Auch Opfer unter den Toten

Sagt Ihnen der Name Habil Kılıç etwas? Vielleicht Süleyman Taşköprü? Nein? İsmail Yaşar? Wie ist es mit Beate Zschäpe? Da haben Sie sicher ein Bild vor Augen und erinnern auch, dass ihre Anwälte Sturm, Stahl und Heer heißen.

Über Habil Kılıç, Süleyman Taşköprü und İsmail Yaşar weiß auch ich persönlich gar nichts. Die drei sind Opfer der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund, kurz: NSU. Doch ihre Namen, im Gegensatz zu denen der Täter, kennen nur sehr wenige. So ist es auch mit Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Mehmet Turgut, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat. Oder Michèle Kiesewetter. Die kennt man vielleicht noch am ehesten. Schon mal irgendwo gehört. Aber sonst?

Gedenkstufen, Breitscheidplatz Foto: Leonardabraham / Wiki / CC BY-SA 4.0

Neuer Versuch: Was fällt Ihnen zu Sebastian Berlin, Angelika Klösters und Dorit Krebs ein? Sie starben im Dezember 2016 nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz. Ihre Namen sind in die Stufen zur Gedächtniskirche graviert, tausende Menschen laufen täglich dort drüber. Doch hängen bleibt vor allem der Name des Mörders.

Das ist keine Klage gegen Sie. Ich selbst kenne die Namen nicht. Denn die Art, wie Medien terroristische Attacken aufarbeiten, sorgt dafür, dass wir so wenig über die Opfer, aber viel über die Täter wissen. Wie in Christchurch.

Am Freitag wurden nach bisherigen Angaben 50 Menschen bei einem rechtsextremen, antiislamischen Terrorakt ermordet, live auf Facebook übertragen. Dank der unermüdlichen Arbeit nicht nur der „Bild“-Zeitung wissen wir nun, wie der Tatverdächtige aussieht, was ihn möglicherweise bewegte, was er in sein Pamphlet schrieb, und wir kennen sein Waffenarsenal sowie Bilder seines Mord-Streams.

Der offenbar digital Radikalisierte nutzte das Internet als verlängerten Arm seines Terrors, und Medien reproduzieren die Inszenierung, womit sie eine unheilvolle Spirale der Aufmerksamkeit in Gang setzen. Für den Täter. Was drei Probleme mit sich bringt, wie auch vergangene Anschläge und der Umgang mit ihnen zeigen.

Problem 1: Es inspiriert Nachahmer

Unabhängig von Blattlinie, ökonomischen Interessen oder Zielgruppen: Medien sollten Serienmörder, Amokläufer und Terroristen nicht durch Berichterstattung adeln oder glorifizieren. Doch seitdem deren Taten thematisiert werden müssen, geschieht genau das. Vor einer Woche jährte sich der Amoklauf von Winnenden zum zehnten Mal. Er ist auch ein Beispiel medialen Versagens, nach dem sich viele Journalisten selbstkritisch gaben und Besserung gelobten. „Bild” aber hat offenbar nichts daraus gelernt – oder will es nicht.

Britta Bannenberg, Professorin für Kriminologie an der Universität Gießen und Profiler-Beraterin beim BKA, schreibt in ihren Artikel „Amokläufer und Terroristen“ von 2016 zur Verantwortung der Journalisten:

„Medien stehen bei der Berichterstattung über aktuelle Amoktaten und Terrorakte vor der Herausforderung, Fakten zu berichten, die von hohem allgemeinem Interesse sind und deshalb große Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und der Gefahr, Nachahmer und Trittbrettfahrer zu animieren. Gut wäre deshalb insbesondere in den ersten Tagen eine zurückhaltende, nüchterne Berichterstattung, die relevante Fakten mitteilt, hysterische Übertreibungen jeder Art jedoch vermeidet. Das bedeutet: Jedwede Spekulation über Motive der Täter ist zu unterlassen, erst recht, wenn dadurch ein Verständnis oder gar eine Billigung für die Aktion des oder der Täter durchschimmert (z. B. Amoktäter war Mobbingopfer, Attentäter war traumatisiert). Gerade Rechtfertigungen der Gewalt, die mit der Realität nichts zu tun haben, laden geneigte Personen zur Identifikation ein.“

B.Z. am 16.3.3019 (von uns verpixelt)

Dennoch titelte die Berliner Boulevardzeitung B.Z. am Samstag:

„Auf der Waffe des Massenmörders von Neuseeland steht ,For Berlin’. Er tötete Unschuldige aus Rache für den Terror am Breitscheidplatz”.

Daneben der ernst blickende Mann, der sich „nur“ rächen wollte.

Die ganze Titelseite, gepflastert mit der Perspektive des Täters, der vermeintlich für Gerechtigkeit sorgen wollte: Das ist keine journalistische Einordnung. Da wird die Propaganda eines Terroristen übernommen. Das ist brachial.

Bannenberg schreibt:

„Die prominente Darstellung von Bild und Namensnennung auf der Titelseite regt Nachahmer aber besonders an. Sie sehen, dass man auch mit einer gesellschaftlich äußerst negativ bewerteten Tat ,berühmt’ und bekannt werden kann, was sie ja gerade anstreben.”

Ein Foto nicht zu veröffentlichen, ist das eine. Doch wie sollten Medien mit dem Manifest umgehen, das dem Täter zugeschrieben wird? Dies war nach Christchurch eine besondere Herausforderung.

Der größte Teil des Textes ist so genanntes Shitposting: massenhaft Inhalt, der Leser nur provozieren und in die Irre führen soll, wie der Journalist Robert Evans für „Bellingcat“ aufgedröselt hat. Zudem enthält er jedoch Referenzen und Formulierungen, die wie eine Hundepfeife oder der Radar einer Fledermaus nur Mitglieder einer bestimmten Community entschlüsseln und verstehen. Das schmeichelt den Eingeweihten und verspottet die Ahnungslosen, erklärt Kevin Rules in der „New York Times“.

Wer solche Inhalte ohne Einordnung verbreitet, stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl radikalisierter Terroristen und solcher, die es noch werden könnten. Um es ganz deutlich zu schreiben: Einen Text, der zu Terrorakten inspirieren soll, sollten Zeitungen nicht prominent veröffentlichen.

Problem 2: Die Angst vor der Konkurrenz

Bei dem Attentat von Christchurch war das publizistische Echo vom Täter kalkuliert. Sowohl Manifest als auch Video dienen als kommunikative Fortsetzung seiner Gewalt, und wer es weiterverbreitet, mach sich zum Komplizen. Doch aus Angst, im Kampf um Aufmerksamkeit selbst zu kurz zu kommen, folgen viele Journalisten immer noch der Medienstrategie der Terroristen. Ihre Leser machen sie damit zu Rezipienten dieser Attentats-Pornographie; für Mitgefühl oder Trauer bleibt wenig Platz.

Im Januar 2015 kam es in einem koscheren Supermarkt in Paris zu einer antisemitisch motivierten Geiselnahme und der Ermordung von vier Menschen. Die französische Zeitung „Le Monde“ veröffentlichte damals ein Foto des Terroristen, der lässig neben seinem Maschinengewehr sitzt. Das bereue er, erklärte Chefredakteur Jérôme Fenoglio später dem Online-Magazin „The Conversation“. Nach dem Anschlag in Nizza im Juli 2016 habe er Videos und Selfies der Terroristen bewusst nicht gezeigt:

„Their deaths give a supplementary dimension to these documents that they prepare in advance and circulate everywhere. I don’t want to republish these documents because it means to play, to be imprisoned, to be a victim of their own games.”

Es ist keine Selbst-Zensur, sondern ein Zeichen von journalistischer Souveränität, die ästhetische Deutungshoheit eines Täters zu durchbrechen. Wie das gehen kann, hat nach Christchurch die „Mopo“ gezeigt.

Problem 3: Die Opfer als abstrakte Masse

Die Zahl von Toten und Verletzten zu nennen, eine Mordstatistik, ein „auch Deutsche unter den Opfern” – das macht aus den Ermordeten eine abstrakte Masse, die zur falschen Zeit am falschen Ort war. Diese Entmenschlichung menschlicher Ziele wollen Terroristen erreichen. Indem wir die Geschichten der Opfer erzählen, ihnen und ihren Angehörigen Stimmen geben und ihr Andenken wahren, nehmen wir dem Terror seine größte Waffe: Indifferenz.

Derartige Anschläge sind Angriffe auf uns. Wenn Juden in einer Synagoge in Pittsburgh attackiert werden, Muslime in Christchurch oder Besucher eines Weihnachtsmarktes in Berlin. Wenn 49 Menschen in einem Gay-Night-Club in Orlando erschossen, Frauen in Toronto systematisch überfahren und Satiriker und Konzertbesucher in Paris getötet werden: Das alles gilt unserem zivilen Leben und den Werten unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft wie Gleichberechtigung, Freiheit der Religion, der Liebe oder der Kunst.

Das müssen wir persönlich nehmen – nicht aus Geltungsbedürfnis oder deplatziertem Narzissmus, sondern aus Empathie und Verständnis, dass jeder Terrorakt eine Attacke auf alles ist, was uns menschlich macht. Und deswegen müssen wir es persönlich nehmen, wenn mehr über die Täter als über die Opfer gesprochen wird.

Die Biographien aller 130 Opfer des Anschlags auf die Pariser Konzerthalle Bataclan hat Laurent Joffrin, Mitherausgeber der französischen Zeitung „Libération“ veröffentlich, mit Einverständnis der Familien. Die Namen und Geschichten der Opfer von Christchurch sammelte der Detroiter Jura-Professort Khaled A Beydoun auf Twitter. Er begründet es bei Al Jazeera“ so:

„If we don’t tell our stories, the history of mainstream media affirms time and again, nobody will. Muslims are typically newsworthy when villains – not victims. And Islamophobia is perpetuated by portraying Muslims, whether victims or villains, as a faceless, nameless, and monolithic bloc.

By profiling the victims, I simultaneously challenged that damning stereotype, and dodged the booby trap set by the media-hungry terrorist. (…)

I still don’t know the name of the terrorist. Nor do I care to know it.“

22 Kommentare

  1. „Über Habil Kılıç… weiß auch ich persönlich gar nichts“
    Ich hatte mal bei ihm eingekauft, der Laden ist gerade einen Kilometer von meiner Wohnung entfernt. Ich habe mich immer gefragt, wie um alles in der Welt die beiden Gestalten aus Jena auf diesen unscheinbaren Lebensmittelladen hinter einer Baumreihe an einer großen Ausfallstraße im Münchner Südosten gekommen sein sollen.
    Die von einer überregionalen Provinzzeitung verbreitete Idee, dass es lokale Tippgeber und Helfer gegeben haben muss, schien mir deshalb sehr einleuchtend. Der Artikel weckte die Erwartung, dass diese Helfer des „NSU“ praktisch von den Bäumen zu pflücken seien:
    „Jetzt führt die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen. ‚Wir gehen allen Hinweisen nach‘, heißt es dort. Auch, um mögliche Kontakte des Zwickauer Trios in die Münchner Szene zu erkennen und Hintermänner zu finden.“

    Was soll man dazu sagen, dass bei all den wichtigtuerischen Ermittlungen der Bundesanwaltschaft, im mehrjährigen Prozess, in all den aufgeregten Artikeln journalistischer Rechts-Jäger rein NICHTS herausgekommen ist, was die Erwartungen und Vermutungen dieses zeitnah am 29.11.2011 erschienenen Artikels in irgendeiner Weise bestätigen würde? Totale Fehlanzeige! Alles was kam, waren immer nur solche Artikel, die so taten, als wäre irgendetwas ermittelt worden, als wären die Hoffnungen auf die versprochene Aufklärung erfüllt worden, als sei die so unwahrscheinliche und abenteuerliche Geschichte wasserdicht erwiesen, als wären die geweckten Erwartungen erfüllt worden.
    Und dann sind da natürlich noch all die anderen phantastischen Bestandteile dieser Großgeschichte. Es sieht ja an keinem anderen der vielen unglaublichen Tatorte wirklich besser aus als hier im Münchner Osten. In Kassel beim zufällig anwesenden Verfassungsschützer Andreas Temme nicht, auch nicht beim „Phantom von Heilbronn“, das lange vor dem NSU sein sagenumwittertes Unwesen getrieben hat und gegen alle Kenntnisse der DNA-Analyse von Journalisten in ’seriösen‘ Medien in seinem phantastischen Tun begleitet und unterstützt wurde. Mehr dazu hinter meinem Namen.

  2. So zynisch das klingt: Als Opfer eines Amoklaufes oder eines Terroranschlags wird man nicht zur Person der Zeitgeschichte; als Täter schon. Ich glaube, daran lässt sich auch nichts ändern. Die Opfer werden ja nicht als Personen angegriffen, sondern als Exemplare einer Gruppe (dekadente Ungläubige auf dem Breitscheidplatz, Agenten der Islamisierung in Christchurch). Verständlich, dass der Blick hier auf die Tat, den Täter und seine Rechtfertigung fällt. Und wie will man den 3.000 Toten vom 11. September individuell gedenken? Ihre Namen stehen irgendwo an einer Wand – der Name Mohammed Atta muss nirgendwo stehen, um bekannt zu sein.

    Die Opfer eines solchen Terroranschlags waren in gewisser Weise zur falschen Zeit am falschen Ort (auf dem Breitscheidplatz hätte es auch mich erwischen können – zwei Stunden vorher war ich dort gewesen). Nur bei politischen Morden im klassischen Sinne ist das anders – da sind die Opfer schon bekannt, bevor es sie trifft (Julius Caesar, Kronprinz Franz-Ferdinand, Rosa Luxemburg, etc.).

  3. Nachtrag: Es ist ein so altes wie zweckloses Unterfangen, böse Taten zu bekämpfen, indem man die Schurken der Vergessenheit ausliefert. Im alten Rom gab es die Praxis der damnatio memoriea: Dazu verurteilte Personen wurden aus sämtlichen Aufzeichnungen gestrichen, etwaige Statuen und Inschriften an öffentlichen Gebäuden wurden getilgt. Einer der Verdammten war Kaiser Nero – er ist bis heute sprichwörtlich.

    Judith Schalansky schreibt in ihrem (sehr empfehlenswerten) Buch „Verzeichnis einiger Verluste“:

    Eine Vergessenskunst ist aber ein Ding der Unmöglichkeit, weil alle Zeichen Anwesenheiten darstellen, selbst wenn sie auf Abwesenheiten verweisen. Beinahe jeden, den im Römischen Reich der Bann der damnatio memoriea traf, behaupten die Enzyklopädien mit Namen zu kennen.“

    Ähnliches dürfte – bezogen auf die heutige Öffentlichkeit – für Täter wie Atta, Amri, Breivik, etc. zutreffen. Man kann sie nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängen, weil sie Taten begangen haben, die dieses Bewusstsein bewegen.

    Das Zitat von Khaled A Beydoun finde ich übrigens bedenklich. Und wenn er den Namen des Täters wirklich nicht kennt, dann ist das nicht seiner inneren haltung zu verdanken, sondern einer Berichterstattung, die eben – anders als behauptet – den Opfern mehr Raum einräumt als dem Täter.

  4. @Kritischer Kritiker
    Kleine Erbsenzählerei am Rande:
    Die Bezeichnung Kronprinz für Franz Ferdinand ist nicht ganz korrekt. Kronprinz war Rudolf, der einzige Sohn von Kaiser Franz Joseph I. Nach Rudolfs Selbstmord gab es keinen Kronprinzen mehr, sondern „nur“ noch Thronfolger.

  5. Wenn man sich die Namen der Opfer nicht merken kann, wäre es vielleicht auch gut, den Täter nicht namentlich zu nennen und auch keine griffigen Ersatzbezeichnungen (Kettensägenmörder, Todesfahrer …) zu verwenden. Ich frage mich, welchem Leser nützt der Name eigentlich was? Allerdings frage ich mich auch generell, ob es irgendwie hilfreich ist, wenn viele Menschen wissen, wer was wann wem angetan hat. Klar, wenn die Information Folgetaten vermeiden hilft, gerne, aber wenn’s vorwiegend dem Tratsch dient, könnte das gerne verboten werden.

  6. Wir Zivilisten sollten etwas finden das dem „Un-Sub“ dem Unknown Subject des FBIs entspricht…weil Täter(bezeichnungen) sehr emotional
    sind und verhindern das Ermittlern mit klaren Blick ermitteln!
    Für uns Zivilisten gilt dementsprechend das man uns nicht benutzen kann um politische Eintags-Beruhigungsfliegen durchzusetzten!

  7. Ob man für „Täter“ oder „Angreifer“ irgendwelche schmissigen Ersatzwörter braucht, glaube ich auch nicht, aber Zeitungen haben die Gewohnheit, niemals zweimal dasselbe Wort zu verwenden. (Was vllt. genau das Problem an der Stelle ist.)

    Andrerseits kann ich mir unmöglich alle Namen von Hitlers Opfern merken. Das tut mir natürlich für die Opfer leid, aber es geht halt nicht.

  8. @2
    Ich glaube schon, dass wir es als Öffentlichkeit in der Hand haben, wen wir zur Person der Zeitgeschichte erklären. Wen etwa der Name eines Attentäters nicht genannt wird, bleibt die Person namenlos, das macht es schon schwierig.

  9. Weder die Hackfresse des Faschisten, weder seinen Namen, weder seine kranken Gedanken noch eine einzige Szene aus dem Stream will ich kennen. Die einzigen drei Namen die ich mir dazu merken möchte sind Abdul Aziz, Naeem Rashid und Daoud Nabi. Wann immer ich in mit Sicherheit naher Zukunft die widerliche Hetze der Islamfeinde vorgesetzt bekomme, werde ich die Namen Abdul Aziz, Naeem Rashid und Daoud Nabi als Beispiel für Muslime nennen, deren Selbstlosigkeit sehr weit über das Maß des durchschnittlichen Hetzers hinaus ging und jedem Menschen, der sich nicht von seinem Hass zerfressen lässt als Beispiel für tief verwurzelte Mitmenschlichkeit dienen sollte.

    „Während der Imam sich um die Moschee-Besucher kümmerte, schnappte sich Abdul Aziz ein Kreditkarten-Lesegerät als improvisierte Waffe und rannte aus dem Gebetshaus auf den Attentäter zu. Der habe in diesem Moment sein leer geschossenes Sturmgewehr vor der Moschee auf den Boden geworfen und sei zu seinem Auto zurückgegangen, sagt Aziz. Daraufhin habe er das Karten-Lesegerät in seine Richtung geworfen und sich zwischen den Autos versteckt.

    Wenig später eröffnete der Attentäter wieder das Feuer. Doch Aziz gelang es, sich die weggeworfene Waffe zu greifen. Er habe den Attentäter angeschrien: „Komm her, komm her“, sagt der 48-Jährige. „Ich wollte, dass er sich auf mich konzentriert.“

    Doch der Attentäter habe sich wieder der Moschee genähert. Daraufhin sei Aziz ihm gefolgt, sagt er. „Als er mich mit der Waffe in der Hand sah, ließ er seine Waffe fallen und rannte zurück zu seinem Auto.“ Aziz verfolgte ihn weiter und schlug mit der Waffe die Heckscheibe von Tarrants Wagen ein. Danach lief er weg, der Attentäter fuhr davon.“
    […]
    Zu den Helden von Christchurch gehört auch Mian Naeem Rashid. Der Pakistaner soll sich dem Attentäter in der Al-Nur-Moschee in den Weg gestellt haben – und bezahlte dafür mit seinem Leben. Jetzt will Pakistan ihn dafür auszeichnen.

    „Pakistan ist stolz auf Mian Naeem Rashid, der den Märtyrertod starb, als er versuchte, den weißen rechtsextremen Terroristen zu überwältigen. Sein Mut wird mit einer nationalen Auszeichnung gewürdigt werden“, twitterte Pakistans Premierminister Imran Khan.

    Auch Hadschi-Daud Nabi gab in der Moschee wohl sein Leben für andere. Der Afghane warf sich laut Berichten von Überlebenden in die Schusslinie. Der 71-Jährige wollte andere retten und kam dabei ums Leben.“

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/christchurch-attentat-in-neuseeland-abdul-aziz-verfolgte-den-attentaeter-a-1258295.html

  10. @P SKIZZLE: Wieso ist Pakistan stolz auf einen Neuseeländer, der mutig versucht hat, einen rechtsextremen Mörder zu stoppen? War dieser Mann auch stolz auf Pakistan? Warum hatte er Pakistan überhaupt verlassen?

  11. P Skizzle, ist ja schön wie couragiert Du hier loslegst (Hackfresse, Faschisten, widerliche Hetze, Islamfeinde). Aber leider schon wieder zu spät; das Pauschalierungs- und Instrumentalisierungsverbot ist schon wieder aktiviert.

    Sicher, der Massenmord von Christchurch hatte das Potenzial zu einer großartigen Aufklärungskampagne. Nur kam gleich die blöde Utrecht-Petitesse dazwischen und damit müssen die die Sache medial schon wieder downgraden.
    Zwar erfüllen die Medien ihre Pflicht und tun alles, um die Unterschiede herauszuarbeiten (Body-Counting, Terror vs. Beziehungstat), aber wirkt doch alles krampfig.
    Je mehr die beim gleichen Verbrechen (Mord) verschieden Maßstäbe ansetzen, umso mehr wird die Verlogenheit sichtbar.
    Denn Mord ist Mord ist Mord.
    Und ein Leben ist ein Leben ist ein Leben.

  12. Klingt ein bisschen so, als sollte man sich aus moralischen Gründen mehr mit den Opfern als mit den Tätern befassen. Ich würde es pragmatischer begründen: Ich begreife einfach viel besser, was da wirklich passiert ist, wenn ich nicht nur nackte Opferzahlen konsumiere, sondern die Tragik der vielen Einzelschiksale wahrnehme. Wir sind halt in unserer Auffassungsgabe leider so beschränkt, dass uns z.B. die Info „6 Millionen ermordete Juden“ weniger erschüttert als das Schiksal eines einzigen jüdischen Mädchens, das für uns im Tagebuch der Anne Frank nachvollziehbar wird.

  13. „Sicher, der Massenmord von Christchurch hatte das Potenzial zu einer großartigen Aufklärungskampagne“
    Sie meinen nicht wirklich Aufklärung, oder? Aufklärung wird immer nur versprochen, besser noch: umfassende oder rückhaltlose Aufklärung. In Wahrheit findet sie bei Terror selten statt: eines von vielen Mustern.
    Das war schon beim linken Terror der 70er Jahre so. So ist es beim rechten Terror auch, und der teilt dieses Muster (und andere) pikanterweise auch mit dem islamistischen Terror.
    Steckt bei den verschiedenen Terror-Marken unter der Haube überall derselbe Motor?

  14. @13: Ja, ein Diesel aus Kraft-durch-Freude-Stadt.

    „In Wahrheit findet sie bei Terror selten statt“
    Mein Eindruck ist eher, dass rechter Terror meist versucht wird kleinzureden und zu verschleiern nicht zuletzt weil oftmals Ermittlungsbehörden selbst mit drinstecken.
    RAF hingegen bekommt jährliche Gedenkverstaltungen, auch nach >50 Jahren. Weil das kann man frei und ohne Konsequenz öffentlich verurteilen, ohne z. B. Polizei oder Stammwählerschaft auf die Füße zu treten, denn da gab es keine staatlichen Verflechtungen.
    Das ist. m. E. das, was medial immer als „struktureller Rechtsradikalismus“ bezeichnet wird, nämlich dass die Strukturen in alle Säulen der Demokratie hereinreichen und so Aufklärung verhindern.

  15. Weil das kann man frei und ohne Konsequenz öffentlich verurteilen, ohne z. B. Polizei oder Stammwählerschaft auf die Füße zu treten, denn da gab es keine staatlichen Verflechtungen.

    Mein Ironiedetektor liefert gerade kein klares Ergebnis, daher – ist das ernst gemeint?

  16. @14
    „RAF hingegen bekommt jährliche Gedenkverstaltungen,…denn da gab es keine staatlichen Verflechtungen“
    Sie sind mir ja ein toller Linker! Glauben dem Staat und den Medien einfach alle unbewiesenen Geschichten, die sie über die RAF in die Welt gesetzt haben.
    Ist Ihnen eigentlich bekannt, dass außer beim Ponto-Mord bei keinem RAF-Mord die persönliche Täterschaft wirklich gesichert ist? Dass in einigen wichtigen Fällen die verurteilten Täter erwiesenermaßen nicht am Tatort waren? Dass gezielt Gesetze geändert worden waren, damit diese pauschale Verurteilung ohne Tatnachweis für Terror-Morde möglich wurde? Dass wichtige Offiziere und mutmaßliche V-Leute in der RAF wie Siegfried Haag entgegen einer erdrückenden Faktenlage in der Berichterstattung systematisch klein gehalten und auch vor Gericht geschont wurden? Dass stattdessen von diesen angeworbene Rekruten wie Christian Klar zu Superterroristen hochgeschrieben und entsprechend hart verurteilt wurden?

  17. „Sie meinen nicht wirklich Aufklärung, oder?“

    Ich meinte so mehr in die Richtung Volksaufklärung und …

    Neulich wurde in Worms eine junge Frau ermordet. Früher war in solchen Fällen die mediale Stanze die Einzeltat, die nichts damit zu tun hat.
    Über die Jahre hat sich die Einzeltat so abgenutzt, dass die sich das nicht mehr trauen. Stattdessen hieß es zu diesem Fall nur noch, dass der nicht instrumentalisiert werden soll (z.B. FAZ 10.03.2019, Zwischenruf stört Gottesdienst für getötete 21-Jährige).

    Ein paar Tage späte kam das Christchurch-Massaker. Und siehe, das Pauschalierungs- und Instrumentalisierungsverbot war nicht existent. Auf einmal haben sich alle überboten mit Hinweisen auf die wahren Schuldigen. Das sind nämlich Trump und die AfD (z.B. FAZ 15.03.2019, Tödliche Islamfeindlichkeit).
    Dass es auch anders geht, zeigen die Österreichischen Medien. Die sehen nämlich nicht die AfD, sondern in erster Linie die FPÖ als den eigentlichen Täter.

    Dann kann Utrecht, und … siehe Worms.

    Die mediale Darstellung ist zwar nicht gelogen.
    Redlich ist es aber auch nicht.

  18. @AHNUNGSLOSER

    Zwischen einer (möglichen) Beziehungstat wie in Worms, die offensichtlich nichts mit Terror zu tun hat und einem rechtsmotivierten Attentat bestehen halt auch einige Unterschiede, die es auch ohne „Lügenpresse“-Motive ratsam erscheinen lassen, diese Vorgänge unterschiedlich medial darzustellen.

    Und jetzt zeigen Sie mir mal bitte eine islamistische Terrortat, bei der es angeblich ein „Pauschalierungs- und Instrumentalisierungsverbot“ gab. Das ist einfach nur Unsinn aus rechten Kreisen. Nach jeder Tat von Muslimen wird gehetzt und instrumentalisiert. Aber das ist Ihnen sicher entgangen…

  19. „Zwischen einer (möglichen) Beziehungstat wie in Worms …“

    Sag ich doch. Der Einzelfall wurde ersetzt durch die Beziehungstat.
    Bis sich auch diese blöde Ausrede abgenutzt haben wird. Mal sehen, was die dann erfinden.
    Es bleibt spannend.

    „Nach jeder Tat von Muslimen wird gehetzt und instrumentalisiert. Aber das ist Ihnen sicher entgangen…“

    Das kann … nein … das muss einen zwangsläufig entgehen, wenn man treu und brav die Mainstreammedien konsumiert.
    Aber sicher, ein paar Facebook- und Twitter-Dings werden Sie schon als Beleg für die sagenumwobene Hetze beibringen.
    Und wenn man die Latte tiefer legt, wird das immer mehr. Dann ist das schon Hetze, wenn TE oder die Achse sich weigern, die weißen Männer für die Verbrechen der Muslime verantwortlich zu machen.

  20. Ehrlich gesagt, @ichbinich, Ihr Beitrag erfreut mein Herz.
    Es gefällt mir wirklich, das Kläffen der getroffenen Hunde.
    Das Beste ist Ihr „Ökofaschist“.
    Weiter so!

  21. Nur eine kleine Formalie – abseits des sehr gelungenen Beitrags. Das Wort „erinnern“ wird im Deutschen ausschließlich reflexiv verwendet. Man kann also nicht „etwas erinnern“, man erinnert sich AN etwas.
    Sorry, das musste jetzt raus. :-)

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.