Stehen und stehen lassen

Foto: Republica auf Pixabay

Die Firma Segway hat bekannt gegeben, dass sie in Zukunft keine Segway mehr produzieren werden, und ich finde keine Worte, um meiner Freude Ausdruck zu verleihen. Ich habe eine zeitlang bei einem Verlag gearbeitet, der direkt an einer Touristenroute lag, die von Gruppen in semi-transparente, knisternd flatternde Regenponchos gehüllter Steh-Flaneure auf diesen merkwürdigen Kipprollern befahren wurde, während aus einem Lautsprecher am Führungsfahrzeug eine blecherne Stimme die gerade passierten Sehenswürdigkeiten anpries. Es ist kein schöner Anblick, quasi der HSV1)HSV im Sinne von: Sieht furchtbar aus und funktioniert auch nicht richtig. Diese Elektro-Tretroller sind übrigens in diesem Bild der FC St. Pauli: Funktionieren noch weniger, aber Möchtegern-Hipster stehen total drauf. unter den Fortbewegungsmitteln. Meinetwegen kann das weg. Ich weiß, ein großer Teil des Grundes sind die Elektro-Share-Tretroller, die auf allen Fahrradwegen herumliegen, und die sind nicht so wirklich besser, aber zumindest denken das offenbar die potenziellen Kunden2)Die denken allerdings auch, sie wären König, insofern warne ich vor Kunden..

Jetzt sind Segways also Vergangenheit. Ich weiß, wie sich sowas anfühlt, ich arbeite in den Medien, und bei uns ist dauernd irgendwas Vergangenheit, zum Beispiel gerade das Berliner Stadtmagazin „Zitty“. Ich habe es nicht oft gelesen, so wie offensichtlich zu viele Menschen, aber natürlich habe ich eine Sympathie für ein Heft, das 43 Jahre lang erschienen ist.

Und es tut auch ein bisschen weh, weil ich vor allem weiß, wie Leute sich fühlen, für die es Teil ihrer Arbeitsbiografie war, für „Zitty“ zu schreiben. Ein Medium prägt einen. Man schreibt überall ein bisschen anders, denn selbst wenn man ein verharzter Knochen von Autor ist, passt man sich seinem Auftraggeber an. Dem ganz speziellen Sound, den jedes ordentliche Magazin entwickelt, vor allem, wenn es Jahrzehnte lang vor sich hin … Dings, na, sag schon … lebt! Und das ist es, was mich eigentlich nervt: Es geht wieder ein Sound verloren, und er wird nicht ersetzt werden.

Magazine sind merkwürdige Produkte, weil sie physisch Industrieprodukte sind, sie werden zu zigtausenden gedruckt und ausgeliefert,3)Vor nicht so langer Zeit hätte ich „zu hunderttausenden“ geschrieben, aber das fühlt sich falsch an, auch wenn es das in einigen Fällen noch gibt. aber in der Herstellung sind sie quasi handgemacht: Jede Seite, praktisch jedes Wort wird von Menschen eingefügt und geprüft, es steckt sehr, sehr viel Persönliches drin. Jedes Mal wieder. Allerdings ist es genau das, was Magazine teuer macht,4)Drucken kostet heute wirklich viel zu wenig Geld, es ist ruinös für die Druckereien. Es sollten viel mehr Leute kleine Magazine machen. Go for it! und in der aktuellen Situation – ganz generell und nochmal mehr durch COVID-19 –, wird es immer seltener vorkommen, dass neue Titel auf den Markt kommen, die überhaupt Gelegenheit haben, einen Sound zu entwickeln.

Die Persönlichkeit von Heften wird nach der industriellen Logik mehr und mehr durch Marktforschung bestimmt, und im Ergebnis ist das so, als würde der Algorithmus eines Dating-Portals nicht den am besten passenden Partner vorschlagen, sondern ihn gleich nach Kundenwünschen klonen. Da wird niemals ein echter Charakter draus. Sich zu verlieben heißt nämlich, etwas toller zu finden als man es sich vorstellen konnte.

Es gibt übrigens das irgendwie passende Bild dazu in der Geschichte, die jeder erzählt, der den Namen Segway hört: Dass der Erfinder dieser rollenden Kanzel gestorben ist, weil er mit einem von den Dingern von einer Klippe gestürzt ist. Die Geschichte ist nicht wahr, sondern viel besser: Es war der zwischenzeitliche Besitzer der Firma, der zu Tode gestürzt ist. Er hatte die Firma nur irgendwann übernommen, als sie in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Der Erfinder Dean Kamen lebt und ist längst gefühlte 4000 Erfindungen weiter. Kreativität hält lebendig. Das sollte die Lehre sein.

Fußnoten   [ + ]

1. HSV im Sinne von: Sieht furchtbar aus und funktioniert auch nicht richtig. Diese Elektro-Tretroller sind übrigens in diesem Bild der FC St. Pauli: Funktionieren noch weniger, aber Möchtegern-Hipster stehen total drauf.
2. Die denken allerdings auch, sie wären König, insofern warne ich vor Kunden.
3. Vor nicht so langer Zeit hätte ich „zu hunderttausenden“ geschrieben, aber das fühlt sich falsch an, auch wenn es das in einigen Fällen noch gibt.
4. Drucken kostet heute wirklich viel zu wenig Geld, es ist ruinös für die Druckereien. Es sollten viel mehr Leute kleine Magazine machen. Go for it!

7 Kommentare

  1. Was bin ich froh, dass Sie zurück sind, lieber Michalis Pantelouris! Wie hab ich die Fußnoten vermisst … Als Magazinmacherin und Nicht-Segway-Nutzerin finde ich mich immer wieder in Ihren Kolumnen wieder (abgesehen von den Fußballmetaphern, aber die lass ich Ihnen mal durchgehen, weil man sie auch als Laie versteht). Gerne mehr davon (außer von den Fußballmetaphern)!

  2. Beim FC St. Pauli mag man keine Hipster, oder Elektro-Roller oder unsinnige HSV Vergleiche. Fußball scheint da nicht die Hauptkompetenz des Autors zu sein.
    Ignoriert man aber die Fußnote 1, ist es ein schöner Text. Und die Hauptnachricht ist wirklich eine gute Nachricht.

  3. @Stefan Niggemeier
    Sie meinen, Fußball und der HSV sind zwei völlig verschiedene Dinge und haben nichts miteinander zu tun.
    Man könnte das gehässig nennen…

  4. Als leidgeprüfter Fan muss ich zugeben, das trifft zumindest für den letzten Spieltag auch auf den 1. Fußball [sic] Club Köln zu.

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