Wir unterbrechen das Programm für etwas Aufmerksamkeit

„In Zukunft wird jeder 15 Minuten weltberühmt sein.“ Das versprach 1968 der amerikanische Künstler Andy Warhol, der Erfinder der reproduzierbaren Popkultur. In der Unterhaltungsindustrie der Massenmedien hätte demnach jeder Mensch einmal die Chance auf ein kleines bisschen große Aufmerksamkeit, die Möglichkeit, sich wie ein Star oder Promi flüchtig in der gesellschaftlichen, kulturellen Wahrnehmung zu sonnen.

Aber wann schafft man es, im täglichen Kommunikationsrauschen und im beständigen Bildersturm aller gleichberechtigt Geltungsbedürftigen stattzufinden? Und wie gelingt es einzelnen immer wieder, im Wahrnehmungs-Wettbewerb unser Interesse zu wecken? Dafür gibt es bis heute noch keine keine Formel – möglicherweise wird die CDU, die in Elmar Broks Chemiekulisse aktuell daran forscht, bald eines finden.

Wenn man danach strebt, nicht nur seinen Freundeskreis zu bespaßen, sondern eine kritische mediale Masse zu bewegen, gehört Selbstinszenierung dazu. Dabei bleiben allerdings oftmals die Akteure im blinden Fleck, die mit weniger Sendungsbewusstein oder Geltungsbedürfnis ausgestattet sind. Oder die schon deshalb keine Zeit haben, mit aufwendigen Darbietungen um Zuschauer zu ringen, weil sie zum Beispiel mit Lebenretten beschäftigt sind.

Wie gibt man diesen Menschen, die etwas Substanzielles zu sagen haben, die diese Aufmerksamkeit verdient hätten, weil ihre Tätigkeiten, Erfahrungen und Anliegen notwendig oder dringlich sind, diese Warholschen 15 Minuten und mehr?

Menschen in der Manege

In der vergangenen Woche haben Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf bei ihrer Spielshow „Joko und Klaas gegen ProSieben“ fünfzehn Minuten Sendezeit gewonnen, die sie frei gestalten durften. Um 20:15 Uhr tauchen am Mittwoch also statt der Serie „Grey’s Anatomy“ die beiden Moderatoren auf. Das Arbeitsehepaar informierte aufgekratzt über die Prämisse und die Narrenfreiheit, wie sie sonst nur Alexander Kluge in seinem Sendefenster besitzt. Nach einigen albernen Witzen erklären sie, dass sie Menschen zu Wort kommen lassen wollen, die wichtigere Dinge zu erzählen haben als sie.

Joko stellt in der Mitte des menschenleeren Studios einen Stuhl auf, dann nehmen nacheinander drei Gäste Platz und teilen mit den Zuschauern in jeweils vier bis fünf Minuten ihre Geschichten:

  • Die „Sea-Watch“-Kapitänin Pia Klemp berichtet von ihrer Arbeit bei der Seenotrettung im Mittelmeer. Sie erzählt von einem Kind, das an Bord ihres Schiffes gestorben ist und wie sie es in der Tiefkühltruhe aufbewahrte; dass das Schiff nun beschlagnahmt wurde; dass ihrer Crew und ihr Gefängnis drohe, da Italien sie der Schlepperei bezichtigt.
  • Dieter Puhl, der die evangelische Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo in Berlin leitete, schildert seine Erfahrungen mit Wohnungslosen, die in der Mission Zuflucht suchen.
  • Die Autorin Birgit Lohmeyer berichtet von ihrem Leben im mecklenburgischen Jamel, wo sie sich seit zehn Jahren mit konfliktfreudigen Neonazis als Nachbarn auseinandersetzen muss. Ihr Appell: Wehrt euch gegen Einschüchterungsversuche und verteidigt die demokratischen Werte!

Der mediale Zirkus öffnet seine Manege und setzt drei Gäste wie traurige Clowns in die beleuchtete Mitte. Die Kamera dreht sich um die Berichtenden; die Inszenierung umkreist buchstäblich das Thema. Es sind diese Kameraeinstellungen, die nicht direkt ins Gesicht filmen, der Verzicht auf kitschig-affizierte Großaufnahmen und der Anspruch, eine erzählerische und respektvolle Distanz zu wahren, die dem Ganzen seine Erhabenheit verleihen.

Ein Akt medialer Zärtlichkeit

Hinzu kommt der Umstand, dass dadurch der Zuschauer nicht direkt angesprochen wird. Die Worte richten sich zwar an ein Publikum, aber die drei schauen nicht ununterbrochen direkt in die Kamera. Dadurch laufen ihre Botschaften nicht Gefahr, anklagend zu wirken. Das gewohnte Fernsehdispositv einer frontalen Ansprache wird dekonstruiert. Wir wohnen dieser reduzierten, unaufgeregten Erzählung im Schein eines Lichtkegels bei. Fernsehen wird hier wieder als ein menschlich wärmendes Lagerfeuer gedacht.

Warhols Gedanke von der Viertelstunde wird normalerweise ernüchtert und ernüchternd verbunden mit dem vulgären Kurzlebigkeitsglamour opportunitischer Medienaufmerksamkeitsökonomien. Durch die Anordnung von Joko und Klaas verwandelt er sich in einen Akt medialer Zärtlichkeit. Zwei Prominente mit großer Medienöffentlichkeit nehmen sich selbst zurück und schenken ihre 15 Bonus-Minuten aus Respekt vor der Wirklichkeit Akteuren, die auf dem Unterhaltungsmarkt der Eitelkeiten sonst zu kurz kommen.

Dadurch wird aus dieser Viertelstunde eine Art John-Cage-Moment des deutschen Fernsehens, eine noble Störung des Stroms privaten Unterhaltungsfernsehens, die den satten audience flow in ununterbrochenes Zuhören und unvorbereitete Anteilnahme kanalisiert. Wir wohnen ausgerechnet auf einem Privatsender einer humanistischen Performance bei, inszeniert als drei mitnehmende Monologe über Rettung, Barmherzigkeit und Widerständigkeit.

Drei Menschen, die jeweils am Stück reden dürfen, ohne von Werbung, einem Moderator, einem Talkgast, Spielregeln, Zwischenfragen, Telefonanrufern, Spritzfett oder Publikumsapplaus unterbrochen zu werden – so etwas ist tatsächlich ein einzigartiger Vorgang im deutschen Fernsehen.

Schauen, ohne zu sehen

In der täglichen Bedeutsamkeits-Hierarchie aller audiovisuellen Inhalte gewinnen meistens die Informationen unsere Gunst, die gleichsam laut wie komfortabel sind. Wie verhält es sich aber mit dem, was so grotesk, so monströs, so brutal und so unredlich ist, dass wir es schon aus Selbstschutz emotional verdrängen? Susan Sontag fragte dies in ihrem über alle Zeiten großen Werk „Das Leid anderer betrachten“. Darin arbeitet sie sich an dem Dilemma ab, wie man Elend zeigen kann, wenn man es zeigen muss, um davon zu erzählen, ohne aber einerseits Voyeurismus zu bedienen und andererseits den Zuschauenden vor Scham oder Entsetzen emotional zu lähmen. Weil die Lautstärke des Sichtbaren das Gezeigte verstummen lässt.

Ist das Bild vom toten Baby zu unaushaltbar, lässt der Betrachter dieser Barbarei nicht zu, dass sie Teil seiner Welt und seiner Gedanken wird. Empathie funktioniert nur, so lange sie ertragen werden kann. Das Fernsehglas zwischen uns und politischer und existenzieller Gewalt schützt den Zuschauer wie vor Raubtieren im Zoo; es bewahrt davor, einen Bezug zur täglichen Brutalität herstellen zu müssen. Die Mattscheibe schafft einen blinden Fleck, indem sie uns alles anschauen, aber nichts sehen lässt.

Durch das Ausfiltern des realen Leidens verschwindet es in zufriedener Verdrängung und in Vorurteilen. Irgendwelche Ertrinkenden da im Mittelmeer; eingekotete Alkis, die selbst Schuld sind an ihrem Leid; ein paar Naziopfer irgendwo in Dunkeldeutschland, who cares. Jean-Luc Godard brachte es pessimistisch auf den Punkt: „Das Fernsehen hat immer nur Vergessen produziert.“

Das, was Menschen bewegt und bewegen sollte, was Menschen zum Handeln animiert, findet im Fernsehen nur dosiert oder kalkuliert statt. Fernsehen wird auch nicht für Menschen gemacht, sondern für Fernsehzuschauer. Im Grunde erwartet das Medium nicht einmal, dass wir es anschauen, das Medium schaut uns an, manchmal überdreht, manchmal abschätzig, manchmal müde.

Aber diese eine kleine Viertelstunde wurde für echte Menschen, nicht für Fernsehzuschauer gemacht – so fühlte es sich an. Gemacht für die Erzählenden, für die, über die sie berichten, und für alle, die solche blinden Flecke wahrnehmen möchten. Für diese Sichtbarmachung, um das Ungezeigte und Unzeigbare buchstäblich ins Spotlight zu holen, bedienten sich die Macher zweier Mittel: die Störung und den Botenbericht.

Die Unterbrechung fordert Aufmerksamkeit

Es war schlau und schön, diese Intervention als ein Störung der komfortablen Rezeptionssituation zu inszenieren, damit sie überhaupt Aufmerksamkeit bekommt.

Man kann nicht Zerstörung ohne Störung schreiben – und genau das war es, was da passierte: Die Zuschauererwartungen wurden zerstört, die Unterbrechung forderte Aufmerksamkeit ein, der Sender hatte nichts zu sagen, die Moderatoren hielten ihre Klappe, und der Zuschauer hörte zu.

Betrachtet man das Unterhaltungsprogramm bei ProSieben als den Versuch, uns etwa jede Viertelstunde das Produkt „Werbung“ zu verkaufen, stürmten die beiden wie Sendeminuten-Robin-Hoods mitten in diese Transaktion und vereitelten sie zur Primetime durch informationellen Altruismus.

Zudem wirkte diese Störung auf gewisse Weise „bildlos“, wenn man vom normalen Fernsehprogramm ausgeht. Sie erschuf eine Lücke, war auf einen leeren Stuhl reduziert, auf dem ein Berichtender Platz nahm. Derartige Botenberichte kennen wir eher aus dem Theater. Es ist ein Stilmittel des antiken Dramas, um Grausamkeiten auf die Bühne zu holen, die nicht gezeigt werden können, wie Krieg, Gewalt, Katastrophen.

Wenn wir im Fernsehen über humane Katastrophen sprechen, dann meist in einer Form, in der das Augenscheinliche als Bildschleife des Schreckens in unser Wohnzimmer dringt und reproduziert wird, bis das Visuelle derart abstrakt wird, dass es uns nichts mehr zeigt. Nachrichtliche Berichterstattung über Ungerechtigkeit und Leid, das Menschen anderen Menschen zufügen, ist immer abbildend und aktuell, aber niemals bildend und prinzipiell.

Es zählt das gesprochene Wort

Der meistgesagte Satz in deutschen Talkshows ist sicherlich „Jetzt lassen sie mich doch mal ausreden!“ Somit ist es ein kleines Naturwunder, dass hier zwei Moderatoren die Bühne frei machten und vorschlugen: „Jetzt lasst uns doch mal endlich zuhören!“

Es ist der Glaube an das gesprochene Wort in einem Medium, wo das Gesagte zumeist nur Platzhalter für tägliches Gerede ist. Und sieht man aktuell nicht auch am Erfolg von Podcasts und am Hype um YouTube-Videos wie dem von Rezo, dass es ein Bedürfnis danach gibt, ohne Unterbrechungen und Gegenmeinungen persönliche Geschichten und Zusammenhänge erzählt zu bekommen?

Der Zuschauer wird zum Zuhörer, die ganze Prämisse zwingt ihn von einem passiven Konsum zur aktiven, akustischen Rezeption. Womöglich haben das öffentlich-rechtliche und private Fernsehen zu sehr auf die vermeintlich unterhaltsamere Debattenkultur gesetzt, in der Diskurs als Dissens gedacht wird und die Abbildung von Diskurs von der Inszenierung als Dissens statt als Dialog lebt. So mit Zuhören und so.

Die traurige Ironie ist, dass diese performative Störung nur schwer reproduzierbar ist. Henning Sußebach hat auf Twitter angeregt, regelmäßig ein Fenster dieser Art zu öffnen, aber in dem Moment, wo diese Erzählung keine Störung mehr darstellt, in dem Augenblick, in dem sie erwartbar wäre, ähnlich wie Schweigeminuten nach Tragödien, würde sie in der Routine ertragbar genug werden, so dass der Zuschauer nicht mehr zuzuhören braucht.

Ich hoffe, das Joko und Klaas viel häufiger gegen das deutsche Fernsehen gewinnen, um noch ein paar mal das Unerwartbare unerwartbar zu machen.

4 Kommentare

  1. Ich hatte das Glück es nachträglich auf Youtube sehen zu dürfen und war sehr positiv überrascht. Das möchte ich öfter sehen.

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