Eigentlich

Gestern verschwand mein Laptop.

Irgendwo zischen Büro, Mietauto und Zuhause.

Ich verliere eigentlich nie Dinge. Und vielleicht wurde er ja auch geklaut. Spielt eigentlich keine Rolle. Am Ende des Tages jedenfalls: war er weg.

Ich hatte kaum Zeit, mich darüber zu ärgern. Weil ich dringend meinen Zug erwischen musste. Und während der Plan platzte, diese Kolumne auf der Zugfahrt zu schreiben, dachte ich darüber nach, wie viel Zeit ich eigentlich mit diesem Rechner verbringe.

Ich schreibe, zeichne, illustriere, schneide, recherchiere, maile, netflixe und und und – alles mit diesem einen Gerät. Ich hab es immer dabei. Und fahre (wirklich jetzt ohne Ironie) irre gern Bahn, weil ich mit diesem Gerät Fahrten eigentlich so wundervoll für die Arbeit nutzen kann.

EIGENTLICH. Dieses kleine Wort, das einen so großen Unterschied macht.

Meine Freundin hat zu mir gesagt, dass ihr Freund EIGENTLICH voll nett ist.

Der Youtuber Mert hat gesagt, dass er und sein Vater EIGENTLICH nichts gegen Schwule haben.

Und ich wollte im Zug arbeiten. EIGENTLICH.

Ich habe meinen Zug aufgrund des verschwundenen Laptops und der Panik, die damit einherging, nur sehr sehr knapp erwischt. Und als ich endlich verschnaufend auf meinem Sitz saß, wurde mir klar, dass ich seit gefühlter Ewigkeit nicht mehr ohne zu Arbeiten fünf Stunden im Zug gesessen habe.

Im Zug

Dieses Verdonnertsein zum Nichtstun. Zum In-der-Bahn-Zeitschrift-Blättern und Aus-dem-Fenster-Sehen. In Stuttgart ankommen und ganz vieles, was auf der Agenda stand, einfach nicht tun können. Wenn man das akzeptiert. Und hinnimmt. Dann kann so eine Bahnfahrt eigentlich ziemlich geil sein. Weil man feststellt, dass man eigentlich gut nachdenken kann, während am Fenster die Landschaften vorbeiziehen. Dass es entspannend ist, sich keine Youtube-Videos reinzuziehen. Und man merkt, wo man überall arbeitet. Weil dieses Gerät es einem ja auch möglich macht, immerzu überall zu arbeiten.

Ich war also einfach mal im Zwangswochenende.

Und das fühlte sich EIGENTLICH echt gut an.

Aber eigentlich ganz gut ist eben auch nur EIGENTLICH ganz gut. Weil keine Sau gerne einen scheiß teuren Laptop verliert und Arbeit, die getan werden muss, nicht tut, weil es einfach nicht geht. Das ist so, wie wenn man mit einem Typen zusammen ist, der EIGENTLICH voll nett ist und Merts Vater EIGENTLICH nicht homophob, solange nur sein Sohn nicht schwul ist.

In Stuttgart war ich dann im Zoo, wo man übrigens viel zu lachen hat. Irgendwo beim Kamelgehege rief mich meine Freundin an. Ihr eigentlich ganz netter Typ hat sie mit ihrer eigentlich ganz netten Mitbewohnerin betrogen.

Eigentlich my ass.

„Eigentlich“ sollte sich von „wirklich“ eine Scheibe abschneiden. Ich wünschte meiner Freundin einen wirklich netten Typen. Und Merts Vater, dass er wirklich nicht homophob ist. Und mir eine wirklich gute Zeit im Zoo.

Ohne Laptop. Bei den Eisbären.

Stuttgarter Eisbär

16 Kommentare

  1. unnötig und unergiebig, leider weiß man das immer erst, wenn man es gelesen hat. ich hoffe, ihr gewöhnt euch solche artikel nicht an, ich will euch nämlich demnächst abonnieren.

  2. Ich mag deine Texte sehr. Und verstehe ehrlich gesagt die Kritik „unergiebig“ nicht. Kolumnen müssen nicht „ergiebig“ sein, Kolumnen müssen unterhalten. Ich finde deine Texte sehr unterhaltsam. Und wenn mein Laptop weg wäre, würde ich KOTZEN und könnte mich am Arsch nicht entspannen im Zug. :-) Danke für deine Perspektive auf den vielleicht schlimmsten Supergau für viele in unserer Generation.

    Tanja

  3. Die Kolumne ist unterhaltsam und regt zum Nachdenken an — mehr muss sie auch erst mal nicht tun. Mit der Freiheit überall uns jederzeit arbeiten zu können verschwindet eben irgendwann auch die freie Zeit und alles wird Arbeit, ich finde es schon wichtig, dass uns da von Zeit zu Zeit mal der Spiegel vorgehalten wird.

  4. Apropos: Gibt es eigentlich Untersuchungen dazu, wieviele derer, die in den Kommentarspalten potentiell kostenpflichtiger Publikationen mit Kündigung oder Nichtabschließen eines Abos drohen, tatsächlich jemals eines hatten oder zumindest die ernsthafte Absicht?

  5. Eigentlich … nervt es gewaltig, wenn die Leute in den Kommentarspalten immer so tun, als ob sie für gerade mal € 3,99 im Monat den Laden hier quasi übernommen haben bzw. übernehmen werden. Es stände einigen gut an, sich und ihr Kleingeld nicht ganz so wichtig zu nehmen. Und wenn man nicht gerade Stefan George oder Felix Schwenzel heißt, darf man in seinen Kommentar ruhig mal ein paar Versalien einstreuen.
    Zur Kolumne selbst: danke, hat mir sehr gefallen.

  6. Stimmt Monty, es ist dann wie bei Helmut Schmidt: allen verboten, nur er darf rauchen?
    Man sollte immer Versalien benutzten, egal wie man heißt.

    Und ist nun Kritik unerwünscht? Gerade für Texte deren Inhalte für Tagebücher geeignet sind, aber nicht für Magazine.

    Ach ja: Kolumnen sollen unterhalten, so wie Computerspiele oder Spielfilme? Na dann wäre ja alles geklärt.

  7. Liebe(r) JMK,
    selbstverständlich ist (konstruktive) Kritik erwünscht. Und von diesem – wie von jedem anderen Text – darf man halten, was man will und dies auch kundtun. Aber muss man jede Kritik immer gleich mit der ganz großen Abofrage („Dafür habe ich kein Abo abgeschlossen.“, „Ich will euch nämlich demnächst abonnieren.“, etc. pp.) verbinden? Muss man immer gleich so tun, als ob man höchstselbst und ganz allein mit seinen € 3,99 den kompletten Journalismus dieser Welt rettet, und dafür dann aber auch ausschließlich Longreads mit der Recherchetiefe einer NYT erwartet? Kann man Kritik nicht auch einfach mal eine Nummer tiefer hängen?
    Fragen über Fragen. Aber es ist ja bereits alles geklärt.

  8. @Monty
    d’accord.
    Den Journalismus retten ja die Krautreporter. Aber eine Kolumne die eigentlich (!) Youtube als Thema haben sollte, wird dann zu einem persönlichen Befindlichkeitsplatz. Kann man machen, kann man auch überflüssig finden.

  9. @Monty: Dafür habe ich kein Abo abgeschlossen! Eigentlich! Ich wusste nämlich nicht, dass Frau Meimberg hier schreibt. Aber nehme ich natürlich trotzdem gerne mit. Das einzige „Problem“ dabei ist, dass mir, gerade bei diesem Artikel, ihre Stimme nicht aus dem Kopf geht.

  10. Da ich Uebermedien für 3,99 im Monat gekauft habe, verlange ich, in Zukunft nur Dinge hier zu lesen, die mich interessieren!
    Was gar nicht geht: Wenn jemand anderer Meinung ist als ich selbst!
    Dafür bezahle ich nicht 3,99€ JEDEN FUCKING MONAT. GEHT’S NOCH?

    Außerdem verlange ich mehr Artikel in küzerer Zeit mit besserer Recherche.

    Ach komm, Kolumnen sind eh scheiße-subjektiv, abschaffen!
    Außer sie sagen, was gesagt werden muss, jeder eh sowieso denkt, aber keiner sagen darf, obwohl es jeder sagt!
    Dann sind Kommentarspalten unter Kolumnen natürlich der einzige Rückuzugsort für uns unterdrückte Uebermedien-Besitzer.

  11. Ich empfehle ein analoges Backup-System: Beistift und Papier. Muss kein Maulwurfsfell-Notizbuch sein. Auftretende Funktionsstörungen können mit einem Taschenmesser behoben werden. Der analoge Nerd hat die praktische Kombination aus Clip, Radiergummi, Stiftverlängerer und Spitzenschutz.

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