Warum der Relotius-Bericht für den „Spiegel“ so verheerend ist

Der Abschlussbericht der Relotius-Kommission ist vernichtend für den „Spiegel“, und das ist gut so. Es ist gut, dass diese Kommission den „Spiegel“ erkennbar nicht schont, und es ist gut, dass der „Spiegel“ diese ausführliche, schonungslose Kritik selbst veröffentlicht.

Das ändert aber nichts daran, dass der Bericht verheerend ist. Es war von vornherein klar, dass es ein schmerzhaftes Dokument für das Nachrichtenmagazin werden würde. Aber es ist noch schlimmer.

Es ist erschütternd zu lesen, wie verliebt man beim „Spiegel“ in Claas Relotius und seine Märchen war – „von absolutem Zutrauen, zum Teil Bewunderung“ ist die Rede. Es ist verstörend zu lesen, wie massiv die Verantwortlichen sich gegen die Erkenntnis gewehrt haben, dass mit Relotius‘ Geschichten etwas nicht stimmt; wie sie die Aufklärung verschleppt und sich gegen kritische Fragen abgeschottet haben. Am furchtbarsten aber ist die Schilderung der Redaktionskultur im Haus, die kaum weiter entfernt sein könnte von dem nach außen getragenen Anspruch.

Zum Beispiel:

  • ein Gesellschaftsressort, das sich von den anderen Ressorts abschottet, Zusammenarbeit mit anderen und fachliche Unterstützung ablehnt,
  • eine Fixierung in diesem Ressort und offenbar auch in der Chefredaktion auf Journalistenpreise,
  • eine Dokumentation, die anders, als sie selbst immer behauptet hat, keineswegs alle Texte gründlich prüft,
  • die sich von der Nettigkeit von Kollegen blenden lässt,
  • die weiß, dass sie im Gesellschaftsressort nur eine notdürftige Schein-Dokumentation installiert hat,
  • ein redaktionelles Klima, in dem intern genau das verpönt ist, was nach außen der Markenkern ist: das kritische Nachfragen.

Da ist, zum Beispiel, die Furcht, es sich mit Vorgesetzten oder Kollegen zu verscherzen – eine Furcht, die absolut berechtigt scheint, wenn man sich ansieht, wie die damaligen Leiter des Gesellschaftsressorts, Ullrich Fichtner und Matthias Geyer, mit dem Whistleblower Juan Moreno umgegangen sind. An diesem Klima scheint sich auch nach dem Fall Relotius noch nicht grundsätzlich etwas geändert zu haben, jedenfalls klagen die Verfasser des Berichtes, dass sich nur wenige „Spiegel“-Redakteure namentlich äußern wollten.

Es gab nicht nur ein blindes Vertrauen gegenüber Relotius und größte Skepsis gegenüber Moreno, der immer neue Indizien und Belege vorlegte, dass Relotius‘ Reportage über eine Bürgerwehr an der Grenze zwischen den USA und Mexiko in weiten Teilen fake ist. Es ist auch verräterisch, wie Fichtner gegenüber der Kommission ein Gespräch mit Moreno schildert:

„Er hat allerdings, das muss dann nun auch mal auf den Tisch, die Gelegenheit genutzt, diffuse Drohungen auszusprechen. Er raunte, dass der Fall womöglich bald öffentlich werde, dass ihn, Moreno, bereits eine Journalistin kontaktiert habe, dass die Leute der Miliz Klagen gegen den SPIEGEL planten, solche Dinge. Seine eigene Rolle dabei blieb diffus, es war aber klar, dass er andeuten wollte, womöglich selbst illoyal zu werden. Ich habe ihm deshalb nicht nur gesagt, dass er ‚Partei‘ sei, was er im juristischen Sinne ja auch war; ich sagte ihm aufgrund seiner zum Teil ziemlich schmierigen Drohungen auch, und zwar mehr oder weniger wörtlich: Juan, ganz ehrlich, du klingst grade wie eine Figur aus einem Mafiafilm.“

Worin genau die „schmierigen Drohungen“ bestanden, steht nicht in dem Bericht, aber wie entlarvend ist das, was Fichtner Moreno konkret vorwirft: Die „diffusen Drohungen“ scheinen sich ja vor allem darauf zu beziehen, dass Moreno das bevorstehende Ungemach ankündigt: Journalisten, die recherchieren! Über den „Spiegel“! Er fordert von einem Kollegen „Loyalität“ – nicht der Wahrheit gegenüber, dem „Spiegel“ gegenüber.

„… wird das die Geschichte des Jahres“

Man ahnt an vielen Stellen den Größenwahn, die Eitelkeit und die Selbstüberschätzung der Verantwortlichen. Wenn es etwa heißt, dass Fichtner, der zu diesem Zeitpunkt nur designiertes Mitglied der Chefredaktion war, von Geyer „schon als Chefredakteur angesehen wurde“ und „sich selbst als Chefredakteur empfand“. Wenn dieser Fichtner die Transplantation der ehemaligen Redaktion des „Spiegel Reporter“-Magazins als neues Gesellschaftsressort 2001 so beschreibt: „Wir sind hier reingekommen wie Israel in die arabischen Gebiete und hatten sofort einen Sechstagekrieg“ – kleinere historische Vergleiche wären für das Ungemach einer betrieblichen Umorganisation für diese Leute wirklich nicht angemessen.

Wie besoffen von sich selbst und der eigenen Bedeutung diese „Spiegel“-Leute waren, und welche zweifelhaften Auswirkungen das für den von ihnen produzierten Journalismus haben konnte, erahnt man angesichts eines E-Mail-Wechsels, aus dem die Kommission zitiert. Geyer, Relotius und Moreno planen darin die Reportage, die das Schicksal eines Flüchtlings mit dem eines Jägers kontrastieren soll:

„Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land (…) Sie setzt ihre Hoffnung auf ein neues, freies gutes Leben in USA (…) Es muss eine sein, die mithilfe eines Kojoten über die Grenze will (…) Die Figur für den zweiten Konflikt beschreibt Claas (…) Dieser Typ wird selbstverständlich Trump gewählt haben, ist schon heiß gelaufen, als Trump den Mauerbau an der Grenze ankündigt hat, und freut sich jetzt auf die Leute dieses Trecks, wie Obelix sich auf die Ankunft einer neuen Legion von Römern freut (…) Wenn ihr die richtigen Leute findet, wird das die Geschichte des Jahres.“

Es wurde dann wirklich die Geschichte des Jahres, nur anders. Die Kommission fügt hinzu, dass „solch detaillierte Anweisungen nach Drehbuch nach Angaben einiger Mitarbeiter unüblich“ seien. Immerhin.

Blind im „selbstreferenzielle System der medialen Blase“

Jenseits der Frage, warum die konkreten Sicherungsmechanismen beim „Spiegel“ versagten, formuliert die Kommission aber auch diesen grundsätzlich beunruhigenden Befund:

Innerhalb eines selbstreferenziellen Systems der medialen Blase war niemand in der Lage, das Unwahrscheinliche in Relotius’ Texten als Fälschung zu vermuten oder gar zu erkennen.

Die Kommission zählt am Ende ihres Berichtes mehrere Beispiele auf für „Manipulationen“, bei denen es sich nicht um Fälschungen, sondern (nur) um Verfälschungen handele: Wie in Berichten zeitliche Abläufe verändert wurden, wie Orte verschmolzen wurden, wie Fakten weggelassen, ausgeschmückt, verdreht wurden. Nach diesen kurzen Beispielen erwähnt die Kommission jeweils die Antwort der Autoren auf ihre Vorwürfe, und an mehreren Stellen, an denen man als Leser erwarten könnte, dass die zumindest heute, rückblickend, formulieren: „Stimmt, das war falsch, das hätten wir auf keinen Fall machen dürfen“, steht stattdessen ein Wachsweiches: Ja gut, das hätte man vielleicht auch anders machen können, aber es ist ja nicht komplett falsch.

Die Kommission kritisiert vieles, was dem „Spiegel“ schon lange von außen vorgeworfen wurde: Wie Fakten passend gemacht werden, um zur These zu passen oder zur Dramaturgie oder Schönheit einer Geschichte. Ein Gefühl für die Abgründe, auf die die Kommission bei der journalistischen Kultur des „Spiegel“ gestoßen ist, vermittelt eine abwegig wirkende Empfehlung, die sie gibt: Nach dem Zufallsprinzip soll jede Woche nicht nur ein Stück aus dem zukünftigen „Spiegel“ ausgewählt werden, das ganz besonders gründlich geprüft wird, sondern auch eines, das von der Dokumentation nicht geprüft wird:

Jeder Autor muss also so arbeiten, als wäre er die letzte Instanz. Hintergrund ist, dass immer wieder die Vermutung geäußert wurde, dass die Arbeit der Dokumentation bei Redakteuren zu Bequemlichkeit führe.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das wirklich praktikabel ist, aber es lässt tief blicken, dass die Kommission glaubt, solche Maßnahmen könnten notwendig sein, um „Spiegel“-Redakteure dazu zu bringen, Artikel zu schreiben, die nicht erst nach einer weiteren Faktenkontrolle publikationsreif sind.

„Die Kritik- und Fehlerkultur im Haus ist nicht sehr ausgeprägt“

Einiges, was die Kommission an Mängeln beim „Spiegel“ aufzählt, betrifft sicher nicht den „Spiegel“ allein. Aber unter anderem an dieser Stelle zeigt sich, dass einige der Probleme auch Folge einer Privilegierung sind, von der andere Medien nur träumen können. Ein Dokumentar schilderte der Kommission,

dass „nicht selten“ kurz vor Druck Fakten vom Dokumentar so hingebogen werden sollen, dass ein Text „gerade eben nicht mehr falsch ist“, um eine These zu retten, die in einer Konferenz vorgestellt wurde.

Das offenbart eben nicht nur ein erschütterndes journalistisches Selbstverständnis, sondern auch ein groteskes Luxusdenken: Dass muss man sich erst einmal leisten können, hochqualifizierte Mitarbeiter zu beschäftigen, die Fakten entsprechend hinbiegen.

Es ist nicht alles furchtbar in diesem Bericht. Manches ist auch lustig, wenn auch nur unfreiwillig. Wenn etwa der frühere „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer mit den Worten zitiert wird: „Man habe nie Preise gezählt, jedoch habe die ‚Zeit‘ 2015/16 weit vorn gelegen; das habe man aber dank des Gesellschaftsressorts in den letzten beiden Jahren drehen können.“

Die Kommission formuliert zahlreiche Empfehlungen, die der „Spiegel“ umsetzen sollte. Es sind nicht nur Empfehlungen, um einen weiteren Fall Relotius zu verhindern, sondern auch Empfehlungen, um die Qualität des „Spiegel“ zu verbessern, und spätestens wenn man diesen Bericht gelesen hat, hat man keinen Zweifel, dass das nötig ist. „Die Kritik- und Fehlerkultur im Haus ist nicht sehr ausgeprägt“, formuliert der Bericht, und das ist natürlich eine Untertreibung und keine Neuigkeit, aber trotzdem gut, dass es dort steht.

Der Kommission begegnete immer wieder der Satz: „Ich möchte niemanden anschwärzen.“ Oder: „Ich möchte meinen Kollegen nicht misstrauen.“ Darin liegt ein grundlegendes Missverständnis. Es geht nicht um Anschwärzen oder Misstrauen. Es geht um Qualitätskontrolle.

Das ist ein Gedanke, der erstaunlicherweise nicht nur dem „Spiegel“ immer noch fremd ist. Vielleicht sorgen der Bericht der Kommission und die Erschütterung durch den Relotius-Skandal dafür, dass sich das ändert.

Der Bericht sollte Pflichtlektüre in Redaktionen und an Journalistenschulen werden. Als warnendes Beispiel. Und dank erfreulich klarer Sätze wie diesen, von denen man fälschlich dachte, dass sie selbstverständlich sind:

[…] alles ist unzulässig, was nur im Kopf des Journalisten existiert. Die Dramaturgie einer Geschichte – und natürlich muss ein Text eine Dramaturgie haben – muss der Wirklichkeit folgen. Widersprüchliches gehört zur Wirklichkeit und macht einen Text nicht unrund, sondern interessant.

Für den „Spiegel“ kann dieser Bericht kein Endpunkt der Aufarbeitung sein, er muss der Anfangspunkt eines radikalen Reformprozesses sein. Und Ullrich Fichtner und Matthias Geyer sollten in der Zukunft des Nachrichtenmagazins keine herausragende Rolle mehr spielen.

13 Kommentare

  1. „Eine These (zu) retten, die in einer Konferenz vorgestellt wurde“: Ist das nicht, in nucleo, eines der größten Probleme der starken Hierarchien, beim Spiegel, bei anderen Medien, an Unis: dass, schon bevor recherchiert und geforscht wurde, Ergebnisse quasi feststehen müssen, um überhaupt einen Auftrag zu bekommen?

    Weil eben die mit dem Geld (Vertrieb, Management) anschaffen, was die unten herausgefunden haben werden, bevor die den ersten Handschlag getan haben.

  2. Mich wundert inzwischen überhaupt nichts mehr. Der Fall Relotius und die Zustände beim Spiegel sind eines von vielen Symptomen eines fundamentalen Problems. Viele andere Symptome kommen hinzu. Nur um ein aktuelles weiteres Beispiel zu geben, aus der Feder von Robert Fisk:

    For in the last few days, there has emerged disturbing evidence that in its final report on the alleged use of chemical weapons by the Syrian regime in the city of Douma last year, the OPCW deliberately concealed from both the public and the press the existence of a dissenting 15-page assessment of two cylinders which had supposedly contained molecular chlorine – perhaps the most damning evidence against the Assad regime in the entire report. […] It is difficult to underestimate the seriousness of this manipulative act by the OPCW. […] It’s a tactic that until now seems to have worked: not a single news media which reported the OPCW’s official conclusions has followed up the story of the report which the OPCW suppressed.

    https://www.independent.co.uk/voices/douma-syria-opcw-chemical-weapons-chlorine-gas-video-conspiracy-theory-russia-a8927116.html

    Der letzte Satz enthält die schlimme Wahrheit in Bezug auf die Medien: Eine hochbrisante Nachricht [die nicht ins Narrativ passt] wird verschwiegen. Immerhin: Dass ein so renommierter Journalist wie Robert Fisk seine Kritik in einer so renommierten Zeitung wie dem „Independent“ veröffentlichen kann, ist ein Lichtblick – ein Lichtblick in einer großen Dunkelheit.

    Wie gesagt: Man könnte hunderte und tausende weitere Beispiele für eklatantes Medienversagen finden, und Zustände wie die beim Spiegel dürften zumindest einen Teil des Versagens erklären.

    Wir sollten uns eingestehen, dass es zahlreiche fundamentale, systemische Probleme mit den Medien gibt, die guten Journalismus oftmals sehr erschweren oder verhindern und schlechten Journalismus begünstigen. Wir sollten uns auf dieser Basis überlegen, wie man das System so umgestalten kann, so dass guter Journalismus die Regel wird. Wir haben es nicht mit einem gut funktionierenden System zu tun, das an der Peripherie die eine oder andere Schwäche aufweist, sondern mit einem in erheblichem Maße dysfunktionalen System.

  3. Dass beim Spiegel schon immer vieles so hingebogen wurde, dass es die vorher dramaturgisch festgelegte These bestätigt, war eigentlich schon lange klar. Aber wie der Bericht der Untersuchungskommission auch an Beispielen jenseit der überaus offensichtlichen Relotius-Schwindeleien schonungslos darlegt – incl. der einsichtslosen Reaktionen von Verantwortlichen, erschreckt mich doch. Und der Spiegel ist keineswegs ein Einzelfall. Das Denken, die Welt so zu beschreiben, wie man sie sich in realitätsfernen Redaktionsstuben vorstellte, nicht wie sie ist, ist leider gerade in deutschen „Meinungsblättern“, gerade in HH, sehr verbreitet. Leider. Mindestens genauso in den Online-Ablegern. Um das zu ändern braucht es mehr als nur selbstverständliche Grundregeln unseres journalist. Handwerks wieder in Erinnerung zu rufen. Auch Leute in den jew. Führungen, die sich allein dem verschreiben. Sonst geht es mit der ohnehin stark angeschlagenen Glaubwürdigkeit der etablkerten Medien endgültig die Elbe hinunter. Fichtner und Geyer können ja wohl keinen Tag länger mehr beim Spiegel auch nur irgendwas machen. Cord Schnibben, der das alles dort installiert hat, gehört auch vom Sockel geholt.

  4. @ LLL #2
    Sehr gutes Beispiel! Und wo der schlechte Journalismus „seriöser“ Medien im vornehmen Verschweigen oder geschickten Verdrehen besteht, lügt ein Julian Röpcke von BILD beim selben Thema eben offen und ungeniert. Er ist aber durchschaubarer, weil er seine Zielgruppe für zu dumm hält, selbst die Unstimmigkeiten innerhalb seines einzelnen Machwerks zu erkennen. Seriös sein bedeutet oft, nur Widersprüche zwischen verschiedenen Texten erkennen zu lassen.
    Relotius lebt, nicht nur, aber auch beim Spiegel.

  5. @ Andreas Müller:

    Es gibt ohne Zweifel zahlreiche Faktoren, die ein „politisches“ wie auch „unpolitisches“ Versagen der Medien begünstigen. Strukturen, Muster und Tendenzen, wie sie beim Spiegel herrsch(t)en, dürften jedenfalls zum Teil auch bei anderen Medien zu finden sein, wenn vielleicht auch in abgeschwächter Form, und entsprechend negative Auswirkungen habe. Hinzu kommen natürlich noch andere Mechanismen. (Zum Beispiel Abhängigkeit vom politischen Entscheider-Milieu, Eigentums- und Kontrollverhältnisse usw.)

    Man weiß nicht, wo man bei einer Problemanalyse und Reformvorschlägen anfangen und wo man aufhören sollte. Eine breite, kritische mediale Selbstreflexion wäre hier dringend geboten. Ohne Reformen oberflächlicher und (!) fundamentaler Strukturen und Prozesse wird es m.E. nicht gehen, wenn man guten Journalismus möchte. Die Frage wäre allerdings, ob die Medien dazu bereit sind und sich das leisten können und wollen.

    Zum Duma-Thema:
    Da kommentierte Jonathan Cook:

    „The leaked OPCW engineers‘ assessment is confirmed as genuine, which means the final report actively concealed evidence that the Douma chemical attack was staged by jihadists and the White Helmets.“

    Caitlin Johnstone bemerkt zur Relevanz:

    „This should be a major news headline all around the world, but of course it is not. As of this writing the mass media have remained deathly silent about the document despite its enormous relevance to an international headline story last year which occupied many days of air time. It not only debunks a major news story that had military consequences, it casts doubt on a most esteemed international independent investigative body and undermines the fundamental assumptions behind many years of western reporting in the area.“

    Ich bin mal gespannt, wie die deutsche Medien (noch) auf die Nachricht reagieren. Nein, das ist Rhetorik. Ich bin nicht gespannt. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass ich die Antwort jetzt schon kenne: Die Medien werden dieser hochbrisanten Information nicht einmal moderate Aufmerksamkeit widmen, sondern sie (nahezu) vollständig verschweigen. Wie so viele relevante bis höchst relevante Neuigkeiten, die nicht ins jeweilige Narrativ passen. Es ist zum Verzweifeln.

    (Nur nebenbei: Als ich hier mal auf einen Artikel der Journalistin Karin Leukefeld hinwies, die (wahrheitsgemäß) referierte, dass russische Experten den Angriff für eine Inszenierung hielten, wurde dieser Journalistin von einem anderen Kommentierenden das Verbreiten von Desinformation vorgeworfen. Schon die Behauptung, dass es sich um eine Inszenierung gehandelt haben könnte, wurde durch diese Person als durch und durch abwegig dargestellt. Der geleakte OPCW-Bericht legt nahe, dass es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit um eine Inszenierung gehandelt hat, auch wenn wir natürlich keine letzte Sicherheit haben.)

  6. @LLL #4
    Ich habe mich schon länger intensiv auch in englischsprachigen Foren über das putzig arrangierte und in #2 verlinkte Foto ausgetauscht, das von zahlreichen internationalen „Journalisten“ wie Julian Röpcke verbreitet wurde. Mein Argument, dass der Gas-Behälter (den Röpcke dummerweise auch noch als „Trägerrakete“ bezeichnet hat) unmöglich durch irgendein Dach gedrungen sein kann, wurde überall von äußerst selbstbewussten Propagandisten als „vorgefasste Meinung“, „Verschwörungstheorie“ et al. abgetan. Viele dieser Leute müssen notwendig über das Stadium hinaus sein, wo sie ihren eigenen Worten noch glauben. Das aufgetauchte OPCW-Dokument passt da natürlich hervorragend ins Bild.
    Und es geht ja an anderen Stellen einfach weiter mit dem Schmu: Im Titel der letzten Woche hat der Relotius-SPIEGEL suggeriert, er wolle seinen Lesern mitteilen, was Angela Merkel weltpolitisch bedrückt. Der Artikel tut aber nur so, als gäbe er ihre Weltsicht wieder. Vielmehr legt er dem Leser eine Weltsicht nahe, und der Kanzlerin legt er nahe, was sie zu tun hat: Aufrüstung und Auslandseinsätze, also ‚more of the same‘.

  7. @Nr. 2 LLL
    „Wir haben es nicht mit einem gut funktionierenden System zu tun, das an der Peripherie die eine oder andere Schwäche aufweist, sondern mit einem in erheblichem Maße dysfunktionalen System.“

    Sie haben recht. Also Lügen- und Lückenpresse. Keine neue Erkenntnis.

  8. @ Anderea Müller:

    Wie gesagt: Es ist zum Verzweifeln. Was soll man dazu noch sagen. Man könnte im Hinblick auf den geleakten, aber von den Medien ignorierten OPCW-Bericht sonst noch Media Lens zitieren:

    „A news article in the small-circulation Morning Star is the only other exception to the craven silence in the national press. The overwhelming media acquiescence for Western foreign policy is surely a performance that the old Soviet press of Pravda, Izvestia, et al. could only have dreamt of.“

    Den von Ihnen verlinkten Spiegel-Artikel habe ich jetzt nicht gelesen, um meine Laune nicht noch mehr zu verderben, glaube aber einfach mal Ihrer Zusammenfassung. Wie Uwe Krüger es einmal sinngemäß formuliert hat: Wird die Bundesregierung in sicherheitspolitischen Belangen kritisiert, dann aus der Perspektive der NATO, Washingtons und transatlantischer Eliten, weit weniger aber aus Sicht einer mehrheitlich weit militärskeptischen Bevölkerung.

    Dabei ist ja per se nichts dagegen zu sagen, wenn die Medien solche Positionen vertreten. Problematisch ist es, wenn solche Sichtweisen aber fast exklusiv sind. Und noch problematischer ist es, wenn entscheidende Perspektiven oder sogar „Rohinformationen“, die nichts ins entsprechende Bild passen, marginalisiert oder ganz werden. Wenn es also beispielsweise verschwiegen wird, dass ernstzunehmende Argumente dafür sprechen, dass ein westlicher Militärschlag auf eine Lüge beruht.

    @ Blinse:

    Der Begriff „Lügenpresse“ ist natürlich problematisch, weil er suggeriert, dass Medien typischerweise bewusst lügen. „Lückenpresse“ im Sinne Teuschs dürfte es besser treffen, auch wenn es natürlich Beispiele für bewusste Lügen jedenfalls von Seiten mancher renommierter Medien gibt (siehe z.B. Berichterstattung zum Leistungsschutzrecht).

    Was man aber wohl sagen kann ist, dass, wenn die Mächtigen sich irgendwo weitgehend einig sind, die Medien die starke Tendenz haben, die jeweilige Politik als vernünftig und alternativlos darzustellen und „nicht passende“ Informationen unten zu halten. Zugespitzt gesagt: Die Medien kontrollieren nicht so sehr die Mächtigen, sondern betreiben Propaganda für sie. Das ist etwas vereinfacht und übertrieben formuliert, trifft den Kern der Sache aber doch ganz gut. (Wer es komplexer und differenzierter haben will, mag beispielsweise das auch von Übermedien positiv rezensierte Buch „Mainstream“ von Uwe Krüger lesen.)

    Und zu diesen „politischen“ Verzerrungen kommen noch viele andere schädliche Faktoren hinzu, wie etwa jetzt der Fall Relotius zeigt (wobei diese Faktoren aber natürlich selbst wiederum politische Folgen haben können). Bereits strenge Hierarchien dürften einen erheblichen Konformitätsdruck erzeugen. Ulrich Teusch berichtet von einem Gespräch mit einem Alpha-Journalisten, bei dem dieser ihm erklärte, dass er gar nicht darauf schaue, ob der Journalist von seiner politischen Haltung her zu seiner Zeitung passe. Teusch („Lückenpresse“) berichtet:

    Auf meine Nachfrage, wie er denn mit hochqualifizierten Bewerbern umgehe, dieeine von der Grundlinie seiner Zeitung sichtbar abweichende politische Haltungerkennen ließen, antwortete er: »Das bereitet mir die geringsten Sorgen. Da vertraue ich ganz auf die sozialisierende Wirkung einer großen Redaktion.« […] Realistisch betrachtet ist es so: Wer mit abweichenden, eigensinnigen Überzeugungen in eine Redaktion eintritt, in der ein relativ homogenes Meinungsbild herrscht, wird sich früher oder später anpassen müssen. Legt man Wert auf eine gewisse Selbstachtung,kann man sich einreden, dass man sich von den guten Argumenten der Kollegen habe überzeugen lassen. Doch die Wahrheit ist profaner. Es ist anstrengend, auf Dauer zermürbend, den redaktionsinternen Dissidenten zu spielen, der die anderen mit seinem scharfsinnigen Widerspruch zu beeindrucken sucht oder mit seinem ständigen Diskussionsbedarf von der Arbeit abhält. Leichter ist es, dem Druck nachzugeben, sich einzufügen, seinen Platz zu finden, einer der ihren zu werden. Obendrein dürfte es der Karriere förderlicher sein. Man merkt schnell, was in diesem Kreis als diskutabel gilt und was nicht. Selbst wenn man sich insgeheim »seinen Teil denkt«, gibt man sich nach außen konform. […] In Gang gesetzt wird die Spirale für gewöhnlich durch die Chefs, die Elite-Journalisten also. Redaktionsintern spielen sie die Leitwölfe. Wenn sie sich zu einer Sache äußern, mag das nicht gleich in Stein gemeißelt sein, aber es dürfte fraglos eher Zustimmung als Widerspruch auslösen. »Aha, da geht’s also lang«, werden sich die Subalternen sagen, »gut zu wissen«.

    Das scheint alles sehr plausibel. Und klar, dass man sich dann nicht nur mit seiner Meinung politisch zurückhält, sondern es vielleicht auch nicht wagt, den von den Vorgesetzen so geschätzten Relotius allzu hart in Frage zu stellen.

  9. Ja, Enten gab es schon vor der Relotius-Posse.
    Was nichts daran ändert, dass Relotius das ganze Elend des Haltungsjournalismus offenbart.

    Wenn die Wahrheit zur schönsten Nebensache der Welt wird, dann haben Obskuranten freie Bahn. Wer will sie aufhalten?
    Anhand welcher Kriterien will man die entlarven?
    Eben.

    Und deshalb wird das so weiter gehen. Nur eben nicht so offensichtlich.

  10. Wenn Thomas Hass und Steffen Klusman in den Bemerkungen zum Abschlussbericht immer noch schreiben der Spiegel hätte „Fehler gemacht, die gemessen an den Maßstäben dieses Hauses unwürdig ist. “ dann haben Sie immer noch nichts verstanden. Sie sind nicht an zu den angeblich so hohen Maßstäben ihres Hauses sondern an der niedrigst denkbarer jornalistichen Messlatte überhaupt gescheitert: Die Wahrheit zu schreiben. Diese Leute betreiben immer noch Legendenbildung sie machen immer noch so weiter.

  11. Meines Erachtens ist der Journalismus ein tragender Pfeiler unserer Demokratie. Dementsprechend müssen wir ihm dieselben Maßstäbe anlegen.
    Seit Jahren ist der deutsche Journalismus, insbesondere die Arbeit des Spiegels, für mich immer Vorzeigeschild in Europa, wenn nicht sogar weltweit gewesen. Das gilt insbesondere im Vergleich mit der italienischen Medienlandschaft. Ich gebe zu, ich dürfte in diesem Zusammenhang eine ähnliche Arroganz an den Tag gelegt haben wie die Chefredaktion des Spiegels. Ähnlich tief war der Fall. Ich kann einen Fehler verzeihen, wir sind schließlich alle nur Menschen. Allerdings scheinen die hier dargestellten Reaktionen seitens des Spiegels auf ihr „Vergehen“ nicht nachvollziehbar und haben mich , so amüsant es sich anhören mag, in meinen Grundpfeilern erschüttert.
    Jedoch haben sich mich auch in meiner Haltung bestätigt, dass wir einen „neuen“ Journalismus brauchen. Journalismus, ebenso wie Politik, muss transparent und nachvollziehbar sein, soweit dies beispielsweise bei investigativen Recherchen möglich ist. Etablierte Medien und Verlage müssen sich unser Vertrauen jeden Tag auf’s Neue verdienen.
    Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass „kleinere“ Medien wie übermedien, correctiv oder netzpolitik (und in manchen Bereichen auch Thilo Jung) diese neue Form des Journalismus bereits umsetzen. Vielleicht lernt Goliath noch rechtzeitig von David, bevor der ihn endgültig ausknockt?

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.