Gegen die falsche Ausgewogenheit: Weniger Ob, mehr Wie wagen!

Screenshot: Sea Watch

Es braucht viel Selbstgefälligkeit, um von einem komfortablen Großstadt-Schreibtisch aus seinen Text so belehrend wie zynisch beginnen zu lassen mit den Worten: „Auch Lebensretter müssen sich Kritik gefallen lassen.“

Das ist der erste Satz eines „Zeit Online“-Artikels von Ulrich Ladurner. Es geht um die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete und den Rechtsbruch, den sie beging, als sie durch Anlegen an die italienische Küste 42 Menschen das Leben rettete.

Der Satz suggeriert: Auch etwas unbestreitbar Richtiges zu tun, kann falsch sein. Das ist Skalpell-Journalismus, differenzieren um der Differenzierung Willen, pragmatisch, klinisch, ein Einstieg wie operiert in einem sterilen Raum ohne Moral.

Das Zerstörerische daran: Er delegitimiert einen ethisch universell richtigen Akt, Leben retten, um im Namen journalistischer Ausgewogenheit legalistische und politische Implikationen abzuhandeln.

Der Satz ist aber auch einfach falsch in Anbetracht der Tatsache, wie viel Kritik und Widerstand Seenotretter erfahren, in Anbetracht der Tatsache, dass Rackete festgenommen wurde. Während ihrer Verhaftung ruft ein Schaulustiger Rackete bei ihrer Festnahme im Hafen zu: „Ich hoffe, diese Neger vergewaltigen dich“, ein anderer beschimpft sie als „Zigeunerin“.

Ja, aber auch Lebensretter müssen sich Kritik gefallen lassen.

Provokation Humanität

Es ist auch an Taubheit kaum zu übertreffen, diese Seenotrettung, bei der 42 Menschen das Leben gerettet wurde, in dem Text als “Protestaktion” zu bezeichnen (Protest gegen was eigentlich? Gegen das Ertrinken lassen?). Auch in der FAZ beginnt Matthias Rüb seine Analyse so:

Ihre letzte Provokation und ihre letzte Aktion könnten Carola Rackete, der Kapitänin des deutschen Rettungsschiffs Sea-Watch 3 noch teuer zu stehen kommen.

Die von der italienischen Regierung geförderte Erzählung der Provokation wirkt schal in Anbetracht der Tatsache, dass die an Bord eskalierende, humanitären Notsituation nur wenig Optionen ließ. Sie will die ausweglose Situation, die Angst und Verzweiflung an Bord, die existenzielle Bedrohung in der sich alle befanden, zum kalkulierten Eklat erklären und als polemische Performance denken – vielleicht kann man so besser mit ihr umgehen.

Auch hier haben wir den Skalpelljournalismus, der am Ende der Überlegungen vor allem das Ansehen Deutschlands bei den Italienern zur Sorge hat:

Wenn nicht alles täuscht, dürfte das letzte Manöver Racketes die Stimmung in Italien – nicht nur innerhalb der in Empörung vereinten Regierungskoalition und bei den grimmigen Strafverfolgungsbehörden, sondern auch in weiten Teilen der Bevölkerung – vollends gegen die Berliner Hilfsorganisation „Sea Watch“ und womöglich auch gegen Deutschland insgesamt aufgebracht haben.

Ja, Mensch, wenn die Italiener Deutschland insgesamt angeblich nicht mehr mögen sollten, dann haben wir ja aber mal wirklich ein Problem in Europa.

Woher kommt diese Lust daran, zwei Perspektiven zu beleuten, wenn die „Main-Post“ titelt: „Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete: Heldin oder Halunkin?“

Oder, generell, das vermutlich traurigste und bekannteste Beispiel dieser Form: das Pro und Contra der „Zeit“, in welchem Argumente für und gegen die private Seenotrettung dialektisch gesammelt wurden. Hängen blieb, trotz einer Entschuldigung, dass eine deutsche Zeitung fragte, ob man es lassen solle, das Retten.

„Fair and balanced“

Das Problem an dieser Art Skalpelljournalismus ist, dass er auf den wichtigsten Pfeilern guter Berichterstattung ruht: Ausgewogenheit, Sachlichkeit, wahrhaftige Abbildung aller Seiten, um dem Rezipienten alle Möglichkeiten zu geben, sich selbst ein umfassendes Bild machen zu können. Das unterscheidet den Journalismus von PR und Propaganda, das erst schafft das Vertrauen, welches man Medien als unabhängige Informationsquelle entgegenbringt.

Medienethisch fragil wird dieses Grundprinzip aber bei Themen, bei denen sich eine gleichgewichtige duale Betrachtung eines Themas nicht gestattet, zum Beispiel bei Impfungen, dem menschengemachten Klimawandel oder eben bei der Frage, ob Seenotrettung kriminell ist.

Das Gegenüberstellen der beiden Positionen lässt sie äquidistant gleichwertig wirken, was fatal ist bei Themen, die unsere freiheitlichen Grundwerte betreffen, da sich in dieser Form eine extreme Antihaltung auf einer Höhe mit dem ethischen Konsens wiederfindet.

Im englischsprachigen Raum nennt man dieses Ausgleichsphänomen false balance: falsches Gleichgewicht. Es entsteht aus der professionellen Hoffnung, dass rigorose Ausgewogenheit Vorurteile aufbrechen kann und die Realität am wahrhaftigsten, am fairsten abbildet.

Interessanterweise hatte ausgerechnet Fox News früher den Slogan „Fair and Balanced“, dann „We Report. You Decide.“ – und dieser Umstand vermittelt, was das Problem mit false balance ist.

Ein falsches Gleichgewicht entsteht, wenn wir über Behauptungen debattieren, die wissenschaftlich widerlegt worden sind, oder über Ansichten, die in Frage stellen, was die Zivilgesellschaft im inneren zusammenhält, die Gleichheit aller Menschen und die Unverhandelbarkeit der Menschenwürde.

In einem Kommentar im „SZ-Magazin“ schreibt Wolfgang Luef:

Menschen (…) sehenden Auges ertrinken zu lassen, als abschreckendes Beispiel für andere, das ist keine Meinung. Es ist der erste Schritt in die Barbarei. Prozesse gegen diejenigen zu führen, die tausende Menschen vor dem Tod gerettet haben, ist der zweite Schritt dorthin. Den dritten möchte ich mir lieber nicht vorstellen.

Die grausamen Bilder aushalten

Die Annahme, dass beide Seiten gleichberechtigt richtig sind, also auch das Gegenteil richtig sein kann, kommt einem Treten der humanistischen Stützen der Gesellschaft gleich, wenn so grundsätzliche Dinge wie Menschenrechte plötzlich rhetorisch zur Disposition gestellt werden. Es unterstützt eine Rohheit der Wahrnehmung zivilgesellschaftlicher Diskurse und eine Härte der Berichterstattung.

Da schreibt dann der FAZ-Autor fast lakonisch:

Was mit den 40 Migranten nun geschehen wird, die von der Polizei von Bord der „Sea-Watch 3“ geleitet und in ein Aufnahmezentrum auf Lampedusa gebracht wurden, ist angesichts des schweren Zwischenfalls beim Anlegen des Hilfsschiffs fast schon nebensächlich.

Alexander Wallasch landet bei „Tichys Einblick“ wieder bei der Bedrohung der deutschen Sozialsysteme:

Aber diese Debatte ist aus sich heraus vergiftet, wenn vor der libyschen Küste Migranten Boote besteigen mit nur einem Ziel: sich außerhalb der libyschen Hoheitsgewässer in „Seenot“ zu bringen und das zeitlich und örtlich möglichst so präzise zu takten, dass auf hoher See ein Schiff einer europäischen Nichtregierungsorganisation unterwegs ist, demgegenüber man seine „Seenot“ anzeigen kann und das dann gewillt ist, die Aufgenommenen nicht etwa an das nächste Ufer zu bringen, sondern nach Europa, um dort den begehrten Asylantrag zu stellen, der diese Asylzuwanderer in die deutschen Sozialsysteme oder in solche anderer nordeuropäischer Länder übergibt.

Wenn ein Mann wie Alexander Gauland im „Zeit-Magazin“ vor zwei Jahren sagen kann: „Wir müssen die Grenzen dicht machen und dann die grausamen Bilder aushalten“, dann darf die Berichterstattung nicht aus Angst vor dem Vorwurf der Unsachlichkeit zulassen, dass sich durch die bemühte Gleichbehandlung aller Positionen der Diskursschwerpunkt verschiebt: Während wir eine Klimakrise haben, reden wir darüberr, ob Schüler schwänzen dürfen sollten, ja oder nein. Während Masern wieder ausbrechen, erklären Eltern in den Medien, ob sie Impfungen für wirksam halten oder nicht. Während täglich Menschen ertrinken, fragen sich Kommentatoren, ob eine Seenotretterin zu provokant rettet. Während vor zwei Wochen ein Politiker von einem Rechtsterroristen erschossen wurde, lässt man einen Rechtspopulisten der AfD in „Hart aber fair“ zum Thema „Rechter Hass“ zu Wort kommen. Nur um auch wirklich jede Seite abzubilden.

Es geht doch bei der Sea-Watch-Kapitänin nicht um Heldin oder Halunkin. Das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen besagt, dass alle Schiffsführerinnen und Schiffsführer verpflichtet sind, auf hoher See im Rahmen ihrer Möglichkeiten Hilfe zu leisten. Juristisch und ethisch hat Karola Rackete das einzig Richtige getan.

Es geht nicht um das Für und Wider privater Seenotrettung. Es geht nicht um Pro und Contra, das ist formaljournalistischer Kitsch. Wir sind doch schon längst weiter, es sollte, es muss berichterstatterisch, um das Wie gehen. Wie verhindern wir, dass Tausende Menschen jährlich ertrinken. Wie verhindern wir, dass sie flüchten müssen. Wie verhindern wir, dass sie in Libyen gefoltert und vergewaltigt werden. Wie verhindern wir, dass Menschen, die sich für sie einsetzen, kriminalisiert und getötet werden. Wir brauchen mehr Wie im Journalismus.

44 Kommentare

  1. Der Artikel ist Balsam für den Intellekt und gegen das immer fürchterlicher werdende Geschreibe!

  2. Ich warte in der FAZ oder Zeit noch Artikel wie: „Pro und Contra zu Noteinsätzen auf deutschen Straßen“, „Sollte man adipöse oder rauchende Menschen Nothilfe leisten?“, „Haben Mountainbiker ein Recht auf Bluttransfusionen“, etc.
    Schließlich steht ja bei all diesen Beispielen die berechtigte Erwartung, dass man durch die Einschränkung der Nothilfe abschreckende Bilder schafft, die Menschen davon abhalten unnötig Auto zu fahren, zu fressen, zu rauchen oder sich bei unnötigem Extremsport in Gefahr zu bringen.

    Anyway: Noch unke ich, aber die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass wir in einigen Jahren über genau diese Dinge diskutieren werden. Die Zivilisationsdecke ist halt sehr dünn.

  3. Man stelle sich vor, jemand droht im Badesee zu ertrinken und die Leute am Ufer fangen erstmal an zu diskutieren, ob man ihn nicht zur Abschreckung ertrinken lassen sollte, weil das auf lange Sicht mehr Menschen das Leben retten würde und ob der DLRG nicht ein Pullfaktor für Leute wäre an den Badesee zu kommen und dadurch die Situation nicht erst schaffen würde.

    Und nachdem dann ein Rettungschwimmer den armen Kerl an Land ziehen will, stellt man schnell ein Schild auf „Rasen betreten verboten“ und verweigert den Zutritt ans Ufer, aber er könne ja ans gegenüberliegende Südufer schwimmen. Und nachdem er sich darüber hinwegsetzt, wird lautstark gewettert man habe ja nun gesehen, was für Verbrecher diese Rettungsschwimmer seien, die betreten einfach trotz Verbotsschild den Rasen und die gehören alle eingesperrt.

  4. Das Mittelmeer Europas ist die „Wall“ Trumps. Wir brauchen keine Mauer erst errichten, außer vllt. in Thrakien. Wir haben stattdessen einen breiten Wehrgraben. Das Ertrinken darin ist gewollt. Von „uns“ gewollt. Denn wir wählen doch die Salvinis und eben auch Macron und Seehofer. Dafür ist der Wehrgraben doch da. Seenotrettung stört dieses Grenzregime.
    Anstelle eines funktionierende Asylsystems setzt man auf die Mauer aus Wasser. Der Rettung Ertrinkender wird eben auch in der Presse die „Flut“ der Flüchtlingsmassen gegenübergestellt und schon ist Ertrinken alternativlos. Man sagt es nicht so klar, sondern eben verschwiemelt und verlogen.

  5. Man sollte einen so wichtigen Beitrag wie diesen Artikel, dann aber nicht mit derartiger Polemik einleiten. So zutreffend es noch ist, den Autor des Artikels von „Zeit-online“ im Hinblick auf das gebrachte Zitat als „selbstgefällig“ zu bezeichnen, so unangebracht ist es dann aber die widerlichen Beschimpfungen einiger Augenzeugen der Festnahme in einen Kontext mit dem kritisierten Zitat zu bringen, der dann indirekt impliziert, dass Ladurner mit seiner Aussage solche ekelhaften Ausbrüche goutieren will.

  6. Würde „Seenotrettung“ mit dem angeblichen Zweck, möglichst viele Menschen mit den verfügbaren Ressourcen aus Seenot retten zu können, nicht bedeuten, sie möglichst schnell an Land zu setzen, um dann wieder das Schiff für den nächsten Einsatz verfügbar zu haben, statt den weiten Weg von der Küste Libyens nach Lamdedusa zu machen?

    Könnte man ja mal drüber nachdenken.

  7. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte den Eilantrag auf Anlegeerlaubnis der „Sea-Watch“ abgelehnt mit der Begründung, dass keine akute Gefahr für die verbliebenen Menschen an Bord besteht. Kinder und schwangere Frauen konnten vorher bereits von Bord gehen. Interessieren solche Fakten eigentlich noch irgendjemand oder schreibt einfach jeder, was er denkt, was dort passiert ist?

  8. Naja, Kritik und „Kritik“.

    Ich bin schon froh, dass solche pseudo-ausgeglichenen Beiträge in „meinen“ Medien nicht vorkommen, aber dass es sie gibt, nervt mich weiterhin.
    n-tv hat die Nazisprüche ja wenigstens dem Nazi überlassen.

    (Was ich jetzt evt. pro-Italien gelten lasse, ist, dass Italien schon wenig EU-Unterstützung bzgl. der Flüchtlinge bekommt, und früher sogar praktisch gar keine; d.h., die Italiener haben mehr Grund, sich zu beschweren als irgendwelche Mitteleuropäer. Andrerseits ist das trotzdem kein Grund, das an einer Mitteleuropäerin auszulassen.)

  9. @RKTFD

    Vielleicht möchten Sie darüber nachdenken, dass gemäß SAR-Übereinkommen Regel 3.1.9 die Menschen an einen sicheren Ort (place of safety) zu verbringen sind.

  10. @RKTFD

    Ich habe leider keine genauen Informationen zum Aufnahmeort (Sie schon?); aber Sie können sicherlich die etlichen näheren sicheren Orte benennen?

  11. Die Sea Watch 3 kreuzte 14 Tage (vierzehn Tage) vor Lampedusa. In dieser Zeit kann man so ziemlich JEDEN Hafen im Mittelmeer anlaufen.

  12. Die Vorgänge in Lampedusa hätten sich prinzipiell in jedem anderen italienischen Hafen genauso abgespielt. Französische, spanische, griechische und sonstige EU-Häfen haben auch nicht laut HIER geschrie(b)en. Nicht-EU-Länder betrachten Flüchtlinge als EU-Problem, und sind außerdem nicht dafür bekannt, irgendwie humanitärer zu sein als die EU. (Sorry, Erdogan.)
    Bleibt also die Wahl zwischen 14 Tage vor Lampedusa zu kreuzen ODER 14 Tage durchs Mittelmeer zu fahren, um dann immer noch nicht einlaufen zu dürfen.

  13. @WONKO:

    Tut mir leid, ich kann wg. Lohnarbeit nicht auf die „special needs“ eines jeden eingehen; bemühen Sie doch Google Maps.

  14. Eine Ausrede aus diesem Jahrtausend wäre um Längen kreativer gewesen als diese prä-hammurabische Ausrede (die damals schon keiner glaubte).

    Die selbsternannten Deutschlandretter können halt eins absolut nicht ab: wenn man sie nach Fakten fragt. Das nehmen sie persönlich. Immer.

  15. Wo wäre denn das Problem gewesen, die Leute nach Malta zu bringen, damit wäre immerhin keine Wahlwerbung für Salvini verbunden gewesen, und im Ergebnis wäre es dasselbe.

  16. Einen Satz in dem Artikel hier sehe ich als Ansatz, um jede Medienfreiheit, für die ÜberMedien ja eigentlich steht, abzuschaffen:
    >> Medienethisch fragil wird dieses Grundprinzip aber bei Themen, bei denen sich eine gleichgewichtige duale Betrachtung eines Themas nicht gestattet, zum Beispiel bei Impfungen, dem menschengemachten Klimawandel oder eben bei der Frage, ob Seenotrettung kriminell ist. <<

    Wer bitte, frage ich, entscheidet, bei welchen Themen es verboten sein muss, ausgewogen und gleichgewichtig zu berichten? Entscheidet darüber eine politische Partei? Oder eine Regierung? Oder ein Presserat? Oder Frau El Quassil?

    Gerade bei einem vergiftetem Thema wie dem hier angesprochenen gibt es ausschließlich politische Standpunkte, egal von wem, und hier zu verbieten, einen bestimmten politischen Standpunkt zu berichten, ist wieder ausgesprochen politisch.

    Man muss nur in die Türkei schauen, um zu sehen, wohin solch eine Einstellung, die ausgewogene Berichterstattung bei gewissen Themen zu verbieten, führen kann.

  17. Es geht um Dinge, die faktischer Humbug sind. Vermutlich wäre eine Formulierung, die eine Schein-Ausgewogenheit meint, hier hilfreicher: bei der Debatte „Erde – Kugel oder Scheibe?“ gibt es keine Ausgewogenheit, ja nichtmal eine Debatte.

    Impfungen, Klimawandel, Reichsbürgerunwesen, Holocaust, Homosexualität … alles Debatten, bei denen die reinen Fakten eine Debatte unnütz machen.

    Die Frage nach der Seenotrettung ist aber in der Tat eine ethische, wobei ich die leise Hoffnung habe, dass „Sollen die doch ersaufen“ kein Standpunkt ist, den irgendjemand (außer bei der ZEIT und bei Erigiert aber fair) debatabel findet.

    Oder wenn, dann soll man wenigstens ehrlich debattieren. „Mit Schwund muß man rechnen – wie viele Ersoffene im Mittelmeer wären okay (außer Weiße)?“ Wer da nicht kotzt, der kotzt gar nicht.

  18. „Die Vorgänge in Lampedusa hätten sich prinzipiell in jedem anderen italienischen Hafen genauso abgespielt. Französische, spanische, griechische und sonstige EU-Häfen haben auch nicht laut HIER geschrie(b)en“

    Habe ich was verpasst oder gibt es Häfen wirklich nur an den Nordküsten des Mittelmeers?

  19. Sie haben offensichtlich etwas verpasst.

    Menschen, die aus Seenot gerettet wurden sind nicht in einem beliebigen Hafen abzuladen sondern gemäß SAR-Übereinkommen Regel 3.1.9 an einen sicheren Ort zu verbringen.
    Die Behauptung, von diesen gebe es „etliche näher zum Aufnahmeort gelegene“ wartet allerdings immer noch auf einen Beleg.

  20. (Ich freue mich, wenn im Folgenden Fehler gefunden werden, auf die ich hingewiesen werde. Letztlich habe ich das mal aus dem Kopf runter geschrieben.)
    – Zugeteilt wurde der Hafen Tripolis. Dabei hat sich wohl Lybien bereit erklärt, dass westliche Inspektoren das Lager überwachen. Über die Frage „sicherer Ort“ kann man daher diskutieren.
    – Nähere Alternativen wären auch Tunis oder Algerien gewesen.
    – Portugal und Frankreich haben die Aufnahme angeboten und hätten im Zeitraum erreicht werden können.
    – „Sicherer Ort“ ist nicht als Hafen definiert. Nachdem Italien die Versorgung übernommen hatte und vor allem kranke Passagiere von Bord aufgenommen hatte, war eigentlich das Seevölkerrecht erfüllt.
    – Das Seevölkerrecht akzeptiert das Recht eines Staates seine Häfen zu schließen.
    – Indem Rackete vor Lampedusa liegen blieb, über einen Zeitraum, der zahlreiche Aternativen eröffnet hätte, muss man zumindest von Absicht ausgehen.
    => Alles das hatte zur Folge, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Italien in der Frage der Einfahrt Recht gegeben hat. Damit ist eigentlich das Menschenrecht vom Tisch, oder?
    = Im Ergebnis spricht vieles dafür, dass Rackete das Leben der Flüchtinge benutzt hat, um Italiens Politik vorzuführen. Und das hat ja für beide Seiten funktioniert. Salvini ist im Umfragehoch – Sea Watch hat eine Million Spenden eingefahren und Bekanntheit und Zustimmung erreicht.

  21. @21 Stefan Pannor
    >>Impfungen, Klimawandel, Reichsbürgerunwesen, Holocaust, Homosexualität … alles Debatten, bei denen die reinen Fakten eine Debatte unnütz machen. <<

    Die Realität zeigt, dass eine solche Aussage nicht haltbar ist. Die moderne Kommunikationstheorie besagt, dass lediglich etwa 5-10% der Informationsübertragung bei Kommunikation aus Fakten bestehen. Fakten sind also nur ein sehr geringer Teil der Wahrnehmung.

    Gerade die Debatten zu den besagten Beispielen zeigt das sehr gut. Die Konsequenz ist die Einordnung als "Lügenpresse" bzw die abgemilderte Form, dass die Menschen sich nicht mehr durch die Medien korrekt informiert fühlen.

    Indem sich Journalisten, wie Frau Quassil hinstellen und behaupten, dass die Fakten ihre Ansicht widerspiegeln und es daher nicht erlaubt sein dürfte, über andere Ansichten zu berichten, betreibt man eigentlich nur eine Meinungsdiktatur, die die Menschen von den Medien wegtreibt, bzw. – noch schlimmer – sie nur noch die Medien auswählen lässt, die ihre eigene Meinung vertreten. Eine sachliche Beleuchtung aller Seiten geschieht nicht mehr, weil es keine Journalisten mehr gibt, die eine sachliche Auseinandersetzung mit anderen Ansichten durchführen.

    Leute wie Frau Quassil zerstören also genau die Medien, von denen sie lebt. Und beklagen sich wahrscheinlich am Ende noch über die bösen Rechten, die alles kaputtmachen.

  22. @25 Stefan Pannor. Ich vermische nicht Fakten und Spekulationen, weil ich sprachlich genau klar mache, wo ich spekuliere. Eigentlich halte ich mich da für ganz redlich.
    Interessant an dem MDR-Artikel ist, dass er die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gegen Sea Watch komplett ignoriert. Indem dieser aber die Sperrung des Hafens für zulässig erklärte, ist die Legitimation eine Einfahrt nach Lampedusa zu erzwingen doch wacklig.

  23. Indem sich Journalisten, wie Frau Quassil hinstellen und behaupten, dass die Fakten ihre Ansicht widerspiegeln und es daher nicht erlaubt sein dürfte, über andere Ansichten zu berichten

    Das muss mir entgangen sein. Wo genau formuliert Frau Ouassil einen solchen Anspruch?

  24. ThomasM: Welche anderen Seiten etwa der Shoah hätten Sie denn gern diskutiert?

    Ihr Trick ist, pardon, billig: Sie deklarieren Fakten als einen Unterfall von Meinungen, dabei sind beide etwas absolut trennscharf verschiedenes: ein Fakt ist eine Aussage über die objektive Realität, eine Meinung ist eine Wertung über einen Fakt.

    Es gibt keine alternativen Fakten, und jeder, der das Gegenteil behauptet – wie Sie implizit – schießt sich selbst aus der Debatte raus.

  25. „Indem dieser aber die Sperrung des Hafens für zulässig erklärte, ist die Legitimation eine Einfahrt nach Lampedusa zu erzwingen doch wacklig.“

    Das sieht mindestens eine Richterin anders. Welches ist Ihre juristische Expertise in dem Bereich? (Und nein, Sie trennen Fakt und Spekulation nicht trennscharf, sondern mengen beides und stellen das dann als Ablauf dar – aber in Teilen ist es eher ein vermuteter Ablauf, der teils wichtige Fakten unterschlägt, teils durch Spekulation korrekte Fakten einfärbt.)

  26. @Wonko
    Frau Quassil ist zu geschickt, um offen Gegenmeinungen zu verbieten. Mein Hinweis ist, dass ihre Denkrichtung aber genau diese ist

    <<Medienethisch fragil wird dieses Grundprinzip aber bei Themen, bei denen sich eine gleichgewichtige duale Betrachtung eines Themas nicht gestattet, zum Beispiel bei Impfungen, dem menschengemachten Klimawandel oder eben bei der Frage, ob Seenotrettung kriminell ist. <<

    "nicht gestattet" ist der vornehme Ausdruck zu "verbietet". Oder anders ausgedrückt: Frau Quassil will bei den von ihr festgelegten Themen andere Ansichten als die ihre nicht in den Medien vertreten sehen – natürlich im Namen der Menschenrechte und zum Besseren aller Menschen.

  27. @Stefan Pannor

    >>ein Fakt ist eine Aussage über die objektive Realität, eine Meinung ist eine Wertung über einen Fakt. <<

    Wenn es eine objektive Realität gibt (und das kann philosophisch durchaus angezweifelt werden), dann gibt es nur eine vernünftige Methode, diese festzustellen: Mit einem Messgerät (basierend auf einer allgemein vereinbarten Messmethode und einer allgemein vereinbarten Eichung).

    Weder die Aussage "der Klimawandel ist menschengemacht", noch die Aussage "Flüchtlinge müssen gerettet werden, egal welche politischen Folgen dies hat", noch die Aussage "Menschen müssen zu Impfungen gezwungen werden" sind Fakten

  28. Eine Debatte ohne festen Grund lohnt nicht; wer die Existenz einer objektiven Realität anzweifelt (was philosophisch möglich ist, aber philosophisch ist auch die Existenz einer Flacherde möglich), der sagt damit nur, dass er die Debatte verlässt.

    Ich kann es auch simpler sagen: wenn Sie anzweifeln, dass ich (als Teil eben jener Realität) existiere, warum sollte ich dann mit Ihnen reden?

    Konstruktivismus mündet fast immer in Solipsismus.

    Es stellt sich natürlich die Frage, warum Sie überhaupt irgend etwas sagen, das von anderen gelesen werden soll, wenn Sie glauben, dass diese anderen ( = objektive Realität) nicht existiert? Sie werfen argumentative Rauchbomben, natürlich wissen Sie, dass eine objektive Realität existiert, aber in der kann man gewisse Dinge (wie den Klimawandel oder die Shoah) so schlecht relativieren.

    Ihre restlichen Aussagen sind Taschenspielertricks aus den Niederungen der Debattenverzerrung, im konkreten Fall Pappkameraden-Argumentation: Sie bringen Sätze an, bei denen zwei von drei hier nicht gefallen sind, und behaupten dann, diese seien Humbug.

  29. Oder anders ausgedrückt: Frau Quassil will bei den von ihr festgelegten Themen andere Ansichten als die ihre nicht in den Medien vertreten sehen – natürlich im Namen der Menschenrechte und zum Besseren aller Menschen.

    Und bar jeden Belegs ist das also so, weil Sie das behaupten? Und die stete Verballhornung ihres Names soll dabei irgendwie Ihrer Argumentation förderlich sein?

  30. @Stefan Pannor
    Ich weiß wirklich nicht, warum sie eine solche Aggressivität an den Tag legen. Sollen persönliche Attacken die Tatsache verdecken, dass sie keine Argumente haben?

    Wenn man sagt, dass es eine objektive Realität gibt, dann ist das naturwissenschaftlich eine Annahme, die sich aber nicht beweisen lässt (die Aussage hat den Status eines Axioms). Sie ist dort aber notwendig, um den naturwissenschaftlichen Messprozess in seiner Bedeutung zu begründen.
    Aber selbst in den Naturwissenschaften ist die Folgerung aus Fakten kein Fakt, sondern modellabhängig, mithin auch nicht objektiv eindeutig.

    Außerhalb der Naturwissenschaft (und insbesondere in der Politik und in der Soziologie) ist die durchaus realistisch anzunehmende Alternative, dass es lediglich eine subjektive Realität gibt, eine Annahme, die beispielsweise auch in der Psychologie verwendet wird. Das bedeutet, das, was man das, was man als Realität bewertet, nicht objektiv ist, sondern von subjektiven Faktoren abhängt. Genau das zeigt die allgemeine Debatte über die angesprochenen Themen.

    Wer sich also bei politischen Themen auf „objektive Fakten“ zurückzieht und damit Widerspruch unterdrücken will, tut dies aus subjektiven Gründen und nicht, weil dies sachlich notwendig ist. Meine Beispiele sollten das illustrieren.
    Wenn sie den Illustration damit begegnen, dass sie keine sachlichen Argumente dagegen finden und auf persönliche Beleidigungen ausweichen, hat die Diskussion tatsächlich keinen Zweck.

  31. @Wonko
    >>Und bar jeden Belegs ist das also so, weil Sie das behaupten<<
    Nun ja, ich habe aus dem Artikel zitiert, wörtlich.

    Wenn sie die Wendung "nicht gestattet" nicht mit "verbieten" assoziieren, dann können sie gerne erklären, wie sie diese Aussage von Frau el Quassil verstehen (ist das jetzt richtig oder meinen sie auch darin eine von mir weder beabsichtigte noch bewusst wahrgenommene Verballhornung zu erkennen? Wie lautet es denn ihrer Meinung korrekt?)

  32. Die Autorin heisst el Ouassil. Da ist ein O.

    Ich bin im Übrigen Soziologe. Den Konstruktivismus haben wir im ersten Semester abgehakt. Ich bin nicht aggressiv, ich bin bestimmt: Sie reden Unsinn. Gerade in Politik und Soziologe geht es um objektive Fakten. Sie hätten nur gern, dass man jeden Fakt relativieren kann, mehr nicht.

    Und darauf gibt es nur eine mögliche Gegenfrage: war die Shoah für Sie ein objektiver Fakt, oder ist da auch alles subjektiv?

  33. ‚Ich bin nicht aggressiv‘ und dann
    ‚war die Shoah für Sie ein objektiver Fakt, oder ist da auch alles subjektiv?‘

    Erfolgreich mit Goodwin eine Diskussion derailed.

    Und das es in der Politik um Fakten und nicht um Gefühle geht, halte ich auch für nicht richtig.

  34. Sie vermengen da eine ganze Menge Sachen recht willkürlich, vor allem führen Sie das Gefühl als Kategorie ein. Es ging aber um die Ausgangsthese, dass es keine objektive Realität gibt, schon gar nicht in der Politik, und dass mithin jeder Fakt eigentlich nur eine Meinung sei.

    Was, im Übrigen, genau die Argumentation aller Holocaustleugner ist. Mit Goodwin hat das also nichts zu tun, wenn man jemanden, der darauf beharrt, dass eigentlich alles Meinung sei, und kein Fakt, nach einem Fakt fragt, der besonders oft mit dieser Argumentation von sich gewiesen wird.

  35. Gefühle sind die subjektive Realität, und die Gefühle des Wahlvolkes sind in der Politik schon relativ wichtig, da es der Souverän ist.
    Dem Italienischen Wahlvolk ist das beispielsweise völlig egal, die Zustimmung für Herrn Salvini geht objektiv durch die Decke.

    Objektiver Fakt ist und bleibt im übrigen auch, dass der EuGH die Sperrung für gerechtfertigt hielt und kein Notfall vorlag, subjektiv war dagegen die Einschätzung von Frau Rackete.
    Subjektiv war auch die Wahl des Landes, das sich dann zu kümmern hat, immerhin gibt es auch in Tunesien UNHCR-Flüchtlingslager.

  36. „Gefühle sind die subjektive Realität“

    Nein. Realität ruft (manchmal) Gefühle hervor, aber Gefühle rufen nicht Realität hervor. Das ist esoterischer Mumpitz. Gefühle sind Empfindungen ÜBER etwas, nicht Urheber dessen, worüber man empfindet. (Mein Gefühl gerade: Entsetzen.)

    Objektiver Fakt ist auch, dass gerichtlich Haftaufhebung für Carola Rackete angeordnet wurde, da sie in Erfüllung einer Pflicht gehandelt und keine andere Wahl gehabt habe.

    Sehen Sie, nun reden wir über Fakten. Warum blenden Sie dieses Gerichtsurteil aus und beziehen sich immer nur auf das andere? Ja, hier liegen zwei widerstreitende Urteile vor. Woraus leitet sich ab, ob eines von beiden möglicherweise wertiger ist als das andere oder auch nicht?

    Und solange Sie nicht selbst Kapitän(in) eines Rettungsschiffs sind, muss man festhalten: Frau Racketes möglicherweise wirklich subjektive Entscheidung können Sie nicht kritisieren, nur weil andere vielleicht anders gehandelt hätten, oder Sie das subjektiv anders sehen. Soll doch das arme Tunesien sich darum kümmern, nicht das reiche Europa, ist es das, was Sie hier vertreten? Vertreten Sie überhaupt etwas? Sagen Sie doch mal.

  37. Mein Gerichtsurteil ist genauso faktisch wie ihres, von daher verstehe ich ihren besserwisserischen Ton nicht so ganz.
    Aber das geht ThomasM ja ähnlich.
    Frau Rackete hat als Nichtjuristin trotzdem nur geraten und gehofft, dass das italienische Gericht dem europäischen widerspricht, das eine kam ja vor dem anderen.
    Aber wenn ich sie entsetzte, hat ein Gespräch auch vielleicht keinen Sinn, kein Gespräch ist ja auch unter Umständen ihr Ziel, immerhin bieten sie dann ‚Rechten keinen Raum‘.
    Was aber nichts daran ändert, dass Frau Rackete als Wahlhelfer für Herrn Salvini agiert, ungewollt, aber objektiv.
    Wenn sie das gut finden, ist ja alles in Ordnung, und wir können das Gespräch beenden, aber wenn sie das blöd finden, sollte man schon mal über die Möglichkeit reflektieren, ob dieser Sachzusammenhang besteht und wie man damit umgeht.

    PS: Gefühle lösen Handlungen aus, die sind dann schon real, oder?

  38. #42 Stefan Pannor. Müssen wir hier wirklich nochmal Mx Webers Werurteilsstreit durchdiskutieren. Dass wir uns auf Fakten beziehen müssen, ist ja wohl klar. Dass aber politische Entscheidungen eben nicht durch Fakten präjudiziert werden, auch nicht. Der Holocaust ist ein Fakt, ob Deutschland heute deswegen Israel unterstützen muss (was ich unterstütze), ist eine politische Entscheidung.

    „Sehen Sie, nun reden wir über Fakten. Warum blenden Sie dieses [italienische] Gerichtsurteil aus und beziehen sich immer nur auf das andere [=EGMR]?“
    Kann man wirklich so argumentieren? Der Ausgangstext ignoriert das EGMR, das kritisieren welche, und denen wird jetzt vorgeworfen, sie ignorieren das andere Urteil!?

    „Und solange Sie nicht selbst Kapitän(in) eines Rettungsschiffs sind, muss man festhalten: Frau Racketes möglicherweise wirklich subjektive Entscheidung können Sie nicht kritisieren, nur weil andere vielleicht anders gehandelt hätten, oder Sie das subjektiv anders sehen.“

    Natürlich kann ich das kritisieren. Weil sich aus dem ganzen Kontext ergibt, dass hier eben auch eine politische Agenda verfolgt wird. Und diese politische Agenda färbt die Entscheidungen. Als Rackete sich durch die Notlage an Bord, obwohl Kranke bereits heruntergeholt worden waren, genötigt sah, die Einfahrt zu erzwingen, hatte sie bereits Wochen vor Lampedusa zu gebracht, obwohl sie wusste, dass die Einfahrt verboten war. Wenn „Seenotrettung ist kein Verbrechen“ so tut, als ob Unterstützung von Schlepperei, Verfolgen des Ziels politisch offener Grenzen oder beliebiges Aussuchen von Zielhäfen nicht mal mehr diskutiert werden kann, dann ist das eben Framing und kein Faktum.

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