besondere Rolle. Es ist eher eine Frage des Charakters, bzw., der Charakterlosigkeit, dass solche Typen in solchen Redaktionen landen.

  3. Letztlich ist’s ja nur eine Kosten / Nutzen Analyse.
    Wenn der Verlag mehr an der Veröffentlichung verdient, als er nachher per gerichtlicher Strafzahlung abdrücken muss, kann er ja auf Menschenwürde und Anstand verzichten.
    Es würde mich freuen, wenn hier ein Gericht mal entsprechende Anreize schafft. Wenn das überhaupt möglich ist.

    Wie immer bei dem Thema: Wer glaubt denn ernsthaft, diese News (also „Er ist geheilt“) aus einer wöchentlich erscheinenden Klatschzeitschrift zu bekommen? Die Leute wollen Voyeurismus, halblegale Drohnenfotos von Dingen, die sie nichts angehen. Moralisch sind Konsumenten und Hersteller da auf einem Niveau. Aber da wird die Feststellung hier auch nichts dran ändern.

  4. Habe noch nie verstanden, was der Reiz eines Prominenten außerhalb seines eigentlichen Tätigkeitsbereiches ist. Klar gibt es da interessante Hintergründe, die man sich auch mal in einer Doku geben kann sowas wie the „defiant ones“ über Dr. Dre oder „Supersonic“ über Oasis, aber das sind dann halt auch Sachen, die zum erweiterten musikalischen Umfeld der Musiker gehören. Wenn ein Rennfahrer im Kreis fährt oder ein Fußballer gegen den Ball tritt, dann kann man sich vielleicht noch das Interview danach angucken, ob der dann aber im Lamborghini abdüst oder mit der Tram ist dann doch eigentlich egal. Was Leute da noch interessiert, ob einer sein Kind Shaniya nennt ist mir unbegreiflich.

  5. @Bazooka Joe

    Sie wollen wohl als abgeklärter Durchblicker rüberkommen, oder?
    Schämen Sie sich für Ihre Wortwahl!

  6. Naja, die „Wayne interessiert’s?!?“ Kommentare ignorieren eben, dass dieses Genre eine erstaunliche Zahl von Menschen interessiert die dafuer Geld ausgeben; anders als z.B. in UK kann man in Deutschland derartige Publikationen eben nicht in die Pleite klagen (wäre mal wieder eine schöne Thomas Fischer Kolumne wo wer uns erklärt, warum das Recht wie immer einwandfrei funktioniert…) und daher stimmen die wirtschaftlichen Parameter; wer das liest, will keine Fakten, glaubt so halb, dass das stimmen könnte und greift nächste Woche wieder zu. Darueber kann man reflektiert schreiben, aber es ändert sich natuerlich nichts. Wenn jedes Schumi-Luftbild 1Mio Euro Schadensersatz gäbe, wären diese Bilder sehr schnell verschwunden-aber man sitzt da im 20. Jht-Sumpf und wartet darauf, dass die Generation „Oma Ilse, 60+“ irgendwann nicht mehr kaufen kann…

  7. @1 Was für Menschen dort arbeiten?
    Vollkommen Empathiebefreite wie der Kaugummijunge hier, der von Kartoffelbrei schwadroniert während er doch elber nahe bei verschimmeltem Graubrot liegt.

  8. @Schnellinger

    Ich mag das, wenn andere persönlich werden. Es zeigt doch, dass es auf der Sachebene nicht mehr geht.

    Und dann noch ein Namenswitzchen: Was will man mehr.

  9. Ich weiß noch, wie es kurz nach dem Unfall eine längere Pressekonferenz mit den behandelnden Ärzten gab. Weiterführende Erkenntnisse:
    – ohne Helm wäre Schumacher jetzt tot
    – man kann nicht sagen, wann er sich erholen wird
    – man kann auch nicht sagen, wann man das sagen werden kann
    – genauere Details wird man aus Rücksicht auf Patient und Familie nicht nennen
    (die Frage, OB er sich erholen wird, kam daher nicht zur Sprache)
    Diese Infos haben studiert Menschen gegeben, anstatt die einfach auf ein Blatt Papier zu schreiben und den restlichen Tag was sinnvolleres zu tun wie:
    – ausschlafen
    – anderen Menschen das Leben retten
    – mit dem Hund Gassi gehen

    Ein damals aktueller Terroranschlag fand nicht so viel Aufmerksamkeit. (Nicht gegen Schumi, nur das tut weh.)

    Aber jetzt können Familie und Freunde ihn wenigstens auf einem Titelbild sehen, und wie nett: die haben sogar Sonnenschein mit reinretuschiert. Damit es schöner aussieht.
    Ist das nicht schön?
    Umd sowas hinzukriegen, muss man schon empathisch sein. Deshalb ist es falsch Empathie und Mitgefühl gleichzusetzen.

  10. Das Weglassen der zynischen Wortwahl hat ja nicht so gut geklappt, „Bazooka Joe“.

    Bei aller berechtigter Kritik an Schumi, aber einen nun ziemlich sicher behinderten Menschen mit Kartoffelbrei zu vergleichen, ist allerunterste Schublade, egal wie die Behinderung zustande gekommen ist. Damit sind sie kein bisschen besser als die widerlichen Schreiberlinge der Regenbogenpresse. Das war richtig eklig!

  11. Um der gewissenlosen Bildmanipulation die Krone aufzusetzen, wurde zudem in mindestens zwei Fotos (jeweils das rechte in schumi-fotos-urlaub.jpg – dort durch den Vergleich besonders gut zu sehen – und schumi-freizeit-revue-foto2.jpg sowie evtl. das mittlere schumi-freizeit-revue-foto3.jpg) die Haare stümperhaft grau retuschiert. O_O
    Damit wird auch mehr als nur „suggerier[t], sie seien aktuell entstanden“.

  12. @12

    Es geht hier auch nicht um Ihre Sympathie. Auf die kann die Familie Schumacher bestimmt gut verzichten.

    Aber Ihre Argumentationskette ist wirklich furchtbar und unmenschlich. Wenn jemand von „der Presse“ in seiner Karriere profitiert hat, verliert derjenige seine Persönlichkeitsrechte?

    Während Schumachers Karriere war das Verhältnis zur medialen Öffentlichkeit eine Symbiose. Sowohl Schumacher wie auch die Presse haben davon profitiert. Jetzt ist das Verhältnis aber ein anderes. Nur noch die Presse profitiert und das durch rechtlich grenzwertige Praktiken (auf welcher Seite der Grenze muss im Einzelfall geklärt werden).

    Eigentlich ist das alles nicht sonderlich schwer zu verstehen, nur Sie konstruieren halt aufgrund persönlicher Antipathien eine Rechtfertigung für dieses Verhalten. Und wundern sich, wenn Sie dafür angegangen werden oder Ihre menschlichen Kompetenzen in Frage gestellt werden. Bizarr.

    Im übrigen hege ich auch keinerlei Sympathie für Michael Schumacher, den Sport den er ausgeübt hat, oder seine Familie. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich das Verhalten der hier beschriebenen Yellow-Press nicht in all seiner Menschenverachtung anprangere.

  13. Hallo Teekay (@7),
    „anders als z.B. in UK kann man in Deutschland derartige Publikationen eben nicht in die Pleite klagen“
    Hmm, wieso gibt es dann noch Machwerke wie „The Sun“? Die Yellowpress in UK gilt ja als noch härter als hierzulande.

  14. Als ich vor 35 Jahren begann, als Journalistin zu arbeiten habe ich genau das erlebt: Die Chefredaktion schlug Recherchen vor, deren Ergebnisse im Grunde schon feststanden. Damals habe ich mich ziemlich angeekelt von dieser Art der Wirklichkeitsinterpretation abgewandt. Aufgrund des gnadenlosen Wettbewerbs auf den Medienmarkt hat dieses Problem nun längst auch die renommierten Publikationen erfasst. Und genau das ist es ja, was die Menschen durchaus bemerken. Die Medien versagen in ihrer Funktion als Kontrollorgan. Sie machen sich unglaubwürdig und angreifbar. Mit fatalen Folgen für die Demokratie.

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