Die schwierige Aufgabe der Relotius-Bewältigung

Die Relotius-Kommission beim „Spiegel“ kann noch nicht sagen, wann sie ihren Bericht vorlegen wird. Clemens Höges, Blattmacher beim Nachrichtenmagazin und eines von drei Mitgliedern dieses Gremiums, wollte sich nur auf „bald“ festlegen. „Wir sehen nicht, warum wir uns unter Zeitdruck setzen lassen sollen“, sagte Höges. Es kämen immer noch neue Hinweise herein; „wir lassen keinen Stein auf dem anderen.“

Höges wollte auch noch nichts über irgendwelche Erkenntnisse sagen, wie Claas Relotius jahrelang Artikel voller Fehler und Erfindungen im „Spiegel“ unterbringen konnte. Auch zu möglichen Konsequenzen wollte er sich nicht äußern. Die Ergebnisse wolle der „Spiegel“ zuerst mit seinen Leuten und Lesern diskutieren. Sie sollten das nicht aus Branchendiensten erfahren.

Ob der fertige Bericht der Kommission veröffentlicht wird, konnte Höges nicht sagen: Sie arbeite im Auftrag von Geschäftsführung und Chefredaktion des „Spiegel“, die dann entscheiden müssten, was sie damit machen. Die Kommission habe mit sehr vielen, auch nicht unmittelbar Betroffenen gesprochen, deren Namen teilweise nicht in die Öffentlichkeit gehörten. Neben Höges sind die frühere Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“, Brigitte Fehrle, und der neue „Spiegel“-Nachrichtenchef Stefan Weigel Mitglieder der Arbeitsgruppe.

von links: Clemens Höges („Der Spiegel“), Daniel Puntas („Reportagen“), Michael Ebert („SZ-Magazin“), Anne Kunze („Die Zeit“), Stephan Lebert („Die Zeit“), Marc Neller („Welt“). Foto: Jens Twiehaus

Höges nahm an einem Panel des „Reporter-Forum“ teil, das am Freitag und Samstag in den Räumen des „Spiegel“ sein jährliches Treffen abhielt. Unter dem Titel „Betrug am Leser, Betrug an der Redaktion – wie damit umgehen?“ sollte auch „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Kluesmann mitreden; der musste allerdings stattdessen an einer Strategietagung des Verlages teilnehmen.

So blieben in dieser Diskussion große Leerstellen, die der „Spiegel“ nicht ausfüllen konnte oder wollte. Zum Beispiel die Frage, wie es sein konnte, dass das Nachrichtenmagazin ein – wie sich herausstellen sollte: teilweise gefälschtes – Interview mit einer Überlebenden der „Weißen Rose“ veröffentlichte, obwohl es dafür keinerlei Dokumentation gab. Der ORF-Nachrichtenmoderator Armin Wolf sagte: „Das hat mich fassungslos gemacht, als Leser und beruflich.“

Höges: „Das Interview hätte nicht gedruckt werden dürfen.“

Höges erwiderte: „Jedes Zitat im ‚Spiegel‘ muss autorisiert werden – das ist Standard. Im Notfall tut’s auch eine Aufnahme auf Tonband.“ In diesem Fall aber gab es nichts dergleichen. „Das hätte nicht gedruckt werden dürfen.“ Warum es trotzdem gedruckt wurde, wollte er – mit Verweis auf den Bericht, dem er nicht vorgreifen wollte – nicht sagen.

Frustrierte Nachfragen, wie der „Spiegel“ bei all diesen ungeklärten Fragen öffentlich schweigen kann und die Kommission nicht einmal Zeitdruck sehen will, wehrte Höges ab: „Wir haben schon sehr viel offengelegt“, zum Beispiel in einer ganzen Titelgeschichte. „Das ist nicht wenig.“ Die Redaktion habe „sehr positive Reaktionen von Lesern“ für ihre Aufklärungsarbeit bekommen.

War es nicht falsch, dass ausgerechnet Ulrich Fichtner den Artikel geschrieben hat, in dem der „Spiegel“ den Fall Relotius öffentlich machte? Fichtner war einer der Vorgesetzten und Förderer des Reporters. Höges: „Kann man drüber streiten.“

Auch mehr Kontrolle könne so einen Betrug nicht ganz ausschließen

Auf den Vor…

11 Kommentare

  1. Der langjährige „Spiegel“-Redakteur Cordt Schnibben bemerkte, dass der Vorwurf an die Reportage, die Wirklichkeit in einfache Narrative zu zwängen, ebenso als Narrativ erzählt werde.

    Billige Retourkutsche…

  2. Ich glaube nicht, dass es Cordt Schnibben war. So eine seltsame Aussage traue ich eher Georg oder Wilhelm zu!

  3. Mich irritiert, dass Cordt Schnibben, den ich als Reporter mal sehr geschätzt habe, der dann aber beim Spiegel den Boden für Wahrheitserfinder wie Relotius bereitet hat, und der das ja offensichtich bis heute iO findet und es womögl. auch in seiner Reporter-Online-Schule lehrt, bei Euch eine Kolumne schreiben darf. Er sollte erst einmal in sich gehen und Selbstkritik üben. Erst dann werde ich wieder etwas von ihm lesen.

  4. Schon wieder bleiben Blasenbewohner unter sich.
    Schon von der personellen Besetzung zum Scheitern verurteilt.

    Die, die es angeht; die vergrätzten Leser nämlich und die, die die Presse wiederholt der Lüge überführt haben; die alternativen Medien, läßt man selbstredend außen vor.
    Sonst gäbe es noch an thematisch anderen Stellen so richtig aufs Maul.
    Was die Damen und Herr*innen Diskutanten natürlich instinktiv ahnen.

    So wie jetzt wird das eine (weitere) folgenlose Laberrunde weitab jeglichen öffentlichen Interesses, welche nur das eigene schlechte Gewissen beruhigen soll.

    Streng genommen braucht man diese Leute und deren Häuser überhaupt nicht mehr.

  5. Die „Relotius-Bewältigung“ ist eine schwierige, weil systemimanente Problematik des SPIEGEL.
    Es ist ja kein Zufall, dass seine Geschichten immer den gleichen politischen Drall hatten.
    Nicht vorstellbar, dass dieser Geschichtenerzähler sich beipielsweise der Thematik massenhafter Asylmissbräuche angenommen hätte. Seine Geschichten waren schön ausgeschmückt, aber politisch immer berechenbar einseitig und eckten daher im SPIEGEL auch nie an.

    Ein guter Journalist beschreibt die Dinge von allen Seiten und bedient keine Klischees.

  6. Klischees sind ja noch nicht mal das Problem.
    Eher die völlig einseitige politische Ausrichtung, die sich in der Berichterstattung mittlerweile völlig von der Realität und damit den Adressaten entfernt hat.

    Nach deren ersten Unmutsbekundungen über die Beiträge des Mainstreams zur Grenzöffnung und die heftigen Angriffe der Journalisten auf deren Kritiker, über die steigende Wut der Kommentierenden bis hin zur Abschaltung fast aller deutschen Kommebntarspalten in den Medien sind jetzt vier Jahre ins Land gegangen.
    Und jetzt will man die Leute durch irgendwelche kosmetischen Maßnahmen und eine Handvoll Bauernopfer wieder zurückholen?

    Kein Mensch, der noch bei Trost ist, nimmt doch von denen noch ein Stück Brot, wenn er sich erst einmal von seiner langjährigen Beziehung zu seiner lokalen Zeitung oder einem überregionalen Magazin, sei es Print oder öffentlich-rechtlich, verabschiedet hat.

    Das kittet man nicht mehr.

  7. Mir kommt es ja mittlerweile so vor, dass das behaupten von „völlig einseitiger politischer Ausrichtung, die sich in der Berichterstattung mittlerweile völlig von der Realität und damit den Adressaten entfernt hat.“ schon ausreicht. Fakten oder so interessieren da nicht, bissken Stimmung machen und in einer der wenigen nicht abgeschalteten Kommentarspalten dann das Gift versprühen.

    Ein weiteres Problem ist auch, dass es Abseits vom Mainstram die Lügen- und Ideologiedichte noch intensiver wird.
    https://www.volksverpetzer.de/social-media/fake-lachende-muslime/
    Sowas hier zum Beispiel. Da werden munter Dinge erfunden um ins Narrativ zu passen.

    Wie ich imemr sage, es gibt keine „Alternativ“-Medien, -Medizin oder wasauchimmer. Was der Relotius gemacht hat ist schlicht KEIN Journalismus, nicht etwa schlechter Mainstreamjournalismus. Daher passt die Journalisten-Sippenhaft hier auch nicht.

  8. @Anderer Max

    Ihr Posting ist so geschlossen links und gefüllt mit linken Standardphrasen und Vokabeln, daß man ihn gut zur Erklärung der Misere als Beispiel anführen könnte.
    Völlig offensichtlich für jeden außerhalb Ihres Meinungsbiotops.

    Das Problem ist nun aber, daß es gerade Leute wie Sie sind, die es anhand eines solchen Postings erklärt bekommen müssten.
    Das wäre aber „Idem per idem“….funktioniert also nicht.
    Sie bleiben somit also unerreichbar.

    So wie die Leute vom Spiegel, die sich seit Jahren wundern, wieso ihnen die Leser weglaufen, obwohl sie ihnen täglich ins Gesicht schlugen.
    Müssen nach ihrem Selbstverständnis bei solch irrationaler Handlungsweise also alles Rechte sein.
    Und die gilt es nun zu bekämpfen….wie man an der heutigen Online-Ausgabe ja auch sieht.
    Und an der gestrigen.
    Und Vorgestrigen.
    Und….

    @Vannay

    Einen Wikipediaartikel zu benutzen, um die Causa Relotius zu erklären, hat was.

    „Wir haben beide Sorten Musik…. Country und Western!“
    Dem Jesus sein Freund ist auch manchmal dem Piloten sein „Co“.

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