Im Labyrinth der Lehrpläne: Wie digitale Bildung langsam in die Schulen findet

Tafel auf der "Digitale Bildu" steht, darunter ein Ladesymbol
Bitte laden! Foto: Tim Reckmann / flickr.com / CC BY 2.0 / Montage: Ü

Das Problem kennt man von Abenden, an denen sich Eltern mit anderen Eltern über die Smartphones ihrer Kinder fetzen. Irgendwann fragt dann jemand: Kennt ihr einen Ratgeber, der über Digitalisierung und Kindheit aufklärt? Kennt aber keiner.

Jüngst wurde die Frage auch im #Twitterlehrerzimmer gestellt. Unter diesem Hashtag versammeln sich auf dem Kurznachrichtendienst Lehrerinnen und Lehrer und all jene, die „irgendwas mit Medien“ machen. Dieses Mal gab es eine Antwort, sie kam von Jöran Muuß-Merholz. Er empfahl das Buch „Netzgemüse“ über die „Generation Internet“. Es stammt aus dem Jahr 2012.

Ernsthaft? Jöran Muuß-Merholz, der bestinformierte Bildungsdigitalisierer des Landes, der sogar eine Agentur zum Thema betreibt, empfiehlt ein Buch, das 2015 zwar aktualisiert wurde, dessen Grundlage aber sieben Jahre alt ist? Wenn er nach aktuellen Tipps zu Jugendlichen im Netz gefragt wird?

Sieben Jahre, das liegt netztechnisch gesehen kurz hinterm Mittelalter. 2012 hatte erst ein Drittel der Jugendlichen ein Smartphone mit Internet-Flatrate. 80 Prozent der Jugendlichen verschickten noch SMS und nutzten noch einen MP3-Player. Und die Kanzlerin sollte erst ein Jahr später ihr viel verspottetes „Das Internet ist für uns alle Neuland“ aufsagen.

Heute haben bereits bei den 12-Jährigen 95 Prozent ein netzfähiges Smartphone – MP3-Player kennen sie nicht mehr. Sie haben einem ganzen Ökosystem von Audio- und Streamingdiensten Platz gemacht. Und wer noch Neuland sagt, gilt als Hundertjähriger, der besser aus dem Fenster steigen sollte.

Haben Schulen die vierte Kulturtechnik in ihren Lehrplänen?

Dass Eltern in Sachen Internet und Social Media hilflos sind, ist nicht neu. Aber wie steht es um die Schulen? Immerhin ist es ihr Auftrag, Kinder kompetent für Leben und Beruf zu machen. Haben deutsche Schulen die vierte Kulturtechnik neben Lesen, Schreiben und Rechnen schon in ihre Lehrpläne aufgenommen? Die Antwort lautet: Jein.

Ja, weil sie sukzessive eine Blaupause der „Konferenz der Kultusminister“ (KMK) – das ist die Versammlung der Schulminister der Länder – in ihre Lehrpläne übertragen. Und nein, weil die KMK noch nicht darüber Auskunft geben kann, welches Bundesland damit schon fertig ist.

2017 haben die Kultusminister ihren Leitfaden „Bildung in einer digitalen Welt“ verabschiedet; jetzt, im Jahr 2019, wird der aktuelle Stand überprüft. Ihre Umfrage ist übrigens nicht öffentlich. Warum? Die Länder lieben solche Vergleiche nicht, weil in Medien daraus eine für sie schlechte Bewertung werden könnte. Ihren Schülern nötigen sie Ziffernnoten auf – aber selber scheuen sie diese.

Mit Lehrplänen schreibt ein Land die Inhalte fest, die Lehrer in Schulen vermitteln müssen. Für die Digitalisierung sind diese Pläne wichtig, seitdem der Digitalpakt Anfang des Jahres unter Dach und Fach gebracht wurde. Er stellt fünf Milliarden Euro zur Verfügung, mit denen die Länder endlich ihre Schulen flächendeckend digital aufpäppeln können. Höchste Zeit also, dass das Thema in den zentralen Lehrkanon aufgenommen wird.

Eine Umfrage von Übermedien bei wichtigen Bundesländern ergibt: Bayern und Sachsen, die Dauer-Klassenbesten bei Pisa, haben gerade ihre Lehrpläne mit digitalen Inhalten und Methoden versehen; das bevölkerungsreichste Bundesland NRW hat das Digitale in den Lehrplan für das neue G9-Gymnasium geschrieben – und will es in die anderen Lehrpläne ausrollen. Mecklenburg-Vorpommern, das in zwei Digitalausschüssen von Bund und Ländern federführend vertreten ist, teilt mit, dass „seit 2018/19 der Rahmenplan ‚digitale Kompetenzen‘ greift, der für alle Schularten, Fächer und Klassenstufen gilt“.

Smartphones im Klassenzimmer – ja oder nein?

Symbol der digitalen Bildung ist das Handyverbot. Noch heute scheiden sich die Geister, ob „Bring your own device“ pädagogische Leitlinie sein soll, also dass jedes Kind sein eigenes Smartphone im Unterricht einsetzt. Oder sich die Doktrin des französischen Präsidenten Emmanuel Macron durchsetzen wird: Mobiltelefone sind strengstens untersagt – bis die Lehrer bitten, sie zu nutzen. Allerdings spannt sich das Universum digitalen Lernens inzwischen weiter – es geht um Chancen wie Risiken.

Mit Chancen sind die bisweilen fantastischen Formen von Kooperation und Kreativität gemeint. Also zum Beispiel, dass Schüler (und nicht etwa Verlage und Lehrer) multimediale Schul-„Bücher“ mit Fotos, Videos, Grafiken selbst herstellen – und zwar personalisiert, das bedeutet, jedes E-Book sieht dann anders aus. Oder über eine Schulcloud gemeinsam an Projekten arbeiten. Oder mit papierlosen Ranzen in die Schule kommen. Oder auch von unterschiedlichen Lernorten gemeinsam an Aufgaben arbeiten. Oder, oder, oder.

Die Risiken werden von den Nerds gern unter den Teppich gekehrt, auch im KMK-Papier nennt man sie lieber Herausforderungen. Aber sie gehören, natürlich, in den Unterricht: etwa dass Schülerinnen und Schüler „Fakenews“ enttarnen können, ihr Smartphone auch als Datenkrake begreifen und WhatsApp nicht einfach als neue gefährliche Waffe im Mobbingkrieg nutzen. Schüler sollten auch kapieren, dass Social Media Kontaktrisiken mit sich bringt: Tiktok ist also nicht nur eine lustige Tanz- und Musik-App, sondern ein Eldorado für Pädokriminelle. Das alles zählt zu digitaler Bildung.

Gute Grundlage: KMK-Papier mit „progressivem Ansatz“

Das gemeinsame Papier der Kultusminister mit dem Titel „Bildung in der digitalen Welt“ gilt auch unter eingeschworenen Digitalisten als gute Grundlage. Die Münchener Grundschul-Professorin Uta Hauck-Thum etwa lobt im Gespräch mit Übermedien, dass die Kultusbürokratie sich von ihrer üblichen „instrumentellen Perspektive“ befreit hat. Das heißt, das Papier zähle nicht nur Endgeräte und Hardware als neue Instrumente des Lernens auf, sondern enthalte einen progressiven Ansatz.

„Das Rollenverständnis des Lehrers als des allwissenden Anleiters wird hinterfragt“, sagt Hauck-Thum. „Auch die Linearität des Lernens wird aufgebrochen.“ Sie meint damit, dass Lehrkräfte und Nachschlagewerke für sie keine Instanzen einer zeitgemäßen Bildung mehr sind. Die Professorin gehört zu den bekanntesten Vorreiterinnen einer digitalen Schule, in der es Klassenzimmer nicht mehr gibt.

Aber auch ein Pragmatiker wie Andreas Hofmann kann mit den Leitlinien der KMK etwas anfangen. Hofmann tourt quer durch die Republik, um Lehrer fortzubilden. Er ist sozusagen an der Front, wo nicht nur digitale Evangelisten vor Freude jauchzen, sondern Studienräte in der Fortbildung die Arme verschränken. „Es ist gut“, sagt Hofmann, „dass digitale Anwendungen und Methoden nicht mehr nur optional sind. Manches muss eben dienstlich angeordnet werden“. Und korrigiert sich sogleich, damit es niemanden verschreckt: „Wir müssen vorleben, motivieren – und Strukturen stellen, die gesetzt sind.“

In dem Papier selbst würdigen die Kultusminister digitale Bildung als eine neue Kulturtechnik, „die ihrerseits die traditionellen Kulturtechniken“ ergänze und verändere. Die Kultusminister wollen kein eigenes Fach „Digitale Bildung“ oder „Medienkunde“ einführen, sondern das Thema quer über alle Fächer zugänglich machen. Das reproduktive Lernen trete hinter das „kritische und kreative Lernen“ zurück. So steht es jedenfalls da. „Die lernbegleitenden Funktionen der Lehrkräfte gewinnen an Gewicht“. Bis 2021, lautet das Ziel der KMK, soll jeder Schüler und jede Schülerin eine digitale Lernumgebung nutzen können. Und dann kommt ein Zwischensatz, der es in sich hat: „Wenn es aus pädagogischer Sicht im Unterrichtsverlauf sinnvoll ist“.

Hauck-Thum: „Lernen nimmt ganz andere Formen an“

Da schlagen Nerds sofort Alarm. Die Formel insinuiert, dass man eine digitale Lernumgebung wie einen Overheadprojekter in die Klasse trägt – sofern sie im Unterricht gebraucht wird. Oder man lässt es halt sein. Auf digitale Bildung ist das aber nicht anwendbar. Sie ist nicht irgendein Endgerät, eine digitale Tafel oder dergleichen, die man ein- und wieder ausknipsen kann.

„Das eigentliche Problem ist die bestehende Lernkultur, die seit dem 19. Jahrhundert vorherrscht und die in den Köpfen der Menschen stabil ist“ – so formuliert es Hauck-Thum. „Es reicht sicher nicht, innerhalb dieses Verständnisses von Lernkultur Klassenzimmer zu digitalisieren. Wir müssen verstehen, dass Lernen eine ganz andere Form annehmen kann und auch annimmt.“

Digitale Bildung in Lehrpläne hineinzuschreiben fiel der Kultusbürokratie leicht. Es freilich in die Köpfe von rund 800.000 Lehrerinnen und Lehrern einzupflanzen, ist die eigentliche Herausforderung. Fast alle, die Übermedien gefragt hat, sehen da massive Probleme.

„Das müsste ja eine gigantische Fortbildungsinitiative sein“, sagt etwa Günter Steppich. Der Wiesbadener Lehrer befasst sich seit über 20 Jahren mit Medienpädagogik. Er ist immer positiv und seine Website eine Fundgrube der guten, kritischen Medienerziehung. Nur beim Thema Weiterbildung ist er etwas verzweifelt: „Wir haben einfach nicht genug Lehrer mit entsprechenden Kompetenzen, die die Fortbildungen für die Kolleginnen und Kollegen halten könnten.“

Und wie sollten Lehrpläne aussehen

Tatsächlich ist es so, dass sich zwei Arten von Weiterbildung gegenüberstehen: die Kurse der Lehrerbildungsinstitute, die oft im alten Trichterstil gehalten sind; und freie Fortbildungen, wo kleine Gruppen sich gleichberechtigt mit Apps und Social Media befassen. Sie lernen dort, wie man mit Schülern Stop-Motion-Filme dreht oder die Platine Calliope so programmiert, dass sie Feinstaub messen kann. Fragt man den Freien Trainer Hofmann, wie man diese Inhalte in staatlich gelenkte Seminare bekommt, sagt er: „Leute mit einem Mindset der 1990er Jahre dürfen nicht mehr darüber bestimmen, wie Fortbildung und Lehrerausbildung laufen.“

Und wie sollten die Lehrpläne aussehen? Günter Steppich sagt, das sei nicht schwer zu beschreiben: Es dürfe nicht zu konkret sein, denn die digitale Welt sei schnelllebig. „Da müsste man ja alle paar Wochen aktualisieren. Was nutzt mir eine Handreichung zu Social Media, wenn da noch Facebook dominiert. Die angesagten Plattformen heute sind Instagram und Tiktok – und auch das kann sich ganz schnell ändern.“

Steppich ist von Haus aus Sport- und Englischlehrer. Zur Medienpädgogik kam er, als er 1995 Vertrauenslehrer wurde. Da kamen immer wieder Schüler mit Medienproblemen zu ihm: „Können Sie mir helfen, ich bin da in was reingeraten.“ Schüler sind bis heute sein wichtigste Informationsquelle, sagt er: „Wenn ich nicht nebenbei normaler Lehrer wäre, würde ich gar nicht erfahren, was es Neues gibt.“ Was würde in seinem idealen Lehrplan für digitale Bildung stehen? „Dass die Lehrkräfte am Ball bleiben sollen. Das ist das Wichtigste.“ Und Andreas Hofmann sagt: „Wir befinden uns nun mal in einer Zeit, in der es Krücken und Brücken braucht, um den Übergang in die digitale Lernwelt zu schaffen.“

63 Kommentare

  1. Ich finde, die wichtigste Medienkompetenz für mündige Bürger ist immer noch, einen langen, komplizierten Text lesen und verstehen zu können, um Denken zu lernen und in der Lage zu sein, sich mit komplexen Themen auseinanderzusetzen.

    Aber das liegt wahrscheinlich am meinem „Mindset aus den 90ern“. Heute soll es statt Bücher „Bücher“ geben und Schüler, die sich in ihrer Freizeit kaum noch vom Smartphone lösen können, sollen auch im Unterricht ununterbrochen auf Touchscreens herumdaddeln und Filmchen gucken – ein Text auf Papier oder eine Rechenaufgabe mit dem Bleistift erscheinen verdächtig, und bei der Vorstellung, man könne ein Gerät auch einfach mal ausschalten, schrillen gar die Alarmglocken.

    Dabei gibt es „Digitales Lernen“ überhaupt nicht. Gehirne sind analog; die Sinne sind analog. Konzentrationsfähigkeit, komplexes Denken, Rationalität, Empathie, etc. müssen trainiert werden. Und man trainiert sie nicht, indem man 12 Stunden am Tag an elektronischen Medien hängt und die Außenwelt nur noch vermittels Bildschirmen und Lautsprechern wahrnimmt.

    Was dieser Text als Vision zeichnet, halte ich für einen Albtraum. Und der Hohn, mit dem die letzten Verteidiger analoger Kulturtechniken als Ewiggestrige abgebügelt werden, stürzt mich in tiefsten Kulturpessimismus. Werden Leute mit dem Mindset der 2030er noch in der Lage sein, einen Roman von Thomas Mann zu lesen und zu genießen? Ich wage es zu bezweifeln…

  2. @1: Hätten Sie eine Problem damit, wenn jemand Thomas Mann auf dem Smartphone liest? Oder las Hörbuch hört?
    Ich meine ja, der Inhalt ist erst mal losgelöst vom Medium.

    Das Ergebnis einer Rechenaufgabe ist analog wie digital gelöst auch (bestenfalls) das gleiche. Klar ist Stift und Papier da die schlechtere Wahl, weil langsamer und anstrengender. In der Schule durften wir ab der 10. Klasse einen Taschenrechner benutzen, unproblematisch soweit.

    „Gehirne sind analog“ ist so auch nicht korrekt. Es gibt sowohl Übertragugnsverfahren, die eher unserer „analogen“ Vorstellung entsprechen, aber auch solche, die frequenzmoduliert übertragen werden, also eher, wie wir uns „digital“ vorstellen.

  3. @KRITISCHER KRITIKER

    Ich finde wichtig, dass Sie die Frage des Lesens ansprechen. Das ist eben nicht klar, was aus dem tiefen Lesen wird, wie die Experten es nennen. Es gibt freilich auch ein neues Lesen, bei dem man Bilder, Memes, Kontexte, Hypertexte usw mit einbezieht. Das müssen Kinder schon auch lernen. Ihre Sicht auf das E-Book ist mE zu eingeschränkt. Ich plädiere nicht dafür, dass Buch abzuschaffen. ich sage nur: In der Buchproduktion erweitern sich durch Apps die Möglichkeiten der Schüler*innen erheblich, eigene Bücher herzustellen – und zwar ganz andere bzw stark erweiterte Bücher.

  4. @ Anderer Max (#2):

    Hätten Sie eine Problem damit, wenn jemand Thomas Mann auf dem Smartphone liest? Oder las Hörbuch hört?

    Hörbücher sind prima für Texte, die man so weghören kann (Krimis o.ä.). Nutze ich viel. Für schwierigere Bücher wie die Romane von Mann oder für wissenschaftliche Texte ist die Rezeption über die Ohren zu oberflächlich. Ich habe tatsächlich den „Zauberberg“ auch als Hörbuch gehört. Tolle Lesung – aber die Feinheiten und der Anspielungsreichtum des Textes geht dabei flöten.

    Das Lesen komplexer Texte am Handy kann bei Leuten klappen, die das Lesen in Büchern gewohnt sind. Wer von Anfang an am Handy lesen lernt und dabei dauernd von irgendwelchen Links, von eingehenden Push-Mitteilungen und von der Versuchung abgelenkt ist, zwischendurch ein Filmchen zu gucken oder ein bisschen zu daddeln – der wird nie die nötige Geduld und Konzentration aufbringen, die für schwierige Literatur notwendig ist. Und deshalb auch nie das Glück kennenlernen, dass solche Literatur einem geben kann.

    Der Kulturwissenschaftler Roland Reuß hat das gedruckte Buch mal als „Quader innerer Sammlung“ bezeichnet, das Smartphone und der Rechner sind für ihn Maschinen, die die Aufmerksamkeit perforieren. Das trifft es gut.

    Das Ergebnis einer Rechenaufgabe ist analog wie digital gelöst auch (bestenfalls) das gleiche. Klar ist Stift und Papier da die schlechtere Wahl, weil langsamer und anstrengender.

    Mit Stift und Papier rechnen zu lernen, ist eine sinnliche und eine intellektuelle Angelenheit. Wer das tut, entwickelt ein tieferes Verständnis für Zahlen und ihre Zusammenhänge als Kinder, die schon mit elf Jahren alles elektronisch machen. Anstrengender vielleicht – aber wer sich nicht anstrengt, bleibt doof.

    Es gibt sowohl Übertragugnsverfahren, die eher unserer „analogen“ Vorstellung entsprechen, aber auch solche, die frequenzmoduliert übertragen werden, also eher, wie wir uns „digital“ vorstellen.

    Digital ist Datenverarbeitung in 1/0- bzw. An/Aus-Zuständen. So funktioniert das Gehirn höchstens in transhumanistischen Wahnvorstellungen aus dem Silicon Valley.

  5. Es gibt Leute, die lernen gehörtes besser als gelesenes. Es gibt auch Leute, die lernen mit Anfassen am besten.

    Das Hauptproblem für Lehrer dürfte sein, dass man „früher“ einfach Fakten präsentierte, und die Schüler mussten die Fakten wiedergeben. Je mehr, desto besser.
    Wenn man komplette Wörterbücher, Formelsammlungen und die Lebensdaten historischer Personen online abrufen kann, wird höchstens getestet, wer am schnellsten googeln kann.
    Schulen müssten sich Aufgaben überlegen, bei denen man die Infos, die man per Smartphone erreichen kann, verknüpfen muss, um eine gescheite Note zu kriegen.
    Aber das ist ja Arbeit.
    Oder, man verbietet in Klassenarbeiten Onlinezugriff.

  6. @KRITISCHER KRITIKER

    „Das Lesen komplexer Texte am Handy kann bei Leuten klappen, die das Lesen in Büchern gewohnt sind. Wer von Anfang an am Handy lesen lernt und dabei dauernd von irgendwelchen Links, von eingehenden Push-Mitteilungen und von der Versuchung abgelenkt ist, zwischendurch ein Filmchen zu gucken oder ein bisschen zu daddeln – der wird nie die nötige Geduld und Konzentration aufbringen, die für schwierige Literatur notwendig ist. Und deshalb auch nie das Glück kennenlernen, dass solche Literatur einem geben kann.“

    Und das wissen Sie woher? (Pro-Tipp: Man kann die Benachrichtigungen im Handy ausstellen!)

    „Mit Stift und Papier rechnen zu lernen, ist eine sinnliche und eine intellektuelle Angelenheit. Wer das tut, entwickelt ein tieferes Verständnis für Zahlen und ihre Zusammenhänge als Kinder, die schon mit elf Jahren alles elektronisch machen. Anstrengender vielleicht – aber wer sich nicht anstrengt, bleibt doof.“

    (siehe oben)

    Es gibt eine Theorie, wie neue Technologien angenommen werden (auf die Schnelle habe ich nur ein Beispiel mit Robotern unter: https://www.147infinity.co.za/the-five-stages-of-acceptance-as-robots-enter-the-workforce/ gefunden). Demnach steigt die Kritik an neuen Technologien typischerweise mit dem Alter. Kindern nehmen es als gegeben hin, Rentner schwadronieren vom Untergang des Abendlandes (überspitzt gesagt). Das war schon seit der Erfindung des Buchdrucks so und wird sich vermutlich auch nie ändern.

    Ich finde es interessant und wichtig, wie diese neuen Technologien in die Schule überführt werden, denn genau das Umgehen mit diesen Technologien (bzw. das Verständnis des Nutzen aber auch der Gefahren) muss Thema sein. Da man nicht davon ausgehen kann, dass das in allen Elternhäusern geschieht ist es wichtig, so etwas in Lehrpläne aufzunehmen. Denn den Fortschritt können Sie sowieso nicht aufhalten (das hat noch nie geklappt).

    P.S: Ich persönlich mag Thomas Mann auch überhaupt nicht und würde die Romane weder als ebook noch gedruckt lesen, aber das ist wohl Geschmackssache…

  7. @ Christian Füller (#4): Sorry, es wird lang. Dieses Thema bewegt mich tief.

    Ich finde wichtig, dass Sie die Frage des Lesens ansprechen. Das ist eben nicht klar, was aus dem tiefen Lesen wird, wie die Experten es nennen.

    Nun, mit dem zu Unrecht so genannten „Trichterstil“ (sprich: Unterricht durch einen fachkompetenten Lehrer) ist es den Schulen bislang ganz gut gelungen, den Kindern lesen und schreiben beizubringen. Lesen aus dem Buch und schreiben mit der Hand. Kopf- und schriftliches Rechnen auch. Wenn die Prämisse aber lautet, dass das Smartphone nie weggelegt werden darf, wird es natürlich schwierig.

    Mit wird angst und bange, wenn eine Grundschul-Professorin der Meinung ist, man müsse Sechsjährige den ganzen Tag dem digitalen Datengewitter aussetzen, und den herkömmlichen Unterricht der letzten Jahrzehnte allen Ernstes als „19. Jahrhundert“ diffamiert. Als hätten nicht Generationen von Pädagogen über guten Unterricht nachgedacht! Aber anscheinend ist Lernen erst möglich, seit es Internet und Smartphones gibt. Man darf nicht mal mehr fragen, ob deren Einsatz pädagogisch sinnvoll ist, ohne „Alarm!“ auszulösen – das ist reiner Selbstzweck.

    Es gibt freilich auch ein neues Lesen, bei dem man Bilder, Memes, Kontexte, Hypertexte usw mit einbezieht.

    Genau dieses „Lesen“ verhindert das Lesenlernen. Links, Bilder, Videos, etc. ziehen die Aufmerksamkeit vom Text ab und machen jede Versenkung selbst für wenige Minuten unmöglich. Auch für Erwachsene (mich eingeschlossen) wird es schwierig. In der 9. oder 10. Klasse, wenn die Kinder das herkömmliche Lesen sicher beherrschen und bewiesen (!) haben, dass sie in der Lage sind, wenigstens einen Jugendroman zu lesen und zu interpretieren – dann kann man mit sowas anfangen. Fängt man in der 1. oder 4. Klasse damit an, zieht man eine Generation funktionaler Analphabeten auf.

    Das Credo scheint zu lauten: Alles muss leicht sein, alles muss Spaß machen, alles muss Kreativität fördern, nichts darf fordern. Lesen, schreiben und rechnen lernen ist aber schwierig, es kann langweilig sein und es fördert (zumindest unmittelbar) nicht die Kreativität, sondern „nur“ die Rezeptions- und Reflektionsfähigkeit. Aber darauf kann man doch nicht verzichten!

    In der Buchproduktion erweitern sich durch Apps die Möglichkeiten der Schüler*innen erheblich, eigene Bücher herzustellen – und zwar ganz andere bzw stark erweiterte Bücher.

    Keine Bücher, sondern Mediensammlungen, in denen vielleicht ein bisschen Resttext vorkommt, sofern es die Lehrerin verlangt. Fotos ziehen die Aufmerksamkeit vom Text ab, Videos ziehen die Aufmerksamkeit von den Fotos und vom Text ab. Folge: Dem Lesen und Schreiben als den zentralen Kulturtechniken kommt das geringste Interesse zu.

    Sie nennen als Risiken: Datensammelei, Fake News, Social-Media-Fallen. Ich sehe als viel bedrohlicher an: Bewusste Aufgabe Jahrhundete alter Kulturtechniken; Verlust an Weltwissen (weil Wissen nicht mehr durch mühsame Denkprozesse im Bewusstsein gebildet wird, sondern an Plattformen ausgelagert); Verlust an Welterfahrung (weil die Welt nur noch durch den Touchscreen wahrgenommen wird); Verlust an sozialen Fähigkeiten (weil in einem Raum voller Kinder alle nur noch mit und durch Maschinen kommunizieren); Verlust an Konzentrationsfähigkeit; Aufmerksamkeitsdefizite; Mangel an Frustrationstoleranz (weil alles, was man tut, Spaß machen muss und jedes Bedürfnis unmittelbar erfüllt werden soll).

    Ich saß am Sonntag fünfeinhalb Stunden lang mit einem ca. 9-jährigen Jungen und dessen Großeltern in einem Zugabteil. Der Junge hat kein einziges Mal sein iPad aus der Hand gelegt. Er ist nicht einmal aufgestanden und hat nie aus dem Fenster geschaut (die Frankfurter Skyline, die Mittelgebirge oder die Wartburg bei Eisenach konnten ihn nicht vom Bildschirm loseisen). Schokoriegel und Bonbons hat er von Oma entgegengenommen, ohne aufzuschauen und auf Ansprache der Großeltern hat er mit mürrischen Dreiwortsätzen geantwortet.

    Das ist ein kindlicher Digitaljunkie, noch bevor Prof. Hauck-Thum ihre Träume von der „digitalen Bildung“ in den Grundschulen verwirklichen konnte. Der muss sich in der Schule wenigstens noch ab und zu anderen Menschen zuwenden. Wie gesagt: Mir wird angst und bange.

    P.S. Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich rede hier nicht dem Frontalunterricht das Wort. Den hat es aber schon zu meiner Schulzeit (Abi 95) nicht mehr gegeben. Stillarbeit, Gruppenarbeit, regelmäßige Projekte, Rechercheaufgaben, etc. gehörten schon damals dazu. Auch habe ich nichts gegen maßvollen Medieneinsatz in allen Fächern oder gegen ein Fach „Medienkunde“ einzuwenden. Nur die Tendenz, den kompletten Unterricht in Smartphones und Tablets zu ersäufen, die halte ich für ein echte Katastrophe.

  8. @ Ichbinich (#7):

    Und das wissen Sie woher?

    Hab’s gelesen. In Büchern. Ist eigentlich evident: Die Fähigkeit, ein schwieriges Buch zu lesen, hat man nicht einfach, sobald man Buchstaben zu Wörtern verbinden kann. Man muss sie sich im Laufe einer Lesebiografie mühsam aneignen. Die Schule hat bisher zumindest den Grundstein zu einer solchen Biografie gelegt. Tut sie das nicht mehr, fehlt der Grundstein, und eine Kulturtechnik ist tot.

    (Pro-Tipp: Man kann die Benachrichtigungen im Handy ausstellen!)

    Was Jugendliche aber nicht tun, weil es ihnen auf die Mitteilungen ankommt.

    Demnach steigt die Kritik an neuen Technologien typischerweise mit dem Alter. Kindern nehmen es als gegeben hin, Rentner schwadronieren vom Untergang des Abendlandes (überspitzt gesagt). Das war schon seit der Erfindung des Buchdrucks so und wird sich vermutlich auch nie ändern.

    Jaja, das schreibt auch Kathrin Passig. Schwaches Argument, weil es von jeglichem Inhalt der neuen Technik abstrahiert: Was neu ist, ist geil, und wer dagegen ist, gehört zum alten Eisen. Jegliche Kritik am Gegenstand ist damit von Vorneherein desavouiert. Fast schon perfide, anlässlich der Abschaffung des Buches (und des konzentrierten Lesens) mit dem Buchdruck zu kommen. Und der Spruch mit dem „Untergang des Abendlandes“ tendiert Richtung „Alte weiße Männer“, nicht wahr?

    Denn den Fortschritt können Sie sowieso nicht aufhalten.

    Stimmt für das Zeitalter des Kapitalismus, ist aber eigentlich eine Kapitulation der Vernunft: Mündige Bürger haben keine Chance, auf einen anonymen Prozess namens „Fortschritt“ Einfluss zu nehmen, weil der sich „hinter ihrem Rücken“ (Marx) abspielt – ob er nun gerade das Lesen obsolet macht oder den Planeten unbewohnbar.

    Hier ist es aber eigentlich banaler: Es geht um bildungspolitische Entscheidungen. Selbstverständlich ist es möglich, die Smartphone-Nutzung im Unterricht auf bestimmte Gelegenheiten zu beschränken und den Kindern eine Fibel und einen Füller in die Hand zu drücken. Man darf nur nicht auf die „Nerds“ hören.

  9. @KRITISCHER KRITIKER

    „Hab’s gelesen. In Büchern. Ist eigentlich evident: Die Fähigkeit, ein schwieriges Buch zu lesen, hat man nicht einfach, sobald man Buchstaben zu Wörtern verbinden kann. Man muss sie sich im Laufe einer Lesebiografie mühsam aneignen. Die Schule hat bisher zumindest den Grundstein zu einer solchen Biografie gelegt. Tut sie das nicht mehr, fehlt der Grundstein, und eine Kulturtechnik ist tot.“

    Das streitet ja auch niemand ab. Allerdings lernen Sie das genauso, egal ob sie am Smartphone/Ebook-Reader oder sonstigem lesen. Warum sollte das auch einen Unterschied machen?

    „Jaja, das schreibt auch Kathrin Passig. Schwaches Argument, weil es von jeglichem Inhalt der neuen Technik abstrahiert: Was neu ist, ist geil, und wer dagegen ist, gehört zum alten Eisen. Jegliche Kritik am Gegenstand ist damit von Vorneherein desavouiert. Fast schon perfide, anlässlich der Abschaffung des Buches (und des konzentrierten Lesens) mit dem Buchdruck zu kommen. “

    Nein, es zeigt nur, dass es diese „Angst vor Technik“ immer schon gab und nie Realität wurde. Zum Buchdruck: Lesen Sie doch selbst:
    https://www.grin.com/document/301841

    „Und der Spruch mit dem „Untergang des Abendlandes“ tendiert Richtung „Alte weiße Männer“, nicht wahr?“

    Ich möchte die Diskussion hier ungern schonwieder aufmachen…

    „Stimmt für das Zeitalter des Kapitalismus, ist aber eigentlich eine Kapitulation der Vernunft: “

    Wüsste jetzt nicht, wie Weiterentwicklung der Technik eine Kapitulation der Vernunft sein soll. Denn gerade die Vernunft erwirkt ja diesen Fortschritt. Würden wir alle neuen Technologien verteufeln, gäbe es keinen Fortschritt (siehe Buchdruck).

    „Hier ist es aber eigentlich banaler: Es geht um bildungspolitische Entscheidungen. Selbstverständlich ist es möglich, die Smartphone-Nutzung im Unterricht auf bestimmte Gelegenheiten zu beschränken und den Kindern eine Fibel und einen Füller in die Hand zu drücken. Man darf nur nicht auf die „Nerds“ hören.“

    Kann man machen, führt aber nur dazu dass Kinder/Jugendliche den Umgang mit den neuen Medien nicht in der Schule lernen. Ich wüsste nicht, wo das gut sein sollte. Denn gerade dort muss ja der richtige Umgang gelehrt werden — wo denn sonst? (z.B. dass Benachrichtigungen ausgeschaltet werden müssen wenn man sich konzentrieren will etc.). Auch wenn sie in der Schule keine Handys zulassen, werden die Schüler diese nämlich trotzdem nutzen — alles andere zu glauben wäre absurd.
    Und ich bin fest überzeugt davon, dass es in der Zukunft nicht mehr darum gehen wird genug Informationen auswendig zu kennen, sondern um die Fähigkeit, Informationen zu suchen, zu bewerten (Stichwort fake news) und zu verknüpfen. Alles andere können nämlich Computer/KI sowieso besser. Wenn das dann nicht in der Schule gelehrt wird, sehe ich schwarz. Es zeigt sich ja jetzt schon, dass Deutschland in allen Zukunftstechnologien hinterherhinkt. Ich glaube nicht, dass das auf Dauer für unsere Wirtschaft/Gesellschaft funktionieren wird.

    P.S: Ich will auch nicht, dass die Schüler die ganze Zeit mit dem Handy im Internet rumspielen — sehe aber auch niemanden, der das fordert. Aber Teil des Lehrplans muss es sehr wohl werden — da bin ich ganz beim Autor.

  10. „Haben deutsche Schulen die vierte Kulturtechnik neben Lesen, Schreiben und Rechnen schon in ihre Lehrpläne aufgenommen?“

    Falsche Frage. Leider.
    Im Moment werden in unseren Schulen die drei Kulturtechniken zurückgebaut. Natürlich zuerst in den progressiven Ländern.
    Bei den alten Sozis (Kaliber wie Bebel und Liebknecht) stand Bildung für alle ganz oben auf der Agenda. Bebels Urenkel sehen das anders, das neue Ziel ist Dummheit für alle.

    Jedenfalls können die Kinder immer weniger lesen, schreiben, rechnen. Belege gibt’s im Netz genug, beispielhaft hier nur der letzte Katastrophenbericht aus Berlin [1]. Auf den Test der Rechtsschreibung haben die diesmal verzichtet, deshalb wissen wir nicht ob sonst das Gesamtergebnis besser oder schlechter ausgefallen wäre. D.h. wir wissen es schon, aber in diesem sensiblen Bereich soll man nicht einfach so mit der Wahrheit reinpoltern.

    Man weiß auch nicht so richtig, ob der Absturz unseres Bildungssystems ein Bug oder ein Feature ist.
    Ein Kollege hatte mir erzählt, dass die in Osnabrück in den Grundschulen das phonetische Schreiben eingeführt hatten. Die Tests danach haben ergeben, mit dieser Methode lernen die Kinder das Schreiben nicht mehr so gut wie vorher.
    Die normale Konsequenz wäre gehe zurück auf Los.
    Machen die aber nicht. Obwohl die offiziell zugegeben haben, dass die progressive Methode die schlechtere ist, machen die damit weiter. Es fällt einem schwer, harmlose Gründe für diese Sabotage zu finden.

    Bei diesen Zuständen läuft jede Debatte über eine „vierte Kulturtechnik“ leer. Leider.

    [1] https://www.tagesspiegel.de/berlin/vergleichsarbeiten-in-mathe-und-deutsch-berliner-drittklaessler-koennen-viel-zu-wenig/24682972.html

  11. Kann es sein das „die weissen alten Männer“ nicht mehr mit der Jugend „sprechen“ , sondern sie „besprechen“/“rezensieren“?!
    Ist die Lernfähigkeit der“weissen alten Männer“ statisch geworden und wird verteidigt wie der Ring aus HdR/LotR…
    „…Eine Lektüre , sie zu knechten, sie alle zu finden,
    Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden…“
    Statt Lektüre kann man auch eine am grünen Tisch durchdachte Bildungsmassnahme einsetzen,die aber praktisch nicht funktioniert!
    Würde mich nicht wundern wenn es
    1. eine lesende Jugend gibt ,die man nicht wahrnehmen will wg. waM
    2.das es in mehr oder weniger Zeit zum Wiederaufleben von Bücher kommt..weil Bibi es vormacht ;-)
    Oder die F4F-Bewegung schweigt und liest…
    uns die Leviten!
    Und im Zweifel gilt,es überlebt das was dazu fähig ist .

  12. „Im Moment werden in unseren Schulen die drei Kulturtechniken zurückgebaut.“

    Das sieht jetzt vielleicht aus wie abgesprochen. Ist es aber nicht,
    Martin Däniken hat aus eigenem Entschluss ein Beispiel geliefert.

  13. @5:
    „Wer von Anfang an am Handy lesen lernt (…) der wird nie die nötige Geduld und Konzentration aufbringen, die für schwierige Literatur notwendig ist.“
    und
    „Wer das tut, entwickelt ein tieferes Verständnis für Zahlen und ihre Zusammenhänge als Kinder, die schon mit elf Jahren alles elektronisch machen.“
    Zu den beiden Thesen würden mich wirklich Belege interessieren!
    Gibt es dazu Studien?

    „wer sich nicht anstrengt, bleibt doof.“
    Mine These ist ja: Doof ist, wer sich anstrengt.
    Frei nach Kurt von Hammerstein-Equord ;)

    Interessant finde ich ja Ihre Begründung mit den Hörbüchern: Sie erfassen nicht alle Informationen, wenn das Medium Audio ist und schlussfolgern daraus, dass das allgemein gilt. Das ist ein klassischer Fehlschluss, just saying, bitte nicht wieder direkt beleidigt sein.

    Nun zum m. E. schlimmsten Punk Ihrer Replik:
    „Digital ist Datenverarbeitung in 1/0- bzw. An/Aus-Zuständen. So funktioniert das Gehirn höchstens in transhumanistischen Wahnvorstellungen aus dem Silicon Valley.“

    Erst mal ist Transhumanismus keine Wahnvorstellung (Beispiel Hörgeräte). Diese Einordnung Ihrerseits spricht Bände.
    Und wenn Sie damit ersthaft Neuralink meinen, dann lesen Sie sich mal ein paar Statements von tatsächlich betroffenen Pateienten an, die diese Technologie nutzen möchten.
    Zum Thema Datenverarbeitung: Ich bin auch kein Hirnforscher, aber schauen Sie mal hier: https://www.oberprima.com/erregungsuebertragung-von-synapsen/

  14. ich konnte den Artikel nicht zu Ende lesen, aber dieser Satz ist diskussionswürdig:
    „Dass Eltern in Sachen Internet und Social Media hilflos sind, ist nicht neu. Aber wie steht es um die Schulen? Immerhin ist es ihr Auftrag, Kinder kompetent für Leben und Beruf zu machen. “

    1. Eltern mit Schulkindern sind heute nicht automatisch 60 Jahre oder älter, sondern zwischen 20 und 60 Jahre alt.
    2. Diese Eltern wurden durch den Alltag digitalisiert: Es begann Ende der 1970er/Anfang der 1980er mit Video- und Computerspielen und später fing man an, den Computer für Hobby (Modelleisenbahnsteuerung, Musizieren, Programmierung, Kalkulationen, Korrespodenz usw…) zu nutzen
    3. Diese Eltern kennen das www und Social Media von Anfang an und haben diese Entwicklung sehr genau mitbekommen – auch wenn es sehr schnell ging

    –> Gerade die Eltern müssten wissen, wie man es den Kindern beibringt, denn sie nutzen es ja selbst. Also entweder die Eltern vermitteln das den Kindern (so wie das Licht ein- und ausschalten oder den Wasserhahn zu öffnen und zu schließen) oder die Eltern benötigen selbst Nachhilfe.
    Die Verantwortung liegt hauptsächlich bei den Eltern und die Schule kann nicht verpflichtet werden, das Versagen der Eltern zu kompensieren.

    Selbst ich, der seit den frühern 1980ern mit Computern und deren Anwendungen in intensiven Kontakt ist und der auf der Arbeit alles mit EDV erledigt, kann nicht sagen, wie „Digitalisierung“ (ein nichtssagendes Buzzword) im Schulalltag aussehen soll.
    Ich finde, die klassischen Lehrmethoden, wie ich sie kenne immer noch am sinnvollsten: Viel Zeit investieren in Lesen, Begreifen, Wiederholen und Anwenden.

  15. @ Ichbinich (#10):

    Allerdings lernen Sie das genauso, egal ob sie am Smartphone/Ebook-Reader oder sonstigem lesen. Warum sollte das auch einen Unterschied machen?

    Über den Unterschied, den das macht, gibt es Dutzende Studien. Als pars pro toto diese hier: https://cuvillier.de/sites/studie-beweist-mit-dem-gedruckten-buch-liest-es-sich-besser/ Dazu kommen am Smartphone noch die zahllosen anderen Anwendungsmöglichkeiten, die vom Text ablenken.

    Ganz unwissenschaftlich und aus persönlicher Wahrnehmung kommt hinzu: Ein fadengeheftetes Buch mit Leinen-Einband, einem leicht getönten, glatten Papier, einer zum Text passenden Schrifttype und einem ästhetischen Satz ist ein sinnlicher Gegenstand, den man man nicht nur sehen, sondern auch spüren, hören und riechen kann. Wäre es nicht ungeheuer schade, wenn das verloren ginge?

    (Buchempfehlung dazu: Ende der Hypnose. Vom Netz und zum Buch, eine Aphorismensammlung des schon erwähnten Roland Reuß.)

    Nein, es zeigt nur, dass es diese „Angst vor Technik“ immer schon gab und nie Realität wurde.

    Nie Realität wurde? Meines Wissens sind wir gerade dabei, mittels Technik den Planeten unbewohnbar zu machen. Wobei ich nicht per se gegen Technik bin (nutze schließlich gerade eine Online-Plattform), sondern nur für deren überlegten Einsatz und für eine Reflexion der sozialen Folgen plädiere.

    Ich glaube z.B., die Welt wäre heute ein besserer Ort, wenn sie sich nicht ab Mitte des letzten Jahrhunderts mit Haut und Haaren dem Auto verschrieben hätte. Mit der Plastikflut oder der Atomkraft verhält es sich ähnlich. Alles Techniken übrigens, die es in meiner Kindheit längst gab – Ihr Kinder/Rentner-Argument aus #7 passt nicht zu meiner Kritik.

    Wüsste jetzt nicht, wie Weiterentwicklung der Technik eine Kapitulation der Vernunft sein soll. Denn gerade die Vernunft erwirkt ja diesen Fortschritt.

    Eine spezifische Form von Vernunft erwirkt ihn; eine, die stets auf Naturbeherrschung abzielt und sich nur noch ihre Mittel wählen kann, nicht aber ihre Zwecke setzen. Sie läuft deshalb Gefahr, ins Irrationale zu kippen (vgl. Wasserstoffbombe).

    (Buchempfehlungen dazu: Dialektik der Aufklärung von Horkheimer/Adorno und Zur Kritik der instrumentellen Vernunft von Horkheimer.)

    Kann man machen, führt aber nur dazu dass Kinder/Jugendliche den Umgang mit den neuen Medien nicht in der Schule lernen.

    Warum sollte Schreibenlernen mit einem Stift und Lesenlernen mit Büchern dazu führen, dass man den Umgang mit Neuen Medien nicht lernt? Das wäre wie: Wer das Laufen lernt, lernt das Fahrradfahren nicht. Selbstverständlich kann man beides lernen – und natürlich gehört Medienkompetenz in die Schule. Die Tendenz geht nur dahin, die alten durch die neuen Medien zu ersetzen, Schreibschrift und Bücher also abzuschaffen. Also nur noch das Neue zu lehren. Und darin sehe ich keinen Sinn, sondern eine Gefahr.

    @ Martin Däniken (#12):

    Kann es sein das „die weissen alten Männer“ nicht mehr mit der Jugend „sprechen“ , sondern sie „besprechen“/“rezensieren“?!

    Kann es sein, dass Sie sich nicht die Mühe gemacht haben, den Ausgangstext zu lesen? Es geht darin nicht um „die Jugend von heute“, sondern um eine geplante Volldigitalisierung des Unterrichts.

    Und im Zweifel gilt,es überlebt das was dazu fähig ist.

    Das ist entweder eine Tautologie oder Sozialdarwinismus.

    P.S.: Auf den Sachsen mit seinem verschwörungstheoretischen Geraune braucht man nicht groß einzugehen. Nur soviel: „Schreiben nach Gehör“ war tatsächlich eine bescheuerte Idee. Sie ist inzwischen weitgehend erledigt – z.B. haben das schwarz-gelb regierte NRW und das rot-rot regierte Brandenburg die Methode kürzlich verboten. Aber vermutlich wird man sie am rechten Online-Stammtisch noch immer wütend bekämpfen, wenn sie schon an keiner Schule mehr unterrichtet wird.

  16. @CIVICHIEF: die Eltern als gut informierte

    Was soll man da sagen? Die Eltern sind die wahrscheinlich am schlechtesten informierte Gruppe unter den Digitalisier. Deswegen nannte man die Kinder ja die digital natives, die digitalen Ureinwohner, weil sie von Anfang an lernen, auf Smartphones herumzuwischen. ich würde die Eltern als die digital naives, die Naiven Digitalisten ansehen. Sie wissen nicht, auf welche Plattformen die Kinder und Jugendliche sich herum treiben, sie verstehen nur amorph, was digitaler Exhibitionismus bedeutet, die kennen den fear of missing out nicht und denken – wie Sie – dass man „viel Zeit investieren [sollte] in Lesen, Begreifen, Wiederholen und Anwenden“. Das hört sich gut an, ist aber vollkommen weltfremd. Im Stunden- und im Lehrplan konkurrieren nicht mehr nur die drei Kulturtechniken „Lesen, Schreiben, Rechnen“, sondern vier. Und diese vierte macht sich ganz schön breit. Programmieren zum Beispiel oder Zehn-Finger-Tippen oder Gamification oder E-Books herstellen (eine völlig neue Sache, auch wenn sie sich so anhört, als wäre sie eine uralte), die vielen Techniken der Videoproduktion und und und – das ist kein freundliches, sich gegenseitig Platzmachen, sondern das ist ein beinharter Kampf um Platz, um Zeit, um Ressourcen. Und dieser Kampf beginnt damit, dass man digitale Bildung in die Lehrpläne schreibt. Weil die Lehrpläne so etwas wie das Grundgesetz des Handelns sind. Dort steht drin, was gelehrt werden soll. Das alles wissen die Eltern nicht, weil sie diesen Teil des Lernens eben nicht studieren. Und sie wissen zugleich nicht, was Digitalisierung jenseits dessen bedeutet, dass die Kids jetzt alle mit diesen Smartphones rumrennen.
    PS. Man sollte einen Text immer zu Ende lesen, ehe man ihn bespricht ;-)

  17. @ Anderer Max (#14):

    Zu den beiden Thesen würden mich wirklich Belege interessieren! Gibt es dazu Studien?

    Zahlreiche, die alle zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Eine ist in #16 verlinkt.

    Sie erfassen nicht alle Informationen, wenn das Medium Audio ist und schlussfolgern daraus, dass das allgemein gilt. Das ist ein klassischer Fehlschluss.

    Ich habe ein Beispiel aus eigener Erfahrung benutzt, um es anschaulicher zu machen. Argumente habe ich aber auch. Erstens ist man beim Lesen in einem Buch auf das Buch und nichts anderes konzentriert – ein Hörbuch läuft häufig beim Abwaschen oder beim Joggen nebenbei. Dabei ist man häufig abgelenkt und verpasst Passagen. Zweitens empfehle ich einen Selbstversuch: Besorgen Sie sich einen richtig schwierigen Text, vielleicht von Kant, als Buch und als Hörbuch. Und dann sagen Sie mir, mit welchem Medium Ihnen die Erschließung des Textes leichter fällt. Seien Sie ehrlich!

    Erst mal ist Transhumanismus keine Wahnvorstellung (Beispiel Hörgeräte). Diese Einordnung Ihrerseits spricht Bände.

    Ich weiß nicht, welche Bände das spricht, aber mit „transhumanistischer Wahnvorstellung“ meinte ich keine Cochlea-Implantate, keine Herzschrittmacher und keine High-Tech-Prothesen aus dem Hause Otto Bock, sondern die – eben – Wahnvorstellung, den menschlichen Geist eines Tages in ein Computersystem übertragen zu können. Wahnhaft deshalb, weil Geist und Gehirn völlig anders arbeiten als Prozessoren auf Basis logischer Schaltungen.

    (Buchempfehlung dazu: Gezeiten des Geistes von David Gelernter. Der Mann ist Informatikprofessor in Yale und kennt sich aus.)

    Zum Thema Datenverarbeitung: Ich bin auch kein Hirnforscher, aber schauen Sie mal hier […]

    Ich glaube, Sie verwechseln elektrisch mit digital. Tatsächlich arbeitet das Gehirn elektro-chemisch, und es ist keine CPU. Das Denken beruht auf keinem Algorithmus und das Gedächtnis ist nicht auf einer Festplatte gespeichert. Das sind alles sehr schräge Analogieschlüsse. Im Übrigen wissen die Hirnforscher bis heute herzlich wenig darüber, wie Denken und Bewusstsein eigentlich funktionieren. Die sogenannten „bildgebenden Verfahren“ sind Interpretationen der Vermittlung einer Vermittlung, keine direkte Anschauung.

    (Auch hierzu ein schöner Buchtipp: Neuromythologie von Felix Hasler.)

  18. @KRITISCHER KRITIKER

    „Über den Unterschied, den das macht, gibt es Dutzende Studien. Als pars pro toto diese hier: https://cuvillier.de/sites/studie-beweist-mit-dem-gedruckten-buch-liest-es-sich-besser/ Dazu kommen am Smartphone noch die zahllosen anderen Anwendungsmöglichkeiten, die vom Text ablenken.“

    Und eine andere Studie zeigt, dass Schüler durch e-Reader zum lesen animiert werden: https://fisherpub.sjfc.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1280&context=education_ETD_masters

    Grundsätzlich gehe ich aber auch nicht davon aus, dass man lange Bücher auf Smartphones lesen wird (einfach weil der Bildschirm dafür nicht geeignet ist). Zwischen Büchern und „echten“ Ebook-Readern sehe ich aber keinen Unterschied (weil die sich sehr ähnlich lesen lassen). Im Übrigen wird sich das sicher auch über die Zeit ändern. Ich persönlich lese auch gerne „physische“ Bücher. Es würde mich aber nicht wundern wenn in ein paar Jahren/jahrzehnten die generelle Präferenz ein ebook-reader ist (weil der einfach einige Vorteile hat).

    Ein Smartphone/Tablet ist aber für den Unterricht sehr gut zum recherchieren geeignet — und wie gesagt, die Ablenkungen kann man abstellen.

    „Ganz unwissenschaftlich und aus persönlicher Wahrnehmung kommt hinzu: Ein fadengeheftetes Buch mit Leinen-Einband, einem leicht getönten, glatten Papier, einer zum Text passenden Schrifttype und einem ästhetischen Satz ist ein sinnlicher Gegenstand, den man man nicht nur sehen, sondern auch spüren, hören und riechen kann. Wäre es nicht ungeheuer schade, wenn das verloren ginge?“

    Ja. Aber das sind nunmal persönliche Präferenzen. Leute, die auf dem Land wohnen finden es schade wenn der Stallgeruch nicht mehr da ist, andere — meist ältere — Menschen finden, dass der „Benzingeruch“ zu einem „richtigen Auto“ gehört, dass Windräder die Landschaft verschandeln etc. Das ist aber kein Kriterium dafür, was sinnvoller ist und sich durchsetzt. Denn das sind am Ende „nur“ Sachen, mit denen man halt aufgewachsen ist und die man — natürlich auch gerechtfertigterweise — nicht missen möchte. Das kann aber für die gesellschaftliche Weiterentwicklung nur ein (mMn gering gewichtetes) Kriterium von vielen sein.

    „Nie Realität wurde? Meines Wissens sind wir gerade dabei, mittels Technik den Planeten unbewohnbar zu machen. Wobei ich nicht per se gegen Technik bin (nutze schließlich gerade eine Online-Plattform), sondern nur für deren überlegten Einsatz und für eine Reflexion der sozialen Folgen plädiere.“

    Da würde ich Ihnen nicht widersprechen. Nur dass ein „überlegter Einsatz“ sicherlich von jedem anders definiert wird.

    „Die Tendenz geht nur dahin, die alten durch die neuen Medien zu ersetzen, Schreibschrift und Bücher also abzuschaffen. Also nur noch das Neue zu lehren. Und darin sehe ich keinen Sinn, sondern eine Gefahr.“

    Wer fordert denn sowas? Das lese ich weder bei dem Autor noch sonstwo. Ich habe noch nie gehört, dass in der Schule nicht mehr gelehrt werden soll, wie man schreibt (und zwar mit Stift und Papier). Alle Ideen, die ich kenne, zielen genau darauf ab, dass in den Schulen BEIDES gelehrt wird. Insofern bekämpfen Sie hier mMn etwas, was garnicht zur Debatte steht.

    „und natürlich gehört Medienkompetenz in die Schule“

    Dann verstehe ich ehrlich gesagt Ihren Kritikpunkt nicht.

  19. Interessante Diskussion hier. Sie zeigt schon im Kleinen, wie unterschiedlich die Meinungen sind. Was ist da der kleinste gemeinsame Nenner – gute Bildung?

    Ich würde früher ansetzen: was ist das Ziel der Bildung? Geht es darum, Menschen auf das Berufsleben vorzubereiten oder um die Vermittlung von Bildung allgemein oder beides, wie es gerade der Fall ist?

    Ich habe großes Vertrauen in die Jugend und ihre Fähigkeiten (habe zwei Söhne, 13 und 14). Zum Lernen braucht man nur Interesse an der Sache oder Einsicht in die Notwendigkeit.

    Am wichtigsten finde ich die Förderung kritischen Denkens. Das bewahrt uns davor, Rattenfänger zu wählen, unsinnige Produkte zu kaufen und die blödesten Zeitungen zu lesen. Dafür braucht es wissenschaftlichen Unterricht, aber auch Lehrer, mit denen man diskutieren kann.

  20. “ Aber vermutlich wird man sie am rechten Online-Stammtisch noch immer wütend bekämpfen, wenn sie schon an keiner Schule mehr unterrichtet wird.“

    Wahnsinn. Hundertausenden Kindern wurde der Zugang zur Schriftsprache mit dem phonetischen Schreiben extrem erschwert.
    Und der Furor des kritischen Kritikers richtet sich nicht gegen die Verursacher, sondern gegen den „rechten Online-Stammtisch“.

  21. @17 Christian Füller

    Nun, wir müssen uns da wohl von „Die Eltern“ verabschieden.

    Wie gesagt: Es gibt auch junge Eltern, die schon seit Jahren Facebook und Instagram nutzen.

    Dann gibt es meine Generation, die es besser kann als die meisten Jugendlichen oder Senioren: Jahrgang 1970+ nämlich, von Klötzchengrafik zu heute kontinuierlich am Zahn der Computerzeit.

    Digital Natives sind nämlich nicht die heutigen Kinder, sondern schon deren Eltern, nur die nennen sich nicht so.

    Und wie geschrieben: Ich wüsste nicht, wie man sinnvoll das Buzzword „Digitalisierung“ in den Lehralltag einbauen soll. SIcher kann man mit Graphen im Matheunterricht spielen, aber das haben wir auch schon in den 1990ern gemacht.
    Programmiert haben wir auch schon in den 1980/90ern (zwar noch nicht objektorientiert), das lag dann wohl an engagierten Lehrern, wenn ich mir die Diskussion heute so durchlese.

  22. @civichief
    Kennen Sie Tiktok? Wissen Sie, was auf dieser Plattform passiert? Eas geschieht jede Woche einmal, wenn Sie WhatsApp auf Ihrem Smartphone haben? Was ist Google-Classroom? Was sind in-App-Käufe? Wie läuft Cybergrooming ab? Was ist Sharegewalt? Was ist das Problem an einer Klassengruppe bei WhatsApp? Was ist das Problem einer Elterngruppe bei WhatsApp? Warum sollten Games in das NetzDG einbezogen werden? Warum fielen die da raus? Kennen Sie Fortnite? Was ist besondere daran? Wie nennen Medienpädagogen Fortnite? Wenn Sie in einer Schulklasse für zwei Stunden alle Smartphones einsammeln, wie viele Nachrichten gehen in dieser Zeit ein? Und jetzt raten Sie mal, von wem die meisten dieser Nachrichten stammen – an einer Schule, wo ein Handyverbot herrscht?
    Und nun. Sind Sie ein digital native? Oder wie würden Sie sich nennen?

  23. „Umgang mit dem Netzt“ ist eine andere Sache als „Netz beim Unterricht zu nutzen“.
    Dass man Leute nicht per WhatsApp mobben sollte, ist eigentlich schon daraus ableitbar, dass man niemanden mit irgendeinem Medium mobben sollte.

  24. @23 Christian

    Was hat das mit „Digitaler Bildung“ zu tun?
    Sie zählen das Internet- und Computerphänomene auf, die aber nichts mit den digitalen Grundlagen zu tun haben, sondern mit Extremen in der Nutzung der Technologie.

    Es ist ja auch kein Schulfach oder integraler Bestandteil eines Schulfachs, keine Klosprüche über andere zu schreiben, keine Lügen über andere zu verbreiten, sich selbst nicht zu entlarven usw usf

    Die Planlosigkeit bei Digitaler Bildung ist eben, dass man nicht weiß, wie man die heutigen Möglichkeiten einsetzen soll, wenn die alten Lehrmittel doch nachweislich sehr gut funktioniert haben. Denn die Schüler von damals mit Kreidetafel und Kopfrechnen, haben die heutigen „Dinger“ ja erfunden

  25. @26 Civichief

    Ich glaube, was Christian Füller sagen will, ist, dass wir (also wir Eltern) vielleicht wissen, wie dieses Neuland und diese Computer so funktionieren und vielleicht auch, wie man Sachen programmiert. Und mit der Zeit sind dann Sachen wie Facebook, Instagram, Twitter und so dazugekommen und wir konnten uns (kompetent) entscheiden, ob wir das nach Abwägung von Vor- und Nachteilen nutzen wollten. Ich zum Beispiel nutze nichts davon, und das aus Gründen.

    Kinder dagegen, die man (praktisch unvermeidlich) schon in frühem Alter vor Rechner, Smartphone und Tablet setzt, haben das alles nicht in Jahrzehnten sukzessive gelernt und sind dem ziemlich schutzlos ausgeliefert. Das sind Digital Natives, für die das Wischen auf dem Tablet schon mit sechs so vertraut ist wie uns das Umblättern einer Computerzeitschrift. Zehn- oder elfjährige machen sich bestimmt keinen Kopp wegen Datenschutz oder fragen sich, was da genau passiert, wenn sie auf „senden“ drücken. Oder was das für moralische Implikationen hat. Gleichzeitig setzen sich neue Apps in Windeseile durch. Ich sitze den ganzen Tag vorm Computer, aber ich weiß nicht, was TikTok ist. Währenddessen haben das schon alle Kinder und Jugendlichen und nutzen das. Kinder sind enorm schnell anpassungsfähig und neugierig.

    Natürlich mag es Eltern geben, die da immer mit dranbleiben, die neuen Apps auch gleich nutzen, schon um zu wissen, was der Nachwuchs da eigentlich treibt. Aber das dürfte ein eher kleiner Teil sein, da man da ja kaum hinterherkommt. Und das Tempo wird steigen.

    Da sind dann halt auch Schule und Lehrer gefragt, auf dem Laufenden zu bleiben und auch im Unterricht darauf einzugehen. Mehr noch, Schule wird sich insgesamt an die neuen Zeiten anpassen müssen. Zu sagen, dass man früher ja auch alles prima lernen konnte und Schule doch schon immer gut funktioniert hat, ist zwar richtig, aber wird der Realität einfach nicht mehr gerecht.

    Ich glaube, Kinheit und Jugend haben sich durch die neuen Medien fundamental geändert. Das werden wir nicht rückgängig machen können. Im Gegenteil, das wird sich immer schneller verändern.

    Ich bin eher skeptisch, dass Schulen mit dieser Entwicklung überhaupt werden schritthalten können, egal, wie schnell sie ihre Lehrpläne versuchen anzupassen.

  26. @ Ichbinich (#19):

    Der Kodex, also das zum Block gebundene Buch ist/war über 1500 Jahre der zentrale Träger von Kultur, Philosophie und Wissen in Europa. Er ist, wie der oben erwähnte Roland Reuß schreibt, die „perfekte Lesemaschine“, und er ist selbst ein Handwerks- und Kulturgut erster Güte. Die Bibliothek war seit der Aufklärung bis vor kurzem der sakrale Ort schlechthin in einer säkularisierten Welt.

    Das alles droht nun zu verschwinden und durch Dateien in Plastikscheiben ersetzt zu werden, die ihren „Besitzern“ nicht einmal gehören und von den sie vertreibenden Konzernen nachträglich verändert oder gar gelöscht werden können (1984 meets Fahrenheit 451). Und was Ihnen dazu einfällt ist ein Hinweis auf „Benzingeruch“ und „persönliche Präferenzen“. Bei soviel Kaltschnäuzigkeit wird mir – ich wiederhole mich gern – angst und bange.

  27. @civichief
    Sie fragen, was Grooming, Tiktok, Sexting etc mit digitaler Bildung zu tun hat. Wer keine Kompetenz hat, diese Fragen zu beantworten oder auch nur die Themen zu kennen, der sollte das lernen. Jedenfalls, wenn er jung ist und die Welt, in der er lebt, durchschauen können will. Schule muss solche Kompetenzen vermitteln. Ingo S. hat bereits darauf hingewiesen, Danke.
    @ichbinich
    „Das alles droht nun zu verschwinden und durch Dateien in Plastikscheiben ersetzt zu werden“
    Was meinen Sie damit?

  28. @KRITISCHER KRITIKER

    Sie schreiben es ja selbst: „bis vor kurzem“. Das ändert sich gerade,ob sie wollen oder nicht. Es hat schon einen Grund, warum man vom digitalen Zeitalter spricht.

    Und das was sie ansprechen ist eben genau das, was in die Schule gehört (Besitz von digitalen Daten, Löschen von Daten in der cloud, Gefahr von monopolen wie Facebook und Google etc.) . Da geht es ja darum, diese Sachen anzusprechen und zu diskutieren (bzw. Sie ins Bewusstsein der Jugendlichen zu bringen). Denn passieren wird diese technologische Weiterentwicklung so oder so (wie gesagt vollkommen irrelevant was Sie oder ich dabei denken). Aber über die — auch negativen — Folgen muss natürlich auch in der Schule diskutiert werden!

    Ich bin wie INGO S. skeptisch, ob die Schule das schafft, aber anfangen bzw. es probieren muss man auf jeden Fall!

  29. >Und nun. Sind Sie ein digital native? Oder wie würden Sie sich nennen?

    Ich bin Programmierer. „Digital natives“ sind Abfall. Motten an der Lampe.

  30. Mich hat diese Abwertung eines Buches gleich im Anfang des Artikels, nur weil es jetzt sieben Jahre alt ist, auch irritiert. Die Schule ist ja nicht dazu da, etwas kurzlebiges zu vermitteln, das gerade zum Zeitpunkt des Unterrichts aktuell ist, sondern sie soll langfristige Inhalte vermitteln, die auch im späteren Erwachsenenleben der Schüler noch Bestand haben.

    Es wird ja auch den Schülern in der Schule nicht beigebracht, wie man eine Steuererklärung ausfüllt. Sondern es wird ein allgemeines Verständnis von Mathematik gelehrt und eine Lese- und Verständniskompetenz für Texte. Dabei dürften die meisten Paragraphen des deutschen Steuerrechts durchaus eine längere Lebensdauer haben als eine Social-Media-App wie beispielsweise TikTok.

    Für das Verständnis von Kommunikationsprozessen ist es doch recht egal, ob man nun per Short Message Service, per Messenger (wie zum Beispiel „WhatsApp“) oder meinetwegen auch per Brieftaube (zum Beispiel mit einer Implementierung gemäß RFC 1149) Nachrichten empfängt und weiterverbreitet.

    Was mir aber immer wieder auffällt, ist die Tatsache, daß den Menschen, die als „digital natives“ bezeichnet werden, die Grundlagen fehlen. Es fehlt das grundsätzliche Verständnis dafür, was dieses Gerät, was sie da gerade in der Hand halten, überhaupt tut.

    Ich habe vor ein paar Monaten eine Bahnreise organisiert und begleitet, bei der eine Gruppe Jugendlicher im Alter um 16 Jahre mitgefahren ist (es war eine Geburtstagsfeier). Dabei wurde natürlich von allen Beteiligten viel mit Smartphone photographiert, und so habe ich bei der Rückfahrt gefragt, wie man denn nun die Photos untereinander austauscht.

    Ich komme noch aus der Zeit, wo die Photos nach einem Urlaub erst entwickelt werden mussten. Dann hat man sich zusammengesetzt, die Photos herumgereicht und Nachbestellungen notiert. Heutzutage musste das ja alles einfacher gehen. Ich hatte die Vorstellung, jeder schaut erst mal, welche Photos er überhaupt anderern (und insbesondere Erwachsenen) zeigen will und welche nicht, und kopiert danach die Photos auf einen USB-Stick oder eine Speicherkarte.

    Aber es stellte sich heraus, daß die meisten zu Hause gar keinen festen Rechner (oder Laptop) haben, sondern nur mit dem Smartphone arbeiten. Es kam die Aussage „Wir haben doch eine WhatsApp-Gruppe, da schicken wir die Photos hin“. Mein Einwand, daß zum einen die Auflösung erheblich herunterskaliert wird, und daß zum anderen sämtliche Metainformationen wie der Zeitstempel und die Koordinaten dann weg sind, wurde überhaupt nicht verstanden. Es waren alle der Meinung, daß sie per „WhatsApp“ genau das Bild verschicken, wie sie es aufgenommen haben.

    Dann habe ich gefragt, wie sie denn überhaupt Photos aufbewahren. Es kam die Antwort, daß sie Photos doch alle auf dem Smartphone sind. Ich habe gefragt, was denn passiert, wenn das Smartphone mal kaputt ist. Daraufhin wurde mir gesagt, daß dann, wenn man ein neues Smartphone kauft, die Photos direkt wieder dort drauf sind. Dann habe ich kapituliert.

    Es fehlt ja bereits das grundsätzliche Verständnis: Was ist eine Datei? Was ist ein Verzeichnis? Was ist ein Dateiformat? Was ist Datenübertragung?

    Ich kann doch Jugendlichen nichts erklären zum Beispiel über Datenschutz und Datensparsamkeit, wenn sie überhaupt nicht unterscheiden zwischen lokalen Dateien und Datei in der Cloud, weil sie die Basics dazu gar nicht kennen. Wie soll ich etwas erzählen über Anonymität im Internet oder über Tracking, wenn sie keine Ahnung haben von Dateiinhalten und Meta-Informationen?

    Und da ist es völlig egal, ob ein Lehrbuch ein Jahr, sieben Jahren oder zwanzig Jahre alt ist. Seit sich Anfang der 90er-Jahren der IBM-kompatible PC durchgesetzt hat, hat sich das Konzept von Verzeichnissen und Dateien nicht mehr verändert. Das heute gebräuchliche Format „EXIF“, mit dem in Photos Metainformationen gespeichert werden, stammt aus den 90er-Jahren. Die Seitenbeschreibungssprache „HTML“ und das dazugehörige Protokoll „HTTP“, mit dem auch heute noch die Apps auf dem Smartphone ihren Daten mit dem jeweiligen Server austauschen, stammt vom Ende der 80er-Jahre. Die Sprache „Javascript“ alias „ECMAScript“, mit der das Tracking der Anwender hauptsächlich stattfindet, stammt von Mitte der 90er-Jahre. Und auch Cloud-Dienste wie beispielsweise Web-Mailer gibt es bereits seit den 90er-Jahren.

    Wenn ich überhaupt erstmal diese Basics vermitteln muß, damit ein grundsätzliches Verständnis der Materie vorhanden ist, dann würde auch ein Lehrbuch reichen, das das den Aufbau eines PCs und das Internet der 90er-Jahre beschreibt. Wenn das Buch von 2011 ist: Umso besser. Hauptsache, es beschreibt auch die Grundlagen und setzt nicht zu viel bereits als bekannt voraus.

    Übrigens: Auch 16jährige Jungendliche sind konservativ und mögen die Kurzlebigkeit der Smartphone-Apps nicht. Sie verweigern sich zum Beispiel der Umbenennung von „musical.ly“ nach „TikTok“, sie sagen konsequent immer noch „musical.ly“ dazu. Oder sie sagen „Die App mit dem verbotenen Namen“, weil sie partout den Namen „TikTok“ nicht aussprechen wollen.

  31. @DANIEL REHBEIN

    Grundsätzliche Zustimmung! (Auch wenn es bei den jetzigen Jugendlichen da durchaus Unterschiede gibt und ich Ihre Erfahrungen nicht verallgemeinern würde).

    Aber das ist ja ein noch deutlicheres Zeichen dafür, dass es dazu eines Unterrichtsfaches bedarf. Ob man das dann „Digitalisierung“, „Informatik“ oder sonstiges nennt ist ja erstmal ganz egal. Hauptsache es findet einen wichtigen Platz in der Schule!

    Ich sehe aber schon einen Unterschied darin, nur die Techniken zu erklären (HTML-Protokolle u.Ä.) — also die Informatik darin — und die möglichen Folgen auf die Gesellschaft. Ich denke, es braucht beides. Nur zu erklären, was da auch technischer Ebene passiert und wie Daten versendet werden reicht da mMn nicht.

    @CHRISTIAN FÜLLER

    Das habe nicht ich geschrieben, sondern „Kritischer Kritiker“. Demzufolge müssten Sie diese Frage an ihn richten :)

  32. @ Christian Füller (#29) und Ichbinich (#33):

    Stimmt. Sorry, hatte die Frage übersehen. Ich meine damit, dass die Buchkultur verschwindet. Wenn in 20, 30 Jahren überhaupt noch gelesen wird, dann über E-Book-Reader (die Plastikscheiben), die aber mit der Kultur des Buches als Gegenstand nichts mehr zu tun haben. Und selbst als E-Book ist die Zukunft des Buches fraglich: Letztes Jahr erschien eine Studie, wonach es 2018 in Deutschland 6,4 Mio. Leser weniger gab als 2012.

    Mich erschüttert das, meines Erachtens müsste man alles tun, um dem entgegenzuwirken. Das geht aber nur, wenn man Kinder schon in der Grundschule an das Buch heranführt (denn wie sollten sie es sonst kennenlernen, wenn auch die Eltern nicht mehr lesen?). Genau das geschieht aber immer weniger; die Tendenz lautet, einem kleinen digital native reinen Text gar nicht mehr zuzumuten – höchstens noch als Dreingabe zu Bildern und Videos soll gelesen werden.

    Auf diese Weise stellt man sicher, dass die Buch- und Lesekultur in wenigen Jahrzehnten tot ist. Nun sagt Ichbinich, das sei nunmal der Trend der Zeit, und es sei sinnlos, sich dem entgegenzustellen. Mag sein, begrüßen muss ich das aber noch lange nicht. Ich kann das auch kritisieren und fragen: Was ist das für ein Fortschritt, der eine beglückende und klug machende Kulturtechnik zum Verschwinden bringt, ohne dass die Gesellschaft etwas dagegen tun könnte?

    Antworten findet man bei z.B. bei Marx, Adorno oder auch bei dem Technikphilosophen Günther Anders: Technischer Fortschritt führt aufgrund seiner Einbettung in die ökonomische Struktur des Kapitalismus dazu, dass nicht die Technik dem Menschen als Werkzeug dient, sondern dass umgekehrt der Mensch mehr und mehr zum bloßen Anhängsel einer technisch-ökonomischen Maschinerie wird. Anders sprach schon in den 1960ern von der Antiquiertheit des Menschen – das war angesichts der heutigen Lage geradezu prophetisch.

  33. @danielrehbein

    Was Sie hier schreiben, ist eine Parodie, oder?
    „eine Bahnreise organisiert und begleitet, bei der eine Gruppe Jugendlicher im Alter um 16 Jahre mitgefahren ist. Dabei wurde natürlich von allen Beteiligten viel mit Smartphone photographiert, und so habe ich bei der Rückfahrt gefragt, wie man denn nun die Photos untereinander austauscht“

    Aber im Ernst: wir brauchen uns nicht gegenseitig Antiquiertheit oder Progressismus vorhalten, denn die Lage ist einfach offen. Wir sind alle „Lost in Transition“. Die große Transformation der Neuen Medien, die ja auch schon rund 30 Jahre auf dem Buckel haben, dauert eben und wird täglich neu befeuert: große Sprünge gab es mit der Einführung des Smartphone, dann der Flatrate, dann mit der Explosion von Apps und Plattformen; G5 wird der nächste große Pantersprung werden, es wird uns Kommunikationsverhalten total verändern. Viele Schüler schreiben doch heute schon keine Nachrichten mehr, sondern machen Sprachaufnahmen; dann machen sie halt Videos.
    Merkel hatte vollkommen Recht: das Internet ist (immer noch und immer wieder neu) Neuland für uns. Allein der Vergleich zwischen SMS, WhatsApp und Tiktok, der hier irgendwo gezogen wurde, um zu insinuieren, dass das alles irgendwie gleich ist, verfehlt die rasanten und qualitativen Unterschiede. Ein Beispiel: Eine SMS-Gruppe und eine WhatsApp-Gruppe sind in puncto Geschwindigkeit, Sprachverfall, Denunziationsneigung, Mobbingrisiko etc überhaupt nicht vergleichbar. Es gibt Lehrer, die sagen, WhatsApp-Gruppen sind das Darknet der Netiquette. Natürlich verbreitet sich auch ein ins Ohr geflüstertes Gerücht ziemlich schnell – aber via WhatsApp kann das im Wortsinne tödlich werden: WhatsApp-Gruppen sind brandgefährlich. Jede/r Mutter/Vater kennt den Effekt aus den E-Mail-Klassen-Verteilern, in die man ganz fix irgendwelchen Unsinn blökt, der nicht mehr rückholbar ist. Ich habe erlebt, wie über einen (an die Kinder durchgestochenen) Elternverteiler ein Lateinlehrer aufs übelste gemobbt wurde – und zwar planvoll. Die Schüler, die Zugang zum Verteiler hatten, agierten wie die scharf gemachten Pitbulls unzufriedener Eltern: sie fragten den Lehrer offen in der Schulstunde, warum er sich, verdammt noch mal, weigere, eine Vereinbarung über seinen Unterricht MIT DEN ELTERN ZU UNTERZEICHNEN. Als ich ihn darauf ansprach, dass er gegen die Eltern aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes vorgehen solle, da sagte er mir beinahe erlöst: ich gehe an eine andere Schule, dann hat das hier für mich ein Ende. Der führende Intrigant sitzt heute übrigens im Landeselternausschuss und meldet sich besonders fleißig, wenn es um Mobbing geht.

    Es gab schon immer Intrigen gegen Lehrer (oder sozial deviante Eltern), aber die sozialen Medien haben daraus einen modernen Pranger gemacht. Das Mittelalter ist in dieser Hinsieht zurück. Dennoch gibt es ernsthaft besonders moderne Lehrer, die WhatsApp aus Gründen seiner Reichweite Schülern empfehlen, es also quasi unterrichtlich anordnen. Wir werden nach der Neulandphase auf die heutige Zeit zurückblicken, als wäre es der Wilde Westen gewesen.

  34. @KRITISCHER KRITIKER

    wie gesagt glaube ich nicht, dass Bücher in Ebooks weniger klug machen als in „Reinform“. Und ebooks haben nunmal viele Vorteile (leichter, man braucht weniger Ressourcen, billiger etc.)

    Und nur weil man in der Schule „Digitalisierung“ lehrt sagt ja keiner, dass es in der Schule keine Bücher mehr gibt,

    Aber ich glaube nicht, dass wir hier noch auf eine Einigung kommen, deswegen müssen wir das hier wohl so als Gegensatz stehenlassen.

  35. @ Ichbinich:

    Die Zahl der verlorenen Leser bezieht ja die E-Book-Leser mit ein. Es gibt nicht nur einen Wechsel vom einen Medium zum anderen, sondern einen Gesamtverlust. Hat, vermute ich, mit dem großen Angebot an anderen Medien zu tun, die sich mit weniger Aufmerksamkeit und Anstrengung konsumieren lassen. (Kein neues Phänomen, das kennt man schon vom Fernsehen ab den 50er-Jahren, nur eskaliert die Entwicklung, seit es Breitband-Internet gibt.)

    Zum Thema Schule müsste sich Herr Füller nochmal äußern. Ich hatte den Text, wie gesagt, so verstanden, dass Unterricht ohne dauernd laufende „Endgeräte“ in dem von ihm bevorzugten Konzept der „digitalen Bildung“ keinen Platz mehr haben soll. Die Vorstellung einer Klasse, die sich über Bücher gebeugt in konzentrierter Still- oder Gruppenarbeit einen literarischen Text erarschließt, fiele dann unter „Trichtermethode“.

    Sonst sind wohl die Argumente getauscht und wir können den Gegensatz tatsächlich stehenlassen. Macht mir aber Spaß, mit Ihnen zu diskutieren!

  36. Witzig: ich habe überhaupt für gar nix plädiert; ich habe lediglich per Auftrag beschrieben, wie das mit den digitalen Lehrplänen so ist. Das Feld der digitalen Bildung ist übrigens derart dynamisch, dass man praktisch keine Vorhersagen darüber treffen kann, wie Lernen2.0 nach der großen Transformation aussehen wird.
    Warum meine Passage mit dem E-Book hier derart eingeschlagen hat, wunderte mich von Anfang an. Das E-Book nämlich wird sicher nicht das beherrschende digitale Format des Wissensspeichers wie es das Buch war. Aber das Buch fasziniert offenbar ganz viele. Das Buch als Leitmedium und Format wird sich – so meine Vermutung – auflösen. Daten, Inhalte, Narrative usw. werden in ganz unterschiedlichen Formaten angeboten, als Video, als Game, als Dialog auf Plattformen usw usf – auch noch als Buch. Das E-Book ist nur insofern für die Schule interessant, als es eine vielfältige Form der Wissens-Präsentation ist, denn man kann darin u.a. auch Filme und Töne integrieren. Wichtiger aber ist die neue Produktionsrichtung. Der top-down-Produktionsprozess des (Schul-) Buchs – bei dem Abgeordnete Lehrpläne beschließen, Schulbuchverlage sie herstellen (mit Hilfe von Lehrern als Autoren) und Ministerien sie anschließend genehmigen – wird abgelöst durch ein bottom-up-Herstellen durch Schüler*innen. DIESES Individuelle ist das interessante am E-Book, als kollektiver Wissensspeicher und Distributionsmedium ist es m.E. nicht spannend.
    Wer sich anschauen will, wie das Lernen der Zukunft aussehen wird, der kommt im Januar 2020 in das gleichnamige Impulsareal in Frankfurt. Bücher gibts da gar keine mehr :-( https://lernenderzukunft.home.blog

  37. @KRITISCHER KRITIKER

    „Sonst sind wohl die Argumente getauscht und wir können den Gegensatz tatsächlich stehenlassen. Macht mir aber Spaß, mit Ihnen zu diskutieren!“

    Dito!
    Und ich glaube wir sind am Ende garnicht soweit voneinander entfernt wie es Anfangs schien.
    Eine Schule nur mit elektronischen Endgeräten halte ich auch nicht für sinnvoll, ein Fach „Digitalisierung“, wo diese Themen präsentiert/diskutiert werden aber sehr wohl.
    Einen schönen Sonntag Ihnen (und natürlich auch allen anderen, die mitlesen).

  38. @ Christian Füller (#39):

    Wer sich anschauen will, wie das Lernen der Zukunft aussehen wird, der kommt im Januar 2020 in das gleichnamige Impulsareal in Frankfurt. Bücher gibts da gar keine mehr.

    Garantiert nicht. Danach wäre ich vermutlich selbstmordgefährdet.

  39. Und wie genau lernen Kinder und Jugendliche, sich vor bspw. Cybergrooming zu schützen, weil Bücher jetzt elektronisch sind statt aus Papier?
    Das Medium hat ja nicht mit dem Inhalt zu tun.

    Die Analogie wäre, weil Schulbücher früher aus Papier waren, kennen sich Kinder mit Papierherstellung, Buchdruck und Verlagswesen bestens auskennen.

  40. Noch ein Nachtrag: Der von Herrn Füller verwendete Begriff der „großen Transformation“ stammt aus dem Buch „The Great Transformation“ des linken Wirtschaftstheoretikers Karl Polanyi von 1944. Es beschreibt, wie die Märkte ab dem 18. Jahrhundert die Macht über die Gesellschaft übernommen haben. Polanyi forderte schon damals, die Gesellschaft müsse ihre Freiheit durch die Einschränkung der Märkte zurückerlangen.

    Die Fanatiker der digitalen Bildung fordern heute genau das Gegenteil: Man müsse sich der Digitalisierung widerstandslos hingeben und alles Neue rückhaltlos bejubeln (und ein paar Vorsichtsmaßnahmen gegen Missbrauch empfehlen). Lieber mit Facebook und Google lernen als mit Schulbüchern von Westermann. Internet-Monopolisten, yeah! Was daraus wird, kann niemand so genau sagen, aber Hauptsache, man ist dafür.

    Also soll man die Bücher abschaffen und die Kinder im Unterricht mit TikTok „arbeiten“ lassen – jedes einzelne dabei entstehende Video ist zwar letztlich von der chinesischen Regierung kontrollierbar, aber was soll’s? Ist halt angesagt, und man muss die Leute da abholen, wo sie stehen. Heinrich, mir graut’s vor Dir!

  41. Oh je, Polanyi ist einer der Theoretiker der industriellen Revolution und genau das ist die Digitalisierung. Ob sie kommt oder nicht, ist doch nicht Gegenstand des Diskurses hier. Es geht nur darum, zu verstehen, was Digitalisierung ist und ob und wie man sie gestalten kann. Durch den zynischen Fatalismus, der hier z.T. herrscht, geht es jedenfalls nicht.

  42. @43: Volle Zustimmung.
    Vor Allem, was bleibt einem denn, außer „Schlimm schlimm schlimm“, wenn man sich nicht mit den neuen Medien beschäftigt?

    @44: Wovor haben Sie eigentlich Angst?
    Ja, auch in der digitalen Bildung gibt es Monopolismus und Ungerechtheiten, genau wie im analogen Verlagswesen.
    TikTok da mit in den Topf zu werfen … zeugt von nicht gerade ausgeprägter Sachkenntnis, sorry.
    Ich habe schon in 2005 Nachhilfe-unterricht gegeben mit Unterstützung einer Englisch-Lernseite. Damals komplett ohne Werbung und so – Das finde ich sind eher Sachen die man da besprechen sollte: Die massive Werbeflut, der Kinder auf solchen Lernseiten heutzutage ausgesetzt sind.
    „Fanatiker der digitalen Bildung“ …. Wer soll das überhaupt sein? Wer zwingt Sie zum „rückhaltlosen Bejubeln alles Neuem“?

  43. @ Anderer Max:

    Wovor ich Angst habe, habe ich in dieser Debatte oft genug genannt: Vor einer Gesellschaft, in der jeder mehr oder weniger Anhängsel seiner „Endgeräte“ ist. Vor einer Gesellschaft, in der Algorithmen darüber entscheiden, was Menschen interessant finden und was sie ignorieren sollen. Vor einer komplett verblödeten Gesellschaft (die sich ihrer Dummheit dann gar nicht bewusst sein wird. So ist das halt mit Dummheit).

    Und wer die Macht der Internetkonzerne mit der von Schulbuchverlagen gleichsetzt, sollte anderen nicht mangelnde Sachkenntnis vorhalten…

  44. „So ist das halt mit Dummheit“
    Das erinnert mich hieran:
    https://www.der-postillon.com/2015/03/wissenschaftlich-erwiesen-alles.html

    Und ja, Algorithmen (Code), legen u. A. fest, welche Anzeige für welchen Kunden ausgespielt wird (Targeting). Die Kaufentscheidung trifft er immer noch selber. Seinen Geschmack (was er gutfindet oder ignorieren soll) hingegen will man ja beeinflussen als Marketer. Das wäre dann aber generelle Marketing-Kritik, weil das passiert genau so in jedem Printmagazin. Die Algorithmen erleichtern ja nur die Budgetentscheidung.
    Also, Algorithmen-Inception gibbet nicht.

    Bei der derzeitigen Häufing der Vermischung von Sci und Sci Fi würde ich Sie im Sinne Ihrer eigenen These darum bitten, zukünftig alle Kommentare hier erst einmal auszudrucken und auf Papier zu lesen, da sich deren Inhalte Ihnen dann eventuell besser erschließen werden.

    „Und wer die Macht der Internetkonzerne …“
    Jaja die bösen Internetnetkonzerne, so braucht man sich inhaltlich nicht zu beschäftigen, schon verstanden!

  45. @ Anderer Max:

    Ich geb’s auf. Hat keinen Zweck. Sie reißen irgendwelche Halbsätze aus dem Zusammenhang, machen ein Witzchen drüber und geben sich nicht einmal die Mühe, auf einen argumentativen Zusammenhang einzugehen.

  46. Echt jetzt?
    Hatte gehofft dazulernen zu können, inwieweit Inhalte vom Medium, das sie transportiert, abhängig sind. Ist ja ein spannendes Thema, wenn ich da z. b. an Aktenvernichtung vs. 23-maliges Sektor überschreiben denke. Es gibt da genügend Punkte die man diskutieren könnte.
    Dafür muss man natürlich wissen, was überhaupt möglich ist (und was eben nicht).
    Sie möchten sich über die Auswirkungen von Porzellangeschirr auf die Telefonleitung unterhalten, während ich erst mal bei „ob überhaupt möglich“ ansetze.
    Ich gebe zu, Ihre Methode ist ergebnisoffener.

  47. @44 Polanyi war vor allem einer der Analysten der industriellen Revolution(en) und ihrer technischen sowie wirtschaftlichen Auslöser. Die Digitalisierung ist eine industrielle Revolution, sie umfasst also viel mehr als die Veränderung der Medien, sie erfasst die Produktionsverhältnisse, ja sogar die Gefühle der Menschen. Es geht darum, das zu verstehen und – möglichst – zu gestalten. Verhindern kann man es nicht.

  48. @ Christian Füller (#45 und #51):

    Ich bin nicht zynisch. Ich bin traurig, weil ich ahne, dass Leuten wie Professor Hauck-Thum die Zukunft gehört. Sie selbst stellen ja schulterzuckend fest, sie wüssten nicht, was aus dem „tiefen Lesen“ wird. Ich bin sicher, es gerät in Vergessenheit. Keine Fähigkeit, die man in der Zukunft noch „brauchen“ wird. Damit gehen Möglichkeiten des „tiefen Glücks“ verloren – und niemand wird sie vermissen.

    Polanyi war weniger ein „Analyst“ als ein Kritiker der Industrialisierung und Kapitalisierung der Welt. Wie Marx. Beide wollten das, was Sie als eine Art Naturgesetz beschreiben (und was unter den gegebenen Verhältnissen tatsächlich auch so wirkt), der bewussten Entscheidung der Gesellschaft zugänglich machen. Die Verhältnisse vom Kopf auf die Füße stellen, nannte das Marx.

    Aber Kritiker der Digitalisierung sind nicht gefragt, sie werden verspottet. Die einzige Kritik, die medial wie politisch anerkannt ist, lautet, es gehe alles nicht schnell genug.

    Sie haben ja recht: Die Transformation ist unter den gegebenen Bedingungen nicht zu verhindern. Inwieweit sie gestaltbar ist, hängt davon ab, wie viel Autonomie sich die verschiedenen sozialen Systeme und die Individuen darin bewahren. Ohne die Hilfe von integrierten Schaltkreisen rechnen, schreiben, lesen, kochen, einkaufen, die Uhrzeit erfahren, von A nach B kommen zu können, etc. werden in der Zukunft die Bedingungen der Möglichkeit einer solchen (relativen) Autonomie sein (teilweise sind sie es jetzt schon).

    Wenn die Kinder das in der Schule lernen, wäre einiges gewonnen. Leider gibt es bereits heute genug Erwachsene, die ohne Siri oder Alexa aufgeschmissen sind, wenn sie sich Nudeln mit Tomatensoße machen wollen.

  49. Ich bin Sprach- und Literaturwissenschaftlerin – Schwerpunkt Grundschule. Mein Ziel ist es, Kinder zum Sprechen anzuregen und ihnen Literatur nahezubringen, Gerade im digitalen Zeitalter spielt der analoge Austausch eine entscheidende Rolle. Kinder sollen zudem Freude am Lesen von Büchern entwickeln. Text kann aber von ihnen auch multimodal mitgestaltet werden. Sie sollen raus aus der Konsumentenhaltung. Teilhaben an einer Welt, die aus analogen und digitalen Medien besteht. Aber wer denkt, dass neues Lehren und Lernen nur noch mit digitalen Endgeräten stattfindet, diskutiert sm Thema vorbei.

  50. @ Uta Hauck-Thum (#54):

    Dann habe ich Sie anhand des Artikels oben falsch eingeschätzt und einem pädagogischen „Digital-Radikalismus“ zugerechnet, den Sie so gar nicht vertreten. Bitte um Entschuldigung.

    Meine Skepsis bleibt dennoch: Beim gleichzeitigen Nebeneinander von Buch und, sagen wir, Tablet, hat das Buch bei Kindern schlechte Karten, weil das Tablet die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wie wollen Sie es den Kindern ermöglichen, langes, in sich versunkenes Lesen zu erlernen, wenn selbst im Unterricht die Ablenkung stets greifbar ist?

    Und wie halten Sie es mit den analogen Kulturtechniken der Handschrift und des schriftlichen bzw. Kopf-Rechnens? Ich halte beides für unerlässlich, um richtig Denken zu lernen – gerade die Handschrift vermittelt durch die Enge Verbindung von Hand und Hirn ein viel tieferes Verständnis des Lesens und Schreibens, als das durch eine Tastatur möglich wäre. Doch gibt es ja durchaus Ansätze (z.B. in Finnland), die solche Techniken als überflüssig erachten.

  51. „gerade die Handschrift vermittelt durch die Enge Verbindung von Hand und Hirn ein viel tieferes Verständnis des Lesens und Schreibens, als das durch eine Tastatur möglich wäre.“
    Wieder so eine unbelegte Behauptung …

    Handschrift ist langsam, uneinheitlich und nicht maschinenlesbar.
    Kopfrechnen ist langsam, fehlerbehaftet und anstrengend.
    Warum sollte ich?
    Welche nicht-nostagischen Argumente sprechen für die Bewahrung solcher „Kulturtechniken“? Ernsthafte Frage.

  52. Finde ich übrigens ne Frechheit:
    Was Sie mit dem Kampfbegriff „Digital-Radikalismus“ umschreiben ist nichts anderes als Progression, technisch wie auch kulturell.
    Einige kommen damit klar, andere müssen sich ihr Leben lang darüber beklagen.
    Ich will das nicht noch mal hochkochen, aber hinterfragen Sie mal selbst, wer hier radikal „argumentiert“.

    Sie finden etwas doof und darauf kontruieren Sie einen „Radikalismus“ anderer, anstatt mal in sich selbst zu gehen und die eigene Fortschrifttsangst zu hinterfragen.

    Verstehen Sie mich nicht falsch: Sie dürfen das schlecht finden. Sie dürfen sich öffentlich darüber mockieren, nicht mehr mitzukommen. Aber leben Sie bitte dann damit, dass Andere, Jüngere Sie täglich überholen (und auslachen) werden und ihnen irgendwann nichts mehr bleibt als „früher war alles besser“.
    Und dann fragen Sie noch mal ihr metaphorisches, 16-jähriges Ich, ob das alles so geplant war.

    Und noch mal:
    Bitte belgen Sie Ihre Behauptungen!
    Ich kann auch behaupten: Kinder die mit 6 mit der Smartphonenutzung anfangen sind doppelt so klug wie nicht-Smartphone-nutzende Pendants.
    Ich weiß aber, dass ich das gar nicht weiß und keinen Beleg dafür habe, also lasse ich es.

    Ein früher Umgang mit digitalen Medien fördert die digitale Medienkompetenz (z. B. Fake-News erkennen). Das ist der einfache Lerneffekt: Je mehr ich etwas nutze, desto besser werde ich dabei und die Angst vor dem Neuen verschwindet dann auch. Probieren Sie es mal.

  53. @ Anderer Max (#56 und #57)

    Wieder so eine unbelegte Behauptung …

    Nein. Nicht alles, was Sie nicht wissen (wollen), ist frei erfunden. Sie ist – wie meine „Behauptungen“ zum leichteren Lesen auf Papier – gut belegt. Googeln Sie mal „Handschrift“ und „Gehirn“. Als pars pro toto:

    „Wir wissen heute, dass eben, wenn wir mit der Hand schreiben, motorische Spuren im Gehirn angelegt werden, weil wir beim Schreiben die Form des einzelnen Buchstaben nachvollziehen“, sagt der Hirnforscher und Psychologe Markus Kiefer. „Das führt dazu, dass wir auch Buchstaben oder Wörter wahrnehmen, dass das automatisch zu einer Aktivierung führt, in den Bereichen des Gehirns, die für Bewegung und für Motorik zuständig sind, obwohl wir ein Wort einfach nur lesen.“

    (Quelle: https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/ttt-02122018-handschrift-100.html)

    Welche nicht-nostagischen Argumente sprechen für die Bewahrung solcher „Kulturtechniken“? Ernsthafte Frage.

    Siehe oben. Was das Rechnen angeht: Wie soll man komplizierte mathematische Zusammenhänge begreifen, wenn man nicht einmal das Einmaleins beherrscht? Und lassen Sie mich raten: Da Synthesizer die Töne besser Treffen als jeder Profi-Geiger, sollte man auch das Instrumente-Spielen abschaffen, ja?

    Der Nostalgie-Vorwurf ist Quatsch. Es geht mir hier nicht um die Bewahrung einer vermeintlich besseren Vergangenheit, sondern um das Denk- und Fühlvermögen der kommenden Generationen.

    Was Sie mit dem Kampfbegriff „Digital-Radikalismus“ umschreiben ist nichts anderes als Progression, technisch wie auch kulturell.

    Nun, Sie sind Vertreter eines Digital-Radikalismus (Schreiben und Rechnen abschaffen, etc.), Prof. Hauck-Thum ist es nicht. Deshalb habe ich mich bei ihr auch entschuldigt.

    Sie dürfen sich öffentlich darüber mockieren, nicht mehr mitzukommen. Aber leben Sie bitte dann damit, dass Andere, Jüngere Sie täglich überholen (und auslachen) werden und ihnen irgendwann nichts mehr bleibt als „früher war alles besser“.

    Sie haben da diesen jugendwahnhaften „Mitkommen“-Fetisch, das ist mir schon öfter aufgefallen. Haben Sie mit Anfang 30 vielleicht die Sorge, dass Ihnen die Jugendlichkeit abhanden kommt, und rennen deshalb verzweifelt den Teenagern hinterher? Sowas kenne ich von meinem 70-jährigen Stiefvater, der auch nicht anders kann, als sein Haus zu versmarten und Musik nur noch über so ein Alexa-Ding zu hören – obwohl es verglichen mit seiner alten Stereoanlage erbärmlich klingt.

    (Letzteres stimmt, meine „Analyse“ Ihrer Beweggründe nehmen Sie bitte nicht so ernst. Wollte nur mal zeigen, wie albern dieser Psychologismus ist.)

    Und dann fragen Sie noch mal ihr metaphorisches, 16-jähriges Ich, ob das alles so geplant war.

    – Mein reales, 18-jähriges Ich hat sich 1993 einen Thorens-Plattenspieler gekauft, weil es gemerkt hat, dass ihm bei CDs die Haptik des Auflegens fehlt.
    – Mein reales Twentysomething-Ich hat sich eine mechanische Armbanduhr zugelegt, weil sie ihm viel mehr Spaß macht(e) als eine Quarzuhr.
    – Mein reales Thirtysomething-Ich hat entschieden, dass es kein Tablet braucht und dass es keinen digitalen Kalender führt, weil ihm ein schön gebundenes Kalender-Notizbuch besser gefällt (und weil es keine Termine vergisst, die es per Hand notiert hat).
    – Selbst mein aktuelles Fourtysomething-Ich fotografiert gern auf Film und besaß nie ein Navi, weil es die Erfahrung gemacht hat, dass es eine bessere räumliche Vorstellung von seiner Umgebung bekommt, wenn es Stadtpläne (oder gern auch Google Earth) studiert, statt sich von einer „In-100-Metern-links-abbiegen“-Stimme leiten zu lassen.

    Sie merken, mit diesem Generationen-Ding kriegen Sie mich nicht. Ich bin mir eigentlich immer treu geblieben – nicht in einer vermeintlichen Ablehnung des Digitalen, aber in einer gewissen Sorge vor damit einhergehenden Verlusten und in dem Versuch, mir gegenüber dem Fortschritt relative Autonomie zu bewahren. Hat weniger mit Nostalgie zu tun als mit Freiheit.

    Ein früher Umgang mit digitalen Medien fördert die digitale Medienkompetenz (z. B. Fake-News erkennen). Das ist der einfache Lerneffekt: Je mehr ich etwas nutze, desto besser werde ich dabei und die Angst vor dem Neuen verschwindet dann auch. Probieren Sie es mal.

    Ich habe seit 1991 einen PC, bin seit 1996 im Internet und verdiene seit 2008 meinen Lebensunterhalt mit Social-Media-Arbeit, mit Desctop-Publishing-Programmen und mit der Produktion digitaler Bild- und Tonstücke. Mir mit der „Angst vor dem Neuen“ zu kommen, ist lächerlich. (Sie müssen echt ein völlig verzerrtes Bild von mir haben.)

    Und ich habe an keinem Punkt dieser Diskussion gefordert, man müsse Schülern die digitale Technik vorenthalten. Ich habe für einen kontrollierten Einsatz plädiert – und vor allem dafür, die analogen Kulturtechniken (ohne Anführungszeichen!) nicht zu vernachlässigen. Weil letztere sämtliche Sinne ansprechen und nicht nur die audio-visuellen. Weil die analoge Welt samt Natur und mechanischer Technik soviel mehr beinhaltet, als Bildschrime und Lautsprecher vermitteln könnten. Sie glauben mir das nicht – Sie können mich aber nicht widerlegen, indem Sie Argumente und Belege ignorieren und stattdessen ständig „Neu ist geil, Opa kommt nicht mit“ wiederholen.

    Und nun ist auch gut mit Ihnen.

  54. „Welche nicht-nostalgischen Argumente sprechen für die Bewahrung solcher „Kulturtechniken“? Ernsthafte Frage.“
    Je mehr Techniken Sie den Maschinen überlassen, desto abhängiger werden Sie von ihnen. Oder von denen, die diese Maschinen kontrollieren. Irgendwann können Sie nicht mehr entscheiden, ob die Maschine Recht hat. Nebenbei könnte ich evt. noch meine alten Mathe-Klausuren rauskramen; da brauchte man keinen TR.
    Sportunterricht wurde ja auch trotz weitgehender Motorisierung nicht abgeschafft.
    Die Methoden, mit denen man Fake-News erkennt, sind sinngemäß dieselben, mit denen man erkennt, ob ein Pergament aus dem Mittelalter eine Fälschung ist.

  55. @58:
    Danke, exakt diese Argumente versuche ich die ganze Zeit rauszukitzeln. Ich sage ja oft in solchen Diskussionen: Da gibt es so viel drüber zu diskutieren, wieso reden wir jetzt über die eine unbelegte Behauptung, z. B. „Weil die analoge Welt samt Natur und mechanischer Technik soviel mehr beinhaltet, als Bildschrime und Lautsprecher vermitteln könnten.“ (@59)
    Das ist erstens Schwurbelei und zweitens ein Axiom.
    Genau das sind dann aber die m. E. diskussionswürdigen Punkte: Ab wann ist der Mensch von der AI abhängig bzw. kann der Mensch überhaupt die Folgen einer weiteren (besseren?) Intelligenz absehen? Das ist ja das Brett vorm Kopf, das sieht man ja nicht, weil da is’n Brett vor.
    Ist es dann nicht sinnvoll, Kulturtechniken zu bewahren – Zum einen, damit man nie ganz abhängig wird, zum anderen zum metaphorischen und nicht ganz ernst gemeinten Wiederaufbau nach Skynet (in T4 z. B. sehr gut mit der analogen Radiotechnologie, für die Skynet selbst zu fortschrittlich ist symbolisiert.)

    Die Frage nach dem „Sollte“, nicht nach dem „im Stade sein“ auf philosophisch / moralischer Ebene.
    Blade Runner, Idiocracy und 1984 lassen grüßen.
    Was ich damit sagen will: Das sind ja nu auch wirklich keine neuen Themen!

    „Sportunterricht wurde ja auch trotz weitgehender Motorisierung nicht abgeschafft.“
    Unter der Prämisse, dass Handschrift „gut für den Körper“ ist (halte ich bei den meisten Sportarten ja auch für quatsch), könnte man dann Handschreiben ja dem Sportunterricht hinzufügen. Zur schriftlichen Sprachreproduktion gibt es bessere Methoden.

    @59:
    „Da Synthesizer die Töne besser Treffen als jeder Profi-Geiger, sollte man auch das Instrumente-Spielen abschaffen, ja? “
    Nein absolut nicht – Genau das Gegenteil sogar, denn hier geht es um Kunst (Kreation), nicht um das herausfinden einer vordefinierten Lösung (Abarbeiten).
    Jedoch: Wer glaubt, eine Stradivari-Bratsche sei frequenzneutraler als präzise maschinell gefertigte Instrumente … M. E. ist das gößte Problem hier, nicht vom individuellen Eindruck auf eine allgemeine Regel zu schließen. (Ein wärmerer Sound bei Stradivari mag erwünscht sein, ist aber Resultat des unpräzisen Handwerks und eben darum eine art Klangsignatur. Objektiv nachweibar wäre da nur „nicht so frequenzneutral wie moderne, massenhaft maschinell gefertigte Bratschen“ – Das aber wiederum lässt sich nicht gut verkaufen. Daher muss die Mystik aufrechterhalten werden.).

    „Ich finde Papier-Notizbücher toller als Outlook-Kalender“ – Habe ich 0 Problem mit!
    Ich habe ein Problem mit: „Papierkalender sind besser.“.
    Noch schlimmer: „(..) sind besser, weil die Informationen richtiger übertragen werden, als in Outlook.“
    (Mich interessiert hier echt noch mal Ihre Ansicht: Ist der Inhalt nun vom Medium lösgelöst, oder nicht – Sprich: Ändert sich die Information mit dem Medium, das sie transportiert? [Klarstellung: Ja, ich weiß: ein Medium kann besser oder schlechter zum Informationstransport geeignet sein. Darum geht es hier aber nicht, soweit ich das verstanden habe.)

    „Sie merken, mit diesem Generationen-Ding kriegen Sie mich nicht.“
    Ich will Sie gar nicht kriegen.
    Mir geht es tatsächlich um den Inhalt.

    „Weil die analoge Welt samt Natur und mechanischer Technik soviel mehr beinhaltet (…)“
    Sorry, aber solche Sätze sind es, die mich dann veranlassen zum advocatus diaboli für die Technikjunkies einzuspringen.

    Die Pseudopsychologie haben Sie ja selbst erkannt, gut.

    „Nun, Sie sind Vertreter eines Digital-Radikalismus (…)“
    Eben nicht! Ich versuche hier objektive Argumente für Ihren Standpunkt zu entlocken, den ich subjektiv ziemlich gut finde. Leider lieferte die erst Mycroft (Abhängigkeit von AI, Sportunterrricht). Ich spiele gerne den AD, nichts für ungut.

    Ich glaube auch, wir kommen so echt nicht weiter und ich selbst werde mich mal einige Wochen hier raushalten (hab eh Urlaub) und meine Attitüde überdenken.

  56. @Anderer Max, Kritischer Kritiker, Mycroft #58ff

    Neben dem an sich positiven Effekt der Handarbeit auf die Fähigkeiten des Gehirns sind Haptik und Motorik auch zwei zusätzliche Wege, auf denen man Wissen ins Hirn bringen und mit denen man es dort verfestigen kann. Das Lern- und Wissensmanagement lehrt schon seit langem, dass sich besser festsetzt, was auf möglichst vielen Wegen gelernt wird*.

    Ingenieure* hören im Studium vom Lernen/Verstehen „über die Hand in den Kopf“. Sehr eingängig ist das Beispiel mit dem Konstrukteur und dem Dreher, die zwar alle notwendigen Informationen in einem Produktmodell vom Schreibtisch zur Maschine schicken können, trotzdem aber immer noch eine 1:1-Zeichnung ausdrucken und auf einem altmodischen Brett weitergeben. Auch wenn theoretisch alle Angaben, die der Dreher für seinen Teil der Herstellung braucht, schon digital vorliegen, hilft der händische Eindruck des Fahrens über das Papier oder – wenn möglich, noch besser – über das Begreifens eines Musters und den Abgleich mit der Papierzeichnung enorm, um zum Beispiel gewisse Toleranzanforderungen nachzuvollziehen oder zu bemängeln.

    Dafür, dass das Ganze auch auf Notizen per Handschrift zutrifft, gibt es auch eine relativ neue Studie aus 2014:
    Mueller, Oppenheimer: The Pen Is Mightier Than the Keyboard: Advantages of Longhand Over Laptop Note Taking
    (Der Abstract erklärt es hinreichend; man muss also kein Geld ausgeben, wenn man kein Abo für Sage hat.)

    *und zwar nicht einfach linear, sondern exponentiell besser
    **und wahrscheinlich auch viele andere

  57. Handschrift kann man weder als Wettbewerb noch als Mannschaftssport betreiben; ergo ist es kein Thema für den Sportunterricht.
    Nebenbei merke ich (und andere) mir manche Dinge tatsächlich mehr über die Handbewegung als durch das Symbol, die „Schreiben lernen durch Handschrift“-Methode hat also Vorteile gegenüber „Direkt mit Tastatur Schreiben lernen“.
    Drittens gibt es Situationen, wo ich per Hand schreiben MUSS, d.h. ohne Hilfe von Computern. Wenn Ihnen das noch nie passiert ist, ist ja schön für sie.
    Aber, ehrlich gesagt, da hätten Sie auch von alleine drauf kommen können.

  58. @ChristianFüller (#36)

    Es irritiert mich nun doch, wenn lediglich die Einleitung zu meiner Fallbeschreibung hergenommen wird, und diese dann als Parodie bezeichnet wird.

    Es ging mir darum, aufzuzeigen, daß die die Basics fehlen. Wie kann ich (als Schüler) mit elektronische Medien sinnvoll etwas anfangen, wenn ich gar keine Ahnung habe, was da eigentlich abläuft?

    Bei einem gedruckten Buch sehe ich, daß eine am Kopierer angefertigte Kopie eines Bildes daraus qualitativ schlechter ist als das Original. Beim Smartphone wird offenbar von den meisten gar nicht wahrgenommen, daß das per WhatsApp verschickte Photo eine deutlich geringere Auflösung als das Original hat und daß zudem sämtliche Metainformationen fehlen.

    Und die Sache mit den Photos ist ja lediglich ein Beispiel, an dem man sieht, daß erst mal Grundlagenwissen vermittelt werden muß. Es geht ja auch um Fragen wie: Über welche Server läuft meine Kommunikation? Wer kann mitlesen, was ich schreibe? Wer kann erfahren, mit welchen Personen oder Gruppen ich kommuniziere? Welche für mich nicht direkt erkennbaren Informationen kann man aus meinen Dateien extrahieren?

    Deshalb finde ich auch den Satz „Dennoch gibt es ernsthaft besonders moderne Lehrer, die WhatsApp aus Gründen seiner Reichweite Schülern empfehlen, es also quasi unterrichtlich anordnen.“ sehr merkwürdig. Warum ausgerechnet der Messenger WhatsApp? Einfach nur, weil er so populär ist, und weil man das macht, was alle machen? Sollte man nicht erst mal darüber sprechen, welche Messenger es überhaupt gibt, wie diese sich voneinander unterscheiden, und welcher Messenger für die Kommunikation innerhalb des Klassengefüges am Besten ist? Kann nicht vielleicht auch dabei herauskommen, daß die Klasse sich ihren eigenen Messenger programmiert?

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.