Hyperloop-Premiere ist ein Rohrpostkrepierer

Der Unternehmer Elon Musk macht immer irgendwas Aufregendes. Er entwirft wirre Zukunftsvisionen, produziert Flammenwerfer, weil ihm langweilig ist, raucht Cannabis im Interview, versucht verschüttete Kinder zu retten und will den Mars besiedeln. Alles ist möglich – scheint deshalb auch die Grundannahme mancher Redaktionen zu sein, wenn es um neue Geschichten über ihn geht.

Am Dienstag meldete die Nachrichtenagentur AFP:

„Elon Musk kündigt Eröffnung von Hyperloop-Röhre in Los Angeles für Dezember an“

Das klingt nach Science-Fiction. Die Zukunft ist endlich hier und man kann sie ausprobieren. Hohe Klickzahlen garantiert.

Leider ist die Meldung der AFP grob irreführend. Mit dem Überschall-Vakuum-Rohrpost-Transport, den das Wort „Hyperloop“ verspricht, hat der besagte Tunnel erst einmal nur sehr wenig zu tun.

Hyperloop: Futuristisches Rohrpost-Konzept

Hyperloop ist ein Konzept von Musk aus dem Jahr 2013: In oberirdischen, vakuumierten Tunneln sollen Passagier- und Fracht-Kapseln mit extrem hohen Geschwindigkeiten fahren. Die Kapseln sollen auf einem Luftkissen schweben und Geschwindigkeiten von über 1000 km/h erreichen können. Dabei soll das ganze System pro Passagier auch noch weniger Energie verbrauchen als ein Flugzeug, komplett mit Solarstrom betrieben werden und erdbebensicher sein. So weit die futuristische Theorie.

Es handelt sich aber lediglich um eine Idee, die Musk prinzipiell für realisierbar hält. Er selbst war in der Vergangenheit zu beschäftigt, und kümmerte sich deswegen ausdrücklich nicht um die Umsetzung des Hyperloop. Er wollte nur die Idee stiften, um die schwierige Umsetzung sollten sich Andere kümmern.

Loop: Weniger futuristisches U-Bahn-Konzept

Screenshot: Youtube / The Boring Company

Eine andere Firma von Musk, „The Boring Company“, arbeitet seit 2016 daran, Nahverkehrstunnel zu bohren. Musk will Tunnelbauprojekte attraktiver machen, indem er den Preis deutlich senkt und die Baugeschwindigkeit stark erhöht. In seiner Vorstellung könnte es hunderte Tunnel-Ebenen unter Großstädten geben, um deren Verkehrsprobleme zu lösen. Durch die Tunnel, die von der Boring Company gebohrt werden, sollen aber später hauptsächlich elektrisch angetriebene Passagier- und Auto-Schlitten (auf normalen Rädern) fahren.

Dabei soll die Geschwindigkeit maximal bei rund 240 km/h liegen. Diese Schlitten existieren bereits, und Musk teilte in der Vergangenheit schon häufig Konzeptvideos, Fotos und Aufnahmen von Probeläufen dieser Technologie. Schnell genug für den Nahverkehr, aber weit entfernt vom futuristischen Hyperloop. Es gibt kein Vakuum, keine futuristischen, abgedichteten Kapseln und vor allem kein Schweben. Stattdessen kleine Züge mit normalen Rädern, auf denen Menschen und Autos schnell unterirdisch transportiert werden können. Dieses Konzept hört auf den verwechslungs-anfälligen Namen „Loop“. Und für diesen Loop hat die Boring Company einen etwa 3,2 Kilometer langen Testtunnel neben der Firmenzentrale in Hawthorne gegraben.

Baut Musk tatsächlich selbst einen Hyperloop?

Erst im Jahr 2017 berichtete Bloomberg, dass Musk wohl auch plane, mit den Tunneln der Boring Company selbst einen unterirdischen Hyperloop realisieren zu wollen. Der Bericht ist unbestätigt. Ob Musk an der Realisierung seiner eigenen Hyperloop-Kapsel arbeitet, ist auch ein Jahr später nicht bekannt.

Für den Loop-Tunnel kündigte Musk nun auf Twitter eine Öffnung für den 10. Dezember an.

Am nächsten Tag soll es kostenlose Probefahrten für die Öffentlichkeit geben. Ob das einem Regelbetrieb entspricht, und ob die Öffentlichkeit den Tunnel auch nach dem Eröffnungstag weiter nutzen kann, ist unklar. Der Zusammenhang zwischen dem Hyperloop und dem besagten Loop-Testtunnel ist also sehr dünn. Irgendwann könnten in diesem Tunnel vielleicht Tests für eine spekulative Hyperloop-Umsetzung von Elon Musk stattfinden – aber mit Sicherheit nicht am 10. Dezember.

Die AFP-Meldung schildert die Sachlage deutlich optimistischer:

„Reisen in rasenden Hyperloop-Kapseln soll schon bald keine futuristische Vision mehr sein: Nach Angaben von Unternehmer Elon Musk wird ein Testtunnel für das Verkehrsmittel in Rohrpost-Manier bereits im Dezember in der kalifornischen Metropole Los Angeles eingeweiht – inklusive kostenloser Testfahrten für die Öffentlichkeit.“

Die Formulierung ist extrem irreführend. Von Hyperloop-Kapseln und Rohrpost kann am 10. Dezember erst einmal keine Rede sein. Auch im weiteren Verlauf der Meldung wird der Ton kaum zurückgeschraubt. Zwar wird erwähnt, dass die Höchstgeschwindigkeit bei 250 km/h liegen soll; dass es sich jedoch zunächst um ein komplett anderes Produkt und Fortbewegungsmittel handelt, steht da nicht.

Zahlreiche Medien haben die Meldung übernommen, und dabei wird der Wortlaut in einzelnen Fällen sogar noch abenteuerlicher. Viele Medien machen aus dem kurzen Testtunnel gleich eine ganze Hyperloop-Strecke und erwecken damit den Eindruck eines Regelbetriebs.

Screenshot: oe24.at
Screenshot: stern.de

Und im „Manager-Magazin“ wird sogar explizit behauptet, dass die Probefahrten auf einer Magnetschwebebahn stattfinden würden: „Die Magnetschwebebahn in Los Angeles erreicht Höchstgeschwindigkeiten von 250 Stundenkilometern, wie Musk auf Twitter schrieb.“

Screenshot: manager-magazin.de

Besser macht es „Spiegel Online“. Nachdem die Meldung dort zunächst auch unverändert übernommen wurde, wurde inzwischen nachgebessert; aus der „Hyperloop-Röhre“ wurde eine „Loop-Röhre“ gemacht und der Aspekt der Teststrecke deutlicher herausgearbeitet.

4 Kommentare

  1. Eine Frage zum Artikel: Dort schwingt ja unterschwellig mit, dass Musk ständig irgendetwas behauptet was er nicht halten kann. Die „Fakten“ im Artikel lesen sich aber eher so, als ob die Medien die Geschichten erfinden, und Musk höchstens nicht offensiv dementiert.
    Welche Lesart ist denn die vom Autor gewollte?

  2. @1: Ziehen Sie doch für sich die Infos raus, die sie brauchen / haben wollen, unabhängig von der intendierten Lesart.
    M. E. ist das alles eine Ökonomie: Musk braucht positive Berichterstattung damit die Investoren nicht abspringen und Musk Artikel bringen Umsatz für Verlage. Soweit nichts Neues, oder irre ich mich?

  3. worum geht es in dem Artikel eigentlich?
    Um die Falschberichterstattung oder darum, dass jemand Elon Musk irgendwie nicht mag (das lese ich zwischen den Zeilen heraus)?

  4. worum geht es in dem Artikel eigentlich?
    Um die Falschberichterstattung oder darum, dass jemand Elon Musk irgendwie nicht mag (das lese ich zwischen den Zeilen heraus)?

    Also bis auf ein, zwei leicht hämisch klingende Kommentare zu Musk sehe ich nichts, was letztere Variante stützen würde. Erscheint mir wie einer der klassischen Übermedien-Berichte über schnell rausgeworfene, kaum/schlecht recherchierte Meldungen/Artikel.
    Insofern leider schon altbekannt, das System, aber trotzdem immer wieder gut, neue Beispiele zu haben. Vielleicht hilft’s ja irgendwann mal.

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