Leichter Klotzen

Das erste, was an dem Klotz von Magazin auffällt, wenn man „Interview“ in die Hand nimmt: Wie leicht es ist. Ich weiß ehrlich nicht, wie das geht, aber das Gewicht dieses mehr als 240 Seiten dicken Heftes steht in keinem Verhältnis zu dem, was man erwartet, wenn man es in die Hand nimmt. Dabei mag ich das offene1 Papier, es wirkt kein bisschen billig, und das Gewicht ist gerade groß genug, dass die Rückseiten nicht unangenehm durchscheinen, oder sagen wir, nur an wenigen Stellen unangenehm. Und irgendwie glaube ich, es hätte Andy Warhol gefallen, dass dieses Magazin, das gleichzeitig ein ziemlich direkter Nachfahre von „Andy Warhol’s Interview“ ist und dann auch wieder genau nicht, ein Leichtgewicht ist.

Das Heft, das Warhol gründete, bestand in den letzten Jahrzehnten2 im Wesentlichen aus Bildstrecken, die von den Unmengen Anzeigen nicht zu unterscheiden waren, und oftmals völlig belanglosen Gesprächen hyperprominenter (Unterhaltungs-)Künstler. Es war, wie Warhols eigene Kunst, ein Abgrund an Oberfläche.

Die deutsche „Interview“ kam erst 2012 auf den Markt, überlebt dafür aber offenbar das Mutterblatt in den USA, das wahrscheinlich gerade seine letzte Ausgabe veröffentlicht hat und dessen Ende im Zuge verworrener Insolvenzgeschichten noch für dieses Jahr verkündet wurde. Jenseits der Modeszene hat es längst keine Rolle mehr gespielt. Die deutsche Ausgabe hatte in der Zwischenzeit das Logo gewechselt, ist aber nun zurückgekehrt zu einem eng an das Original angelehnten. So etwas passiert normalerweise, wenn sich Lizenzgeber und -nehmer streiten, aber ob das hier zutrifft, weiß ich nicht. Insgesamt sieht das ganze Ding gut aus. Und jetzt weiß ich nicht mehr wirklich weiter.

Die Warhol-Ausgabe der „Interview“ würde man wahrscheinlich am besten beschreiben, wenn man sagt, sie war ein Teil der New Yorker Kunstszene, und der abgedruckte Small Talk zwischen den manchmal (zumindest für mich als Außenstehenden) überraschend gepaarten Künstler lebte von Warhols aggressiv gelebter Starfuckery3. Nach seinem Tod bewegte sich das Heft mehr und mehr in die Modewelt, was total folgerichtig ist, denn das Aufladen von Oberflächlichkeiten mit einem nur gefühlten Inhalt ist eine der erfolgreichsten Erfindungen jener Szene, die schließlich aufgefordert ist, inzwischen quasi monatlich neuen Kollektionen einen Überbau aus Inspiration mitzugeben.

Aber wie macht man das in Deutschland, wo sowohl die Kunst- als auch die Modeszene eben auch nur so sexy sind, wie sie eben sind? Und wo Stars, na ja, es schwer haben, irgendeine Fallhöhe zu erreichen, die so viel „larger than life“ ist, dass ihr Small Talk irgendwen wirklich elektrisieren könnte?

Die Antwort von „Interview“ ist eine treibende, aggressive Überhöhung. Das Heft ist voller Modestrecken, die manchmal grandios und in keinem Fall langweilig fotografiert sind, unterbrochen von schwer lesbar layouteten Interviews oder Gesprächen4, in denen ich wenig wirklich Interessantes gefunden habe5, aber insgesamt strahlt das ganze Ding schon die Aufregung aus, die so eine Marke ausmacht. Man muss sich darauf einlassen, und das muss man überhaupt erstmal wollen, aber wer das will, wird wahrscheinlich nicht enttäuscht. Ich sage wahrscheinlich, weil ich es wirklich nicht weiß. Ich bin nicht dieser Mensch.

Die über-coole Form von Kunst-Fashion-Szene wirkt wie etwas, dass es nur in einigen ausgewählten Metropolen geben kann, in New York, Paris, London und in diesem Fall eben Berlin. Das muss im Prinzip nicht heißen, dass ein Heft dieser Szene nur dort gelesen werden kann. Im Gegenteil, ich glaube, die perfekte Kombination wäre ein Heft, dass so gelesen wird, wie es der ehemalige Chefredakteur Graydon Carter einmal über seine „Vanity Fair“ gesagt hat, die angeblich gelesen wurde „von einer Million Hausfrauen – und jedem, der wichtig ist“. In etwa wie der „Spiegel“, der in deutschen Haushalten genauso gelesen wird wie im Politikbetrieb, oder vielleicht ist die Analogie besser zu „Tempo“, dem von Jungs in der Provinz heiß geliebten, legendären Zeitgeistmagazin der Neunzigerjahre.6 Für einen ähnlichen Spagat ist „Interview“ allerdings viel zu spitz: Es erklärt weder die angebliche Wichtigkeit seiner Protagonisten noch die abgebildeten Mode-Trends. Es ist eine Insider-Veranstaltung für einen sehr erlauchten Kreis, der so wenig Anknüpfungspunkte bietet, wenn man aus der realen Welt draufguckt.

Ein bisschen so, als würde ich eine Dose Tomatensuppe zeichnen. Ich könnte das noch so gut machen, es wäre trotzdem egal.

Interview
Interview PH GmbH
10 Euro

3 Kommentare

  1. Ist die Leere der sechsten Fußnote einfach nur ein Fehler, oder sollte ich darüber nachdenken für was im davor stehenden Satz sie steht?

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.