Sein Schloss, sein Schiff, sein Himmel, unser Aufmacherfoto

Ein bisschen undankbar ist das schon. Da organisiert Markus Söder, CSU-Chef und Bayerischer Ministerpräsident, für den Besuch der Bundeskanzlerin als Kulisse eigens einen See mit Alpenpanorama unter weiß-blauem Himmel, eine Kutschfahrt, ein Schloss, einen Spiegelsaal. Und was wählt die „Thüringer Allgemeine“ aus all diesen prächtigen Angeboten als Aufmacherbild?

Ausgerechnet ein Foto, das ungefähr so auch in jeder Kongresshalle hätte entstehen können.

Die meisten anderen deutschen Tageszeitungen ließen sich aber gottseidank die Gelegenheit nicht entgehen und bildeten die große Inszenierung großflächig ab. Vor allem die Bilder, die Angela Merkel und Markus Söder auf dem Raddampfer „Ludwig Fessler“ auf dem Weg zur zur Insel Herrenchiemsee zeigen, haben es ihnen angetan.

Es ging bei dieser Inszenierung, da waren sie sich fast alle Journalistinnen und Journalisten einig, um die sogenannte „K-Frage“ …

… wobei das „K“ seit gestern weniger für „Kanzler“ steht als für „Kronprinz“ oder „König“.

Nur die „Berliner Zeitung“ formulierte treuherzig, dass es bei dem Treffen um „schöne Bilder“ ging, „und nicht um die K-Frage“.

Immer, wenn irgendwer auf einem Schiff sitzt, greifen Medienleute, klar, in den Redaktionseimer mit den nautischen Sprachbildern und Floskeln, und dann: Sinn über Bord!

Denn egal wie fern der Gedanke ans Rudern angesichts des konkreten Wasserfahrzeuges auch sein mag, Rudern geht immer: (Korrektur, 18:35 Uhr: Oh, ok, mein Fehler.)

Der „Tagesspiegel“ hatte die schöne Idee, das Postkartenmotiv gleich als Postkartenmotiv in Szene zu setzen:

Die „Berliner Morgenpost“ auch:

Die zur Schau gestellte Zweisamkeit kann man natürlich als „Signal des neuen Miteinander“ beschreiben, wenn Markus Söder sie als „Signal des neuen Miteinander“ beschreibt…

… aber sexyer wird es auf Französisch …

… oder gleich so, wie es sich die „Süddeutsche“ traute:

Die Fotos von Söders und Merkels gemeinsamer Kutschfahrt wirken dagegen zwar vergleichsweise piefig …

… haben aber immerhin den Vorteil, dass Kutsche und Kanzlerin und Kanzlerschaft eine astreine Alliteration anbieten:

Beliebter sind auf den Titelseiten die Fotos aus dem Spiegelsaal des Schlosses; selten von vorne …

… häufiger von hinten, weil das viel mehr hermacht.

Wobei hier einzuwenden wäre: Wenn es sein Reich wäre, wäre die betont bürgerliche Anrede als „Herr Söder“ ja wirklich unangemessen. Die Zeitungen sind sich ohnehin noch uneins, wem das alles da gehört und wessen Reich das ist.

Die „Berliner Morgenpost“ schreibt:

„(…) Söder fuhr alles auf, was er hat: eine Schifffahrt, eine Kutsche und den prunkvollen Saal von Schloss Herrenchiemsee.“

Die „Stuttgarter Zeitung“ hingegen:

„Es entstehen Bilder, wie Merkel und Söder vertraut auf dem Chiemseedampfer oder in der Pferdekutsche miteinander reden. Die Sprechblase in diesem bajuwarischen Comic zeichnet sich fast von allein: ‚Das, mein Sohn‘, spricht da gedanklich die Königin zum Kronprinzen, „wird einmal alles Dir gehören.'“

Was – abgesehen von der gewagten journalistischen Technik des sich selbst zeichnenden gedanklichen Sprechens – ja bedeuten würde, dass es ihr Reich ist. Kein Wunder: Nach mehreren Jahrzehnten des Lebens in der Republik haben sich die Hofberichterstatter noch nicht in die Details eingearbeitet.

(Dass die „Bild“-Zeitung das, was man traditionell noch „Kaiserwetter“ genannt hätte, kurzerhand als „Söder-Wetter“ bezeichnet, sei nur am Rande erwähnt.)

Textlich ist es, anders als bildlich, ohnehin ein mühsames Geschäft, Reportagen von dieser geschichtsträchtigen Begegnung schreiben zu müssen. Die Korrespondentin des „Kölner Stadtanzeiger“ beginnt ihren Text, erkennbar um Originalität bemüht, so:

„Da kommt die Kanzlerin nach Bayern und das erste, was sie macht, ist: abwinken.

In Prien am Chiemsee steigt sie aus dem Auto, die Sonne scheint, es ist angenehm warm. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder schreitet auf sie zu, er hat Angela Merkel zu einer Kabinettssitzung geladen, nicht in die schnöde Münchner Staatskanzlei, sondern ins malerischere Schloss Herrenchiemsee.

Drei Masken hat Markus Söder als Willkommensgeschenk mitgebracht, eine in Schwarz-Rot-Gold, eine blaue Europaflagge und eine in weiß-blau mit bayerischem Wappen. Er hat am Morgen schon sehr zufrieden und ein bisschen aufgeregt ein Foto davon getwittert.

Die Kanzlerin deutet nur auf ihr Gesicht. Sie trägt schon eine Maske, mit dem Logo der deutschen EU-Ratspräsidentschaft.“

In der „Berliner Zeitung“ stand schon gestern, also vor dem Treffen, ein Text über Markus Söder. Er begann mit den Worten:

Im Chiemsee in Bayern gibt es zwei Inseln: die Fraueninsel und die Herreninsel. Wenn die Kanzlerin Angela Merkel und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sich am Dienstag treffen, dann findet die Begegnung auf der Herreninsel statt. Das ist aber kein Hinweis auf den künftigen Kanzlerkandidaten. Auf der Herreninsel steht die schönere Kulisse. (…)

Man kann sich die Bilder schon vorstellen: auf dem Dampfer, vor Märchenschloss und Fontäne.

Genau.

28 Kommentare

  1. …dazu habe ich schon heute in anderem Zusammenhang was von mir gegeben.
    Wäre ich MiPrä in NRW, würde ich mit das Merkel ein intimes Abendessen in der Showkulisse Kaiserpfalz in Düsseldorf-Kaiserswerth mit Fähre übern Rhein nach Lank-Latum veranstalten. Ein p(P)aar Pferde plus Kutsche sollte hinzubekommen sein.
    Niederrhein, von dem Hanns-Dieter Hüsch mal sagte:
    „Glockengeläut. Die Strasse gefegt, dem Nachbarn die Hand gegeben.
    Zufrieden den Sonntag erwartend“
    Für ein Fernseh-Abendessen böte sich natürlich auch noch das Benrather Schloss an.
    Scheffkoch: Horst Lichter.
    Kommentator durch den Abend: Lanz,M. Südtirol

  2. DasPotenzial, das seinerzeit ehrfürchtig aufsah zu Guttenberg und den neuen politischen Messias begrüßte, war lange Zeit recht ruhig und ist es auch aktuell noch, lauert aber schon im Hintergrund, um endlich wieder jemand auf dem Thron feiern zu können.

  3. 1.

    Ekkehard ist ein unangenehmer Zeitgenosse.

    2.

    Merkel und der designierte Nachfolger Söder, die Ausreiseverbote auf Stadt- oder Kreisebene öffentlich gutheißen. Das hätte mir vor einem Jahr mal einer sagen sollen, ich hätte laut gelacht. Mittlerweile ist mir eher nach Weinen zumute, zumal der Aufschrei angesichts derartigen Irrwitzes viel zu leise ausfällt.

  4. Ich finde diese Kritik etwas oberflächlich.

    Ja, dieses Sprechen in Bildern ist fragwürdig. Lernt man das eigentlich auf Journalist_innenschulen? (Ich nehme an, diese Schreibweise ist hier gewünscht, bin mir aber schon wieder unsicher, denn im Artikel steht „bürgerlich“ und „die Hofberichterstatter“.)

    Mir ist dieser Bilder-Kitsch ber doch noch lieber als die zum Artikel aufgeblasenen Empörungs-Tweets, die man hin und wieder auf Übermedien liest.

    [EDIT: gelöscht]

    Ja, #metoo geht natürlich immer (im Gegensatz übrigens zu Rudern, aber das wurde ja eh korrigiert).

  5. Wenn die Sonntagsreden vom „unabhängigen“ und „kritischen“ Journalismus auf die Realität der Mantelausgaben und dpa-Fotos trifft…

  6. # Alliterationen mit „K“, noch eine:

    »Auf Kuschelkurs mit der Kanzlerin« (idowa)
    (Schiffsfahrt, und „Kurs“: Achtung, Pointe.)

    »Der Mann mit den drei Masken« (FAZ)
    (Schrammt als Aufmacher zwar knapp an einer Themaverfehlung vorbei, aber schön alliteriert immerhin.)

  7. „“Kann Söder unfreiwillige Komik?!“
    Oder weiss er, wie die AfD auch weiss , sich in das Gedächtnis einzutragen.
    Egal,womit!
    Tjaja.

  8. @Martin Böttcher
    Niemand ist verpflichtet sein/ihr Recht auch auszuüben. Oder wollen Sie eine Pressepflicht (was immer das sein soll und wem auch immer sie obliegen könnte)?
    Diejenigen, die der Ansicht sind, ihre Meinung oder ihr Informationsinteresse würde in der bisherigen Presselandschaft nicht ausreichend befriedigt, können sofort in Ausübung der Pressefreiheit (bitte achten Sie auf Art. 5 Abs. 2 Grundgesetz) ihre eigene Publikation erstellen und verbreiten.

  9. Ein toller Überblick über wunderbare Hofberichterstattung ;-)
    Aber logisch, man möchte von dem Kuchen der Steuergelder, mit denen die Zeitungen „gekauft“ werden, soviel wie möglich abhaben.
    Da schmiert man der Göttlichen und ihrem aktuellen Kronprinz (vielleicht beißt sie ihn ja bald wieder weg – höhö) ein bisschen Honig ums Maul und alle freuen sich (oder wenden sich angewidert ab – diese Rassisten/Nazis/AFD-ler – bäh!).

    Eigentlich ein Trauerspiel, aber was solls.
    Auch diese dunkle Zeit wird irgendwann enden, auch wenn die linkssozialistische Einheitsfront aus (bereits gleichgeschalteten oder vorauseilender Gehorsam?) Parteien, ÖR, Medien dem dummen Bürger die Mär von der besten Zeit (für wen?) verkaufen will.

  10. Mein Vorschlag für die, die das so glasklar wie Sie erkannt haben, wäre ja, nicht die eigene Lebenszeit damit zu verschwenden, auf das Ende dieser dunklen Zeit zu warten, sondern sich mit ähnlich Aufgeweckten schon mal an einem Ort zusammenzufinden, um die lichtvolle Zeit vorzuleben. Auf dem Land ist vielerorts ne Menge Platz, habe ich gehört. Vielleicht hat das ja eine ungeahnte Sogwirkung hin zu einem solchen Leuchtturm der Zivilisation. Denn seien wir doch mal ehrlich, der dumme Bürger ist nun schon Jahrzehnte nicht schlauer geworden und wird doch eigentlich immer mehr verdummt. Auf solche Leute muss man doch nicht warten, die sind doch selber schuld.

  11. @Vannay & Rüdiger Berndt
    Ich weiß nicht, ob Ihnen der Begriff „Schwarmintelligenz“ etwas sagt, aber könnte es nicht so sein, dass der „dumme Bürger“ eigentlich der Klügere ist und Sie beide Teil einer dummen Minderheit sind, die sich ständig selbst überschätzt?

  12. @MartinF:
    Vielleicht haben Sie Recht. Vielleicht auch nicht.
    Das hängt von der Definition der Begriffe dumm bzw. intelligent ab.

    Wie hoch ist die „Schwarmintelligenz“ bei gerade jungen Frauen, die die Zuwanderung von mehrheitlich jungen Männern aus Regionen, in denen Frauen keine oder weniger Rechte haben, bejubeln und unterstützen? Ist es intelligent, Menschen, die von Gleichberechtigung nicht viel halten, hier in Massen anzusiedeln und zu glauben, man könne auch weiterhin so frei leben, wie gewohnt? Oder wollen diese Frauen so gern bevormundet werden und ich bin bloß zu dumm, dass zu kapieren?
    Ich denke, Sie verstehen, was ich meine!

  13. Na wenigstens haben Sie es nicht unfreundlich formuliert.
    :-)
    Ich möchte in der linkssozialistischen Wohlfühloase der besseren Mensch*innen nicht stören und schweige fortan.
    :-)

  14. Interessant. „Linksozialistisch“ ist wirklich ein selten benutzter Begriff. Hat mich stutzig gemacht und zum Nachdenken und Recherchieren gebracht, weil es mir anfangs als sinnlose Tautologie erschien. In Deutschland bezeichnete sich aber in den 30er Jahren wirklich so eine Arbeiterpartei, die der SPD zu kapitalistisch und der reale Leninismus/Stalinismus zu diktatorisch war. Da gerade letzteres nicht in das Bild passt, dass man uns hier aufdrücken möchte, vermute ich eher, die Wahl ist unterbewusst so auf dieses seltsame Wort gefallen, weil der Verwender einem anderen Sozialismus durchaus zugetan wäre und diesen abgrenzen möchte von jenem, den er uns zuschreibt.

  15. „… aber sexier wird es auf französisch …“

    … aber richtiger wäre es „auf Französisch“.

  16. Der Täuscher Söder wird überschätzt und kann deshalb den Sonnenkönig geben. Er hat sein Blatt überreizt, aber die Mitspieler sind immer noch von seinem forschen Bieten beeindruckt.
    Die Fallhöhe ist jedenfalls da, und bis 2021 wird klar sein, was von den bayerischen Autobauern und Wirtshäusern noch übrig ist.

  17. @ SN #27
    „aus der Kommentarspalte von Übermedien“
    Wohnhaft ebendort im Penthouse, wo ihm ein Ausrufungs-, Hinweis- und Quittungsservice unbekannten Erwerbs zuteil wird.

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