Liebesgrüße nach Rheda-Wiedenbrück

„Ich will gar nicht erst versuchen, den Eindruck zu erwecken, ich sei unvoreingenommen. Clemens Tönnies war bei meiner Geburtstagsfeier eingeladen. Ich bei seiner. Wir kennen uns schon viele Jahre, wir haben uns über den Fußball kennengelernt.“

Wenn man dem eigenen Kommentar eine solche Präambel voranstellen muss, sollte man eigentlich die Finger von dem Thema lassen.

Doch das gilt nicht für Alfred Draxler. Er steht zu Clemes Tönnies, so wie er immer zu seinen Freunden steht. Und wie immer steht ihm bei „Bild“ dabei niemand im Weg.

Ausriss aus der Bild vom 27. Juni
Ausriss: „Bild“

Tönnies, in dessen Schlachtfabriken sich 1.400 Menschen mit Covid-19 infiziert haben sollen, was zu erneuten strengen Kontaktbeschränkungen in zwei Landkreisen geführt hat, ist laut Draxler momentan „das wahrscheinlich größte Feindbild Deutschlands“.

„Im Fernsehen, wo bisher bei Corona-Nachrichten das Virus gezeigt wurde, diese rötliche Kugel mit den ekeligen Noppen, sieht man jetzt ein Foto von Tönnies. Erstmals hat die Krise ein Gesicht. Endlich kann man reinschlagen.

Irgendwie nach dem Motto: Schlachtet das Schwein! Ich frage mich, ob wir es uns damit nicht zu einfach machen.“

Eigentlich sind wir alle schuldig

Ja, das fragt sich der Alfred Draxler. Und was glauben Sie, zu welcher Antwort kommt er wohl, während er darüber nachgrübelt?

Genau:

„Tönnies hat kein Gammelfleisch verkauft. Es sind auch keine Hygiene-Probleme im Unternehmen bekannt.“

Der Fleischproduzent sei nur Teil eines Systems, schreibt Draxler, zeigt dann mit dem Finger auf Sven-Georg Adenauer, den Landrat in Gütersloh, und Armin Laschet, den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, und schließt mit einem Blick auf Tönnies:

„Ihn aber schon jetzt quasi zum Alleinschuldigen zu machen, ist gefährlich. Denn dies wäre die nächste Stufe des Wegschauens und Verdrängens. Die Probleme in der Fleischindustrie sind (auch) die Probleme von uns allen!“

Wir sind also quasi alle mitschuldig. Sicher, der Clemens hat ein paar Fehler gemacht. Aber hey, wer macht nicht mal Fehler? Und:

„Sollte Clemens Tönnies eine eindeutige Schuld nachgewiesen werden, dann wird er dafür gradestehen. Dafür kenne ich ihn.“

Draxler meint tatsächlich den selben Clemens Tönnies, der vor wenigen Jahren die „Wurstlücke“ im Kartellrecht gefunden hatte. Die FAZ schrieb damals:

„Zwei Tochtergesellschaften des Schweineschlachters hatten an Preisabsprachen für Wurstwaren, Knacker und Schinken teilgenommen und sich Kartell-Bußgelder in Höhe von fast 130 Millionen Euro eingehandelt. Bezahlt hat die Gruppe aber nicht einen Cent.

Findige Unternehmensjuristen machten sich ein Schlupfloch im Kartellrecht zu nutze: Die beiden Untergesellschaften wurden mit anderen Tochterunternehmen verschmolzen und aus dem Handelsregister gelöscht. Rechtlich waren sie nicht mehr existent, so dass der Bescheid des Kartellamtes ins Leere ging. Und da die Konzern-Muttergesellschaft nicht für Verfehlungen ihrer Töchter haftbar gemacht werden konnte, waren alle Razzien und Ermittlungen vergebens. Weil auch andere Unternehmen gewiefte Anwälte haben, macht der als „Wurstlücke“ berühmt gewordene Tönnies-Trick Schule.“

Aber für Draxler ist der der Golf-Buddy Clemens eigentlich ein feiner Kerl. Einer, der halt sein Ding macht.

Der Verteidigungskommentar ist ein klassischer Draxler.

„Intensiv-Recherche“ für den Kaiser

Legendär, wie der damalige „Sport Bild“-Chef 2015 Franz Beckenbauer vor den wenige Tage zuvor veröffentlichten Sommermärchen-Enthüllungen des „Spiegel“ in Schutz nahm. Nach einer „Intensiv-Recherche“ – wie Draxler es nannte – schrieb er einen Kommentar, in dem er darauf hinwies, dass „‚Vetternwirtschaft‘ oder Beeinflussung bei dieser Recherche“ komplett ausgeschlossen seien.

Was ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist. Wir betreiben ja schließlich sowas wie Journalismus hier.

Schlecht für Draxler war allerdings, dass später herauskam, dass er diesen Artikel sowohl dem damaligen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach als auch Elvira Netzer, der Ehefrau von Günter Netzer, vorab geschickt haben soll. Betreff: „Ich kann noch alles ändern.“

Beide – Niersbach und Netzer – hingen laut „Spiegel“ tief drin im Sommermärchen-Geflecht.

„Nicht über nahestehende Personen“

Bei Springer gibt es „Leitlinien der journalistischen Unabhängigkeit“. Darin heißt es:

„Die Journalisten bei Axel Springer berichten grundsätzlich nicht über nahestehende Personen, insbesondere Familienangehörige in Text und Bild, es sei denn, es liegt ein mit dem jeweiligen Vorgesetzten abgestimmter sachlicher Grund vor.“

Alfred Draxler – das muss man ihm zugute halten – tut noch nicht einmal so, als wäre Clemens Tönnies keine ihm nahestehende Person. Auch die Freundschaft zu Franz Beckenbauer verschwieg er nie.

Warum darf Draxler dennoch immer wieder die eigenen Kumpel in der „Bild“ verteidigen?

Entweder sind den „jeweiligen Vorgesetzten“ die Leitlinien der journalistischen Unabhängigkeit scheißegal.

Oder sie zählen Alfred Draxler schlicht nicht zu den Journalisten bei Axel Springer.

Beides wäre nachvollziehbar.

13 Kommentare

  1. „Erstmals hat die Krise ein Gesicht. Endlich kann man reinschlagen.“
    Normalerweise sorgt „Bild“ dafür, dass der „Verbrecher“, „Sexmonster“, „Sozialschmarozer“, usw. ein Gesicht bekommt, in welches man reinschlagen kann.
    Gerne mit Raubzügen auf Instagram, Facebook und Co.
    „Bild“ buckelt nach oben und tritt nach unten, damit der Leser feststellen kann, es geht anderen noch schlechter als mir und diese sind selbst schuld daran.

  2. Auch wenn sein journalistischer Output noch üerschaubarer ist als beim Rest der Truppe und sein Fachwissen über andere Vereine als Schalke 04 eher rudimentär ausgebildet ist, hat Draxler bei „BILD“ eine wichtige Funktion. Durch seine Kontakte zu Spielern und Funktionären sorgt er dafür, dass „BILD“ immer mit den wichtigen Insiderinformationen versorgt wird. Besonders Ex-Spieler, die vielleicht nicht in hohen Positionen bei ihren Clubs sind, aber trotzdem Vereinsinterna mitbekommen, sind wichtige Informanten für Exklusivgeschichten.
    Das unselige Buddytum im Sport- und besonders Fußballjournalismus verkörpert niemand so sehr wie Draxler, zum Vorteil für „BILD“, das muss man zugeben.

  3. „Die Journalisten bei Axel Springer berichten grundsätzlich nicht über nahestehende Personen“
    „Warum darf Draxler dennoch immer wieder die eigenen Kumpel in der „Bild“ verteidigen? “

    Es ist ein Meinungsstück, kein Bericht, oder? Viele derjenigen, die zuletzt Yaghoobifarah in deutschen Medien verteidigten, haben an anderen Stellen direkten Bezug zu ihr. Ist irgendetwas daran falsch, wenn Margarete Stokowski oder Samira el Ouassil sich in Kolumnen schützend vor sie stellen?

    Wenn man das beantwortet, dann bitte so, dass die Antwort für beide Fälle ohne Sympathiebias anwendbar ist.
    Ach nein, allgemeingültige Maßstäbe sind ja das neue Ähbäh der neuen Scheinlinks-Lifestyle-Liberalen. Was seit einiger Zeit an wirklich ehrlich überzeugt wirkenden Begründungen für doppelte Maßstäbe aus diesen Lagern zu hören war, ist teils fürchtenswert gruselig. Da findet eine Menge innerer Selbstermächtigung zugunsten eigener Sonderrechte statt. Auch hier. Atop and below the line.

    Insgesamt läuft die Debatte aber ohnehin wieder nach dem gewohnten neowestlichen Muster ab:

    – Bei Springer sorgt man sich um den armen Tönnies
    – Die Pseudomoralisten dürfen sich in den Agenda20-Blättern um die Tiere grämen und snobistisch das politisch erzeugte Prekariat für vermeintlichen Geiz beim Fleischkauf prinzessinenhaft verachten.
    – Der Rest teilt den Zorn der Bewohner der Umgebung, weil sie nicht für Urlaub verreisen dürfen.

    Aber für die ausgebeuteten, viele damit Befasste sagen: Nahezu versklavten, Billigstlöhner interessiert sich wieder keine…äh ja…Sau.
    Die haben gerade keine Einkünfte, wohnen in überteuerten und überbelegten Bruchbuden, dürfen nicht heimreisen, wegen ihres Status womöglich noch nicht mal H4 beantragen…weiß irgendjemand, was mit denen gerade ist? Haben die wenigstens derzeit eine KV?
    Was das ganze mit EU-Dienstleistungsentsenderichtlinien und der -von den Homemedien der progressiven nichtlinken Liberalen gefeierten- Schaffung des „größten Niedrigstlohnsektors“ strukturell zu tun hat, ist eine Nebensächlichkeit, für die kein Platz ist in diesen Medien. Das ist der weisse Elefant im Raum, den keiner erwähnen darf. Hier darf nicht die große Moraltrommel gerührt werden, die Eigentümer dieser Medien wollen und brauchen das ja, profitieren davon.

    Nö, dann heben wir lieber viele „Stimmen“ ins Blatt, die ebenso Drehhofer- wie MarieAntoinette-mäßig das Problem durch ein Verbot von Billigfleisch lösen wollen. Ja, die Tönnies-Opfer und der Rest der 10+ Mios Niedriglohn- und Kurzzeitvertrags-Prekariat müssen einfach verstehen, dass wir es uns nicht leisten können, dass die sich von ihrem Lohn Fleisch leisten können. Und jetzt zurück zur Frauenquote in Dax-Etagen und der Gender-Lohngerechtigkeit dort.

    Wer verstehen will, weshalb viele davon den aberwitzigsten Rattenfängern wie total verblödet hinterherlaufen: Die geben sich wenigstens ein bisschen Mühe, das Gefühl zu vermitteln, diese Verlierer im Dunkeln würden ihnen etwas bedeuten. Leicht durchschaubare Heuchelei, ja. Aber wie gesagt: Die tun wenigstens so als ob, im Gegensatz zum realexistierenden Medien- und Politikmainstream.
    Die Mainstreammedienbotschaft an diese Menschen, vor allem von den Progressiven dort verkündet, lautet: Ihr zählt nicht, ihr seid irrelevant, ihr gehört nicht dazu, ihr seid die im Dunkeln und das bleibt auch so, wir stellen euch nicht ins Licht.
    Bin mal gespannt, wie erfolgreich der Abwehrkampf gegen die rechten Rattenfänger unter diesen Voraussetzungen in den nächsten Jahren verlaufen wird. Eigentlich läuft das ja im gesamten EU-Europa und dem Rest des alten Westens ziemlich gleichartig ab. Ziemlich überall. Der zweite weisse Elefant im Raum.

    *Seufz*

    Der wesentliche Teil dieses kulturlinken Milieus ist darauf leider gar nicht mehr ansprechbar und ich gebs auch eigentlich gerade im Moment auf. Ich lehne mich jetzt zurück und sehe der vorgezeichneten Chronik des Niedergangs zu. Ich glaube ich bin zu alt um mich hinterher fragen lassen zu müssen, wieso ich nichts dagegen getan hätte.

  4. Warum fragt ihr nicht bei der Bild nach, wieso er diesen Kommentar schreiben durfte? Die sagen wahrscheinlich nichts dazu. Aber dann seid ihr wenigstens eurer Pflicht nachgekommen.

  5. @3: Ihre Probleme möchte ich haben.
    Zu dem ganzen Wehklagen und Glaskugellesen halte ich mich mal zurück, nur so viel: „(…)schützend vor sie stellen(…)“ –> Tönnies ist kein Kolumnist.
    Und Willkommen im Jahr 2020 an dieser Stelle.

  6. Jemand, der Clemens Tönnies nahesteht, schreibt seine Meinung – nachdem er im ersten Satz offengelegt hat, dass er Clemens Tönnies nahesteht. Wer daran etwas auszusetzen hat, der will halt einfach etwas auszusetzen haben, weil es die BILD ist und um Clemens Tönnies geht. Oder der hat allgemein ein Problem mit „Meinung“ im Journalismus – was mir beim Lesen anderer Artikel hier aber nicht so zu sein scheint.

    Übrigens muss man auch gar kein Freund von Clemens Tönnies sein oder ihn für was anderes als ein riesengroßes Arschloch halten, um Draxler zuzustimmen: Ja, Clemens Tönnies ist an der Sache nicht alleine schuld, ja, auch andere, namentlich benennbare Personen tragen eine Mitschuld, ja, die immer noch große Mehrheit der Verbraucher trägt eine Mitschuld.

    Draxler darf meinen, dass Clemens Tönnies vielleich tatsächlich nicht der Teufel in Person ist, weil in seinem Betrieb etwas passiert ist, was in zig anderen Betrieben entweder auch passiert ist, hätte passieren können oder demnächst passieren wird.

    Ich glaube, es gibt sehr viel an Clemens Tönnies, das man nicht mögen kann. Ich glaube aber auch, dass es da ab und zu mal einer Widerrede bedarf.

  7. @3 symboltroll 28. Juni 2020 um 19:14 Uhr

    „Ja, die Tönnies-Opfer und der Rest der 10+ Mios Niedriglohn- und Kurzzeitvertrags-Prekariat müssen einfach verstehen, dass wir es uns nicht leisten können, dass die sich von ihrem Lohn Fleisch leisten können.“

    Sagt jetzt wer?

    Im Gegenteil versichern uns Herr Spahn und die CDU ja, dass es auch ohne Tafel reicht. Keine Sorge, ich weiss, dass das Schwindel ist, aber DAS ist eben der zu bekämpfende Schwindel, nicht höhere Standards und damit höhere Preise in der Fleischindustrie.

    Andersrum finde ich das Argument aber häufig

    „Arme und alte Menschen sind als Argumentationsobjekt beliebt, wenn es darum geht, den Status Quo zu erhalten.“

    https://www.heise.de/tp/features/Aber-Oma-braucht-doch-Haftcreme-und-ein-Taxi-3366698.html

  8. Nunja, man sollte sich schon fragen, ob es nicht sogar nochmal einen Tacken Dreistigkeit draufsetzt, wenn in diesem Drecksblatt jetzt schon offen „ich muss jetzt hier mal meinen Spezl verteidigen“ vorne dransteht…

  9. @6: „Wer daran etwas auszusetzen hat, der will halt einfach etwas auszusetzen haben, weil es die BILD ist und um Clemens Tönnies geht. Oder der hat allgemein ein Problem mit ‚Meinung‘ im Journalismus – was mir beim Lesen anderer Artikel hier aber nicht so zu sein scheint.“

    Beitrag bis zum Ende gelesen? Dass BILD gegen die eigenen Leitlinien für die journalistische Unabhängigkeit verstößt? Nicht kritikwürdig? Besser wäre es Ihrer Meinung nach also, an BILD und Clemens Tönnies nichts auszusetzen zu haben?

Um kommentieren zu können, müssen Sie Übonnent sein.

Probeabo starten