Das große Freizeiträtsel

Jeder Streifzug durch meinen Bahnhofskiosk ist wie ein Besuch im Presse-Hospiz. Die Zeitschriften betteln mich an, schleudern mir Schlagzeilen entgegen, die immer das Gleiche schreien: Nimm mich mit! Es steht schlecht um mich! Kauf mich, sonst droht mir der Tod!

Die Verkaufszahlen für fast alle Zeitschriften gehen seit Jahren nach unten, auch die Garten- und Landtitel sind inzwischen infiziert. Ich habe mich deshalb mal unter den Zeitschriften umgesehen, die im vorigen Quartal mehr Hefte und mehr Abos verkauft haben. Mit dabei, wie immer: Georg, einer von diesen Männern in mir, die feministischer sind als viele Feministinnen, und Wilhelm, der Nonkonformist in mir.

Es ist okay, man kann sich lustig machen über diese Zeitschriften, die mit Journalismus so viel zu tun haben wie ein Heiratsschwindler mit einem Familienvater, Claas Relotius mit einem Reporter oder Donald Trump mit einem US-Präsidenten. („Da ist sie, die Arroganz gegenüber Leuten, die anders denken und wählen als man selber!“ / Wilhelm)

Aber: Trump ist US-Präsident. Und die „Freizeitrevue“ hat mehr Käufer als der „Spiegel“; „Freizeitwoche“ hat 100.000 Mehrkäufer als der „Stern“. Noch schlimmer: Die Auflage von „Freizeit total“ stieg im ersten Quartal 2019 um 28,1 Prozent (im Vergleich zum selben Quartal des Vorjahres); die Auflage des „Stern“ fiel um 12,6 Prozent, die von „Geo“ um 9,3 Prozent. („Ihr schreibt zu viel für euch und zu wenig für die Leute!“ / Wilhelm). Die Auflage von „Freizeit Rätsel“ stieg um 10 Prozent.

Um es kurz zu fragen: Warum?

Ein Rätsel? Nun ja, ein Rätsel von der Sorte: Warum stimmen die Briten für den Brexit („Das Rätsel könnte ich lösen!“ / Wilhelm), warum wählen Deutsche AfD, warum schauen die Leute „Berlin Tag&Nacht“ oder „Köln 50667“ auf RTL 2, warum können Männer Fußballspiele im Stadion nur betrunken genießen, warum lassen sich Frauen die Brüste vergrößern? („Mensch, Cordt, willst du es dir in dieser Woche mit allen verderben?“ / Georg)

Meterweise Klatsch. Foto: Cordt Schnibben

Vor einem Zeitschriftenregal zu stehen und 27 Zeitschriftentiteln (es können auch mehr sein) mit dem verlockenden Namen „Freizeit“ in immer neuen verlockenderen Variationen auseinander zu halten, ist eine kulturelle Leistung. Wer könnte „Zeit total“ von „Zeit exklusiv“, „Zeit pur“ oder „Zeit für alle“ auseinanderhalten? („Zeit links“ und „Zeit rechts“ würde mir reichen!“ / Wilhelm) Oder die Magazine „Freibier für alle“ von „Freibier total“, „Freibier pur“ von „Freibier exklusiv“? („Was ist mit ‚Spätburgunder‘?“ / Georg).

Zumal sich die Freizeithefte bemühen, gleich auszusehen, gleiches Logo, gleiche Farben, gleiche Themen, gleiche Promis: Meghan, Kate, Jauch, Helene, Fürst XY, Prinzessin sowieso. Gleiche Titel-Schlagwörter: „ganze Wahrheit“, „schockierend“, „große Sorge“, „Glücksnachricht“, „enthüllt“, „erschütternd“, „Nackt-Skandal“. Und immer schön Ausrufezeichen drüber kippen.

Im Inneren der Hefte dieselbe Themenmischung: Promis, Mode, Reise, Ratgeber, Gesundheit, Kochen. Und? Rätsel! „37 Superrätsel!“ „Riesen-RätselSpaß – einzigartig!“ „Mehr Rätsel hat keiner!“

Günther Jauch: „Das ist oft schon Hardcore“

Das große Rätsel: Warum hat „Freizeit total“ ein Auflagenplus von 28,1 Prozent und „Freizeitwoche“ nur ein Plus von 2,4 Prozent? Es wird sicher nicht daran liegen, dass die „Freizeitwoche“ vom Hamburger Landgericht zu 50.000 Euro Entschädigung für die Schauspielerin Sandra Bullock wegen frei erfundener Interviews verurteilt wurde.

Das zweitgrößte Rätsel: Glauben die Leserinnen von „Freizeit A“ und „Freizeit B“ („Sorry, Frauen, sind überwiegend Frauen!“ / Wilhelm) an die Glaubwürdigkeit der Unterhaltungsware? („Sind den Wählern von Trump nicht auch dessen Lügen egal?“/Georg)

Für Günther Jauch, oft Titel-Held der Freizeitkolonie, ist klar:

„Alles, was im Yellow-Bereich rumläuft, kann man für meine Begriffe alles vergessen. Wer da rumblättert, wer die Fotos schick findet, der soll das meinetwegen machen. Aber da tue ich mich auch schwer, die entsprechenden Kollegen, die ja auch als Journalisten gelten, (…) als solche zu bezeichnen. Die Berufsbezeichnung ist ja nicht geschützt, und das ist oft schon Hardcore, wenn man die als Kolleginnen und Kollegen ansehen soll. Ansonsten: Qualitätsjournalismus ist eigentlich für mich überall da, wo ich merke, dass Menschen sich redlich bemühen, Dingen auf den Grund zu gehen.“

Das drittgrößte Rätsel: Warum ziehen Millionen von Deutschen (etwa 9 Millionen pro Woche) vor, mit Hilfe der Regenbogenpresse erfundenen Vorgänge in Königspalästen auf den Grund zu gehen als Dingen, die ihnen schaden? („Vielleicht liegt es daran, dass ihr Dingen zu selten auf den Grund geht?“ / Wilhelm)

Im Bahnhofskiosk meines Vertrauens sind diese Hefte zu finden unter der Rubrik „Klatsch und Tratsch“. Das ist ein Teil der Antwort. Ein anderer Teil liegt in dem schönen Spiel mit der Wahrheit, das uns Mats Schönauer auch hier auf Übermedien immer wieder vorführt.

Ist damit das Rätsel gelöst? Nein, was bleibt, ist der rätselhafte Blick auf mein Volk, das „große, weiche, empfindliche Ungeheuer“ (Hans Magnus Enzensberger) und der ermunternde Zuruf der Kiosk-Verkäuferin, als ich mit einem Arm voller Freizeitheftchen abzog: „Lesen ist immer gut!“

3 Kommentare

  1. So abwechslungsreich ich die neue Art des Bahnhofkioskes mit den unterschiedlichen, lesenswerten Autoren finde, so unterirdisch finde ich leider Herrn Schnibben. Dieses „Spiel“ (?) mit den unterschiedlichen Persönlichkeiten ist weder lustig oder sonst irgendwie erhellend, sondern einfach nur nervig, die vielleicht sogar interessante Kritik der besprochenen Hefte tritt dadurch völlig in den Hintergrund. Ich erspare mir die Kolumne zukünftig.

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