Sehen alle gleich aus? Verwechslungen, die verletzen

Das ist die großartige Youtuberin Pocket Hazel:

Pocket Hazel Screenshot: YouTube / Pocket Hazel

Und das ist die großartige Youtuberin und Moderatorin Mai Thi Nguyen-Kim:

Mai Thi Nguyen-Kim Foto: imago images / Future Image

Obwohl beide Viet-Deutsche sind, sind sie, das mag vielleicht einige etwas überraschen, nicht dieselbe Person. Und nein, sie sind auch nicht verwandt.

Pocket Hazel war am Dienstag vergangener Woche gutgelaunt beim gutgelaunten „Volle Kanne“ zu Gast, online wurde sie jedoch, wie sie danach feststellte, mit einem Bild von Mai Thi Nguyen-Kim angekündigt. Anscheinend kann es nur eine viet-deutsche Youtuberin in den Öffentlich-Rechtlichen geben, sonst implodiert das deutsche Fernsehen.

Pocket Hazel erzählt auf ihrem YouTube-Kanal von ihrem Auftritt, und ich empfehle sehr, sich das gesamte Video anzuschauen, denn ihre Verletztheit vermittelt vielleicht, warum ein Lapsus, der Ihnen banal vorkommen mag, ein grundsätzlicheres Problem darstellt. Die beiden sehen sich wirklich nicht ähnlich, weshalb davon auszugehen ist, dass die Bilder verwechselt worden sind, weil sie beide phänotypisch wahrnehmbar Viet-Deutsche sind. Tja, mystisches Asien, ja, uff, tolles Land, aber die Menschen, uff, ja, kaum zu unterscheiden!

Oder wie es mal ein Professor zu mir sagte, der mich zwei Semester lang immer als Frau Raji aufrief, weil er mich für meine indische Kommilitonin hielt: „Entschuldigung, aber ihr Mandelaugen seht für mich alle gleich aus.“

Hazel erzählt von dem älteren Fan, der explizit kam, um Mai Thi Nguyen-Kim zu sehen und den sie damit enttäuschen musste, „nur“ sie selbst zu sein.

Und sie erzählt von ihrer Befürchtung, wenn sie in einem „Mama-ich-bin-im-Fernsehen“-Impuls ihren Eltern den Link geschickt hätte, ob diese ihn nicht weiter hätten teilen können, ohne sich ihrer Ansicht nach vor Freunden und Verwandten lächerlich zu machen.

Sie schließt traurig, dass es sei, als habe man „asiatische Frau“ gegoogelt und dann einfach Mai This Porträt eingefügt, als die eine, die einzige repräsentative Asiatin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Und das vermittelt ein nach wie vor bestehendes Gefühl im nicht-fiktionalen deutschen Fernsehen: Menschen werden nach wie vor mehr als Repräsentanten ihrer Herkunft eingeladen, denn als Experten ihres Themas.

Aufgrund der eigenen Ethnie verwechselt zu werden, schmerzt tatsächlich mehr, als aufgrund von phänotypischer Ähnlichkeiten verwechselt zu werden, was nur ärgerlich oder lustig wäre. Es ist eine Verletzung der ganz wesentlichen Essenz, die unser Ich ausmacht, wenn vermittelt wird, dass unsere nach außen hin getragene Identität, unser Gesicht, für andere austauschbar ist wie industriell hergestellte Guy-Fawkes-Masken; nicht etwa, weil man ein Allerweltsgesichts hat, sondern weil man optisch auf eine Hautfarbe, Haarstruktur oder Augenform reduziert und dann verallgemeinert wurde.

Eine ähnliche Situation ergab sich in der deutschen Novemberausgabe der Zeitschrift „Elle“ mit dem Themen-Schwerpunkt „Schwarz“. Models of Color sollten dort gefeatured werden, nach dem Blatt-Motto „Back to black“ – was in Bezug auf Pigmentierung maximal schräg ist, da es eine Hautfarbe als einen Fashiontrend anmuten lässt. Das ist im besten Fall sehr unglücklich formuliert, im schlimmsten Fall extrem ignorant. Schwarze Hautfarbe ist kein Laufsteg-Accessoire, diskriminiert zu werden kein Schmuck.

Vorgestellt wurde unter anderem das amerikanische Model Janaye Furman – allerdings mit einem Foto von Naomi Chin Wing, einem Model aus Trinidad und Tobago.

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Not a good look, @ellegermany . For their November 2019 issue, the presumably white-led publication declares that “black is back”. Ironic when they, along with much of the fashion industry, have been complicit in denying visibility to black models until relatively recently. Oh, and apparently they can’t actually tell models apart. In the bottom middle, a picture of @naomichinwing is used in place of @iam_janaye . And @joansmalls has been around for a minute/hasn’t gone anywhere lmao. The issue, titled “Back to Black”, also features a white model on the cover. You can’t make this stuff up! • #elle #ellemagazine #ellegermany #naomichinwing #janayefurman #models #blackmodels #modelsofcolor #runway #fashionweek #fashionmonth #pfw #nyfw #mfw #lfw #paris #london #milan #nyc #wtf #fail #magazine #print #editorial #editor #editorinchief #media #sabinenedelchev #dietprada

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Ausgerechnet in einer Strecke, in welcher es explizit darum ging, Schwarze Kultur in der Modeindustrie durch konkrete Namen und Gesichter abzubilden, um sie zu würdigen („Super Girls!“), wurden sie verwechselt. Diese Ironie hätte sich nicht mal Dave Chappelle getraut auszudenken.

Erforscht: der Cross-Race-Bias

Das ganze Phänomen des „die sehen für mich alle gleich aus“, der Umstand, dass man Gesichter anderen Ethnien verwechselt, kann tatsächlich kognitiv erklärt werden. In der Forschung zum Wiedererkennen menschlicher Gesichter konnte sehr stabil der sogenannte Cross-Race-Bias ausgemacht werden, also die schlechtere Wiedererkennensleistung von Gesichtern, die nicht der eigenen Ethnie oder vertrauten Phänotypen entstammen.

In einer Studie von 1996 stellten die Forscher fest, dass wir bei der Betrachtung von Gesichtern, die nicht unserer Ethnie angehören, erst wahrnehmen, welche ethnischen Details und Merkmale das Gesicht hat. Anstatt zum Beispiel die Augenbrauenform oder Gesichtsform kognitiv zu verarbeiten, registrieren wir erst die Hautfarbe, Augenform, Augenfarbe. Die Marker, mit denen wir ein Gesicht leichter wiedererkennen, definieren sich darüber, ob und inwiefern ein Gesicht von der Norm der eigenen ethnischen Gruppe durch das Fehlen oder Vorhandensein ethnischer Besonderheiten abweicht. Unser stumpfes Tribalistenhirn checkt erstmal ab, dass jemand nicht Arabisch, nicht Asiate, nicht Schwarzer (oder aber nicht Weißer) ist, und verarbeitet dann erst weiter (wenn die Person also vermutlich vom selben „Stamm“ zu kommen scheint, also keine Gefahr droht), wie die Person im Detail aussieht. Deshalb können wir diese Gesichter dann besser unterscheiden.

Gesichter, die wir nicht unserer Ethnie zugehörig glauben, ordnen wir schneller als nicht zugehörig ein und beschäftigen uns kognitiv weniger damit, weil wir ein wahrnehmbares Merkmal, die schwarze Hautfarbe zum Beispiel, als Hauptdistinktionsmerkmal und Ko-Kriterium nehmen. Wodurch Nicht-Schwarze kognitiv denken, alle Schwarzen sehen gleich aus, weil nur die Hautfarbe im Gesichterkennungsprozess gerade als Programm läuft.

Der Cross-Race-Effekt kann durch kontinuierliche Exposition gegenüber ethnischen Gruppen, die sich von den eigenen unterscheiden, reduziert werden. Je mehr positive Interaktionen zwischen zwei ethnischen Gruppen auftreten, desto besser kann man Gesichter anderer Gruppen unterscheiden.

Er wird auch weniger, wenn man um diesen Effekt weiß und Gesichter mit diesem Bewusstsein anschaut und nicht auf ethnische Erstmarker reduziert. Sondern tatsächlich mal auf die Form der Brauen, des Kinns, des Gesichts schaut.

Zu wissen, wie es zu den Verwechslungen kommt, entschuldigt sie nicht und macht sie nicht weniger irritierend für die Betroffenen, aber es erklärt sie zumindest ein bisschen. Die „Volle Kanne“-Redaktion hat es übrigens zunächst versäumt, sich zu entschuldigen, als sie den Fehler korrigierte. Sie holte dies aber nach Veröffentlichung von Hazels Video immerhin nach.

Mit diesem Wissen um diese Voreingenommenheit müssen Redaktionen besonders achtsam und aufmerksam bei der Zuordnung von Namen und Gesichtern sein. Besser noch ist es, wenn Diversität in den Redaktionen so selbstverständlich wird, dass sich der Cross-Race-Bias durch Austausch und Exposition automatisch reduziert.

Bis dahin können wir das ja ein bisschen üben!

Laurence Fishburne ist NICHT Samuel L. Jackson:

Lisa Ling ist NICHT Lucy Liu:

America Ferrera ist NICHT Gina Rodriguez:

Hazel Pocket ist NICHT Mai Thi Nguyen-Kim.

Zum Abschluss sagt sie in ihrem Video: „Die vom Öffentlich-Rechtlichen sollen sich meinen Namen merken. Und mein Gesicht!“

Wir werden das tun.

75 Kommentare

  1. Diese Verwechslung ist schlimm, unmenschlich und irgendwie rassistisch.
    Die Verantwortlichen sollten zurücktreten und gehören angeklagt.

  2. Angeklagt? Für welches Delikt? Bitte nennen Sie den konkreten Paragrafen und schlagen Sie ein Strafmaß vor. Benutzen Sie bitte das StGB und Ihren Verstand. Danke im Voraus.

  3. die Verwendung der beiden Bilder hier bei Übermedien ist unglücklich, da schon durch Gesichtsausdruck, Schminke und Frisur ein gewaltiger Unterschied herrscht.

    Würde man beide Gesichter auf die wesentlichen Merkmale Augen, Nase, Mund bei gleicher Schminke (am besten ungeschminkt und ohne Creme) und gleichen Gesichtsausdruck gegenüberstellen, müsste man schon sehr genau hinschauen und dann erkennen, dass es zwei unterschiedliche Personen sind.
    Also, um den Artikel zu verbessern, empfehle ich, die Bilder anders auszusuchen, möglichst ähnliche Fotos zu finden – wenn das aufgrund der Frisur nicht geht, dann eben die Fotos beschneiden.

    Ansonsten: Schwach von Volle Kanne, da man sich das Porträt der mir zuvor unbekannten Pocket Hazel auch vorher von Ihrer Youtube-Seite oder sonst einer ihrer Online-Präsenzen hätte besorgen können – ohne groß nachzudenken und dabei einen Fehler zu begehen.
    Dieser Fehler ist unverständlich

  4. Ich muss ja zugeben ich saß hier und sah das Bild und mein erster Gedanke war „Das ist Mai“ und dann „Nein, die sieht nur in etwa so aus wie Mai“. Also ich habe sie zuerst genau so wahr genommen.

    Jetzt habe ich aber eine Kritik an Frau Ouassil: Ich wusste über Mai, dass sie studierte Chemikerin ist (ich bin mir nicht sicher wie weit), dass sie über Wissenschaft und Studien in ihren Videos redet, das sie asiatischstämmig ist (ich wusste nicht ob sie dort geboren wurde) und jetzt weiß ich halt auch, dass sie Viet-Deutsche ist. Von Pocket Hazel weiß ich genau eine Sache: Dass sie Viet-Deutsche ist. Warum? Weil ich in diesem Artikel nichts darüber gelesen habe, was ihre Videos auszeichnet, warum ich sie mir ansehen sollte (wenn sie nicht gerade unabsichtlich rassistisch beleidigt wurde), was ihre Qualitäten sind. Oder um es anders zu sagen: In diesem Text, in dem Sie, Frau Ouassil, sich beschweren dass die beiden Youtuberinnen nur auf ihre genetische Herkunft beschränkt wurden, haben Sie sie nur auf ihre genetische Herkunft beschränkt.

    Des Weiteren glaube ich, dass dadurch dass man mehr Leute als früher noch wahrnehmen kann die eben wahrgenommen werden sollten weil sie was zu sagen haben (Wissenschaftskommunikation bei Mai) und nicht weil sie irgendwie aussehen, also weil jetzt jemand seinen eigenen Verbreitungskanal starten kann und eigentlich nicht mehr auf die Medien angewiesen ist um Verbreitung zu finden, dass dadurch dieses Problem sich langsam zumindest abschwächen wird.
    Dazu kommt natürlich auch, dass man es viel häufiger mitbekommt wenn so ein Blödsinn gemacht wird. Was gut ist. Seitdem ich dieses „Die sehen alle gleich aus“ mitbekommen habe achte ich darauf, auch Schauspieler aus anderen „Stämmen“ (sorry, weiß nicht wie ich das ausdrücken soll) zu erkennen und vor allem zu unterscheiden und es wird einfacher. Klar, manchmal muss man zweimal hinschauen.

  5. @5 Civichief: „müsste man schon sehr genau hinschauen“.

    Dabei gehen Sie von sich selber und anderen aus, oder? Ich vermute, dass es manchen Personen leicht fällt, z.B. wenn sie viel Umgang mit Vietnamesinnen haben.

  6. Ich finde die Einschätzung von Pocket Hazel, dass es rassistisch war, zutreffend und ihre Reaktion nicht übertrieben. Samira El Ouassil, Ihre Erklärung ist dafür sehr hilfreich. Ich finde es absolut verständlich und nachvollziehbar formuliert. Danke!

  7. In diesem Text, in dem Sie, Frau Ouassil, sich beschweren dass die beiden Youtuberinnen nur auf ihre genetische Herkunft beschränkt wurden, haben Sie sie nur auf ihre genetische Herkunft beschränkt.

    Könnte daran liegen, dass genau das Thema des vorliegenden Artikels ist? Weil es in „Übermedien“ um Medienkritik und nicht die Vita von Youtuberinnen geht?

  8. Da sei auch noch mal auf die „Sehen alle gleich aus“ Kategorie im Bildblog hingewiesen. Ist ja kein allzu neues Thema, leider.

    Und ja, das hat sicherlich etwas mit erlernter Mustererkennung zu tun. Das Wort „Langnasen“ z. B. verallgemeinert ja in die andere Richtung.
    Macht es natürlich nciht besser, ist aber kein weißwestliches Problem, meiner Ansicht nach (weshalb auch das pseudo-ironische Trolling in #1 nur den Torpfosten verschieben soll).

  9. @ Anderer Max #10
    „das hat sicherlich etwas mit erlernter Mustererkennung zu tun“
    Natürlich. Das Differenzierungsvermögen ist größer bei Menschen, die sich ähnlich sind und mit denen man oft zu tun hat. Eineiige Zwillinge zB werden in der Schule schon häufiger verwechselt als in der Familie. Das macht einfach Sinn.
    „ist aber kein weißwestliches Problem“
    Uiuiui, mit einer solchen Aussage könnten Sie aber schnell ins Fadenkreuz geraten. Seien Sie froh, dass es noch Inkorrektere gibt, die das Feuer auf sich ziehen.

  10. @ANDREAS MÜLLER #11
    Sie schreiben: „„ist aber kein weißwestliches Problem“
    Uiuiui, mit einer solchen Aussage könnten Sie aber schnell ins Fadenkreuz geraten. Seien Sie froh, dass es noch Inkorrektere gibt, die das Feuer auf sich ziehen.“

    Da kann ich sie, Uiuiui, aber beruhigen. Das Fadenkreuz droht schon aus dem schlichten Grund nicht, das dies genau so im Text von Quassil mit Quelle belegt dargestellt wird. Sie schreiben dies also aus dem einzigen Grund, ihr fiktives Feindbild „Politisch Korrekte“ mit erfundenen Gründen zu stützen. Dies scheitert schon im dümmlichen Ansatz.

  11. War wohl mal wieder ein Praktikant am Werk, der Angst hatte, Pocket Hazel direkt zu kontaktieren und um ein gutes Foto zu bitten. Oder die zuständigen Redakteure waren zu maulfaul de, Praktikanten zu erklären, was sie wirklich wollen.
    Ein Fehler, der so einer Redaktion auf keinen Fall passieren darf. Rassistisch, vielleicht? Aus meiner Sicht aber erst mal eine Unverschämtheit.
    Abgesehen davon, ich halte von solchen Begrifflichkeiten wie Viet-Deutsche oder Deutsch-Indonesierin oder Afro-Amerikaner überhaupt nichts, auf diese Weise wird sprachlich klar gemacht, dass eine Person nur zur Hälfte zu einer Gesellschaft gehört. Und da Pocket Hazel seit 20 Jahren in Deutschland lebt, hier zur Schule gegangen ist, ihre Ausbildung gemacht hat und hier arbeitet, ist sie für mich erst mal Deutsche.

  12. Die Verwechslung ist unprofessionell und peinlich, zumal für einen Sender, der die ja bekanntlich die Theorie vertritt, mit dem zweiten sehe man besser.

    Hier hätte man vielleicht doch mal beide Augen aufmachen sollen.

    Rassistisch aber ist sie ganz sicher nicht. Es ist eine Verwechslung und weiter nichts. Alles andere ist Hysterie von Leuten, die sonst glücklicherweise keine anderen Probleme zu haben scheinen.

    Mit so einem Quatsch, verharmlost man am Ende allerdings echten Rassismus. *Darüber* sollte man vielleicht mal einen Artikel schreiben.

  13. Hat Übermedien die Redaktion gefragt, was der Grund der Verwechslung war? Wie wird das Bild und der Name der Sendungsankündigung erstellt? Durch Google? Wer sagte den Redakteur, wer kommt? Auf Zuruf? Zettel? Mail? Das ist hier unklar, ob ein bornierte/r RedakteurIn einfach „irgendeine vietnamesische Bloggerin“ sucht und dann das erstbeste Ergebnis halt nahm. Es kann so sein! Aber war es so? Die Prämisse ist hier unterstellt worden. Wenn zB zwei deutsche (weiße) Fussballer verwechselt werden, kann das aus den gleichen Gründen sein. Oder wenn Jürgen Habermas Beatrice Egli mit Helene Fischer vertauscht, wäre das nicht erstaunlich, da er von junger blonder Frau ausgeht, aber beide nicht genau (er-)kennt. Vielleicht kannte der ZDF-Redakteur-in ja auch keiner der beiden Frauen. Damit ist es aber nicht rassistisch, sondern „nur“ peinlich. Wie gesagt: Der Sachverhalt ist unklar.

  14. Als jemand mit ein wenig ahnung vom menschlichen Gehirn und jemand der neuro-atypisch ist und gesichter nicht gut auseinander halten kann, muss ich ja sagen, dass mich dieser Artikel extremst stoert.

    > Unser stumpfes Tribalistenhirn checkt erstmal ab, dass jemand nicht
    > Arabisch, nicht Asiate, nicht Schwarzer (oder aber nicht Weißer) ist,
    > und verarbeitet dann erst weiter (wenn die Person also vermutlich
    > vom selben „Stamm“ zu kommen scheint, also keine Gefahr droht),
    > wie die Person im Detail aussieht.

    Das hat nichts mit bedrohung zu tun, sondern einzig und allein mit „Der Teil im Gehirn der auf gesichtern erkennen spezialisiert ist, hat noch nicht viele gesichter dieses Typs gesehen“. Das sieht man auch daran, dass wie die Autorin selber schreibt, der Effekt verschwindet, wenn man mit mehr Menschen einer Ethnie kontakt hatte.

    Und wenn man schreibt, dass
    > Er wird auch weniger, wenn man um diesen Effekt weiß und
    > Gesichter mit diesem Bewusstsein anschaut und nicht auf ethnische
    > Erstmarker reduziert. Sondern tatsächlich mal auf die Form der
    > Brauen, des Kinns, des Gesichts schaut.
    muss man auch wissen, dass
    fuer diese Detailanalysen ist ein anderer Teil des Gehirns verantwortlich ist, und nicht das Gesichtserkennungssystem.

    Ja, das sit doof, nein das sollte nicht passieren. Aber wissenschaftlich ist der Artikel irgendwo auf Galileo niveau. Man und wieder ein Tag ruiniert.

  15. @14 „Rassistisch aber ist sie ganz sicher nicht. Es ist eine Verwechslung und weiter nichts. Alles andere ist Hysterie von Leuten, die sonst glücklicherweise keine anderen Probleme zu haben scheinen.“

    Eine Verwechslung rassistischer Natur trifft einen sensiblen Menschen schmerzlich. Sie jedoch, können einen Rassismus sehen und verweisen darauf, dass man doch auch mal über Ihr Empfinden Artikel schreiben sollte.

    Verstehen Sie die Diskrepanz nun selbst oder können Sie da immer noch nichts sehen?

  16. @11: Spannen Sie mich bitte nicht vor Ihren Opferkarren. Sie machen das gleiche, wie #1: Sie gerieren sich indirekt (& pseudo-ironisch) als Opfer. Widerspruch ist aber keine Unterdrückung.

  17. In einem Land, wo die Polizei einen Syrer für einen Mann aus Mali hält – jedenfalls ging so die Ausrede – ist das ja noch vergleichsweise harmlos.

    Aber es tut trotzdem weh.

  18. „Seien Sie froh, dass es noch Inkorrektere gibt, die das Feuer auf sich ziehen.“

    Da wär aber gern einer ein Held im Schützengraben, der seine Identität online verschleiert, weil er Angst hat.

    Mut: im Lehnsessel am leichtesten.

  19. @17 (P Skizzle):

    „Eine Verwechslung rassistischer Natur trifft einen sensiblen Menschen schmerzlich.“

    Es war eine Verwechslung und ich glaube nicht an eine mit „rassistischer Natur“, das halte ich für Blödsinn. – Traue dem ZDF zwar einiges zu aber so etwas nun nicht.

    Das man generell nach einer Verwechslung gekränkt ist, das kann ich verstehen, aber das man dann gleich mit Rassismus kommt, das nicht.

    Rassismus ist schon etwas anderes und wenn man das inflationär verwendet, dann nimmt das irgendwann kein Mensch mehr ernst, selbst dann nicht, wenn es wirklich um Rassismus geht.

  20. „Anscheinend kann es nur eine viet-deutsche Youtuberin in den Öffentlich-Rechtlichen geben, sonst implodiert das deutsche Fernsehen.“

    Oder anders gesagt: Hinter der Verwechslung steht ein borniertes oder gar ideologisches Weltbild, für welches zwei oder mehr viet-deutsche Yotuberinnen nicht vorstellbar und vielleicht nicht einmal akzeptabel sind. Oder wie soll man diese Zeilen sonst interpretieren?

    Geht es bei aller Kritik nicht auch zwei Nummern kleiner? Kann es nicht einfach sein, dass da ein Versehen passiert ist, das nicht hätte passieren sollen? Ein Versehen, durch das die Betroffenen sich verständlicherweise auch verletzt fühlen, und das vielleicht in der Tat auch auch mit fehlender Sensibilität und Mühe zu tun hat? Das aber trotzdem ein Versehen bleibt?

    Was wie gesagt keine Exkulpation sein muss – aber ein solches Versehen wäre trotzdem nochmals etwas anderes als eine Borniertheit oder ideologische Intoleranz der Verantwortlichen, die so weit geht, dass man die Vorstellung von zwei oder mehr viet-deutsche Youtuberinenn nicht akzeptieren will oder kann.

  21. Holger, was ist denn für Sie der „echte Rassismus“? Ich würde eher sagen, dass Sie da nicht die Entscheidungshoheit haben, sondern vielmehr versuchen sollten, die Wahrnehmung der Betroffenen zu verstehen.
    Ich glaube, Sie sitzen da einem Denkfehler auf: Rassismus ist es nicht erst, wenn man Menschen mit anderer Hautfarbe als der eigenen beschimpft. Rassismus ist es auch, dass man sich so wenig Gedanken um Andersaussehende machen muss, dass man sie getrost verwechseln kann und hinter auch noch sagen kann, das sei ja nun wirklich kein Problem und die Leute sollen sich mal nicht so anstellen.

    Anders ausgedrückt: Sich rassistisch verhalten kann man sich auch unbeabsichtigt, sollte dann aber die Größe und Reflexionskompetenz haben, sich das auch einzugestehen und die Kritik anzunehmen.

  22. #22 , #23
    Es geht ja gerade darum, dem ZDF nicht dumpfen Fremdenhass vorzuwerfen und sie an den Pranger zu stellen, sondern an diesem Beispiel einen unterbewussten(!) Rassismus zu erläutern. Letztlich macht es das Leben für alle Menschen besser, wenn wir uns bestmöglich gegenüber unseren Nächsten verhalten. Absicht oder nicht spielt ja keine Rolle, es tut trotzdem sehr weh, wenn man sich auf eine seine äußere ethnische Erscheinung reduziert fühlt. Also ist der Artikel einfach als einen Denkanstoß für einen sensiblen Umgang mit diesem Phänomen.

  23. Was wäre denn „unechter“ Rassismus? Ok, rein theoretisch kann das ein Verwechselung sein, die auch mit zwei unterscheidlichen germano-deutschen Leuten passiert wäre, aber von der Statistik her ist das sehr unwahrscheinlich, und gerade, wenn man als „Praktikant“ die Personen nicht vom Sehen her kennt, wäre zweimal nachsehen doch das mindeste.
    Und mal ganz bescheuert gefragt, wie schwer kann es sein, ausgerechnet von einer Youtuberin ein aktuelles Foto zu bekommen? Podcasterin oder Schriftstellerin oder so vllt. schon, aber YT-erin?

  24. @ P Skizzle:

    Eine Verwechslung rassistischer Natur trifft einen sensiblen Menschen schmerzlich. Sie jedoch, können [k]einen Rassismus sehen und verweisen darauf, dass man doch auch mal über Ihr Empfinden Artikel schreiben sollte.

    Ein einfacher Irrtum kommt nicht infrage, wa? Muss gleich rassistisch sein – nein, gar von „rassistischer Natur“. Frau El Ouassil behauptet nicht, dass hier Rassismus am Werke sei – es geht um Kognitions-Psychologie. Ihre Erklärung mit dem „Tribalistenhirn“ überzeugt mich allerdings nicht so sehr, weil ich die Behauptung mit der Bedrohung tendenziös finde.

    Ulfis Ansatz in #16 erscheint mir schlüssiger: Die Wahrnehmung fängt bei den auffälligeren Merkmalen wie Haut- und Haarfarbe an und geht danach erst in die Details. Wo ein bestimmter Phänotyp aus der Menge heraussticht, reichen die groben Merkmale aus und die Details werden nicht gespeichert. Rassistisch ist das nur, wenn man es nicht als (erklärbares) Manko der eigenen Wahrnehmungsweise begreift, sondern es auf den Wahrnehmungsgegenstand projiziert: Natürlich kann ich „die“ nicht unterscheiden, weil „die“ sehen ja alle gleich aussehen, oder so.

    Abhilfe schafft, wie Frau El Ouassil schreibt, das bewusste Hinschauen, aber das stellt im Alltag eine Überforderung dar – man kann Prozesse, die normalerweise unbewusst ablaufen, nicht dauernd auf bewusst umstellen. Und der Effekt verflüchtigt sich auch: Bei Leuten, die man regelmäßig sieht, nimmt man bald individuelle Gesichter wahr, und Merkmale wie die Hautfarbe treten in den Hintergrund.

    Dass Wissen um diesen Effekt hilft übrigens nicht nur bei der Vermeidung, er kann auch gegen die Kränkung helfen: Das „Opfer“ der Verwechslung muss sich nur kurz klarmachen, dass es dem „Täter“ genauso erginge, wenn sich die Geschichte nicht in Berlin, sondern in Ho-Chi-Minh-Stadt zugetragen hätte.

    In einem Bus in Addis Abeba würde ich als Weißer aus der Menge stechen, aber wenn ich abends in einer Kneipe zufällig neben dem Busfahrer sitzen würde, könnte der mich vermutlich nicht wiedererkennen – weil er an mir nur die Hautfarbe wahrgenommen hat, nicht meine Gesichtszüge.

  25. @ MR RE:

    „Rassismus ist es auch, dass man sich so wenig Gedanken um Andersaussehende machen muss […]“

    Vielleicht ist das auch erst mal einfach eine Gedankenlosigkeit? Eine, die durchaus kritikwürdig sein kann, die aber per se noch nicht unbedingt Ausdruck rassistischer Wahrnehmungen oder Abwertungen sein muss?

    @ Peter Sievert:

    „Es geht ja gerade darum, dem ZDF nicht dumpfen Fremdenhass vorzuwerfen und sie an den Pranger zu stellen, sondern an diesem Beispiel einen unterbewussten(!) Rassismus zu erläutern.“

    Unbewusster Rassismus? Das wären dann doch wohl rassistische Gedanken und Einstellungen, derer sich jemand nicht bewusst ist. Und nicht bereits zwingend Handlungen (wie eine Verwechslung), die auf einer Unachtsamkeit beruhen mögen. Außer die Unachtsamkeit hat selbst wieder mit rassistischen Haltungen zu tun.

    Ich habe den Eindruck, dass wir es immer häufiger mit folgendem seltsamem Phänomen zu tun haben: Etablierte Begriffe werden einer Bedeutungsverschiebung unterzogen, die oft nicht begründet oder auch nur explizit gemacht wird, um auf diese Weise seine eigene Thesen vermeintlich zu beweisen. Hier wird dann also gerade NICHT (oder jedenfalls keinesfalls plausibel) dargelegt, dass eine bestimmte begriffliche Definition im Sinne einer bestimmten Idee oder Intuition angemessen und sinnvoll ist, sondern Begriffe werden einfach „par ordre du mufti“ redefiniert. Dass auf diese Weise kein gültiges Argument für irgendwelche Sachaussagen entstehen kann, sollte aber evident sein.

    Um das am Beispiel des Rassismus deutlich zu machen: Ich kann den Begriff „Rassismus“ umdefinieren, wie ich will, aber dann muss ich entweder zeigen, dass mein Rassismus-Begriff dem intendierten Phänomen des „Rassismus“ eher gerecht wird als allgemein übliche Rassismus-Begriffe. Oder ich muss mir bewusst sein (und sollte das auch kommunizieren), dass ich hier nur über meinen eigenen Sprachgebrauch rede und nicht beanspruche, etwas über „die Dinge selbst“ zu sagen.

  26. Mir geht es auch so, daß ich Menschen meistens nicht anhand des Gesichtes unterscheiden oder wiedererkennen kann. Auch bei den beiden Bildern am Anfang dieses Artikels könnte ich nicht sagen, ob sie dieselbe oder zwei verschiedene Personen zeigen. Die Haare sind unterschiedlich platziert, die Kopfhaltung ist unterschiedlich, der Mund ist unterschiedlich weit geöffnet, aber es fehlen markante eindeutige Merkmale.

    Nun könnte man sagen, daß die beiden Aufnahmen Gesichter junger Menschen zeigen, bei denen fehlen aufgrund des geringen Alters markante Gesichtszüge. Allerdings geht es mir auch bei älteren Menschen so:

    Vergangene Woche schaute ich auf des Titelbild der Fernsehzeitschrift „prisma“ und sagte mir „Oh geil, der Rockmusiker Sting!“. Tatsächlich wurde der Mensch aber als Schauspieler mit dem Namen „Mark Waschke“ bezeichnet.

    Neulich schaute ich auf Youtube Videos von Auftritten deutscher Musiker in Rußland, die vor einigen Jahren stattgefunden haben. Dabei war auch die Gruppe „Alphaville“. Da habe ich mir gedacht: Das ist doch nie im Leben Marian Gold! Der Mann sieht aus wie Stefan Niggemeier, wie er auf der Seite „Über uns“ der Übermedien abgebildet ist.

    Ich habe das aber auch im privaten Umfeld, das ich Menschen nicht wiedererkenne, wenn ich ihnen außerhalb des gewohnten Umfeldes begegne. Das betrifft auch Menschen, mit denen ich durchaus intensiv zu tun habe, früher Klassenkameraden, heute Arbeitskollegen.

    Vor einigen Jahren ging durch die Presse, daß der US-amerikanische Radiomoderator Sam Rubin in einem Interview den Schauspieler Samuel L. Jackson mit Laurence Fishburne verwechselt hat. Diese Verwechselung wurde als Ausdruck von Rassismus interpretiert.

    Das macht mir Angst, daß ich aufgrund der Tatsache, daß ich Gesicher von Menschen häufig nicht richtig zuordnen kann, irgendwann womöglich als Rassist bezeichnet werden könnte. Ich verwechsele die Menschen doch nicht willentlich. Und ich bemühe mich ja durchaus, in den Gesichtern irgendwelche markanten Punkte zu identifizieren und mir diese zu merken, aber es gelingt mir häufig nicht.

    Ich habe damals, als dieser Vorfall um den Radiomoderator Sam Rubin durch die Presse ging, einen Text über meine Erlebnisse geschrieben, der weiterhin aktuell ist:

    http://www.daniel-rehbein.de/gesichtserkennung.html

  27. Herr Rehbein,
    ja, aber Sie sind sich der Verwechselungsgefahr doch bewusst, und wenn Sie Fotos für eine Fernsehsendung suchen müssten, würden sie sich doch doppelt und dreifach absichern, oder?

  28. @Daniel Rehbein
    Wie kommen Sie zu der Schlussfolgerung, dass eine solche Verwechslung dazu führen könnte, dass Sie als Rassist bezeichnet werden? Weder Sam Rubin noch Mitarbeiter*innen des ZDF wurden von den Betroffenen als Rassist*innen bezeichnet. (Ich hoffe, wir sind uns einig darüber, dass die Betroffenen die Verwechslung als rassistisch empfinden und folglich auch bezeichnen dürfen.)

  29. @Sarah

    So ziemlich jeder darf so ziemlich alles als rassistisch empfinden und das auch so bezeichnen. Das muss man dann aber nicht automatisch richtig finden.

    Dieser Cross-Race-Bias ist ja keine Spezialität von Deutschen oder Weißen. Das passiert allen anderen auch.

    Eine Bekannte von mir hat mir mal folgende Geschichte erzählt. Sie reiste mit zwanzig Jahren erstmals vom Sudan nach Deutschland. Nach kurzer Zeit passte sie dann mal auf die Kinder von deutschen Bekannten auf und nahm die beiden mit auf einen großen, belebten Spielplatz. Die Kinder flitzten los und sie bekam sofort eine Riesenpanik, denn sie wusste nicht, was sie machen sollte, wenn die Kinder nicht zu ihr zurückkommen würden. Denn: „Die Kinder sahen für mich alle vollkommen gleich aus! Ich hätte die beiden niemals wiedergefunden!“

    War das jetzt rassistisch?

    Da ist irgendeiner/m Mitarbeiter/in des ZDF ein dummer Fehler passiert und vielleicht (!) wurde der dadurch mitverursacht, dass er/sie Probleme hatte zu erkennen, dass da das falsche Bild gezogen wurde. Zumal die beiden auch noch den gleichen Nachnamen haben. Das ist doof. Aber rassistisch?

  30. Da ich den Artikel noch nicht lesen kann (Abo) kurz eine Frage auf der Kommentar-Ebene: Was soll eigentlich dieses respektlose Praktikanten-Bashing?

  31. @Ingo S.
    Ich finde Ihre und einige andere Begründungen (warum das nicht rassistisch ist) auch nachvollziehbar (wenn auch in diesem Fall für mich nicht überzeugend, da Sie sich nur auf das Zustandekommen der Verwechslung konzentrieren). Sicher, der Cross-Race-Bias betrifft alle Menschen aber ich finde, es ist auch wichtig, wie dann mit so einer Situation umgegangen wird. Ich habe mir auch die Verwechslung die Samuel L. Jackson betraf nochmal angesehen (weil Daniel Rehbein den Fall erwähnt hat). Am respektlosesten dabei fand ich das penetrante Lachen der Moderator*innen, die damit quasi die Deutungsmacht der Situation an sich gerissen haben und Jackson fast nicht mehr zu Wort kommen ließen.
    Wenn hier einige so sinngemäß der Meinung sind, dass sie nicht verstehen, dass hinter jeder „Kleinigkeit“ gleich Rassismus vermutet wird. Da verstehe ich nicht, wenn man die Zeit hatte den Artikel zu lesen, warum man sich nicht die Mühe macht, das ganze vom Standpunkt der Kolumnistin aus mal 2 Minuten zu durchdenken. Ich finde, sie hat da einige Punkte sehr gut verständlich erklärt. Warum sollen erstmal alle anderen Möglichkeiten ausgeschlossen werden? Ich denke, es könnte einigen Erkenntnisgewinn bringen, den ersten „so ein Quatsch“-Impuls zu überwinden und sich versuchsweise darauf einzulassen. Die Frage, ob etwas rassistisch ist oder nicht, wird sich wahrscheinlich meist nicht eindeutig klären lassen, v. a. wenn auch das drumherum der ganzen Geschichte (in diesem Fall nicht nur die Verwechslung, sondern z. B. auch, dass es erstmal keine Entschuldigung gab) betrachtet wird. Eine abschließende Klärung der Umstände der Verwechslung halte ich eigentlich auch nicht für wichtig, sondern nur das Bemühen um Verständnis.

  32. @ Sarah (#34):

    Ich habe mir auch die Verwechslung die Samuel L. Jackson betraf nochmal angesehen (weil Daniel Rehbein den Fall erwähnt hat). Am respektlosesten dabei fand ich das penetrante Lachen der Moderator*innen, die damit quasi die Deutungsmacht der Situation an sich gerissen haben und Jackson fast nicht mehr zu Wort kommen ließen.

    So unterscheidet sich die Wahrnehmung: Was Sie als „Deutungsmacht an sich reißen“ bezeichnen, empfinde ich als den verzweifelten Versuch, sich aus einem Fettnapf herauszulachen. Zum einen hat sich der Moderator, glaube ich, in dem Moment wirklich geschämt; zum anderen wird er befürchtet haben, dass es ihn seine Karriere kostet. Den beiden Off-Stimmen dürfte die Situation schlicht peinlich gewesen sein.

    Samuel L. Jackson erscheint mir in der Situation a) ziemlich cool und b) sich deutlich dem Umstand bewusst, dass er hier ein Exempel statuiert, von dem er weiß, dass es seine Runden drehen wird. Die Konstellation weißer Täter (verwechselt Schwarze; beansprucht Deutungsmacht) und schwarzes Opfer (wird verwechselt; wird ausgelacht, wenn es sich beschwert) schlicht nicht aufzugehen.

    Die Moderatoren sind austauschbar – Jackson nicht. Er ist ein sehr berühmter, sehr reicher (und sehr einflussreicher) Mann. Das Narrativ vom passiven, schwarzen Objekt weißer Ignoranz erzählt hier nicht die ganze Geschichte.

  33. @Sarah 34

    „Warum sollen erstmal alle anderen Möglichkeiten ausgeschlossen werden? Ich denke, es könnte einigen Erkenntnisgewinn bringen, den ersten „so ein Quatsch“-Impuls zu überwinden und sich versuchsweise darauf einzulassen.“

    Komischerweise war das bei mir andersrum. Ich habe den Artikel gelesen und gedacht: „Ja, ganz schön fies“. Frau El Ouassil kann ja überzeugend schreiben. Mit etwas Nachdenken und dem Lesen einiger Kommentare hat sich das dann geändert. Es ist halt so, dass die im Artikel erwähnten Beispiele alle in die Richtung „nicht-Weiße werden von Weißen diskriminierend verwechselt“ gehen. Dabei hätten sich bestimmt auch ganz andere Beispiele finden lassen. Wie oft werden z.B. in asiatischen Medien „Langnasen“ verwechselt? Kommt sicher auch vor und ist dann auch peinlich. Aber da käme doch niemand drauf, gleich Diskriminierung zu wittern (nur um das Wort „Rassismus zu vermeiden, das ich in diesem Zusammenhang für völlig unpassend halte). Und bitte jetzt nicht gleich „Whataboutism“ rufen, ich werfe ja niemandem etwas vor, außer mangelnder Sorgfalt.

    Und laut ihrer YT-Stellungnahme war ja auch bei Pocket Hazel der erste Reflex, über die Situation zu lachen. Erst nach einigen Meldungen aus ihrer Community (oder Filterblase), bei denen dann auch das Wort „Rassismus“ fiel, kam dann die Empörung und Traurigkeit. Und natürlich wäre eine kurze (oder lange) Entschuldigungsmail des ZDF nett gewesen. Da haben Leute einfach gepennt.

  34. @Kritischer Kritiker
    Zum Täter/Opfer-„Narrativ“: Ja, ich bin der Meinung, dass die Opfer von Rassismus (Menschen deren Leben durch Rassismus beeinträchtigt wird) zu mindestens 99 % Schwarze sind (mit dieser Formulierung versuche ich einer ganz bestimmten Diskussion aus dem Weg zu gehen). Die Täter*innen interessieren mich eigentlich nicht besonders (nur in den Fällen, die strafrechtliche Relevanz haben). Die ganze Gesellschaft ist mMn rassistisch geprägt, also wird es nichts bringen jede*n einzelne*n Täter*in zu verfolgen, bis sie sich reumütig zeigen (was auch nur gespielt sein kann) um etwas zu verändern.
    Ich habe das Video also wieder angeschaut und dabei Ihre Anmerkungen mit einbezogen. Samuel L. Jackson kommt ziemlich cool rüber aber auch verärgert. Er ist ein sehr guter Schauspieler, aber ich gehe trotzdem davon aus, dass er wirklich verärgert ist, jedenfalls hat er kein Interesse daran, so schnell wieder das Thema zu wechseln (ich denke, er wartet darauf, dass der Moderator ein ehrliches Interesse an seiner Antwort zeigt). Der Moderator entschuldigt sich mehrere Male und schlägt sich sogar selbst ins Gesicht. Er versucht es zu überspielen aber, ich denke Sie haben Recht, er scheint Angst zu haben. Wovor hat er Angst? Jobs gehen nicht einfach so verloren, also hat er wahrscheinlich Angst, vor Leuten, die dafür sorgen können, dass er seinen Job verliert. Hat er Angst vor Jackson? Würde er sich so dermaßen selbst geißeln, wenn ihm der Fehler in einem Gespräch unter vier Augen passiert wäre? Ich denke nicht, dafür spricht auch, dass er sich kaum für Jacksons Reaktion auf sein Verhalten interessiert. Er macht einfach weiter und beachtet Jackson kaum (dann sagt er noch, der solle doch einfach ne Liste machen, von allen Personen, die er nicht ist, was eigentlich auch ziemlich respktlos gegenüber einer berühmten Person ist). Warum zieht er also diese Show ab? Meine Meinung dazu ist, ich denke nicht, dass die Opfer (die weit überwiegende Mehrheit) von Rassismus ein solches Verhalten erwarten. Sie erleben häufig Situationen, die sie als rassistisch empfinden und meistens ist sich das Gegenüber keiner Schuld bewusst. Aber sein Publikum ist wahrscheinlich überwiegend weiß und auch sein Chef (wahrscheinlich kein *in an dieser Stelle). Ich denke, dass es hauptsächlich Weiße sind, die daran interessiert sind, dass er so ein Theater macht. Die Situation muss als „nicht alltäglich“ inszeniert werden. Rassismus muss etwas ganz besonderes schlimmes bleiben (# 22 Holger „Rassismus ist schon etwas anderes und wenn man das inflationär verwendet, dann nimmt das irgendwann kein Mensch mehr ernst, selbst dann nicht, wenn es wirklich um Rassismus geht.“), die gedankliche Verknüpfung nur Rassist*innen handeln rassistisch (und die ungekehrte, dieses Denken stützende Verknüpfung: wenn ich was tue, dass als rassistisch angesehen wird, muss ich damit rechnen, als Rassist*in bezeichnet zu werden) soll bestehen bleiben können. Und warum das nun wieder? Damit Weiße weiterhin in der Gewissheit leben können, dass Rassismus etwas ist, womit sie nichts zu tun haben, was nicht von ihnen ausgehen kann (sie sind ja keine Rassist*innen) und deshalb letztendlich etwas, womit sie sich nicht zu beschäftigen brauchen.
    Auch berühmten, reichen, einflussreichen und nicht austauschbaren Schwarzen kann es passieren, dass sie zu Objekten weißer Ignoranz gemacht werden. Habe ich etwas übersehen?

  35. @Sarah:
    #natürlich wird man ihm Rassismus vorwerfen, wenn er bestimmte Menschen verwechselt. Ob das in der Formulierung „Sie Rassist.“ geschieht oder „Ich nehme diese Verwechselung als rassistisch wahr.“, ist jetzt eher nebensächlich. Jetzt kann er entgegnen, dass es behindertenfeindlich ist, ihm seine unverschuldeten Probleme zum Vorwurf zu machen, aber weil manche ihm das wohl nicht glauben werden, hat er ein Problem.

    Und ich glaube auch nicht, dass 99% aller Rassismusopfer schwarz sind; jedenfalls nicht in Deutschland. Menschen mit Vorfahren in Vietnam machen jedenfalls nicht nur das letzte 1% aus.

  36. @ Sarah (#37):

    Zum Täter/Opfer-„Narrativ“: Ja, ich bin der Meinung, dass die Opfer von Rassismus (Menschen deren Leben durch Rassismus beeinträchtigt wird) zu mindestens 99 % Schwarze sind.

    Für westliche Gesellschaften stimmt das sicherlich*, aber darauf wollte ich nicht hinaus: Es ging mir um die Frage, ob Samuel L. Jackson in dieser Situation ein Opfer ist. Und das glaube ich nicht. Klar, er scheint wirklich sauer zu sein, aber er schaltet schnell um und fährt einen so witzigen wie rhetorisch brillianten Angriff auf den „Die sehen alle gleich aus“-Topos – und zwar sehr erfolgreich, denn seine kleine Stehgreif-Rede hat es weltweit in die Medien geschafft.

    Der Moderator versucht – leicht panisch – in Sachen Witzigkeit mitzuhalten, hat aber keine Chance gegen Jackson, der a) moralisch im Vorteil und b) der bessere Redner ist. Warum sollte man Jackson hier also (über die Verwechselung hinaus) als Opfer betrachten? Ich weiß, dass der Blick auf Schwarze als Opfer eigentlich gegenüber Rassismus sensibilisieren soll – oft führt er aber ganz gegen diese Intention zu einem weißen Paternalismus, dem Schwarze nicht als Subjekte ihres eigenen Lebens erscheinen, sondern zu Objekten der Fürsorge werden. M.E. passiert hier genau das: Jackson kann in diesem Video nur dem als Opfer erscheinen, der ihn aufgrund seiner Hautfarbe a priori als Opfer wahrnimmt – und sei es noch so wohlmeinend.

    Und warum das nun wieder? Damit Weiße weiterhin in der Gewissheit leben können, dass Rassismus etwas ist, womit sie nichts zu tun haben, was nicht von ihnen ausgehen kann (sie sind ja keine Rassist*innen) und deshalb letztendlich etwas, womit sie sich nicht zu beschäftigen brauchen.

    Im Umkehrschluss: Alle Weißen sind nolens volens Rassisten und machen sich schon beim Zähneputzen schuldig. Es ist die Tragik dieses entgrenzten Rassismusbegriffs (der den Klassen- und den Ausbeutungsbegriff gleichzeitig assimiliert und annulliert), dass es für keine Seite mehr einen Ausweg gibt. Er ist so allumfassend, dass er schon jedes weiße Kind in einem Trailerpark zum Nutznießer weißer Privilegien stempelt und noch jeden schwarzen Superstar mit Villa in Bel Air zum Opfer weißer Ignoranz. Ein Erfahrungsaustausch ist – im Wortsinne – nicht mehr möglich; von Solidarität ganz zu schweigen. Es bleibt nur die Ausprägung von Gruppen-Identitäten durch Abgrenzung zu den jeweils anderen.

    Martin Luther King schwebte als Utopie eine Welt vor, in der die Hautfarbe so irrelevant wird wie die Augenfarbe. Im heutigen antirassistischen Diskurs ist das nicht mehr vorgesehen. Hier werden Schwarze und Weiße als unterschiedliche Sorten Mensch imaginiert, zwischen denen es wenig Gemeinsames zu geben scheint, weil stets das Trennende zum Identitätsmerkmal erhoben wird. Damit kann ich nichts anfangen, ich bleibe lieber bei Dr. King.

    * In Südafrika gibt es z.B. einen virulenten Rassismus schwarzer Einheimischer gegen schwarze Einwanderer: https://taz.de/Auslaenderfeindliche-Morde-in-Suedafrika/!5623757/

  37. @ Kritischer Kritiker, #39:

    Ich wollte hier eigentlich nichts schreiben, weil ich persönlich als Weißer in Deutschland keine Rassismuserfahrungen gemacht habe und daher nichts zur Opferperspektive beisteuern kann. Im Gegensatz zu Ihnen offenbar, der Sie Pocket Hazels Empfindung teilweise absprechen. Zudem enthält Ihr Beitrag einigen Unsinn:

    „Es ging mir um die Frage, ob Samuel L. Jackson in dieser Situation ein Opfer ist. Und das glaube ich nicht.“

    Wenn Jackson also angeschossen wird, ist er auch kein Opfer, weil er reich und schlagfertig ist? Natürlich nicht.

    „Warum sollte man Jackson hier also (über die Verwechselung hinaus) als Opfer betrachten?“

    Äh, genau die Verwechslung ist ja das Problem!
    Es gibt übrigens noch eine weitere Ebene darüber hinaus: Das ganze spielte sich in der Öffentlichkeit ab! Und hat Signalwirkung für das Leben von Tausenden Menschen. Die dann aber nicht so bekannt und reich sind wie Jackson, bei denen ein Hinweis auf die Verwechslung (siehe Artikel) zu weiteren Herabsetzungen führen kann, oder bei denen u.U. sogar schlimmere Konsequenzen drohen. Für diese Menschen hat Jackson stellvertretend im Fernsehen klargemacht, dass solche „sehen-alle-gleich-aus“-Verwechslungen nicht ok oder lustig sind!

    „Der Moderator versucht – leicht panisch – in Sachen Witzigkeit mitzuhalten,…“

    Eine ehrliche, ernstgemeinte Entschuldigung wirkt manchmal Wunder…

    „Jackson kann in diesem Video nur dem als Opfer erscheinen, der ihn aufgrund seiner Hautfarbe a priori als Opfer wahrnimmt – und sei es noch so wohlmeinend.“

    Positiven Rassismus gibt es natürlich auch. Trifft hier aber nicht auf diese Situation zu.

    „Alle Weißen sind nolens volens Rassisten…“

    Ihre Implikation geht (gewollt?) zu weit. Tatsache ist, dass wir in Deutschland rassistisches Gedankengut in unserer Gesellschaft und Kultur haben. Daher sagen und tun viele Menschen rassistische Dinge, Tönnies z.B., ohne es wirklich rassistisch zu meinen. Ich spreche da aus eigener Erfahrung, weil ich solche unbewussten Vorbehalte auch bei mir festgestellt habe. Und ich empfehle hier mal Bücher zu lesen, die Menschen mit Rassismuserfahrung (in Deutschland!) geschrieben haben. (Z.B. „Deutschland Schwarz Weiß“ von Noah Sow.)

    „Ein Erfahrungsaustausch ist – im Wortsinne – nicht mehr möglich“

    Doch. Sie müssen nur Menschen mit Rassismuserfahrung tatsächlich einmal zuhören. Nicht jeder rassistische Vorfall endet für das Opfer im Kranken- oder Leichenschauhaus.

    „In Südafrika…“, „in asiatischen Medien“

    Das ZDF hat seinen Sitz in Deutschland.

    @ Ingo S., #32:
    „Zumal die beiden auch noch den gleichen Nachnamen haben.“

    Sie sollten das Video bis zu Ende gucken. Pocket Hazel lässt ihren Nachnamen bewusst im Unklaren. D.h. der vom ZDF angegebene Nachname ist eine Folge der Verwechslung.

  38. @Kritischer Kritiker
    „Warum sollte man Jackson hier also (über die Verwechselung hinaus) als Opfer betrachten?“
    Um den Opferbegriff an dieser Stelle zu vermeiden, würde ich die Frage umformulieren: Hat Samuel L. Jackson unter der Situation gelitten? Schwer zu sagen. Da ich nicht ausschließen kann, dass ich in dieser Frage voreingenommen bin, schließe ich mich für die folgenden Überlegungen Ihrer Interpretation der Situation an.
    Wenn er nicht gelitten hat, braucht man sich dann nicht weiter damit zu beschäftigen, sondern sollte sich lieber den Menschen zuwenden, die im Moment gerade leiden? Nein, ich finde alle von Diskriminierung Betroffenen beachtenswert, egal wie sehr (wenn überhaupt) sie darunter leiden.
    Und ich denke, genau wie Sie, dass es gut wäre, wenn alle leidendenden Menschen sich solidarisieren. Warum tun sie es nicht? Ich denke es liegt nicht am entgrenzten Rassismusbegriff und auch nicht die Ausbildung einer Gruppenidendität durch Abgrenzung (z. B. armer Schwarzer von armen Weißen) ist Schuld an der fehlenden Solidarität, sondern es ist der Rassismus selbst. Um Solidarität mit Mitgliedern der auszubeuteten oder zu vernichtenden Gruppe (im Falle des Antisemitismus) zu verhindern, wurden sie überhaupt erst ausgegrenzt, abgewertet und entmenschlicht.
    (https://www.theguardian.com/commentisfree/2015/jan/26/do-not-see-race-ignoring-racism-not-helping)

    @Ingo S.
    „Erst nach einigen Meldungen aus ihrer Community (oder Filterblase), bei denen dann auch das Wort „Rassismus“ fiel, kam dann die Empörung und Traurigkeit.“
    Da kann ich Pocket Hazel gut verstehen, aber ich weiß nicht, ob ich es nachvollziehbar erklären kann. Wenn einem „die Gesellschaft“ ständig signalisiert, dass das, was man als ungerecht/verletzend empfindet, eigentlich kein Problem ist, beginnt man an sich (und den eigenen Gefühlen) zu zweifeln und (da Menschen als höchst soziale Lebewesen existenziell auf die Gemeinschaft angewiesen sind) diese Wertung schließlich zu übernehmen.

  39. @Physeter & @Kritischer Kritiker
    „“ Es ging mir um die Frage, ob Samuel L. Jackson in dieser Situation ein Opfer ist. Und das glaube ich nicht.“

    Wenn Jackson also angeschossen wird, ist er auch kein Opfer, weil er reich und schlagfertig ist? Natürlich nicht.“

    So war es wahrscheinlich auch nicht gemeint, sondern eher so, dass wir so dermaßen „rassismusverblendet“ sind, dass wir nicht erkennen können, wer von den beiden in dieser Situation wirklich leidet und mit wem wir uns folglich solidarisieren sollten.
    Ja, der Moderator leidet mehr, aber nicht weil Jackson ihm irgendeinen Anlass dazu gegeben hätte. Er hat nicht die Entlassung des Moderators gefordert. Wenn er entlassenen worden wäre, würde das mich wahrscheinlich auch solidarisch stimmen. Aber ich weigere mich alle möglichen Ängste und Eventualitäten, die sich dann nachher meistens als irrational erweisen (und es kommt mir so vor, dass es da meistens nur um Ängste von Weißen geht) mit in die Betrachtung mit einzubeziehen.

  40. @ Sarah, #42:
    „So war es wahrscheinlich auch nicht gemeint, sondern eher so, dass wir so dermaßen „rassismusverblendet“ sind, dass wir nicht erkennen können, wer von den beiden in dieser Situation wirklich leidet und mit wem wir uns folglich solidarisieren sollten.“

    Diese Aussage lässt bei mir mehr Fragezeichen zurück als die Schlagzeilen der Regenbogenpresse nebenan. Also: ?????????

    Wie *können* Sie überhaupt ermessen, wer wie sehr leidet?
    Und wie können Sie ermessen, welcher Zuschauer wie sehr leidet? Etwa, weil er*sie so eine Situation schon dutzendmal erleben musste?

    „Aber ich weigere mich alle möglichen Ängste und Eventualitäten, die sich dann nachher meistens als irrational erweisen (und es kommt mir so vor, dass es da meistens nur um Ängste von Weißen geht) mit in die Betrachtung mit einzubeziehen.“

    Dann versuchen Sie es doch mal mit obigem Artikel von einer Person mit Rassismuserfahrung, garantiert ohne irrationale Weißen-Ängste, na?

  41. Entweder hab ich es überlesen oder aber die Anfrage bei der Sendung nach der Ursache der ‚Verwechselung‘ blieb aus. Für eine Kritik sicher nicht nötig, aber der Vollständigkeit wegen…

  42. @Physeter
    Seelisches Leid kann man ungefähr „ermessen“. Könnten wir das nicht, wären wir nicht zum Mitgefühl fähig (bei Soziopathen scheint das wohl so zu sein). Ich urteile normalerweise nicht über das Leid anderer, halte es aber für diese eine Situation, gegenüber diesen beiden Menschen vertretbar. Damit habe ich aber nichts über andere Menschen in ähnlichen Situationen ausgesagt, sondern wollte im Gegenteil gerade zeigen, dass, da verschiedene Menschen in ähnlichen Situationen eben unterschiedlich stark leiden (und nicht jede*r Betroffene würde diese Situation überhaupt als problematisch wahrnehmen – siehe die Argumentation: „Weißen passiert das auch, die finden das aber nicht problematisch, warum wird das hier problematisiert“), das Leiden kein oder wenigstens nicht das einzige Kriterium dafür sein kann, mit wem man sich solidarisch zeigen sollte (auf gesellschaftlich oder politischer Ebene; auf der zwischenmenschlichen Ebene sollte das natürlich ein Kriterium sein). Damit könnte vielleicht auch eine der entscheidenden Ursachen dafür, dass immer erst „was“ passieren muss, bevor sich was bewegt, behoben werden.

  43. Das Jackson-Freeman-Beispiel ist vllt. wirklich nicht das „typischste“, weil mit Verlaub, Jackson und Freeman deutlich bekannter sind als Hazel und Nguyen-Kim. Außerdem ist in der Konstellation klar, dass Jackson kein übles Nachspiel zu erwarten hat. Ein unprominenter Schwarzer/Syrer/etc., der von der Polizei mit einem anderen Syrer/Schwarzen/etc. verwechselt wird, hingegen schon.
    Und – da braucht man nicht viel Empathie zu – wenn Jackson sich über einen Moderator aufregt, hat er die weniger harmlosen Fälle im Hinterkopf.

  44. LLL (28.)
    „Ich habe den Eindruck, dass wir es immer häufiger mit folgendem seltsamem Phänomen zu tun haben: Etablierte Begriffe werden einer Bedeutungsverschiebung unterzogen, “

    Nicht immer.
    Nehmen wir „Nazi“. Das war vor 90 Jahren die Bezeichnung für die Leute, die die Politik der Merkel-Regierung kritisiert haben.
    Seitdem hat sich nichts geändert, heute ist das immer noch so.

  45. Zwei Dinge möchte ich noch anmerken:

    Erstens ganz subjektiv: Diese Diskussion hinterlässt im Zusammenhang mit ähnlichen Diskussionen bei mir auch ein wenig Ratlosigkeit und Sorge.
    Für mich ist der Rassismus eine durch und durch absurde und menschenfeindliche Ideologie. Ich bin absolut überzeugter Anti-Rassist. Und ich bemühe mich auch um Takt, Anstand, Rücksicht.
    Aber mir kommt folgender Gedanke in den Sinn:

    Vielleicht mache ich im Zusammenhang mit Menschen anderer Hautfarbe irgendwann mal irgendwo einen Fehler (in der „Preislage“ einer Verwechslung) – aus Gedankenlosigkeit, aus Unachtsamkeit, aus Dummheit, warum auch immer. Das kann irgendwann mal jedem passieren, auch jemandem, der es wirklich gut meint. Menschen machen hin und wieder Fehler, manchmal auch dumme und ärgerliche.

    Und dann? Würde mein Verhalten dann als „rassistisch“ gelten? Wäre ich dann also jemand, der nicht nur vielleicht einen blöden und kritikwürdigen Fehler gemacht hat, sondern jemand, der sich rassistisch benommen hat? Was der Frage nahekäme, ob ich dann ein Rassist wäre…

    Ich fürchte, dass es mir da nicht ganz alleine so geht, und dass sich bei manchen Leuten sogar eine gewissen Ängstlichkeit oder Verkrampfung im Umgang mit Menschen anderer „Rasse“ bzw. „Ethnie“ einstellen könnte. Im Sinne von: Bloß nichts falsch machen! Vermintes Terrain! Eine einzige Gedankenlosigkeit, eine einzige Unachtsamkeit, und ein einziger doofer Fehler – und Du stehst womöglich am Pranger!

    Und was ist erst mit den eher „einfach gestrickten“ Leuten, die mit den ganzen Differenzierungen und Komplexitäten einer Diskussion wie dieser hoffnungslos überfordert wären (auch wenn sie verstehen, dass man Menschen nicht ihrer „Rasse“ wegen diffamieren soll)?
    Mit Menschen, bei denen die Fähigkeit, eine komplexe (soziale) Situation zu analysieren und sich sorgfältig und geschickt zu artikulieren, weit geringer ausgeprägt ist als bei der Autorin dieses Artikels oder bei den meisten hier Kommentierenden? Und die die immer neuen Forderungen, mit denen sie konfrontiert werden, nicht souverän einordnen können?
    Und die vielleicht erst recht Angst haben, dass sie – ohne etwas Böses zu wollen – etwas falsch machen könnten? Und bei denen sich dann vielleicht ein gewisser Widerstand entwickelt…?

    Kurz gesagt: Wir sollten m.E. bemüht sein, nicht mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, sondern, wo es notwendig ist, mit Luftgewehren.

    Zweitens ist mir noch ein Zitat von Thomas Fischer eingefallen, welches eine gewisse Schieflage, die im intellektuellen „juste milieu“ herrscht, illustriert:

    „[D]er deutsche Afrikanerfreund des Jahres 2019 [macht] im Wesentlichen, was schon seine Eltern und Großeltern gemacht haben: Er zerstört Ansätze ökonomischer Eigenständigkeit, vernichtet Lebensgrundlagen von Hunderten Millionen Bauern, beutet im Schutz korrupter Gewaltregime die Bodenschätze und sonstigen Ressourcen aus und sorgt dafür, dass die durch die Kolonisierung geschaffenen ethnischen, kulturellen, wirtschaftlichen und militärischen Konflikte bestehen bleiben. Zwecks Ablass spendet er einen winzigen Teil seines unermesslichen Reichtums für Hilfslieferungen, die zur weiteren Vertiefung der Abhängigkeit führen, und für gutgemeinte Projekte.

    Wenn sich ‚die Afrikaner‘ trotz unserer Fürsorge auf den Weg nach Norden machen, darf man sie von libyschen Warlords in Lager sperren lassen, wo sie vor den Augen der Weltöffentlichkeit gefoltert und vergewaltigt werden. Und wenn sie es auf Kähne schaffen, darf man sie im Mittelmeer zu Tausenden ertrinken lassen, damit sie nicht durch ihr bloßes Überleben noch mehr anlocken. Man darf das alles mit ihnen machen, fast ohne sich zu schämen. Man muss sie dabei allerdings stets korrekt anreden, also ‚People of Color‘ zu ihnen sagen. Sonst schlagen die antirassistischen People of no Color unerbittlich zu.“
    https://www.spiegel.de/panorama/justiz/clemens-toennies-und-rassismus-wurst-und-wahn-kolumne-a-1281747.html

    Was sicher nicht heißen soll, dass man sich nicht auch hierzulande und in kleineren Dinge um Respekt und Takt bemühen sollte. Das sollte man natürlich. (Mir diesen Punkt also bitte nicht kritisch entgegen halten.)

    Nur habe auch ich manchmal den Eindruck, dass wir die Maßstäbe verloren haben. Dass unsere Begriffe von Menschlichkeit und gutem Willen doch ziemlich provinziell und speziell sein könnten.

  46. @LLL#49
    „Ich bin absolut überzeugter Anti-Rassist.“
    Ich halte mich auch für einen solchen.

    „Vielleicht mache ich im Zusammenhang mit Menschen anderer Hautfarbe irgendwann mal irgendwo einen Fehler (in der „Preislage“ einer Verwechslung) – aus Gedankenlosigkeit, aus Unachtsamkeit, aus Dummheit, warum auch immer. Das kann irgendwann mal jedem passieren, auch jemandem, der es wirklich gut meint. Menschen machen hin und wieder Fehler, manchmal auch dumme und ärgerliche.“

    Ich mache diese Fehler trotz dem ich mich als Anti-Rassisten sehe und mir auch Mühe gebe ständig.
    Eben aus Unachtsamkeit. Oder Unbewusst.
    Ich arbeite mit Kollegen anderer Hautfarbe zusammen und bemerke an mir selbst, wie da immer mal wieder was durchrutscht.
    Ich merke es immer dann, wenn andere Kollegen dumme Sprüche über die Kollegen mit anderer Hautfarbe machen und ich mich frage, ob ich einen Anlass gegeben habe, diese Sprüche so offen machen zu können.
    Und merke dann, dass ich zum Beispiel bei einem etwas harmloseren Spruch vielleicht gegrinst habe, ohne zu merken, dass schon dieser vermeintlich harmlose Spruch für den betroffenen Kollegen schon verletzend war.
    Woran liegt das, dass mir das passiert, obwohl ich mich für einen Anti-Rassisten halte?
    Weil wir alle mit einem latenten Rassismus aufgewachsen sind.
    Als ich klein war, da war es normal, andere Mitschüler als N..-Lippe zu beschimpfen, da hießen die Schaumküsse noch anders, da waren rassistische Bezeichnungen nichts, was man als Verwerflich angesehen hat.

    „Und was ist erst mit den eher „einfach gestrickten“ Leuten,….“
    Sehen Sie, ich frage mich eher, was mit den Betroffenen ist.
    Von denen, die sich die dummen Sprüche JEDEN Tag anhören müssen?
    Wie oft benutzt man im Alltag das alte Wort für Schaumküsse?
    Vielleicht einmal im Monat?
    Und die von Ihnen angesprochenen „einfach gestrickten“ Leute, die dieses eine Mal im Monat ihre alte Gewohnheit ändern sollen und statt dessen „Schaumküsse“ sagen sollen, sind so sehr davon genervt, dass Memes mit dem Spruch „Ich habe früher N..-Küsse gesagt und ich bleibe dabei“ eifrig geteilt wird und die Teiler sich dabei als Rebelisch wahrnehmen.
    Diese Menschen sollen sich möglichst vielleicht einmal im Monat an ein neues Wort gewöhnen, was sie tierisch nervt.
    Die Betroffenen Menschen müssen solche Worte aber JEDEN Tag vernehmen und sollen sich nicht so aufregen? Wo kämen wir denn da hin?

    Deshalb:
    „Kurz gesagt: Wir sollten m.E. bemüht sein, nicht mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, sondern, wo es notwendig ist, mit Luftgewehren.“
    Die Kanonen sind noch viel zu Klein. Wenn selbst Sie als Anti-Rassist in erster Linie an die armen „einfach gestrickten“ Leute denken und Ihnen dabei die Betroffenen egal zu sein scheinen.
    Wie gesagt, ich mache auch oft Fehler und oute mich damit, dass noch viel struktureller Rassismus auch in mir steckt.
    Aber ich gebe mir Mühe, daran etwas zu ändern.

    Denn ich spreche dann auch mit den Kollegen anderer Hautfarbe, die zwar über die Sprüche hinweg lächeln. Denen man aber dennoch anmerkt, dass es sie verletzt und sie sich ausgegrenzt fühlen.

  47. @ LLL, #49:
    Die Kanonen holen eher Sie raus, mit diesem dämlichen Spiegel-Zitat nämlich. Fischer ist eben nicht immer „im Recht“.

    Ich denke mir, dass im Alltag der unbewusste Rassismus eher wie ein Gang durch einen vollen Bus ist: Man möchte zum Ausgang, der Bus fährt eine Kurve und man jemandem auf den Fuß. Das tut niemand in voller Absicht. Und die natürliche Reaktion wäre selbstverständlich: „Entschuldigung.“

    Nun, bei unbewusstem Rassismus merken Sie häufig nicht, dass Sie jemandem auf den Fuß getreten sind. So etwas kann im Bus natürlich auch mal passieren. Während die „Getretene“ noch genervt mit den Augen rollt, macht ein anderer Mitfahrer Sie auf darauf aufmerksam.

    Ihre Reaktion?
    „Warum beschweren Sie sich nicht über die Produktionbedingungen von Schuhen in Dritte-Welt-Ländern!“ (siehe Spiegel-Zitat)
    Oder: „Ich habe es schon immer verabscheut, anderen Menschen auf den Fuß zu treten!“ (Ihre Einleitung)
    Oder: „Sie übertreiben, ich habe nichts gespürt, ich habe den Fuß also höchstens gestreift.“ (der Schalker Ehrenrat)
    Oder vielleicht: „Oh!“ Zur getretenen Person: „Hey, ich kann den anderen Fuß ja auch noch treten, dann ist das Muster gleich!“ (bemühte Witzigkeit)
    Oder etwa: „Ich kann doch nicht immer und auf jeden meiner Schritte acht geben. Ich bin halt einfach gestrickt.“

    Sie sehen, das ist alles irgendwie nicht zielführend.

  48. Vielleicht sollte man in fahrendem Bussen einfach nicht laufen. Dann bringt man andere und sich selbst nicht in Schwierigkeiten.

  49. @ Physeter:

    „Die Kanonen holen eher Sie raus, mit diesem dämlichen Spiegel-Zitat nämlich.“

    Wenn Sie jetzt noch sagen würden, was an dem Zitat dämlich ist, dann würde Ihre Bemerkung zu einer inhaltlichen Kritik avancieren, mit der man sich auseinandersetzen kann.

    Kann es sein, dass Sie meinen Beitrag selektiv gelesen haben? Achten Sie insbesondere auf folgende Sätze von mir (die sich an das Fischer-Zitat anschließen):

    „Was sicher nicht heißen soll, dass man sich nicht auch hierzulande und in kleineren Dinge um Respekt und Takt bemühen sollte. Das sollte man natürlich. (Mir diesen Punkt also bitte nicht kritisch entgegen halten.) “

    Ich rechtfertige ein unsensibles und taktloses (oder gar rassistisches) Verhalten also nicht und sage auch nicht, dass ein solches Verhalten kein Problem sei, oder dass es keine Aufmerksamkeit verdiene.
    Nur finde ich es bedenklich, wenn relative Kleinigkeiten anscheinend für mehr Aufmerksamkeit und Empörung sorgen als Ungeheuerlichkeiten. Alles andere wäre aber doch auch irrational, oder nicht?

    @ Micha:

    Persönlich muss ich sagen, dass ich Ihre Perspektive doch recht einseitig finde. Und dass Ihre Erfahrungen den meinen nicht entsprechen (was nicht heißt, dass ich Ihre Erfahrungen nicht respektieren würde).

    In meiner damaligen Schulklasse gab es aber ein „braunes“ Mädchen (wenn man das so sagen kann oder darf). Ich habe nie erlebt, dass ihre Abstammung je direkt oder indirekt ein Thema gewesen wäre.
    Meine Familie war mit einer indischen Familie (ziemlich dunkle braune Haut) befreundet. Inzwischen hat sich der Kontakt nach vielen Jahren allmählich verloren, aber das hat ganz sicher nichts mit der Hautfarbe zu tun.

    In einer Kneipe, in der ich früher öfter war, gab es einen Schwarzen, der allgemein gut ankam. In seinem Unternehmen war er Mitglied der Arbeitnehmervertretung. Ein betrunkener Gast machte einmal irgendwelche ausländerfeindlichen Bemerkungen (nicht eindeutig speziell rassistisch). Ich habe mich natürlich (wie andere auch) auf die Seite des Schwarzen gestellt.
    Auch in einigen anderen Situationen hatte ich mit Menschen dunklerer Hautfarbe zu tun, aber auch da gab es – soweit ich das beim besten Willen übersehen kann – nie ein Problem zwischen ihm und mir.

    Dass ich je über einen rassistischen Witz gelacht hätte, erinnere ich mich nicht. Und zu Schaumküssen sage ich „Schaumküsse“. Über Schwarze rede ich als „Schwarze“.

    Dass ich da nun irgendeinen unbewussten Rassismus pflegen würde, der wiederum Rassismus durch andere begünstigt, kann ich für mich nicht bestätigen, soweit jedenfalls meine bewusste Reflexion reicht.

    Das heißt nicht, dass ich abstreiten würde, dass es in manchen Teilen der Bevölkerung einen latenten Rassismus gibt, der ein ernstes Problem ist. Ob allerdings eine Verwechslung zweier asiatisch aussehender Personen (über deren Zustandekommen offenbar nichts bekannt ist!) sofort als Ausdruck von „Rassismus“ gelten muss, darf man dennoch bezweifeln.

    Wenn vorschnell mit der Rassismus-Keule zugeschlagen wird, dann nutzt die sich irgendwann auch mal ab.

  50. @ Physeter:

    „Nun, bei unbewusstem Rassismus merken Sie häufig nicht, dass Sie jemandem auf den Fuß getreten sind. So etwas kann im Bus natürlich auch mal passieren. […] Ihre Reaktion?“

    Wenn ich jemandem tatsächlich auf den Fuß getreten bin, dann entschuldige ich mich. Ich füge allerdings hinzu, dass es keine Absicht war. Und wenn jemand daran zweifelt, würde ich vielleicht tatsächlich sagen, dass ich sicher niemand bin, der Leuten gerne auf die Füße tritt.

    Wenn nun allerdings viele Leute auf mich zeigen und sich über mein Verhalten empören würden, während zehn Meter weiter ein Mensch einen anderen totschlägt und das weit weniger Interesse findet, dann würde ich ungeachtet meiner Entschuldigung dennoch anmerken, dass hier vielleicht ein paar moralische Maßstäbe nicht ganz stimmen.

    Und wenn der andere behauptet, ich hätte ihm den Fuß gebrochen, obwohl ich den Fuß tatsächlich kaum gestreift habe, dann würde ich das bei allem Respekt auch entsprechend sagen.

    Und wenn ich tatsächlich in einer Situation wäre, wo es tatsächlich unmöglich ist, auf jeden Schritt zu achten, und der andere dennoch sehr böse ist, dann würde ich das ebenso sagen.

    Und wenn der andere behauptet, dass es unbewusster Rassismus sei, dass ich ihm auf die Füße getreten bin, weil er schwarz und ich weiß sei, dann würde ich das ebenfalls zurückweisen.

  51. @LLL
    „Persönlich muss ich sagen, dass ich Ihre Perspektive doch recht einseitig finde. Und dass Ihre Erfahrungen den meinen nicht entsprechen (was nicht heißt, dass ich Ihre Erfahrungen nicht respektieren würde).“
    Ich bin mir sicher, viele meiner Kollegen sagen auch, dass sie meine Erfahrungen nicht teilen würden.
    Weil sie es eben gar nicht erst bemerken. Es sitzt so tief drin, dass man schon bewusst drauf achten muss, wenn man eben nicht Betroffener ist.
    Egal, diese Diskussion gab es schon oft genug, es scheint dabei zu bleiben, dass man als Nicht-Betroffener einfach nicht die Deutungshoheit gegenüber den Betroffenen aufgeben will.
    Ich finde das traurig und versuche, diesem beispiel nicht zu Folgen.

    „Wenn vorschnell mit der Rassismus-Keule zugeschlagen wird, dann nutzt die sich irgendwann auch mal ab.“
    Dieser Spruch war schon immer abgenutzt.

  52. @ Micha:

    Ach natürlich!

    – Wenn jemand sagt, dass er latent rassistisch ist, dann ist das der Beweis dafür, dass er latent rassistisch ist!
    – Wenn jemand aber bezweifelt, dass er latent rassistisch ist, dann ist das der Beweis dafür, dass er nicht nur latent rassistisch ist, sondern sich bei seiner Selbstreflexion noch nicht einmal Mühe gegeben hat!
    – Und wenn jemand gar nichts sagt, denkt er sicher auch latent rassistisch.

    Und derjenige, der nicht glaubt, latenter Rassist zu sein, liegt nicht nur falsch; nein, er ist auch noch so unverschämt, sich die „Deutungshoheit“ über andere Menschen (!!) anzumaßen. Und wie tut er das? Indem er sich ein Urteil über sich selbst (!!) im Hinblick auf seinen möglichen Rassismus zu erlaubt.

    Merken Sie was? Ihre These ist schlichtweg nicht falsifizierbar.
    In einem Gerichtsverfahren sähe das so aus: Bekennt sich der Angeklagte für schuldig, ist das der Beweis seiner Schuld; sagt er nichts, gilt er ebenfalls als schuldig; und plädiert er auf unschuldig, ist das der Beweis seiner Verstocktheit!

    Die Möglichkeit, dass der eine oder andere, der bezweifelt, latent rassistisch zu sein, dies eben deswegen bezweifeln könnte, weil er vielleicht in der Tat nicht latent rassistisch ist, existiert in Ihrem Universum offenbar nicht. Diese Option ist für sie offenbar a priori ausgeschlossen. So ist der Rest Ihrer Beweisführung natürlich ein Kinderspiel…

    „Ich finde das traurig und versuche, diesem beispiel nicht zu Folgen.“

    Ich hingegen finde es traurig, wenn Leute in Ihren Beiträgen auf JEDE logische Stringenz pfeifen und rationale Reflexion durch moralischen Pathos mit belehrendem Zeigefinger ersetzen. Und dann auch noch meinen, sie würden etwas Gutes tun!
    Und wenn sie anderen Leuten, die sie nicht im Entferntesten kennen, ohne den Funken des Funkens des Funkens eines Belegs Rassismus unterstellen – weil sie offenbar glauben, dass alle Weißen (in dieser Gesellschaft) latent oder offen rassistisch denken müssen. Weil es ja Weiße (in dieser Gesellschaft) sind, die alle irgendwie gleich aussehen. Nein, nicht alle gleich aussehen, sondern irgendwie alle gleich sind – indem sie alle bewusst oder unbewusst rassistisch denken (die einen mehr, die anderen weniger).

    „Dieser Spruch war schon immer abgenutzt.“

    Ich weiß nicht, was ein „abgenutzter“ Spruch ist und verstehe auch nicht, welche wahrheits- oder erkenntnistheoretischen Implikationen „Abgenutzheit“ haben könnte. Ich meine aber zu wissen und zu verstehen, was ein äußerst plausibler Spruch ist.

  53. @Micha:
    _Niemand_ will die Deutungshoheit über das eigene Verhalten aufgeben. Weil man sonst keine Chance mehr hat, sich zu verteidigen.
    Um beim Fußtrittbeispiel zu bleiben, es ist – ungeachtet des entstandenen Schadens – ein Unterschied, ob man jemanden vorsätzlich oder fahrlässigerweise auf den Fuß tritt. Und dann wird bei Fahrlässigkeit noch zwischen grober und einfacher unterschieden.
    Im konkreten Fall ist diese Verwechselung im Vorfeld einer Sendung Leuten passiert, denen von ihrer Kompetenz her das nicht hätte passieren dürfen. Es sieht also sehr danach aus, dass es denen wirklich egal war, was man dann auf eine generelle Geingschätzung gegenüber Leuten mit vietnamesischen Vorfahren und/oder YT-Kanälen zurückführen könnte. Aber von der Unschuldsvermutung her müssen sie Gelegenheit zur Rechtfertigung haben.
    „Latenter“ Rassismus ist generell etwas schwierig, moralisch zu bewerten; wenn sich der „latente“ Rassist seines Rassismusses nicht bewusst ist, darf man ihn ihm zum Vorwurf machen? Oder, wenn die Gesellschaft latent rassistisch ist, darf man dann generell unterstellen, dass jedes Individuum rassistisch ist?
    Ich sage übrigens auch Schaumküsse oder Schokoküsse; nicht zuletzt, weil’s die Dinger inzwischen in jeder Hautfarbe gibt, einschließlich grün.

  54. „Ich sage übrigens auch Schaumküsse oder Schokoküsse; nicht zuletzt, weil’s die Dinger inzwischen in jeder Hautfarbe gibt, einschließlich grün.“

    Ja, allerdings genau das ist ja das Problem.

    Egal ob Sie nun schwarze, weisse, rote, gelbe oder von mir aus grüne Schaumküsse kaufen:

    Macht man die Packung auf, sehen die alle gleich aus. :-))

    (Sorry, ich konnte jetzt einfach nicht widerstehen. ;-)

  55. @mycroft
    „„Latenter“ Rassismus ist generell etwas schwierig, moralisch zu bewerten; wenn sich der „latente“ Rassist seines Rassismusses nicht bewusst ist, darf man ihn ihm zum Vorwurf machen? Oder, wenn die Gesellschaft latent rassistisch ist, darf man dann generell unterstellen, dass jedes Individuum rassistisch ist?“
    Meiner Meinung nach darf man das nicht.
    Und ich tue dies auch nicht.
    Ich versuche nur, darauf aufmerksam zu machen, auch mal die andere Perspektive zu sehen.
    Daher mein Beispiel mit den Schaumküssen, von dessen Wortnutzung manche schon so genervt sind, dass sie meinen, jetzt erst Recht das alte Wort nutzen zu müssen und nicht mal auf die Idee kommen, wie genervt die Betroffenen sind.
    Auf dieses Generve sollte man nicht reagieren, in dem man sagt, Sorry, vielleicht habe ich mit meinem Hinweis mit Kanonen auf Spatzen geschossen.
    Sondern meiner Meinung nach sollte man den Leuten erklären, warum sich da ein neues Wort etablieren sollte.

    @LLL
    „Und wenn sie anderen Leuten, die sie nicht im Entferntesten kennen, ohne den Funken des Funkens des Funkens eines Belegs Rassismus unterstellen – weil sie offenbar glauben, dass alle Weißen (in dieser Gesellschaft) latent oder offen rassistisch denken müssen. “
    Ich hatte Ihnen in #50 Anti-Rassismus unterstellt.
    Deshalb, bitte in diesem Falle die Kanonen wieder zurück fahren und auf Ihre stringente Argumentation achten.

    „Ich weiß nicht, was ein „abgenutzter“ Spruch ist und verstehe auch nicht, welche wahrheits- oder erkenntnistheoretischen Implikationen „Abgenutzheit“ haben könnte. “
    Sie wissen aber, was eine abgenutzte Metapher ist, setzen Sie das für „Spruch“ ein. Dann haben Sie die selbe Erkenntnis, die Sie mit Ihrem Spruch geben wollten.
    Und jetzt bitte etwas runter mit den Emotionen und Unterstellungen, die nicht ich gemacht habe, sondern Sie.

  56. @ Mycroft:

    „Aber von der Unschuldsvermutung her müssen sie Gelegenheit zur Rechtfertigung haben.“

    Es gibt nach Michas Logik zwei Sorten von Weißen:

    – Weiße, die (latent) rassistisch sind und das wenigstens selbst merken.
    – Weiße, die (latent) rassistisch sind und das noch nicht einmal merken.

    Welche Unschuldsvermutung?

    „‚Latenter‘ Rassismus ist generell etwas schwierig, moralisch zu bewerten; wenn sich der ‚latente‘ Rassist seines Rassismusses nicht bewusst ist, darf man ihn ihm zum Vorwurf machen?“

    Aber natürlich! Das Problem ist, dass diese selbstgerechten Leute nicht „bewusst drauf achten“. Sobald ein Weißer ehrlich und selbstkritisch nachdenkt, wird ihm schon klar werden, dass er mehr oder minder rassistisch denkt.

  57. @ LLL, #53,
    „Wenn nun allerdings viele Leute auf mich zeigen und sich über mein Verhalten empören würden, während zehn Meter weiter ein Mensch einen anderen totschlägt und das weit weniger Interesse findet, dann würde ich ungeachtet meiner Entschuldigung dennoch anmerken, dass hier vielleicht ein paar moralische Maßstäbe nicht ganz stimmen.“

    Herrgott! Es gab und gibt wahrlich genug Proteste gegen die europäische Flüchtlingspolitik!

    „Und wenn der andere behauptet, ich hätte ihm den Fuß gebrochen, obwohl ich den Fuß tatsächlich kaum gestreift habe, dann würde ich das bei allem Respekt auch entsprechend sagen.“

    Um mal in der Metapher zu bleiben, wenn Sie im Bus sitzen und haben die Schmerzen, dann ist Ihnen auch egal, ob es nur gestreift war. Und Sie sehen ja im Netz, dass es nicht bei respektvollen Aussagen auf seiten des Verursachenden bleibt. Oder sich gar entschuldigt wird.

    „Die Möglichkeit, dass der eine oder andere, der bezweifelt, latent rassistisch zu sein, dies eben deswegen bezweifeln könnte, weil er vielleicht in der Tat nicht latent rassistisch ist, existiert in Ihrem Universum offenbar nicht.“

    Die Realität sieht aber leider so aus, dass viele (unbewusst) rassistische Äußerungen in der Öffentlichkeit getätigt werden. Daher ist es eine Aussage, die sich einfach aus der Erfahrung speist.

    @ MYCROFT, #57:
    „„Latenter“ Rassismus ist generell etwas schwierig, moralisch zu bewerten; wenn sich der „latente“ Rassist seines Rassismusses nicht bewusst ist, darf man ihn ihm zum Vorwurf machen?“

    Kommt drauf an: Wenn auf den Hinweis „Rassismus“ gleich Gegenwehr und Beschwerden kommen, dann ja. Weil dann diese Person nicht lernfähig ist, und bei den alten Denkmustern bleibt. Der Vorwurf bezieht sich dann aber eher auf die Ignoranz.
    So wie im Bus: Man merkt nicht, dass man jemandem auf den Fuß getreten ist und geht einfach weiter. Hinweise darauf werden abgebürstet und das Verhalten, etwa sich an den Haltestangen besser festzuhalten, ändert sich nicht.

    „Oder, wenn die Gesellschaft latent rassistisch ist, darf man dann generell unterstellen, dass jedes Individuum rassistisch ist?“

    Ja, im Grunde schon, es zeigt sich ja auch häufig an Äußerungen im Internet. Zumindest, darf man nicht mehr überrascht über solche Äußerungen sein.

  58. @ Micha:

    Ok, vielleicht habe ich Sie falsch verstanden. Sie mich dann allerdings auch. Denn ich hatte geschrieben:

    „Das heißt nicht, dass ich abstreiten würde, dass es in manchen Teilen der Bevölkerung einen latenten Rassismus gibt, der ein ernstes Problem ist.“

    Ich streite natürlich nicht ab, dass es Rassismus in der Gesellschaft gibt, auch latenten.

    „Sie wissen aber, was eine abgenutzte Metapher ist, setzen Sie das für ‚Spruch‘ ein. Dann haben Sie die selbe Erkenntnis, die Sie mit Ihrem Spruch geben wollten.“

    Stilkritik ist schön und gut, aber mir geht es hier um den Inhalt. Ich halte es in der Sache für bedenklich, wenn gravierende Vorhaltungen inflationär gebraucht werden. Wenn man etwa aus einer Verwechslung (auch wenn diese nicht vorkommen dürfte) schon Rassismus ableitet, ohne die Hintergründe geprüft zu haben. Ich glaube auch, dass das kontraproduktiv ist. Dass ein entsprechender Rassimus-Vorwurf sich abnutzt. Auf die Metapher mit der „Keule“ kann ich dabei gerne verzichten.

  59. @LLL
    Ich hab mich nur wegen der angeblich überdimensionierten Kanonen eingemischt.
    Ich halte weder Sie noch viele meiner Kollegen, die ich erwähnte, für Rassisten.
    Ich sehe, wie Sie ja auch, dass es aber eben noch verdammt viel latenten Rassismus gibt. Selbst bei mir, der sich redlich bemüht. Dieser latente Rassismus kann eben ohne Hintergründe sein, er kann ein Versehen sein, weil man es nicht anders gelernt hat.
    Weswegen ich eben finde, dass man da nicht oft genug drauf hinweisen kann und sollte.
    Weil auch dieses Versehen Menschen verletzt.

  60. @ Physeter:

    „Herrgott! Es gab und gibt wahrlich genug Proteste gegen die europäische Flüchtlingspolitik!“

    Erstens geht es doch nicht nur um die. Es gibt auch andere Formen höchst destruktiver Politik, die höchstens mal am Rande diskutiert werden. Fischer nennt einige Beispiele.
    Zweitens: Wurden etwa die für die Flüchtlingspolitik verantwortlichen Politiker von so vielen Seiten und so hart kritisiert wie Tönnies für eine Bemerkung, die zumindest nicht viel mit Menschenleben zu tun haben dürfte? Wurde beispielsweise vom Spiegel der endgültige Rücktritt der Bundeskanzlerin gefordert, nachdem diese sich aufgrund des öffentlichen Drucks gezwungen sah, ihr Amt für drei Monate ruhen zu lassen?
    Doch selbst, wenn die Kritik vergleichbar wäre: Was würde das bedeuten angesichts der Unvergleichbarkeit der jeweiligen Sache?

    „Um mal in der Metapher zu bleiben, wenn Sie im Bus sitzen und haben die Schmerzen, dann ist Ihnen auch egal, ob es nur gestreift war.“

    Schon richtig. Aber wenn ich nach einer leichten Streifung abartige Schmerzen hätte, dann läge das wohl auch an meinem Fuß und nicht nur am Streifzug. Das nur allgemein – es geht mir nicht darum, den Leuten im konkreten Fall absprechen, dass ihr Ärger verständlich sei. Ich möchte aber auf abstrakter Ebene auf Ihre Metapher reagieren.

    „Und Sie sehen ja im Netz, dass es nicht bei respektvollen Aussagen auf seiten des Verursachenden bleibt. Oder sich gar entschuldigt wird.“

    Das finde ich auch schlecht. Ich frage mich halt nur: Steht hinter dem allem eine Verachtung von Menschen einer bestimmten Hautfarbe? Oder eine bestimmte (negative) klischeehafte Wahrnehmung? (Ich meine mit Letzterem „geistige“ Wahrnehmung, nicht physiologisch bedingte Ungenauigkeit der Mustererkennung.)
    Oder einfach eine allgemeine Faulheit oder vielleicht auch Respektlosigkeit . aber eine, die erst mal allen gilt, nicht nur Menschen einer bestimmten Hautfarbe, aber eben diese zufällig treffen mag?

    Nehmen wir an, jemand legt keine besondere Sensibilität gegenüber einer ethnischen Gruppe an den Tag, obwohl die es vielleicht „verdient“ hätte. Aber nicht, weil er Vorurteile oder negative Einstellungen gegenüber dieser Gruppe hätte, sondern aus einem ganz allgemeinen Mangel an gutem Willen, aufgrund ganz allgemeiner Trägheit und Gedankenlosigkeit. Ist das dann Rassismus?

    Wenn ja, dann verschiebt sich die Rassimus-Definition so, dass nicht nur klassische Rassisten, sondern auch „nonchalante“ Leute ohne jede rassistische Überzeugung Rassisten werden.
    Ich hingegen würde es sinnvoll finden, (auch sträflich) gedankenlose Leute und Rassisten zu unterscheiden, sofern die Gedankenlosigkeit nicht auf Rassismus (im „klassischen“ Sinne) fußt.
    Schon weil der Rassismus-Vorwurf an Schärfe verliert. Wenn jemand als Rassist gilt, obwohl er gar nicht negativ oder (wenigstens klischeehaft) über bestimmte Ethnien denkt, sondern einfach nur unsensibel und denkfaul ist, und wenn diese Faulheit nun rein kontingenterweise (etwa aufgrund neurophysiologischer Automatismen) eine bestimmte Ethnie trifft: Ist es dann noch so schlimm, Rassist zu sein?

  61. @ Micha:

    Ja gut; wo es sich wirklich gemäß üblicher Definitionen um „Rassismus“ handelt, da kann man das natürlich auch so formulieren. Und Sensibilisierung ist immer gut.
    Nur gibt es eben auch Fälle, wo ich meine: Ohne eine gründlichere Analyse und mehr Hintergrundwissen ist der Rassismus-Vorwurf problematisch. Und richtet vielleicht mehr Gutes als Schaden an.

  62. @LLL #49
    Zitat:
    „und Du stehst womöglich am Pranger“

    Sehen Sie, genau deshalb schrieb ich ja und ich bin überzeugt davon: Frau Ouassil geht es eben nicht darum jemanden an den Pranger zu stellen. Fühlen Sie sich denn davon angegriffen, wenn ich von „unterbewussten Rassismus“ rede? Meinetwegen nenne ich es auch gerne einfach „cross racial bias“. Es geht eben nur darum: Pocket Hazel war traurig, weil sie (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) aufgrund Ihres ethnischen Aussehens mit einer völlig anderen Person verwechselt wurde und sich so als „anders“ und „nicht dazugehörig“ betrachtet fühlt.
    Mit Verlaub, es ist Micky-Maus-Scheiße, sich wegen einer solchen Lappalie auf den Schlips getreten zu fühlen, weil jemand das „rassistisch“ nennt und eine Wortklauberei zu beginnen, anstatt den berechtigten Schmerz der wirklich betroffenen Person ernst zu nehmen. Es ist ja nicht mal so, dass jemand Sie persönlich einen Rassist genannt hätte.
    Ich kann in meiner sinngemäßen Aussage „Der Cross-Racial-Bias führt zu unterbewussten Rassismus“ keinen gnadenlosen Pranger oder Vorwurf erkennen.

    Übrigens: Von „einfach gestrickten Menschen“ – die sinngemäß umso leichter zu triggern, da sie so saudumm wären – zu reden ist zwar nicht rassistisch, aber ziemlich ekelerregend überheblich. Dafür stelle ich Sie tatsächlich an den Pranger.

  63. @Peter Sievert(66):

    „Fühlen Sie sich denn davon angegriffen, wenn ich von „unterbewussten Rassismus“ rede?“ Ja. Und der Artikel geht ja darueber noch hinaus, weil er als Erklaerung fuer den effekt anfuehrt dass es die (unbewusste) klassifikation von „Gefahr“ darstellt. Siehe meinen Kommentar (16), warum das so nicht haltbar ist.

  64. #67,#68

    Dann auch an sie beide:
    Dass sie sich zu Unrecht als betroffen von „unterbewussten Rassismus“ bezeichnet fühlen ist, wenn womöglich auch sachlich korrekt und meinetwegen nenne es man dann auch einfach sehr gerne „cross racial bias“ und fertig. Abed niemand hat mit dem Finger aus Sie persönlich gezeigt und behauptet, sie seien ein Rassist. In meinem Auge ist Ihr Befinden eine Lappalie und Wortklauberei im Gegensatz zu dem Schmerz, den Pocket Hazel aufgrund dieses Phänomens in aller Öffentlichkeit erfuhr. Ihre wissenschaftliche Argumentation in allen Ehren, aber ich sehe nicht, was das für eine Handlungsrelevanz bedeutet. Für mich lautet die Aussage des Artikels nämlich: Sei dir bewusst, dass Menschen anderer Herkunft viel öfter verwechselt werden und es ihnen weh tut, weil es ihnen das Gefühl gibt, nicht dazu zu gehören. Am besten vermeidest du also dieselben Fehler und gibst ihnen das berechtigte Gefühl, dazu zu gehören.
    Wenn sie diese Aussage in den Hintergrund stellen und stattdessen darauf beharren, dass das Phänomen kein Rassismus sei, weil ihnen dieser Punkt wichtiger ist, sollten Sie aus meiner Sicht die Prioritäten verschieben.

    ps @LLAMAZ
    Zu Ihrer ignoranten Bemerkung:
    Die von Ihnen genannten Schauspieler sind sich nämlich optisch in der Tat extrem ähnlich. Pocket Hazel und Mai Thi Nguyen-Kim sehen sich eben nur für ein rein zentraleuropäisch geprägtes Hirn ähnlich, obwohl sie de facto sehr unterschiedlich aussehen. Sie haben also unter Beweis gestellt, dass sie keine zwei Sekunden produktiv über das geschriebene nachdenken konnten.

  65. #59:
    „Meiner Meinung nach darf man das nicht.
    Und ich tue dies auch nicht.“
    Ja, _Sie_ nicht.
    „Ich versuche nur, darauf aufmerksam zu machen, auch mal die andere Perspektive zu sehen.“
    Die sehe ich ja. Es gibt aber genug Leute, die mir (bzw. wham im Allgemeinen) die notwendige Empathie absprechen, sich in nicht-wham hineinzuversetzen. Was mich schon ein bisschen nervt.
    61:
    „Kommt drauf an: Wenn auf den Hinweis „Rassismus“ gleich Gegenwehr und Beschwerden kommen, dann ja.“
    Sie machen also einen Vorwurf, und wenn Gegenwehr kommt, ist der Vorwurf im Nachhinein berechtigt. Aber wenn keine Gegenwehr kommt, war der Vorwurf unberechtigt, und Sie entschuldigen sich?
    „Weil dann diese Person nicht lernfähig ist, und bei den alten Denkmustern bleibt.“
    Der Vorwurf „Rassismus“ richtet sich aber nicht immer – wie bei Tönnies – gegen eine bestimmte Person. Angenommen, der Rassismusvorwurf richtet sich gegen eine Gruppe von Menschen, z.B. gegen die Leute beim ZDF. Sind alle beim ZDF mehr oder weniger rassistisch, oder nur die Personen, die zu doof sind, das richtige Bild von einer Youtuberin zu finden, weil sie denken, dass das niemand merkt? Oder sind zwar nicht alle beim ZDF „latent“ rassistisch, aber mehr als zwei? Angenommen, es gäbe jemanden beim ZDF, der oder die tatsächlich nicht rassisitisch ist. Die Person dürfte sich gemäß Ihrer Logik nicht beschweren, dass sie quasi einer Gruppenschuld unterliegt, weil das ja ihre Schuld „beweisen“ würde.
    Und wenn es nur um die persönliche Verantwortung der Person oder Personen ginge, wären die vielen Hinweise auf die latent rassistische Gesellschaft ja eigentlich überflüssig. Wenn jemand wegen zu schnellen Fahrens Punkte in Flensburg kriegt, kommt ja auch nicht jedesmal „Wir leben in einer Rasergesellschaft.“ Also, manchmal schon. Beim Rassismus kommt der Hinweis auf die Gesellschaft aber immer.

  66. @ LLL, # 64,

    „Das nur allgemein – es geht mir nicht darum, den Leuten im konkreten Fall absprechen, dass ihr Ärger verständlich sei.“

    Sie schreiben das jetzt, aber wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, anzuerkennen, dass Pocket Hazel sich rassistisch verletzt sieht.

    „Wurde beispielsweise vom Spiegel der endgültige Rücktritt der Bundeskanzlerin gefordert, nachdem diese sich aufgrund des öffentlichen Drucks gezwungen sah, ihr Amt für drei Monate ruhen zu lassen?“

    Es gibt aber schon Unterschiede zwischen einer Nebentätigkeit, wie bei Tönnies, und einer Hauptätigkeit, die auch noch viele andere Politikfelder und politische Entscheidungen (ja, ja, ganz wenige bei Merkel) umfasst. Zudem ist bei politischen Entscheidungen der*die Urheber*in ganz selten mal eindeutig festzumachen. Erst recht auf EU-Ebene.

    „Nehmen wir an, jemand legt keine besondere Sensibilität gegenüber einer ethnischen Gruppe an den Tag, obwohl die es vielleicht „verdient“ hätte.“

    Da geben Sie sich aufgeklärt und weise, und dann schreiben Sie so einen Müll! Sie hätten auch schreiben können, die Erde sei eine Scheibe! Beide Male ist es eine Aussage ohne Tatsachenhintergrund. Gut, es war 1:43 Uhr, da kann das vielleicht mal vorkommen.

    „ganz allgemeiner Trägheit und Gedankenlosigkeit“

    Ganz genau. Oder, anders formuliert: „unbewusst“

    Meine Meinung dazu kennen Sie.

    „Ich hingegen würde es sinnvoll finden, (auch sträflich) gedankenlose Leute und Rassisten zu unterscheiden, sofern die Gedankenlosigkeit nicht auf Rassismus (im „klassischen“ Sinne) fußt.“

    Ich persönlich versuche das auch zu unterscheiden, siehe oben unter „unbewusster Rassismus“. Die Aussage von Tönnies habe ich so bewertet. Allerdings war Tönnies‘ Reaktion uneinsichtig. Und das „Urteil“ vom Schalker Ehrenrat ignorant. Was beides die Situation nicht verbessert hat. Und hier müsste dann Kritik an den Personen ansetzen. Denn wie soll man mit so uneinsichtigen Personen, jetzt mal im Allgemeinen, umgehen?

    Am Ende kommt dann wieder der Spruch, dass „man ja gar nichts mehr sagen dürfe“, nur weil der*diejenige nicht verstanden hat, was an der ursprünglichen Aussage das Problem war. Was natürlich auch Quatsch ist. Oder, dass man „Afrika“ oder „Afrikaner“ nicht kritisieren dürfe, usw., usf.

    „Nur gibt es eben auch Fälle, wo ich meine: Ohne eine gründlichere Analyse und mehr Hintergrundwissen ist der Rassismus-Vorwurf problematisch.“

    Wenn sich aber diejenigen, die es betrifft, nicht diesbezüglich informieren wollen…??

  67. „Weswegen ich eben finde, dass man da nicht oft genug drauf hinweisen kann und sollte.“

    Die Mühe können Sie sich sparen. Die alten weißen Männer begreifen es sowieso nicht.

  68. @ Physeter:

    Ich sehe angesichts Ihrer Art keinen großen Sinn in einer Auseinandersetzung („Da geben Sie sich aufgeklärt und weise, und dann schreiben Sie so einen Müll! Sie hätten auch schreiben können, die Erde sei eine Scheibe!“).

    Nur so viel:

    „Sie schreiben das jetzt, aber wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, anzuerkennen, dass Pocket Hazel sich rassistisch verletzt sieht.“

    Das habe ich nie gesagt. Nicht einmal andeutungsweise. Wo käme ich hin, anderen Leuten zu sagen, was sie gerade fühlen und empfinden?

    Allerdings ist eine subjektive Wahrnehmung nicht zwingend objektive Realität; ob sie es ist, ist eine Frage des Einzelfalls und einer rationalen Analyse.

    Das gilt wenigstens so lange,wie der Terminus „Rassismsus“ auf ein reales, bestimmbares Phänomen „in der Welt“ referieren soll, und nicht allein auf innerpsychische Zustände bzw. Empfindungen mancher Personen. Dann muss es „objektive“ Kriterien außerhalb der Psyche (von Betroffen) geben, anhand derer sich bestimmen lässt, ob etwas „rassistisch“ ist oder nicht.

  69. @ LLL:
    „Nehmen wir an, jemand legt keine besondere Sensibilität gegenüber einer ethnischen Gruppe an den Tag, obwohl die es vielleicht „verdient“ hätte.“

    Was anderes ist das denn, als das ewige Lamento der Ultrarechten, dass die Juden eine verbale Sonderbehandlung durch die Geschichte des Holocausts verdient hätten?! Oder verkürzt: Dass man ja gar nichts mehr sagen dürfe?
    Und dieser Denke schließen Sie sich mit Ihrer Aussage eben an. Allein der Begriff „verdienen“ in diesem Zusammenhang…!
    Der Satz ist für sich genommen einfach absurd. Und bildet aber für Sie die Basis für ein Argument – dass für „diese ethnische Gruppe“ eine Aussage aufgrund von Gedankenlosigkeit kein Rassismus wäre.

    Jeder Mensch der lesen kann, kann sich informieren, wann Rassismus im Alltag sichtbar oder merkbar wird. Und jeder, der sich informiert hat, kann sich nicht mehr mit Unwissenheit herausreden.
    Das gilt erst Recht für Menschen oder Aussagen, bei denen öffentlich auf Rassismus hingewiesen wird (Tönnies!!).

    „einem ganz allgemeinen Mangel an gutem Willen, aufgrund ganz allgemeiner Trägheit und Gedankenlosigkeit“

    Fahrlässigkeit ist strafbar bzw. für Versicherungen ein Grund, nicht zu zahlen.

  70. @ Physeter:

    Ich verstehe Ihre Kritik absolut nicht. Mir ging es einfach um folgende Fallunterscheidung (die durch den von Ihnen zitierten Satz eingeleitet wurde):

    – Ein Mangel an Sensibilität gegenüber einer „ethnischen“ Gruppe, der aber nicht direkt mit einer Abwertung dieser Gruppe aufgrund ihrer „Rasse“ zu tun hat – sondern etwa mit einer allgemeinen Gedankenlosigkeit.
    – Ein Mangel an Sensibilität, der einer spezifischen Abwertung einer Gruppe im Hinblick auf ihre „Rasse“ entspringt.

    Der zweite Fall ist offensichtlich (und ex definitione) rassistisch. Der erste Fall ist natürlich oftmals auch kritikwürdig, Ob er aber rassistisch ist, ist weniger klar, jedenfalls, wenn man üblichen Rassismus-Definitionen folgt.

    Und natürlich haben viele Gruppen eine besondere Sensibiltät verdient in dem Sinne, dass es angemessen ist, bei ihnen sensibel zu sein. Etwa Minderheiten mit „besonderem“ Aussehen, welches vom Aussehen der Mehrheit abweicht. Die Gruppe der Millionäre hingegen hat m.E. (wie jede Gruppe) Fairness verdient, aber nicht unbedingt eine ganz besondere Sensibilität.

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