Wie man eine Talkshow bespricht, ohne sie gucken zu müssen

Das journalistische Genre der Fernsehkritik ist eines, das sich auch notorisch sparsame Online-Medien leisten können. Der Aufwand ist überschaubar: Man guckt sich eine Talkshow an, schreibt auf, was man gesehen hat – fertig.

Andererseits dauert so eine Talkshow ja oft auch eine Stunde oder mehr, und das ist für manche ganz besonders sparsame Online-Medien schon eine Menge Recherchezeit. Drastisch verkürzen lässt die sich natürlich, wenn man sich als Rezensent und Nacherzähler nicht auf das Originalmaterial stützt, sondern auf die Rezensionen und Nacherzählungen anderer Medien – muss sich ja jetzt nicht jeder einzelne Journalist den ganzen Quatsch angucken.

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Jedenfalls ist gestern früh bei der „Huffington Post“ ein Artikel über die „Maybrit Illner“-Sendung vom Vortag erschienen, der in erstaunlicherweise dem Artikel ähnelt, der ein paar Stunden vorher auf Bild.de veröffentlicht wurde.

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Das ist schon deshalb auffällig, weil die Bild.de-Überschriften-Behauptung, dass der Publizist Sascha Lobo als Gast in der Sendung auf die Beamten gewettert hätte, eine außerordentlich freie Interpretation des tatsächlichen Diskussionsverlaufs ist. Die „Huffington Post“ übernimmt sie dennoch in der leicht variierten Form „Sascha Lobo wettert gegen Privilegien der Beamten“.

Aber auch darüber hinaus besteht der „Huffington Post“-Artikel zu weiten Teilen aus nur leicht umformulierten Sätzen des Bild.de-Artikels. Die Zitate der Gesprächsteilnehmer aus der Sendung sind wörtlich und bis in die Zeichensetzung identisch mit ihrer Wiedergabe in Bild.de.

Es gibt allerdings einige Gedanken, Beobachtungen und Zitate in dem „Huffington Post“-Artikel, die nicht bei Bild.de stehen.

Die stehen bei „Focus Online“.

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Der „Huffington Post“-Autor hat beim Betrachten der Sendung anscheinend nichts gesehen oder gehört, was nicht entweder Bild.de oder „Focus Online“ vor ihm veröffentlicht haben.

„Huffington Post“ Bild.de „Focus Online“
Entsprechend moderierte Illner die Sendung an. Ganze 45 Jahre müsse man mit einem Durchschnittslohn arbeiten, um ein „Eckrentner“ zu werden. So bezeichnet man jemanden, der die Standardrente bezieht. Zum Aufgalopp macht die Moderatorin gleich mal die Pace auf die luxusversorgten Staatsdiener: „45 Jahre zum Durchschnittslohn, dann ist man ein Eckrentner.  
Der miese Job von heute sei die schlechte Rente von morgen. Nur die Beamten müssten sich nicht sorgen: „Um ihre Pensionen zu erreichen, müsste man so viel arbeiten wie zwei Eckrentner!“ Der schlechte Job von heute ist die schlechte Rente von morgen. Nur eine Gruppe muss sich nicht sorgen: die Beamten. Um ihre Pensionen zu erreichen, müsste man so viel arbeiten wie ZWEI Eckrentner!“  
Unterstrichen wird das mit einem Einspieler, der zeigt, wie ein ehemaliger Oberbürgermeister mit 54 Jahren in den Ruhestand ging und dafür 4000 Euro monatliche Pension erhielt.   Geschickt unterstreicht die Illner-Redaktion ihr Kreuzverhör mit einem Einspieler, der zeigt, wie ein ehemaliger Oberbürgermeister mit 54 Jahren in den Ruhestand ging und dafür 4000 Euro monatliche Pension erhielt.
Somit hatte der Beamten-Vertreter Klaus Dauderstädt schon mal einen schweren Stand. „Kann man den Unterschied zwischen 70 Prozent Beamten und nur 46 Prozent für normalen Rentner im Alter irgendwie gerade rechnen?“, frage ihn die Moderatorin. „Kann man den Unterschied zwischen 70 Prozent Beamten und nur 46 Prozent für normalen Rentner im Alter irgendwie geraderechnen?“, fragt Illner listig.  
„Das kann man…“, entgegnete der. „Bei den Arbeitnehmern kommt zu den 46 Prozent die Betriebsrente dazu, dann sind sie auch bei 70 Prozent.“ Der Beamtenfunktionär hat keine Probleme: „Das kann man…“ (…) „Bei den Arbeitnehmern kommt zu den 46 Prozent die Betriebsrente dazu, dann sind sie auch bei 70 Prozent.“  
„Wer kriegt die denn?“, blaffte Lobo von der Seite. Jetzt war die Katze aus dem Sack. Der Blogger, der nach eigenen Angaben einen Rentenanspruch von 6,30 Euro hat, war als Ankläger gegen die Beamten eingeladen. Schön wär‘s! „Wer kriegt die denn?“, wundert sich Blogger Lobo. Er hat als Selbständiger zurzeit einen Rentenanspruch von 6,30 Euro…  
„Der Selbständige zahlt sein ganzes Leben lang Steuern in die Rentenkasse ein und kriegt am Ende genau gar nichts raus“, so Lobo. Dauderstädt wehrt sich: So ginge es auch den Beamten. „Der Selbständige zahlt sein ganzes Leben lang Steuern in die Rentenkasse ein und kriegt am Ende genau gar nichts raus“, schimpft Lobo. „Auch der Beamte!“ ruft Dauderstädt zwischen.  
„Also um die Beamten mache ich mir wahnsinnig wenig Sorgen!“, höhnt Lobo. Lobo: „Also um die Beamten mache ich mir wahnsinnig wenig Sorgen!“  
Der Blogger will die Rentenmisere mit einem radikalen Vorschlag lösen. „Ich bin überzeugt, dass wir eine steuerfinanzierte Rente brauchen, in die alle einzahlen, aber auch alle wieder etwas herausbekommen. Unser Ziel muss die Abschaffung der Existenzangst sein“, fordert Lobo. Der Vorschlag des Abends kommt trotzdem von Lobo, der Blogger ist so radikal wie seine Frisur: „Unser Ziel muss die Abschaffung der Existenzangst sein. Ich bin überzeugt, dass wir eine steuerfinanzierte Rente brauchen, in die alle einzahlen, aber auch alle wieder etwas herausbekommen. (…)“  
Schwesig verteidigte die Beamten auf die persönliche Tour: „Mein Neffe ist Polizist, der muss auf die Straße, muss Fußballspiele absichern, wo irgendwelche Vollidioten sich prügeln, und die müssen dann oft ihre Rübe hinhalten. Die sind nicht überbezahlt!“ Aber nicht Frau Schwesig, die kommt jetzt ins Persönliche: „(…) Mein Neffe ist Polizist, der muss auf die Straße, muss Fußballspiele absichern, wo irgendwelche Vollidioten sich prügeln, und die müssen dann oft ihre Rübe hinhalten. Die sind nicht überbezahlt!“  
Aber auch sie muss zugeben, dass die komfortablen Beamten-Pensionen „auf Dauer keine Akzeptanz finden“ würden in der Bevölkerung.   Auch SPD-Ministerin Schwesig lässt sich zu der Aussage hinreißen, dass die komfortablen Beamten-Pensionen „auf Dauer keine Akzeptanz finden“ würden in der Bevölkerung.
Der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Paul Ziemiak, gab die Rolle des Spielverderbers. Der 30-Jährige verblüfft mit der Einschätzung: „Bei der Rente haben wir nicht die Probleme, die gerade beschrieben werden.“   Ziemiak ist Bundesvorsitzender der Jungen Union und gibt in der Talkrunde nur zu gern die Rolle des Spielverderbers. Der 30-Jährige wirbt für eine „sachliche Debatte“ und verblüfft mit der Einschätzung: „Bei der Rente haben wir nicht die Probleme, die gerade beschrieben werden.“
Man müsse „wegkommen von der Mentalität, dass der Staat sich um alle kümmert“, sagt er. Lösungen wie die Lebensleistungsrente seien nicht finanzierbar. Daher: Länger arbeiten, selbst vorsorgen.   Man müsse im Gegenteil „wegkommen von der Mentalität, dass der Staat sich um alle kümmert“, sagt Ziemiak. Angedachte Lösungen wie die Lebensleistungsrente seien schlichtweg nicht finanzierbar.
Angesichts des Schicksals der Reinigungsfachkraft und Gewerkschafterin Carla Rodrigues-Fernandes wirkte das wie Hohn. Sie erklärte mehrmals, dass bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro schlicht nichts zum Zurücklegen übrigbleibt.   Dass die ebenfalls eingeladene Reinigungsfachkraft und Gewerkschafterin Carla Rodrigues-Fernandes zuvor schon mehrere Male betont hat, dass bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro schlicht nichts zum Zurücklegen übrigbleibt, ignoriert Ziemiak gekonnt.
„Es ist menschenverachtend, dass du dein ganzes Leben lang arbeitest und genau weißt, am Schluss hat du gar nichts davon“, klagte sie. Zitat des Abends: „Es ist menschenverachtend, dass du dein ganzes Leben lang arbeitest und genau weißt, am Schluss hat du gar nichts davon“ klagt Carla Rodrigues-Fernandes. Und so geht es Millionen Menschen.  
Ziemiak ignoriert das. Natürlich betonte er zusammen mit seiner Politik-Kollegin Schwesig, dass sie „überhaupt kein Problem“ damit hätten, als Politiker selbst in die Kasse einzuzahlen, anstatt Beamten-Privilegien zu genießen. Die Drohung des Abends gilt den beiden Polit-Profis. Schwesig sagt: „Politiker dürfen nicht besser gestellt sein als alle anderen.“
Ziemiak sagt: „Jeder Abgeordnete sollte genauso in die Rentenkasse einzahlen wie jeder Bürger.“
 

Es spricht alles dafür, dass der „Huffington Post“-Rezensent von „Maybrit Illner“ sich „Maybrit Illner“ gespart hat.

Bei der Verlagsgruppe Burda heißt es nach Rücksprache mit dem Autor, dass er die Sendung durchaus gesehen habe – oder jedenfalls Teile davon, in der Mediathek. Aber er habe sich beim Schreiben eben offenbar auch auf weitere zu diesem Zeitpunkt verfügbare Quellen gestützt.* Nun ja.

Der Autor des Artikels lebt in Kambodscha und macht von dort aus gerade die Nachtschicht bei der „Huffington Post“. Die vermeintliche „Maybrit Illner“-Zusammenfassung war der sechste Artikel, den er am frühen Morgen deutscher Zeit für die „Huffington Post“ geschrieben hat – in Kambodscha ist es fünf Stunden später.

Dass es nicht nur theoretisch oder auf einer abstrakten medienethischen Ebene einen Unterschied macht, ob ein Rezensent die Sendung zusammenfasst oder nur die Zusammenfassungen anderer referiert, sieht man am konkreten Beispiel: Sascha Lobo sieht seine Positionen in der Sendung durch Bild.de gravierend falsch dargestellt.

Die „Huffington Post“ kolportiert diese Falschdarstellung nun noch weiter, vermischt sie mit gewagten Interpretationen von „Focus Online“ – und hat am Ende eine ganz eigene, von der Sendung losgelöste Realität erschaffen. Sie schreibt:

Als sie [Illner] den Blogger [Lobo] von der Leine ließ, wurde die Sendung zur blanken Neiddebatte. Lobo hatte einen Sündenbock für die Rentenmisere ausgemacht: die Beamten.

Tatsächlich hatte Lobo in der Sendung gesagt:

„Um Beamte mache ich mir wahnsinnig wenig Sorgen, in diesem Kontext.“

Und, auch auf Beamte bezogen:

„Ich möchte gar nicht diese grauenvolle Neiddebatte rund um die Rente führen.“

Aber das kann ja keiner ahnen, der die Sendung nicht gesehen hat.

Die „Huffington Post“ hat nach unserer Anfrage den Artikel überarbeitet und „einige Fehler aus dem Text entfernt“.

*) Nachtrag, 11:30 Uhr. Die offizielle Antwort der Burda-Pressestelle auf die Frage, ob der „Huffington Post“-Autor die Sendung gesehen hat, lautete verblüffenderweise:

Natürlich. In seinem Artikel „Maybrit Illner: Sascha Lobo wettert gegen Privilegien der Beamten“ bespricht der Autor die gestrige ZDF-Sendung zum Thema Rente und hat dafür die Zitate auch mit den Kollegen von Focus Online abgeglichen. Zwischen beiden Redaktionen besteht eine enge Zusammenarbeit.

[Offenlegung: Sascha Lobo ist Übermedien freundschaftlich verbunden.]

13 Kommentare

  1. Dem zweiten Satz muss ich widersprechen. Bzw. offenbart er die Misere der, vor allem deutschen, TV-Kritik. Wenn Polittalk, so gaga und oberflächlich der ist, im Feuilleton abgearbeitet wird, ist so sinnvoll wie Tarifauseinandersetzungen bei der Lufthansa im Technikressort zu besprechen, nur weil da Flugzeuge dabei sind.
    Gleiches gilt für für Filmkritiken. Klar Filme anschauen und dann drüber schreiben. Klar kann man machen, dann kommt halt so Quatsch raus, wie ihn Seidl und Kollegen seit 30 Jahren fabrizieren.

    Ansonsten: weitermachen.

  2. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Recherchezeit für diesen Artikel länger war, als die des HuffPost Artikels.

  3. Grundlegendes Problem scheint mir das entstandene System, in dem viele ‚Journalisten‘ unter Zeitdruck aufgrund des Überangebots an Online-Medien und schlechter Bezahlung arbeiten – als Selbständige mit schlechten Aussichten hinsichtlich der eigenen Rente :) Da leidet schon mal die Wahrheit unter der Absicht, seine Miete zu bezahlen.

  4. Es ist aber auch zu verlockend. Denn für die überwiegende Mehrzahl aller Talk-Shows im deutschen Fernsehen gilt: Sage mir das Thema und ich sage dir, wen sie einladen und was die dann sagen. Man könnte also durchaus Talk-Shows rezensieren ohne sie anzuschauen. Eigentlich sogar die Rezension schon vor der Sendung schreiben. Ist nur so eine Idee…

  5. Dass man sich nicht mehr auf das Original stützt, sondern sich viel mehr als Nacherzähler und Aufbauscher des Materials anderer Medien und Rezensenten, dass kenne ich übrigens auch aus anderen Bereichen, wie etwa den Geisteswissenschaften, von Politikwissenschaften bis Philosophie: So gehen gern Studenten mit Gerüchten und Worthülsen über Theorien und Denker, Werke und Autoren hausieren, anstatt sie zu lesen. Ich denke es ist eine Art Denken im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit, frei nach Benjamin. Sascha Lobo hat in seiner Facebook-Besprechung des Spinnens diverser Medien zu diesem Fall auch auf Kahnemans Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ hingewiesen. Ich denke ein Blick in Walter Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ ist da auch schon sehr beredt.

  6. Naja,

    früher haben wir gelegentlich bewusst kleine Fehler in der Spalte für Veranstaltungs-ankündigungen (Kategorie Kleintierzüchter-Jahreshauptversammlung mit Kinderschiessen) eingebaut, ebenso in die Kurzberichte im Anschluss. Und gelegentlich nichtexistente Gaga-Events erfunden.

    Das im Überschneidungsgebiet konkurrierende Lokalkäseblättchen hat die doch zu gerne leicht umformuliert und ansonsten übernommen.

    Dann bloß noch dafür sorgen, dass es auch wirklich alle merken im ereignisarmen Mittelstädtchen, 2-3mal durchziehen und fertig ist der billige running gag. Möhöhö.

    Manchmal hatte die Provinz doch ihre Vorteile. Diese Ziege konnte man dann ewig reiten. Aber heute im Globalweb kann so ein Reiter von Kambodscha aus allem Mobbing aus dem Weg gehen.

    Oder ist da der „Reiter“ nur ein Tarn-Name für eine kambodschanische Niedriglohnschreibstube, besetzt mit angehenden Germanistikstudenten im Propädeutikum?

  7. @sympoltroll: Hm, ich fürche letzteres, aber Besitzlose sind leider keine Täter – geschweige denn Aktionisten, maximal Aktionäre – sondern die, die die Produktionsmittel besitzen. Aber nach postmarxistischen, kulturpessimistischen Theorien, sind auch sie aufgrund der Verirrung von Signifikat und Signifikant Opfer ihrer selbst oder so.

  8. Umberto, bist du es?
    Ich verirre mich in jener Terminologie leider auch allzuleicht symbolhaft signifikant. Oder so..

  9. Für Gesinnungsjournalismus braucht es keine Recherche.
    Die meisten politisch angehauchten Artikel des letzten Jahres glaubte ich immer schon vorher irgendwo gelesen zu haben.
    Das Ziel ist vorgegeben; ein bischen Scrabble dazwischen und fertig ist der Mainstreamscheiß.

    Kein Wunder, daß die Leserzahlen im freien Fall sind.

    PS:
    Sage doch mal jemand bitte diesem Lobo, daß er, vor allem in seinem Alter, mit seinem Outfit nicht originell, sondern nur noch lächerlich wirkt.
    Aber erfahrungsgemäß wollen solche Leute nicht ernst, sondern nur wahr genommen werden.

  10. Ohne die Sendung gesehen zu haben (…) muss ich sagen, dass dieser Artikel doch einen anderen Geschmack bekommt, wenn man sieht, dass der Autor zusammen mit Lobo auf ÜberMedien einen Podcast betreibt. Die Formulierung „freundschaftlich verbunden“ ist da doch etwas beschönigend und die Darstellungen lesen sich fast wie eine solidarische Verteidigungsrede – Interessante Zusammenhänge bei einem Medium, was mediale Zusammenhänge aufdecken möchte.

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