Das Wir verliert

Jörg Schönenborn verkündet am Beginn des Wahlabends mit der Verschmitztheit eines allwissenden Kampfsportlehrers: „Ich verspreche: Um 18 Uhr gibt es was zum Augen reiben.“ Die ersten Hochrechnungen gleiten auf seine Touchscreen-Leinwand. Gebannt starre ich auf mein Telefon. Ich warte auf Seehofers ersten Tweet.

Ein Umstand, der mich an jedem Wahlabend irritiert und der gestern vor allem für die FDP (ja, die waren auch an der Wahl beteiligt) relevant war: Stellen sie sich vor, sie hätten Lotto gespielt. Und um 18 Uhr werden die Zahlen veröffentlicht, aber man kann nicht mit hunderprozentiger Sicherheit sagen, dass es tatsächlich die sechs Zahlen sind. Man kann es jedoch mit einer sehr, sehr hohen Sicherheit sagen.

Man fragt sie, was sie nun vor haben mit dem Geld, das sie gewonnen haben könnten, ob und mit wem sie es teilen werden, wenn sie es denn gewonnen haben sollten, wie es war, die letzten Jahre beim Lotto verloren zu haben, während es dieses Jahr sein könnte, dass sie tatsächlich sechs Richtige haben. Zwischen den Interviews flötet die Lottodame beständig: „Es sind sehr, sehr viele Zahlen; bis wir mit Gewissheit sagen können, dass auch wirklich ihre sechs Zahlen gewonnen haben könnten, brauchen wir noch etwas Zeit, aber lassen sie uns gerne weiter darüber reden, wie es sich für sie anfühlt, dass sie vorläufig vermutlich gewonnen haben!“ Es könnte aber passieren, dass eine Zahl nicht ganz richtig war, und Sie dann am späten Abend erfahren, dass sie nur fünf richtige Zahlen haben, für die sechste hat es offenbar ganz knapp nicht gereicht.

„Vorläufig“

Wahlabende beginnen immer mit Diskussionen auf Grundlage einer recht wahrscheinlichen, aber nur vorläufigen Version der Realität, auf die sich alle unter Vorbehalt für die nächsten Stunden einigen. Jede Wahlberichterstattung startet mit dem Sternchen eines empirischen Konjunktivs, dessen Wahrhaftigkeit erst Stunden, heute sogar erst um Uhr zwei morgens, bekräftigt werden kann. Statt die Wahlanalyse einfach zu beginnen, wenn die Zahlen gewiss sind.

Hat Seehofer schon getwittert? Nein? Die Seite ist noch leer. Nein, Wladimir, wir können das Telefon nicht weglegen, vielleicht mentioned Godot ihn ja noch.

Die vorläufigen Ergebnisse stehen vorläufig fest. Es folgt die vertraute Präsentation des Sinnbezirks „Seismographie“: Erdrutschsieg, tektonische Verschiebung der Parteienlandschaft, politisches Erdbeben. Wahlergebnisse als eine unbezwingbare, unvorhersagbare Naturkatastrophe, die unerwartet und unerebittlich über die Gesellschaft einbricht, wie einst Pokemon Go. Für die CSU und SPD war es auf jeden Fall ein Katastrophe.

„Stabil“

In einer Art Mantra der Selbstversicherung dekliniert Söder ununterbrochen das Wort „stabil“ – dass er eine stabile Regierung anstrebe, mit einem stabilen Partner und die Stabilisierungsherausforderung annehme, um Stabilität stabil zu stabilisieren. Stabil Elite.

Das Wort ist sein Schild gegen die Quecksilbirigkeit seiner Wählerschaft, die auf die parteiprogrammatischen Verrechtsungen der CSU nicht so stabil reagiert hat, wie von der CSU erhofft. Wer hätte das ahnen können, dass man beim rechter und populistischer Werden plötzlich Wähler der Mitte verliert?

Er hält sich am Wort „bürgerlich“ fest, wenn man ihn nach möglichen Koalitionen fragt. „Wir streben ein bürgerliches Bündnis an“, sagt er an dem Abend so oft, dass das Wort irgendwann seinen Sinn verliert. Wobei ich vermute, dass er den Sinn selber nicht so recht kannte, wenn er nicht annimmt, dass die bayerischen Grünen längst in der bürgerlichen Mitte angekommen sind.

Er spricht dann nur noch vom „schmerzhaften“ Ergebnis, damit er vermeiden kann, von einem „schlechten Ergebnis“ reden zu müssen. Für die Grünen dürfte es noch schmerzhafter sein, als Wahlsieger nicht regieren zu werden.

Der Seehofer indes schweigt sich auf Twitter nach wie vor aus, ich betrachte es mittlerweile als eine John-Cage-mäßige Performance. In einem Wahlabend voller erregter, agitierter, bunter Balken-Diagram-Tweets ist seine leere Seite das Ende des Twitterversums. Vielleicht wird dem Seehofer seine Seite bis in alle Ewigkeit leer bleiben, es wird dort nie was für Banksy zu schreddern geben, ein Horst der Stille.

„Schonungslos“

In der „Berliner Runde“ ist man sich inzwischen einig, „es sollte nichts beschönigt werden“, „es darf nicht zur Tagesordnung übergegangen werden“, und vor allem muss jetzt alles „schonungslos analysiert“ werden.

Vor allem das „schonungslos“ ist ganz wichtig, ein Fußballer-Null-Satz nach Niederlagen, eine Form missglückter Selbstgeißelungs-Entschuldigung, die reif und reflektiert klingen will, aber auch öffentlich einfacher zu sagen ist, da einen verantwortungsvollen Besserungswillen zu beteuern immer angenehmer ist, als einzugestehen, dass man versagt und den Wähler offensichtlich enttäuscht hat. Die schonungslose Analyse von Resultaten, das machen offenbar immer nur die Verlierer, vielleicht um nicht als Verlierer dazustehen – immerhin gewinnen sie ja Erkenntnisse, im Gegensatz zu den lapidaren Gewinnern, die ohne Lerneffekt albern vor sich hin gewinnen. Von den Grünen hört man jedenfalls nicht, dass sie jetzt schonungslos analysieren, wie sie so viele Punkte gewonnen haben.

Eine vermeintlich erste Erkenntnis der schonungslosen Analyse die Söder wichtig war zu betonen: „Wir haben die AfD nicht so groß werden lassen.“ Diese Illusion wird durch einen lässigen Fingerzeig von Jörg Schönenborn auf seiner magischen Wand augenblicklich weggewischt. Die 180000 ehemaligen CSU-Wähler, die an die AfD verloren wurden, kriegt nicht mal Söder mit Wahlabend-Rhetorik geschönt.

Etwas an dem Satz verhakte sich in mir beim Hören: das Wort „Wir“. Vielleicht weil ich Söder unterstellte, dass er den Satz – wie ich heimlich, wie jeder Demokrat ehrlich und wie jeder der 250.000 Unteilbar-Demonstranten eigentlich – gerne in der Ich-Form hätte sagen wollen: „Ich habe die AfD nicht so groß werden lassen.“

„Wir“

Dann fiel es mir immer mehr auf, im Laufe des Wahlabends, bei Anne Will, bei Zamperonis „Dieses Gespräch haben wir vor Beginn der Sendung aufgenommen“-Interviews, alle, Verlierer, Gewinner, die dazwischen, sprachen in der Wir-Form über politische Ergebnisse, Versäumnisse und Vorhaben – auch wenn sie irgendwie doch sich meinten. Nirgends ließ sich jemand zu einer Ich-Aussage hinreißen.

In der einen traumatischen Woche, in der ich mal aus Versehen im Willy-Brandt-Haus arbeitete, hatte mir einer der Kommunkationsberater von Peer Steinbrück erzählt, wie schwer Willy Brandt sich mit dem Wort „Ich“ tat. In Reden benutzte er die Formulierung „der, der hier steht, sagt“. Was rhetorisch natürlich so handlich ist wie ein Bügeleisen aus Seife.

Von Nils Minkmar wiederum erfuhr ich ein Jahr später in seinem Buch „Der Zirkus“, dass Günter Grass diese Ich-Scheu in der Redigatur den Brandt-Reden rausschliff und aus „der, der hier steht, sagt“ machte: „Ich sage“. Willy Brandt wurde unter anderem dadurch zur Personifizierung des gesellschaftpolitischen Willen der Partei und war nicht mehr nur absichtlich unklares Subjekt eines sich die Verantwortung teilenden Kollektivs.

Aktualisieren. „@der_seehofer hat noch nicht getwittert.“ Aktualisieren. „@der_seehofer hat noch nicht getwittert.“ Aktualisieren.

Man denkt immer, Willy Brandt sei so ein Fußball-Mann gewesen, dabei hatte er keine Ahnung von dem Sport – und das, obwohl die beiden Disziplinen, Wahlkampf und Spielen, sehr viel gemein haben. Fußballlinguist Simon Maier hat in seiner interessanten Inhaltsanalyse „‚Wir‘, ’sie‘ oder ‚meine Mannschaft‘ – Wie Fußballtrainer vor der Presse auf ihr Team referieren“ das Kommentatorenverhalten der Trainer bei Pressekonferenzen erforscht:

„Wie sehr sich Trainer und Fans als Teil des Kollektivs sehen, zeigt sich in einem kleinen, aber aufschlussreichen sprachlichen Detail, nämlich der Wahl der sprachlichen Mittel, um auf die Mannschaft (die auf’m Platz) und ihre Leistungen Bezug zu nehmen. ‚Wir haben gut gespielt‘ können auch die sagen, die selbst gar nicht gespielt haben, und dass 2014 ‚wir‘ Weltmeister geworden sind, ist ja auch klar. Obwohl aber die Bezugnahme mit ‚wir‘ der Standardfall sein mag, kann man auch davon abweichen und ’sie‘, ‚die Mannschaft‘ o.ä. sagen. Einem gerne gepflegten Klischee zufolge ist es unter Fans wohl so, dass ‚wir gewonnen‘, aber ’sie verloren‘ haben. Erfolge verbucht man gerne auch für sich, während man Kritik gerne auf andere abschiebt.“

Laut Sportjournalist Tobias Escher wird in der Fußballlehrer-Ausbildung folgende Regel vermittelt, die er in seinem Buch „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ genauer ausführt:

„Es gibt eine simple Kommunikationsregel für Trainer: Wenn die Mannschaft gewinnt, haben die Spieler gewonnen. Wenn die Mannschaft verliert, hat der Trainer verloren. […]“

„Ich“

Das Bundesminister des Inneren für Bau und Heimat klärt auf:

„Der Account @der_Seehofer wird von Minister Seehofer in seiner Eigenschaft als Parteivorsitzender der @CSU genutzt. Als Bundesinnenminister wird Minister Seehofer auch weiterhin über @BMI_Bund twittern.“

Ich würde mir bei Niederlagen und Eingeständnissen so viel häufiger ein „Ich“ wünschen. Ein „Ich muss Verantwortung dafür übernehmen“ oder ein „Ich konnte die Wähler nicht überzeugen“ oder aber ein „Es gab keinen Rückenwind von mir“ wären wahrlich schonungslose Analysen und hätten so viel mehr Weitsicht, Würde und politische Kraft als ein „Wir müssen das analysieren“.

„Ich habe nichts gemacht, als Maaßen befördert wurde“, „ich habe entgegen aller Proteste das Polizeiaufgabengesetzes verschärft“, „ich habe die Diktion einer rechtsextremen Partei übernommen“, „ich habe ununterbrochen über Flüchtlingspolitik reden wollen, obwohl ich wusste, dass die Wähler komplett andere Sorgen haben“, „ich habe eine Regierungskrise in Kauf genommen“, „ich habe mein sozialdemokratisches Versprechen gebrochen“, „ich habe mein christliches Versprechen gebrochen“.

Ich warte darauf, dass jemand Konsequenzen aus dieser Katastrophe zieht, und da keiner zurücktreten wird, warte ich auf eine Ich-Aussage, die eine individuelle Verantwortlichkeit eingesteht, statt im Selbstoptimierungslamento des Partei-Wir – wir werden, wir wollen, wir sollten – vor sich hin zu prokrastinieren, um dann nichts am Kurs zu ändern.

Und ich warte immer noch auf Seehofers ersten Tweet.

Der kommt vermutlich eher.

5 Kommentare

  1. Ist „Stabil Elite“ am Wahlabend tatsächlich so gesagt worden?

    Stabil Elite, der Konzern Ihres Vertrauens? Und auch der Stabil-Elite-Trust? Wurde auch der „Quell Monte Carlo“ genannt? Gemäß den Gesetzen zur aktiven Freizeitgestaltung?

  2. Man muss dazu auch fairerweise sagen, außer in der FDP, wo eigentlich alles vom Lindtner gestemmt wird, gibt es in Parteien mehr als nur zwei, drei Leute. Und die zwei, drei Leute, die immer im Fernsehen oder wo auftauchen, sind mal von den anderen Leute gewählt worden, die Partei als Ganzes zu repräsentieren.
    Wenn also meinetwegen Seehofer einen Fehler macht, dann nur, weil seine Parteikollegen (und -kolleginnen, so vorhanden) zuvor den Fehler machten, ihn zu wählen.
    Das „wir“ ist hier also berechtigter als im Fußballdeutsch.

    Aber ansonsten, wie wäre es mit „wir“ als Hasswort?

  3. Samira El Ouassil ist eine sehr schöne Frau.
    Und ich bin ein sehr alter weißer Mann (53), der dennoch inzwischen soweit konditioniert wurde, daß er sich beim ersten Satz ernsthaft gefragt hat, ob das jetzt schon ein sexistischer Kommentar war.
    Doch selbst wenn das so wäre, dann ist natürlich nur @Übermedien daran schuld.
    Unter einem der letzten Beiträge von Frau Ouassil fand ich die verblüffende, aber auch völlig berechtigte Frage, warum eigentlich von allen, die für Übermedien schreiben, wir nur das Bild von Samira El Ouassil präsentiert bekommen. Ob also Michaelis Pantelouris oder Stefan Niggemeier schöne Männer sind, wir erfahren es nicht.

    Ich vermute mal wild herum:

    1. Es ist Bestandteil des Vertrages mit Frau Ouassil, daß ihr Bild gezeigt wird. Dafür erhält sie entweder sehr viel mehr oder weniger Honorar.
    2. Auch Niggemeier und Rosenkranz finden, daß Samira El Ouassil sehr schön ist und wollen dieses Wissen mit uns teilen.
    3. Sie ist neu und ab jetzt werden alle Neuen mit Bild präsentiert.
    4. Ab jetzt werden uns Zug um Zug a l l e Autoren von Übermedien im Bild präsentiert, aber alle anderen suchen noch verzweifelt und eventuell völlig vergeblich ein Foto von sich, auf dem sie auch nur halb so schön sind wie Frau Ouassil.
    5. Das Ganze ist Teil einer komplizierten Metasatire à la Böhmermann, bei der gezeigt werden soll, daß die Beiträge von Frau Ouassil viel öfter angeklickt werden als die aller anderen Autoren und nun dürfen wir alle raten, ob es an ihren tatsächlich hervorragenden Texten (die mich in der Diktion ein wenig an die frühe Ronja von Rönne erinnern, als sie noch wild und gefährlich schreiben wollte) liegt, oder an dem Bild. Dazu wird Übermedien die Klicker in männlich und weiblich aufsplitten und erwartungsgemäß feststellen, daß am häufigsten alte weiße Männer auf Frau Ouassil klicken und das wird dann noch mal das ganze #Metoo beweisen.
    6. Niemand, auch Niggemeier und Rosenkranz haben die geringste Scheißahnung wie das passieren konnte und ob vielleicht s i e von unterbewußtem Sexismus dazu getrieben wurden, mal klarzustellen, was für schöne neue Autorinnen nun für Übermedien arbeiten. Da aber @niggi schwul ist..?
    7. Analog zu Punkt Eins grübele ich beim Schreiben die ganze Zeit, ob mir diese Aufzählung eines Tages von der Amadeu- Antonio -Stiftung als diskriminierend ausgelegt werden wird und man als erste kleine Sanktion mir das Recht absprechen wird, jemals auf Lebenszeit Kolummnist bei Übermedien zu werden, damit die Konservativen nicht für Jahrzehnte das Übergewicht bekommen.

    Guter Gruß,
    Gianno Chiaro, (@LucianoCali_2 ), Übonnent

  4. Auch Schwule können natürlich unbewusst, ja, sogar bewusst sexistisch sein, obwohl ich das von N. nicht glaube. Über die Schönheit M. Pantelouris kann ich nicht urteilen, es gibt bei der Google-Bildersuche zumindest einige fotografisch durchaus gelungene Bilder seines Antlitzes.
    Aber letztlich ist mir das egal, auf schöne Bilder der schönen S. El Ouassil würde ich aber nur ungern verzichten, Sexismus hin, #metoo her.

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