Verletzende Stereotype: Rassistische Karikaturen von Greser & Lenz

Als hätte es in den vergangenen Jahren all die Debatten um rassistische Begriffe, Traditionen und Bilder nicht gegeben, darf der geneigte Leser im „Spiegel“ eine mal wieder rassistische Karikatur von Greser & Lenz bewundern.

Aktuelle „Spiegel“-Karikatur von Greser & Lenz Ausriss: Der Spiegel

Ich erspare mir an dieser Stelle, erneut detailliert zu erklären, weshalb die Zeichnung zutiefst rassistisch ist. Es müsste ohnehin jeder mit etwas Gespür sofort erkennen, und es ergibt sich auch gleich, wenn ich mich kurz mit meinen Lieblingsausflüchten befasse, die in Debatten um Rassismus immer kommen. Zum Beispiel diese hier:

Man darf Karikaturen niemals außerhalb des Kontextes sehen!

Ja, wäre schön, wenn Karikaturisten, die solche Zeichnungen anfertigen, das mal verstehen würden. Es scheint aber so, als würde dieses Argument immer nur Kritikern an den Kopf geworfen. Hier allerdings passt es nicht. Denn was ist im aktuellen Fall der Kontext?

Die Karikatur befasst sich mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU bzw. im Kontext des Zeitpunkts der Veröffentlichung mit den festgefahrenen Verhandlungen um eben diesen Brexit – jedenfalls auf der Textebene. Das Bild zeigt dagegen eine Szene, die keinen Rückschluss auf das Thema zulässt.

Dargestellt wird ein mutmaßlich afrikanisches Dorf: Schwarze Menschen in Lendenschurz, einer schreibt mit einem Federkiel, ein anderer läuft hinten mit Speer und erlegtem Wild vorbei, und an der Lehmhütte hängen Schrumpfköpfe – jetzt ernsthaft? Ja, tatsächlich. Und natürlich sitzen die beiden im Vordergrund nicht an einem Tisch, sondern an einem Baumstamm.

Brexit? Wo ist der Zusammenhang?

Ein weiterer Kontext wäre das Umfeld: Die Karikatur findet sich im „Spiegel“-Ressort Wirtschaft, auf Seite 83 unten. Auf dieser und der nächsten Seite stehen vier Artikel – und mit keinem steht die Karikatur im Zusammenhang, sie ist auch klar durch Linien vom restlichen Inhalt getrennt.

Die Betrachterinnen und Betrachter werden so gleich in zweierlei Hinsicht mit der Interpretation allein gelassen. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als den spärlichen Text (EU-Austritt Großbritanniens) mit dem Bild („Eingeborene“, die sich um einen Eintritt in die EU bemühen) miteinander zu verknüpfen und zu interpretieren: In der EU geht’s zu wie bei den Hottentotten.

Satire darf alles!

Darf sie nicht. Sie darf sich zum Beispiel nicht über Schwächere hermachen. Außerdem darf sie niemals vergessen, wer der Feind – weniger drastisch: das Ziel – der Satire ist. Bei so schlechten Karikaturen wie der Brexit-Zeichnung täten Zeichner überhaupt sehr gut daran, sich mal im Vorfeld Gedanken darüber zu machen, wen sie eigentlich aufs Korn nehmen wollen.

Offensichtlich nicht irgendwelche Afrikaner in einem Dorf. Es sei denn, man will die Briten als primitiv darstellen, an deren Stelle sich jetzt „Eingeborene“ Hoffnung auf einen EU-Beitritt machen. Bei der EU scheint ja echt alles möglich zu sein. Egal, wie man es dreht und wendet: Diese Zeichnung ergibt einfach keinen Sinn.

Das wird man ja wohl noch zeichnen dürfen!

Durften Greser & Lenz ja. Aber mit Karikaturen (hier noch nicht mal mit einer guten) ist es wie mit Redebeiträgen und Texten: Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass jeder jeden Bockmist unwidersprochen verzapfen darf.

Okay, stimmt vielleicht, aber womöglich wissen Greser & Lenz gar nichts von der Problematik?

Greser & Lenz haben in der Vergangenheit schon mehrfach rassistische Karikaturen veröffentlicht; allein drei, die mir in den Medien bzw. in Debatten aufgefallen sind. Über eine weitere bin ich gestolpert, als ich mich im Archiv der Zeichner verklickt habe. Es ist eine bayerische Wirtshausszene mit Klischee-Ausländern und Klischee-Sprache, und vermutlich fänden sich noch weitere Beispiele, neben der aktuellen Karikatur sind mir aber vor allem folgende beiden Zeichnungen besonders aufgestoßen.

Im Juli 2014 veröffentlichte die FAZ eine Karikatur zu einem Artikel, der sich mit der befürchteten Lücke in der hausärztlichen Versorgung insbesondere auf dem Land befasst. In der Karikatur geht es zwar immerhin um den Fachkräftemangel. Allerdings wird hier eher Kritik an der Qualität ausländischer Ärzte geübt. Und zwar wie? Indem der Arzt als schwarzer Medizinmann mit Voodoo-Maske und schlechten Deutschkenntnissen („viele Heilung“, „alle Kasse“) dargestellt wird.

(Die Zeichnung kam in der FAZ übrigens schon mal zum Einsatz, man mag sie dort wohl: Im Juli 2008, zum Beispiel, in einem Artikel über die Anwerbung von Akademikern aus dem Ausland oder, im Juli 2011, in einem Text über den Umstand, dass wegen des Ärztemangels „auch auch Bewerber mit schlechteren Noten zum Medizinstudium zugelassen werden“ sollten.)

Im März 2017 folgte – ebenfalls in der FAZ – eine rassistische Karikatur, die den Auslandswahlkampf Erdogans thematisiert: Der türkische Präsident ist zu Gast in einem afrikanischen Dorf, das in etwa so aussieht wie das jetzt im „Spiegel“, und er sitzt dort in einem Kochtopf. Ein schwarzer Mensch im Lendenschurz und Knochen im Haar spricht belustigt und in gebrochenem Deutsch zu einem anderen schwarzen Mann im Lendenschurz: „Massa Osman wolle halte eine Rede.“ Im Hintergrund steht ein weiterer schwarzer Mensch mit Kochlöffel. Bildunterschrift: „Kommt der globale Wahlkampf der türkischen Regierung an seine Grenzen?“

In KEINEM der Fälle ist das mehr als die sinnlose Verwendung rassistischer Stereotype schwarzer Menschen. Greser & Lenz reproduzieren sie nicht zum ersten Mal, und Medien wie die FAZ und der „Spiegel“ bieten den Raum, diese unters Volk zu bringen. Das führt auch immer wieder zu Kritik, von der die Karikaturisten zwangsläufig etwas mitkriegen müssen. Die beiden sind zwar nicht mehr taufrisch, aber auch nicht von der Außenwelt abgeschnitten. Doch interessiert es sie? Offenbar nicht.

In einem Text über ihre Arbeitsweise findet sich auch ein Hinweis, wie es zu solchen Entgleisungen kommen kann. Auf die Frage, ob sie Tabus hätten, antwortet Lenz: „Eigentlich nicht.“ Wären sie ehrlich, hätten sie so was geantwortet wie: „Uns ist scheißegal, wenn wir jemanden verletzten. Es ist nämlich sehr bequem, wenn man privilegiert ist und sich keine Gedanken über Konsequenzen machen muss.“ Und wenn man dann auch noch abgedruckt wird – läuft!

Hast du die Karikatur überhaupt verstanden?

Nee – hat überhaupt irgendwer?

Gibt es keine wichtigeren Probleme?

Klar gibt’s auch noch wichtigere Probleme. Es gibt immer ein Thema, das wichtiger ist als das gerade besprochene. Aber weil jemand rassistische Karikaturen kritisiert, heißt das noch lange nicht, dass diese Person erstens nicht auch gegen andere Probleme vorgeht und zweitens wichtigere Probleme damit entwerten würde. Wer so argumentiert, will lediglich Kritik delegitimieren und damit die Diskussion abwürgen.

20 Kommentare

  1. Es wird noch eine Weile dauern, so circa zwei- bis dreihundert Jahre, bis auch der letzte Honk begriffen hat, dass unsere Gesellschaft nicht mehr in den Zeiten von »Mecki bei den N[********]« lebt.

  2. Uff. Trotz allem „Ich will keinen Zusammenhang sehen“: dass das Personal bei Greser & Lenz eben das stereotype Personal von Humorseiten aus den 60ern ist, und in seiner Überzeichnung darauf Bezug nimmt, darf man aber schon feststellen, oder? Ansonsten bitte mal Loriot auf seinen Rassismus hin untersuchen!

  3. Äh, ja.
    Das ist _so_ random, dass der Verdacht aufkommt, das Bedienen rassistischer Vorurteile sei da wirklich der einzige Sinn und Zweck dieser Karikatur.
    Also, der einzig mögliche.

  4. Toll, endlich wieder ein Betroffenheitsstück, in dem erklärt wird wie furchtbar schlimm dieser und jener Humor ist. Wir sollten Witze grundsätzlich durch ein Komitee absegnen lassen, damit sich auch ja niemand verletzt fühlt.

  5. Jo, 5. Es ist schon ein Kreuz mit dieser dämlichen Meinungsfreiheit hierzulande. Einen Witz scheiße finden und auch noch darüber schreiben – das geht ja gar nicht.

  6. @7: Ich vermag nicht zu erkennen, dass Beitrag #5 in einem Zusammenhang mit der Meinungsfreiheit steht. Mit der Meinungsfreiheit ist es nämlich wie folgt:
    – Von der Meinungsfreiheit gedeckt ist es zunächst, eine Zeichnung wie die hie in Rede stehende zu publizieren (keine Beleidigung mangels individualisierbarer Personen);
    – Von der Meinungsfreiheit gedeckt ist es weiter, diese Zeichnung nicht lustig zu finden (mir ist iÜ keine Zeichnung der beiden Urheber bekannt, an der ich auch nur einen Anflug von Witzischkeit erkennen würde);
    – Von der Meinungsfreiheit gedeckt ist es außerdem, die Zeichnung für rassistisch zu halten;
    – Von der Meinungsfreiheit gedeckt ist es ferner, die Bewertung der Zeichnung als rassistisch als Einschränkung der Meinungsfreiheit zu kritisieren;
    – Von der Meinungsfreiheit gedeckt ist es schließlich, es für groben Unfug zu halten, wenn die Bewertung der Zeichnung als rassistisch als Einschränkung der Meinungsfreiheit gewertet wird,
    denn: Art. 5 GG gewährleistet auch das Recht, beliebigen Unfug zu reden oder zu schreiben, er gewährleistet hingegen nicht, dass einem jemand zuhört oder zustimmt.

    Das gilt iÜ auch für diesen Kommentar.

  7. Die Sache mit der Meinungsfreiheit beeinhaltet für manche den
    freiwilligen Zwang zu-und hinhören muss…
    oder hinsehen
    Weil man sonst kein guter Demokrat sei!
    Man kann durchausdarauf verzichten, sich z.B Afder anzuhören,weil das ihre Methode ist…
    die Aufmerksamkeit zubesetzen!
    Man darf aber ohne Ahnung alles kommentieren…
    https://www.youtube.com/watch?v=wvVPdyYeaQU

  8. Es sei vorweg genommen: Die Karikaturen von Greser & Lenz bringen mich zum Lachen, mir gefallen sie, ich finde sie großartig. Sie sind subtil in der Darstellung, schön gezeichnet und sie schaffen es immer die gängigen typischen und (weiß)-deutsch tradierten Ressentiments in ihre Bilder reinzupacken. Da kommt einfach jeder mal dran in ihren Bildern. Meine besondere Freude hatte ich, wenn in der FAS bei Themen, die Religion betreffend, die Leserbriefe durch die Decke gingen. Leider gibt es die Karikaturen dort heute nur noch seltenst.
    Die vom Autor beschriebenen Beispiele kenne ich und auch sie finde ich lustig – es kommt bei mir nicht das auf, was ich als rassistisch empfinde und bezeichnen würde. So argumentieren vielleicht auch die, die ich als rassistisch bezeichnen würde, das weiß ich sehr wohl – aber ich bin nicht hier, um den Begriff mit definierendem Inhalt zu versehen – das macht das Netz und jeden Tag auf‘s Neue – ich überlasse den Diskurs den Soziologen, Philosophen, Linguisten und Historikern.
    Über die Karikaturen kann ich lachen, weil ich finde, dass sie die typischen deutschen Vorstellungen vom Kontinent Afrika visualisieren – die einerseits das tradieren was im Kolonialismus seinen Ursprung hat und heute im kollektiven Gedächtnis der weißen Deutschen noch verankert ist (gerne Empfehle ich „Skandal in Togo“ (Rebecca Habermas) und Gerhard Seyfried (Herero) und sich diese Vorstellung bis heute in der Politik im Umgang mit Ländern Afrikas fortsetzt und es jeglichem Versuch trotzt, es aus der Welt zu schaffen. In keinem Fall sehe ich in den Bildern ein Herabsetzung afrikanischer Menschen.
    Im Brexit Bild erkenne ich die Unzufriedenheit in Grossbritannien mit der Wahlentscheidung und dem Versuch einiger Staaten aus dem Commonwealth, ihn nicht mitmachen zu müssen, in dem sie aus ihm austreten sich auf den Platz Grossbritanniens in der EU bewerben.

  9. In Zeiten, in denen ein Günter Nooke (allen Ernstes Afrikabeauftragter der Bundesregierung) irgendwelchen Unsinn von Kolonialismus als Befreiung Afrikas aus archaischen Strukturen faseln kann, passen natürlich auch solche dummen Witzzeichnungen. Ein Wunder, dass keiner einen Knochen ins Haar geflochten bekam.

  10. „Hast du die Karikatur überhaupt verstanden?
    Nee – hat überhaupt irgendwer?“

    Mir fällt es nicht schwer die Karikatur zu interpretieren: in der EU geht es so drunter und drüber, mit Brexit, Schulden, Euro, Korruption, gebrochenen Regeln, da gibt es keinen Grund mehr irgendein Land nicht aufzunehmen. Selbst das rückständigste müsste noch Aufnahme finden.
    Dafür sinnbildlich Afrikanisches abzubilden scheint mir nicht abwegig. Korruption, Boko Haram, Kriege, Kriminalität, Chaos wie im Südsudan…
    Sicher hätte man auch andere Regionen skizzieren können, z.B. hätte man einen saudischen Prinzen ähnliche Worte schreiben lassen können, während ein Diener demutsvoll den Kopf eines kritischen Journalisten auf einem Silbertablett bringt. Ich vermute das wäre aber nicht so leicht derart prägnant zu zeichnen gewesen (oder ich bin dafür nicht kreativ genug, was durchaus möglich ist). Oder man mag die bildliche Grausamkeit nicht und symbolisiert sie lieber mit einem Baumstumpf, vor dem Eingeborene knien. Immerhin können sie schreiben.

    Herr Ali Schwarzer, vielleicht bin ich als alter weißer Mann zu geprägt von meiner Zeit. Für mich ist der Rassismus der Zeichnung nicht ad hoc vollumfänglich verständlich. Daher meine Frage: ist es für Sie generell rassistisch, wenn man „rückständiges Land“ mit Afrika in Verbindung bringt? Also Afrika als rückständig zeichnet? Oder ist das prinzipiell okay, hätte aber anders gezeichnet werden müssen? Beispielsweise mit der Landesflagge vom Südsudan? Oder einem Dorfschild „Boko Haram“? Oder einen Sklavenmarkt in Libyen? Oder wie hätte es sein müssen?

  11. Wenn man 60er-Jahre-Humor mag, findet man die Zeichnung vermutlich gelungen. Dann hört man aber auch noch Fips-Asmussen-Kassetten.

  12. Lächerlich, die hier genannten angeblichen Verbindungen der Karikatur zum Brexit-Thema. Genausogut hätte die Karikatur dann unter einem Artikel von Trump stehen können, von wegen Chaos und so. Aber man kann sich natürlich alles schönsaufen.

    Und natürlich beinhaltet die Zeichnung alle möglichen Klischees über Afrika, die aber seit einem Jahrhundert nicht mehr mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Stichwort Klischees, wie fänden Sie eine Merkelkarikatur mit Hitlerbärtchen??

  13. @ ST: ja, eine Merkelkarikatur mit Hitlerbärtchen muss man nicht mögen. Aber die Logik ist doch nicht, weil ich es nicht mag ist es Rassismus. Ist eine Merkelkarikatur mit Hitlerbärtchen Rassismus? Oder wenn Erdogan in Deutschland wieder Nazipolitik sieht? Sind Klischees Rassismus? Wenn die Schweizer sich ob der harten Direktheit von Deutschen beschweren, die britische Presse Deutsche mit Pickelhaube darstellt, usw. – alles Rassismus?
    Wenn der Brief von einem lokalen Warlord geschrieben worden wäre, der sein Geld mit dem Sklavenhandel verdient (z.B. http://www.spiegel.de/politik/ausland/libyen-sklavenmaerkte-das-erbe-des-arabischen-rassismus-a-1181801.html) – ist es dann Rassismus?

  14. @14, Martin: Die Frage stellt sich überhaupt nicht, wenn man den Text aufmerksam gelesen hat. Allerdings wäre es nicht ganz verkehrt, sich mal zu fragen, warum man Rückständigkeit mit Afrika™ in Verbindung bringen wollte.

  15. @ Stefan Niggemeier (6): Ich bitte, die viel zu späte Antwort zu entschuldigen, aber: Ja. Ebenso ermüdend, wie es sein mag, unter einem ausführlichen Artikel eine abkanzelnde Floskel zu lesen, ist es für mich, den Xten Artikel zu lesen, der mir erklärt, welche Art von Humor nun wieder verwerflich ist.

    Es tut mir leid, daß mir dazu mittlerweile wenig mehr einfällt, als kopfschüttelnd einen 08/15-Kommentar zu schreiben. Ich finde es einfach hauptsächlich traurig, daß sich mittlerweile jeder von allem angegriffen fühlt und alles immer ganz exorbitant schlimm ist.

    Es gibt so unglaublich viele dumme Witze, aber wenn diese ihren Adressaten finden – warum nicht? Man muß ja nicht mitlachen.

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