Morde im „Milieu“: Was „Bild“ über Hanau spekulierte

Als vor einigen Jahren Menschen mit Migrationshintergrund einer Mordserie zum Opfer fielen, berichtete die Presse darüber unter dem Namen „Döner-Morde“. Den Opfern wurde eine Verwicklung in kriminelle Geschäfte unterstellt. Als Täter wurden türkische Kriminelle vermutet; die Spuren sollen auf „Drogenmafia, organisierte Kriminalität, Schutzgelderpressung, Geldwäsche“ hingedeutet haben. Später stellte sich heraus, dass es sich um rassistisch motivierte Morde zweier deutscher Neonazis handelte.

Es gab dann einige Zerknirschtheit und Selbstkritik mancher Medien über die Vorurteile, die die Berichte prägten und schürten.

Gestern Abend wurden in Hanau in zwei Shisha-Bars mehrere Menschen erschossen und weitere verletzt. Gut zweieinhalb Stunden danach berichtete „Bild“ mit einer Live-Sendung – und spekulierte immer wieder und sogar mit wachsender Sicherheit, dass es sich vermutlich um Taten in einem „kriminellen Milieu“ handelte. Heute Morgen stellte sich dann heraus, dass der mutmaßliche Täter rassistische Motive für seine Tat formuliert hat.

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35 Kommentare

  1. Auszug aus dem Fehlercode:
    […]
    „Video nicht verfügbar“,
    „xh“: „Dieses Video umfasst Inhalte von Axel Springer SE. Dieser Partner hat das Video aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt.“,
    „gB“: „ec.150;ed.0;es.Dieses Video umfasst Inhalte von Axel Springer SE. Dieser Partner hat das Video aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt.“
    […]

  2. Ich konnte das Video noch sehen und kann daher berichten, dass der von Anderer Max verlinkte BildBlogartikel so ziemlich das gleiche erklärt, wie im Video zu sehen war.
    Nachlesen lohnt sich also.

  3. Wurde „Bild TV“ eigentlich schon von einer Landesmedienanstalt genehmigt, oder besteht die Hoffnung, dass sich Springer mit „Sendungen“ dieser Art die Genehmigung verscherzt?

  4. Muss man eigentlich als Krisennachrichtenmoderator dramatisch auf den Zehenspitzen wippen, wird das im Krisennachrichtenmoderatorexamen abgeprüft?

  5. „Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zulässt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.“

    Max Goldt

  6. Wenn man den vorhergehenden Eintrag bei BildBlog liest (Anti-Ramelow-Kampagne), dann fragt man sich, sind das dort wirklich „böse“ Menschen oder sind das normale Mitarbeiter, die einfach zur Erhaltung ihres Einkommens ihre Seele verkaufen?

    Bzw., das frage ich mich immer wieder, heute eben nur zum xten Male.

  7. Leider hat BILD allerdings diesen Alltagsrassismus („Shisha-Bar“ „kriminelles Ausländermilieu“) nicht exklusiv sondern spiegelt damit, was in den Köpfer viel zu vieler Menschen steckt.

  8. @ Peter Sievert (#10):

    Ich habe heute Morgen im Deutschlandfunk von der Tat gehört; über Täter war noch nichts bekannt. Mir kamen drei mögliche Motive in den Sinn: 1. Amoklauf, 2. Nazi-Anschlag, 3. Mafia-Konflikt. In dieser Reihenfolge.

    Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen 1. und 2., aber Ihrer Logik nach habe ich mich des Rassismus‘ schuldig gemacht, indem ich 3. überhaupt in Erwägung zog – weil ich an die Existenz „krimineller Ausländermilieus“ und ihre Verbindung zu Shisha-Bars glaube.

    Nun, nach ethnischen Kriterien organisierte Mafia-Banden gibt es, und sie betreiben auch Shisha-Bars (z.B. zwecks Geldwäsche). Das ist kein Alltagsrassismus, sondern eine gut belegte Tatsache (dass konkurrierende Banden ihre Rivalitäten durch ein Massaker an Kunden und Mitarbeitern austragen, klingt allerdings eher nach schlechtem Krimi als nach Wirklichkeit).

    Will sagen: Nicht dass Bild-TV auch über einen Bandenkrieg spekuliert hat, ist hier das Problem, sondern dass es ihn zur wahrscheinlichsten Ursache erklärte, ohne dafür irgendwelche Anhaltspunkte zu haben. Da spielte eine Menge Phantasie hinein, die man wohl tatsächlich alltagsrassistisch nennen kann.

  9. die Fortsetzung gedruckten idiotischen Pseudojournalismus auf dem Bildschirm. Diese Typen können es einfach nicht. Und sehr wahrscheinlich wollen sie es auch gar nicht, weil deren Agenda nicht Journalismus heißt, sondern Populismus.

  10. Mann, Oh, Mann, dass das noch – oder – immer wieder funktioniert. Das Spekulationsvokabular ist ja immer das selbe – ein Schlagwort Satz aus 20 Begriffen, der dann runtergeleiert wird. Substanz ist anders. Aber das wissen wir doch. Brauchen wir das jedesmal von Neuem auseinanderzunehmen? Diese sterilen Flecken eines Pseudojournalismus?

  11. Das bereitet mir körperliche Schmerzen und hat mit Berichterstattung nichts zu tun. Wilde „Milieu-Spekulationen“. Der ganz normale Bild-Wahnsinn…

  12. @14: Weil es kriminelle Geschäftbetreiber gibt ist es kein „Alltags“-Rassismus (Euphemismus?), wenn man eine Verbindung zieht zwischen „Shisha-Bar“ und „kriminelle Ausländer“?
    Da ist aber ne Menge Denksport nötig.

    Weil es kriminelle Dieseleautohersteller gibt ist keine Autobauerdiffamierung anzunehmen, alle Dieselautohersteller seien kriminell?

    Da fällt mir spontan das Wort „Sippenhaft“ ein.
    Aber das ist bestimmt total unverhältnismäßig, gelle?

  13. Wenn es kriminelle Dieselhersteller gibt UND man feststellt, dass man einen Diesel mit fragwürdiger Software fährt, ist es keine Sippenhaft, den Hersteller zu verdächtigen.
    Im konkreten Fall hätten es ja auch nichtkriminelle Shishabars sein können, die von der doch kriminellen Konkurrenz ausgeschaltet werden sollten.
    Weil solche Überfälle mWn bis dato nicht im „Shisha-Millieu“ vorkamen, ist das Szenario weniger plausibel.

  14. #10: Leider ist das Problem nicht Bild allein, sondern die Leserschaft, die sich ihre Nachrichten ausschließlich über diese und ähnliche Medien holen, so dass diese dann Gefangene im Spiegelkabinett sind und die eigenen Vorurteile auch noch auf Papier bestätigt bekommen.
    #14: Zitat „Ihrer Logik nach habe ich mich des Rassismus‘ schuldig gemacht, indem ich 3. überhaupt in Erwägung zog“. Ja, das stimmt ja auch. Im Gegensatz zu anderen waren Sie aber so selbstreflektiert, den eigenen Vorurteilen so kritisch gegenüber zu sein, dass man diese nicht für erzählenswert oder gar für die Wahrheit hält. Der Clou an einer aufgeklärten Haltung ist ja nicht, keine Vorurteile zu haben, sondern diese dekonstruieren zu können. Oder um auch noch mal auf Kant zuzuspitzen: Aufklärung ist die Befreiung aus der Unmündigkeit (also der Akt), nicht die Annahme, man hätte sich befreit.

  15. @ Anderer Max (#17):

    Manchmal ist ein bisschen Denksport durchaus angebracht. In diesem Fall hätte es Ihnen geholfen, den Unterschied zu erkennen zwischen „Einige Mafia-Banden betreiben Shisha-Bars“ und „Shisha-Bars werden allesamt von der Mafia betrieben“.

    Im Übrigen heißt es nicht „Sippenhaft“ (das ist was anderes), sondern „Sippenhaftung“ – und nun könnten Sie mir noch erklären, welche „Sippe“ ich wofür in Haftung genommen habe.

  16. gibt es eigentlich schon Erkenntnisse zu den Quoten dieses Mediums aus dem Lügen-, Spekulationen- und Hetzmilieu?

  17. Die Hintergründe der Berichtersattung sind noch unklar. Ein journalistischer Hintergrund kann aber ausgeschlossen werden, da sich die Macher offen zur Mitgliedschaft im Springerverkag bekennen.

  18. @21: Passt schon. Die Diskussion jetzt auf die Semantik von „Mafia betreibt Shisha-Bars“ (wtf?) zu lenken ist m. E. bereits Teil des Gesamtproblems.
    Was nicht heißt, dass Sie nicht der Meinung sein dürfen, die gedankliche Verbindung von Mafia und Shisha-Bar sei per se unproblematisch.

    In einigen Pommesbuden deutscher Betreiber wird Geldwäscherei betrieben also ist die Schlussfolgerung „Deutscher Betreiber – Geldwäsche“ nicht deutschenfeindlich.
    Da möchte ich dann mal sehen, wie die AfD darauf reagiert.

  19. Frage: Was wird sich an alldem bald ändern?

    Ich vermute, das Leistungsschutzrecht wird bewirken, dass ein derartiges Übermedien-Video von YouTube sofort beim Hochladen gesperrt wird und Bild die Sperrung nicht mehr extra beantragen muss.
    Oder?

  20. Falls mal ein deutscher, also ein deutschdeutscher, Pommesbudenbetreiber samt Kundschaft Opfer eines brutalen Mordanschlages wird, wäre mein erster Gedanke eher „kriminelle Vereinigung“ oder „Amoklauf“ als „deutschdeutschenfeindlicher Terrorismus“; allerdings würde ich als Reporter vor Ort alle drei Spekulationen nennen, schon um die Sendezeit vollzukriegen.

  21. Sich voreilig auf ein kriminelles Milieu als Ursache festlegen, das hat doch auch beim NSU schon prima funktioniert!!1

    Super Idee von Springer. Es waren Shisha-Morde! Wer hätte etwas anderes ahnen können.

    #27 Kritischer Kritiker

    Ihr kurzer Austausch zeigt (leider) einmal mehr sehr schön, dass postmoderne Konzepte wie „Alltagsrassismus“ in besagtem Alltag nur zum moralischen Distinktionsgewinn taugen und eine Sachdebatte kein Stück voranbringen, im Gegenteil. Aber bis diese Erkenntnis in der Linken wieder mehrheitsfähig wird, dürfen wir wohl noch eine Weile warten.

  22. „Es gab dann einige Zerknirschtheit und Selbstkritik mancher Medien“
    Interessanterweise gab es die eher im vagen Bereich und nicht da, wo man ihnen Desinformation gegen besseres Wissen wirklich hart nachweisen kann, nämlich beim Phantom von Heilbronn, einer Räuberpistole, mit der sie das Publikum ziemlich einheitlich fast 2 Jahre lang an der Nase herumgeführt haben, vom 18.06.2007 bis zum 25.03.2009.
    Da hat sich das BILD-Schwesterblatt aus dem Springer-Verlag besonders hervorgetan. Das waren natürlich keine „Fehler“.
    Der Heilbronner Mord wurde aber nie als „Döner-Mord“ geframet, sondern als Mord einer hemmungslosen Frau, die mit wechselnden Männern *gelnd und mordend durch die Lande „zigeunert“. Dieses Narrativ wurde später auf Beate Zschäpe übertragen, was genau betrachtet auch wieder sehr bizarr wirken könnte.

  23. „Später stellte sich heraus, dass es sich um rassistisch motivierte Morde zweier deutscher Neonazis handelte.“

    @S. Niggemeier

    Weil gerade hier Genauigkeit zählt: Lt. den Feststellungen dt. Gerichte handelt es sich um DREI Täter. Auch Frau Zschäpe wurde als Mittäterin des Mordes schuldig gesprochen.

  24. Rassismus und Antirassismus spielen letztendlich auf der gleichen Klaviatur. Hier die Privilegierten dort die schutzbedürftige Gruppe. Erst wenn wir aufhören in diesen Kategorien zu denken kann das wirklich aufhören

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