„Paardiologie“ wagt die große Frage: Wie und warum bleiben Menschen zusammen?

Ich hasse es, wenn ich mich irre. Nicht weil ich glaube, ich sei so über alle Maßen klug, dass ich mich nicht irren könne, sondern weil ich dann an meinem Bauchgefühl zweifeln muss. Und was soll ich sagen: Ich habe mich geirrt – in „Paardiologie“.

Dieser Podcast, getagged mit „Sex“ und „Beziehung“, war jetzt wirklich überall Thema, im Deutschlandfunk und in der „taz“, bei „Zeit Online“ und „Welt Online“ und auf tagesspiegel.de, endlos geht das so weiter. Drei komplette Interviewtage war Charlotte Roche dafür im Land unterwegs, sagt Spotify – und möchte, dass wir 15 Folgen lang dem Beziehungs-Gebrabbel fremder Leute zuhören, nur weil jemand prominent ist.

Schon darum wollte ich „Paardiologie“ blöd finden – und fühlte mich durch ein bisschen Googeln bestätigt: Im Fachblatt „Focus Online“ las ich, Roche verfolge „neben der Unterhaltung mit dem Podcast ein ganz bestimmtes Ziel“, nämlich: „eine offene Beziehung“. tag24.de schreibt: „Neuer Sex-Podcast [!] von Charlotte Roche ist ihren Kindern unangenehm.“ Gala.de glaubt zu wissen, dass Roche sich gegen das Fremdgehen und für ihren Mann entschieden habe, „was für sie andere Vertreter seines Geschlechts allerdings nicht minder spannend macht“.

Und stern.de lässt uns wissen, einige Hörer hätten „berichtet, sie hätten während oder nach dem Podcast Sex gehabt. Eine Vorstellung, die den beiden Ehepartnern gefällt. Man kann sich beinahe vorstellen, dass sie es den Hörern gleichtun.“ Man liest das und will sich den Cold Brew auf die neuen, weißen Turnschuhe erbrechen.

Ich hatte also eigentlich nur Angst. Dass das voyeuristisch wird. Selbstentblößend. Aufdringlich. Peinlich. Dass einfach zu viel Intimes ungefragt in die Öffentlichkeit gedrückt wird.

Und dann passierte mir genau das, was Armin Wolf schreibt: Man kippt da rein.

Erst Irritation, dann Anerkennung

Aus einem diffusen „Höre ich halt mal kurz rein, wenn schon alle drüber reden“-Pflichtgefühl wurde für mich erst Neugier, dann Irritation, dann Reflexion und dann Anerkennung. Hier arbeiten sich zwei Menschen an einer der ganz großen Fragen ab: Wie und warum bleiben Menschen zusammen, oder eben auch nicht? Sie können das, weil es für sie nicht nur Theorie ist. „Been there, done that“ ist das unausgesprochene Motto dieses Podcasts. Und das ist der einzige Grund, warum ich bereit bin, den beiden so lange zuzuhören: Weil sie diese Narben auf der Seele wirklich haben.

Natürlich profitiert „Paardiologie“ von einem gehörigen Gefälle: Charlotte Roche kennt jeder, Martin Keß kennt (fast) niemand. Das bleibt auch erstmal so, denn auf jedem Promo-Foto ist Roche zu sehen und Keß bestenfalls zu erahnen (wozu auch immer das gut sein soll, man kann ihn nämlich ergoogeln). 50 Prozent dieses Paares sind prominent, das sorgt für eine attraktive Fallhöhe.

Doch Roche und Keß haben sich nicht nur entschieden, damit zu leben, sie ignorieren es schlicht: Roche, die sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt. Roche, die mit heißer Milch nach ihrem Mann wirft. Roche, die ihren Mann im Peek & Cloppenburg vergisst. Roche, die fremdgeht. Die, die einen Fernseher ins Schlafzimmer stellt, obwohl er das doof findet. Was Charlotte Roche an brutaler Selbstoffenbarung an den Tag legt, grenzt an Masochismus, und den Mut muss man erstmal haben.

Keß kann mit solchen Eskapaden nicht aufwarten. Und er ist genau deswegen die eigentliche Überraschung hier. Er sagt kluge Sachen, drückt sich vor keinem schmerzhaften Thema, mutet uns sekundenlanges Nachdenkschweigen zu, nur um dann mit einer fast schon absurd-liebenswürdigen Ehrlichkeit zu zeigen: Die großen Gefühle brauchen nicht immer so große Worte. Man muss sich gar nicht immerzu überbieten.

Genug Täler durchschritten

Planlos ist das trotzdem nicht. Jede Episode startet mit Sprachnachrichten, die sich die beiden offenbar in der zurückliegenden Woche geschickt haben: kleine, nebensächliche, unwichtige Szenen des Alltags, die aber so viel zeigen. Wenn über andere geredet wird, Paare oder Kollegen oder Therapeuten, dann fallen nie deren echte Namen. Und die Leitplanke ist so einfach wie gelungen: In jeder Folge stellt, immer abwechselnd, einer dem anderen eine Frage. Warum wolltest du nie ein Kind mit mir? Wie meinst du das eigentlich mit der offenen Beziehung? Warum darf ich dir nie helfen? Es sind große Fragen.

Weil das hier eine Podcast-Rubrik ist, muss man der guten Ordnung halber einmal sagen: „Paardiologie“ ist als Podcast keine große Sache, rein handwerklich jetzt. Zwei Leute reden miteinander, Ende aus. Kein Skript, kein Buch, kein Sound, keine Effekte, nix. Und jetzt mal unterstellt, die beiden bekommen nicht ein absurdes Mörder-Honorar, hat sich das für Spotify wahrscheinlich sehr gelohnt. Doch darum geht’s hier auch nicht.

Dieser Podcast ist eine Anleitung zum Umgang mit Krisen, mit großen Fragen und miteinander. Schon deshalb entzieht sich „Paardiologie“ einer solchen rein handwerklichen Beurteilung. Die beiden brauchen auch gar keine guten Wünsche und klugen Ratschläge mehr, die haben genug Täler in ihrer Beziehung durchschritten, um zu wissen, wo sie stehen.

Vielleicht hatten sie das vor, vielleicht nicht, vielleicht wollten sie es vermeiden oder erzwingen, jedenfalls: Dieser Podcast macht auch mit den beiden etwas. Da werden Sachen aufgebrochen, durchgewühlt und vielleicht auch abgeschlossen. Ein eigentlich durchtherapiert wirkendes und entsprechend reflektiertes und abgeklärtes Paar – und wir dürfen zuhören, wie jetzt doch noch einige der letzten Schutzzonen verlassen werden. Ohne Filter, ohne Retusche, ohne Inszenierung, zumindest klingt es so.

Einen Wunsch hätte ich trotzdem. Ich wünsche mir (und ihnen), dass „Paardiologie“ nach den angesetzten 15 Folgen zu Ende ist. Wer will sonst verhindern, dass das Ding irgendwann zu groß, zu mächtig, zu sehr Selbstzweck wird? Dass es zu viel Gewicht entfaltet? Dass so ein doofer Druck entsteht, liefern zu müssen, und man irgendwann einsehen muss: Wir wollten zwar nur reden, aber dieses Reden ist jetzt größer geworden als wir selbst, und jetzt produzieren wir nur noch einen Abklatsch einer einstmals großen Idee? Das darf nicht passieren. Denn „Paardiologie“ ist gut so, wie er oder sie oder es ist.

Dieser Podcast ist brutal schmerzhaft. Ein erzwungener Reality-Check. Er ist das Audio gewordene Anti-Instagram. Man kann auf Charlotte Roche und Martin Keß und das, was die beiden da miteinander haben, durchaus neidisch sein. Und weil man mit Neid eigentlich nur auf zwei Arten umgehen kann – entweder er frisst einen leer oder er wird zum Ansporn – will ich glauben: Wenn mehr Menschen, mehr Paare so miteinander reden würden, wie diese beiden es tun, die Welt wäre ein bisschen friedvoller.

 

Der Podcast: „Paardiologie“ – 15 Folgen. Aktuell läuft Folge 8. Auf Spotify.

Für Fans von: Whitney Houston, Wasserorgeln und „sich einfach mal mit niemandem verabreden“

Der Drink zum Podcast: Raspberry Thyme Smash

Sprichwort zum Podcast: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.

10 Kommentare

  1. Wenn ich es brutal schmerzhaft haben will, dann kann ich das in meiner mittlerweile 46 jährigen Beziehung haben. Ob Beziehungen halten oder nicht, ist individuell unterschiedlich und hängt einzig vom Willen der Beteiligten ab. Nur die entscheiden darüber ob sie ihre Beziehung banalisieren und beenden oder an ihr arbeiten und sie fortsetzen wollen.

  2. „… auf jedem Promo-Foto ist Roche zu sehen und Keß bestenfalls zu erahnen (wozu auch immer das gut sein soll, man kann ihn nämlich ergoogeln). …“
    Keß ist möglicherweise seinem Namen zum Trotz etwas schüchtern.

    Woher der „Neid“ auf die beiden kommen soll, wird aus der Rezi aber leider nicht ganz klar.
    „Wenn mehr Menschen, mehr Paare so miteinander reden würden, wie diese beiden es tun, die Welt wäre ein bisschen friedvoller.“
    Ähh, ja. Vor die Wahl gestellt, einen Partner zu haben, der offen darüber reden kann, einen mit heißer Milch beworfen zu haben, oder einen Partner zu haben, der einen mit gar nichts bewirft. Welche Wahl träfen Sie? Und welche Beziehung ist „friedvoller“, die, in der ein Partner mit heißer Milch beworfen wird, oder die, in der kein Partner beworfen wird?

    Oder angenommen, der Promi hieße Charly Roche und seine Frau Martina Keß. Sie zeigt ihr Gesicht nicht auf den Promofotos und er erzählt Geschichten darüber, wie er sie behandelt. Alkohol, Gewalt, Fremdgehen.
    Wären Sie neidisch auf Frau Keß oder auf Herrn Roche?

  3. Was wäre, wenn Sie keine fiktiven Szenarien zur Diskussion stellen würden?

    Ich finde es müßig, auf “ was wäre, wenn…“-Fragen zu antworten. Das führt zu nix. Die Realität ist ja nun komplex genug.

    Im Übrigen steht da gar nirgends, man könne neidisch darauf sein, mit heißer Milch beworfen worden zu sein (und dass ich Ihnen das hier überhaupt erkläre, ist schon einigermaßen absurd). Dort steht, man kann neidisch darauf sein, wie die beiden *heute* miteinander umgehen, *nachdem* all das geschehen ist. Aus Krisen gemeinsam hervorzugehen, ist durchaus etwas, das man anerkennen kann.

  4. „Was wäre, wenn Sie keine fiktiven Szenarien zur Diskussion stellen würden?“ Dasselbe wie jetzt.
    Es ist keineswegs fiktiv, dass es Männer gibt, die ihre Partnerinnen so behandel(te)n, wie Roche Keß behandelt hat. Aber diese Männer kriegen keine Plattform gestellt. Daher stelle ich die Frage so: „Offenbar gibt es keinen entsprechenden Podcast mit vertauschten Geschlechtern. Vermissen Sie das?“

    Ansonsten: Worauf soll ich neidisch sein (sofern ich mit „man“ mitgemeint bin)? Dass die beiden gemeinsam mit vermutlich viel Zeit und großer emotionaler Arbeit eine Krise überwunden haben, die _jede_ der beteiligten Personen alleine viel schneller, eleganter und vor allem nachhaltiger hätte beenden können, indem s.o.e. Schluss gemacht hätte? Es fällt mir schon schwer genug, dafür „Anerkennung“ zu empfinden. Ich habe nicht ansatzweise den Wunsch zu tauschen.

    Und ja, die Realität ist kompliziert genug, aber ich würde JEDER Person raten, die behandelt wird, wie Keß behandelt wurde, Schluss zu machen. Wenn Sie das anders sehen, bitte.

  5. Ich glaube: Es spielt für den Wert dieses Podcasts gar keine Rolle, ob ein Mann oder eine Frau die/den andere/n mit etwas beworfen hat.

    Für Sie scheint das Gegenteil zu gelten.

    Damit dürfte auch die Frage beantwortet sein, was ich vermisse.

  6. „Ich glaube: Es spielt für den Wert dieses Podcasts gar keine Rolle, ob ein Mann oder eine Frau die/den andere/n mit etwas beworfen hat.“
    Sie derailen. Es geht mir nicht um den Wert des Podcast, sondern um Ihr ausdrückliches Lob an Roche und Keß.

    „Für Sie scheint das Gegenteil zu gelten.“
    Genau, es _scheint_ nur so. Tatsächlich es spielt für mich keine Rolle, weil ich beides falsch finde. Es gibt allerdings eine Menge Menschen, die Gewalt von Frauen gegen Männer deutlich anders bewerten als umgekehrt, weil die Realität ja so kompliziert ist, aber ich freue mich zu lesen, dass Sie das zum Glück nicht so sehen, sondern jede Art häuslicher Gewalt verharmlosen, nicht nur solche gegen Männer.

    „Damit dürfte auch die Frage beantwortet sein, was ich vermisse.“
    Ja.
    Und da Sie zwischen Gewalt von Frauen und Gewalt von Männern keinen Unterschied machen, darf ich Ihre Äußerungen dahingehend extrapolieren, dass, wenn demnächst männliche Promis (oder vllt. auch Männer aus Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis (oder Männer von Frauen aus Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis)) offen über frühere Alkoholexesse, Ehebrüche und Übergriffe gegen ihre Partnerinnen sprechen, Sie diese auch als vorbildliche Menschen loben werden, weil _sie_ die Welt zu einem friedlicheren Ort machen. Nur mit ihrer offenen Art zu reden.
    Ja, ok, Sie haben Recht. Wenn man schon dadurch, dass man offen über ein Problem redet, dass man erst selbst verursacht und dann mühselig behoben hat, für einen vorbildlichen Menschen erklärt wird, dann ist das schon beneidenswert.

    Ach, eine Frage hätte ich doch noch – dass Keß und Roche ihre Probleme überwunden haben und dergleichen Vorfälle nur in der Vergangenheit geschehen sind, wissen Sie aus welcher unabhängigen Quelle?

  7. Interessante Diskussion. Und ja, wenn man die Geschlechterrollen mal umdreht und vergisst, dass Frau Roche berühmt ist:

    „Egon, der sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt. Egon, der mit heißer Milch nach seiner Frau wirft. Egon, der seine Frau im OBI vergisst. Egon, der fremdgeht. Der, der einen Fernseher ins Schlafzimmer stellt, obwohl sie das doof findet.“

    Also wenn Egons Frau mir solche Storys erzählt hätte, hätte ich ihr auch gesagt: „Verlass das Arschloch! Lass Dich nicht derart entwürdigen!“

    Aber gut, dass die beiden mal darüber reden. Auch wenn ich mir das trotz der Werbung hier nicht anhören werde.

  8. Das ist wie im Geschäftsleben oder in der Politik. Alles eine Frage gegenseitiger Abhängigkeiten. Nur die entscheiden was man sich gefallen lässt oder ob man sich trennt und neue Partner sucht. So funktionieren Beziehungen nun mal. Wenn die Beiden darüber reden und das öffentlich machen ist das zwar ungewöhnlich, aber nicht anrüchig. Man kann es ja ignorieren.

  9. @#8:
    Anrüchig nicht unbedingt. Bzw., ich nehme mal an, dass der Podcast nichts verharmlost oder glorifiziert und allg. handwerklich gut gemacht, interessant und vllt. sogar lehrreich ist.
    Eine nachträgliche Glorifizierung durch die Hintertür kritisiere ich dennoch.
    Und „abhängig“ ist man von Suchtmitteln.

  10. Eigentlich kommentiere ich hier nicht, solange ich den zu besprechenden Text noch nicht gelesen habe (ist ja auch ne Selbstverständlichkeit).
    Aber ich finde die Diskussion zwischen Mycroft und Herrn Engert sehr interessant. Vorweg: Ich finde den Podcast großartig. Frau und Mann demonstrieren sehr glaubhaft, wie sie sich gemeinsam weiterentwickelt haben. Das offene Gespräch, zu dem sie in der Lage sind, finde ich berührend und vorbildlich. Ich glaube, dass die demonstrierte Form von Ehrlichkeit in der Beziehung sehr selten ist.

    Aber: Ich finde, dass Mycroft, abstrakt gesehen, einen Punkt hat. Dieser Podcast, das was als Beziehungsgeschichte geschildert wird, wäre mit umgedrehten Geschlechterrollen nicht denkbar. Es würde nicht gehen zu sagen „Ja, damals, als Du versucht hast, mit dem schweren Couchtisch nach mir zu werfen“, wenn der Werfende ein Mann wäre.

    Ich finde aber, in den bestehenden Geschlechterrollen funktioniert es. Niemand könnte dem Mann vorwerfen, wenn er sich getrennt hätte. (Roche hat wirklich einige wahnsinnige Dinge veranstaltet, bis zu einem gewissen Maße zumindest aber nachvollziehbar, sie hat ja auch schwere Traumatisierungen erlebt) Aber die beiden haben es in der Beziehung geschafft, ihr missbräuchliches, gewalttätiges Verhalten zu verändern und, wie sie das geschafft haben, wie sie darüber sprechen, z. B. Therapieerfahrungen, ich würde sagen, das ist durchaus lehrreich.

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