Der Michael Caine unter den Magazinen

Zu seinem 175. Jubiläum hat sich der britische – genauer: der sehr, sehr britische – „Economist“ ein Manifest zur Rettung des Liberalismus geschenkt, quasi ein Bekenntnis zu den eigenen Werten (und ein Aufruf zur Rettung der bedrohten Art des wahren Liberalen). Das ist doppelt beeindruckend, wenn man bedenkt, was der „Economist“ zu seinem Geburtstag nicht macht: Weder er- oder verklärt er seine eigenen Leistungen der Vergangenheit, noch lässt er sich von Prominenten gratulieren.1 Das Jubiläum war, ehrlich gesagt, schon letzte Woche, aber ich habe ein bisschen damit gerungen, ob ich nach „Monocle“ und „Esquire“ zum dritten Mal ein englischsprachiges Magazin hier besprechen soll, vor allem eins, bei dem wahrscheinlich jeder weiß, dass es zu den besten der Welt gehört.

Für alle, die den „Economist“ nicht gut kennen, einmal ganz schnell: Er ist ein wöchentliches, internationales Nachrichtenmagazin mit einem Schwerpunkt auf Themen der Weltwirtschaft, wie der Name schon verrät. Und er ist eine der größten Freuden, die man sich machen kann, wenn man Englisch spricht.2 Allein die britisch trockene Zusammenfassung der Nachrichten der Woche ist stellenweise irrwitzig komisch und das Lesen wert, aber wirklich brillant ist die Redaktion in ihrer unglaublich genauen, zahlen- und datengetriebenen Beschreibung von Zusammenhängen überall auf der Welt.

Schonmal was vom Big-Mac-Index gehört, mit dem man Konsumentenpreise überall auf der Welt vergleicht? Hat die „Economist“-Redaktion erfunden, von der man nebenbei gesagt immer nur als Redaktion sprechen kann, weil kein Redakteur seinen Namen unter einen Text schreibt.3 Diese Anonymität, verbunden mit dem einheitlichen Schreibstil, hat eine ziemliche Wucht.4 Beim „Economist“ überstrahlt kein Autor die Macht der Marke.

Das Konzept ist erfolgreich, die Zeitschrift wächst und macht riesige Gewinne. Sie unterhält Büros überall auf der Welt. Kurz: Sie ist das, was alle anderen Nachrichtenmagazine nicht mehr sind. Der Vergleich mit allen nicht-englischsprachigen Magazinen ist wegen des Weltmarktes eindeutig unfair, aber darum geht es mir gerade gar nicht. Ich würde gerne den Fokus auf etwas anderes legen: Die Redakteure machen das, ohne sich erkennbar Gedanken zu machen, „was der Leser will“, sondern umgekehrt mit dem eigenen, durch eine klare Haltung geprägten Blick auf die Probleme und Herausforderungen der Welt.

Dabei ist die Stärke nicht die absolute Aktualität der Themen, auch nicht die investigative Exklusivität – beides Qualitäten, bei denen auf Papier gedruckte Magazine heute ohnehin abstinken –, sondern das Verständlichmachen und Bewerten. Und natürlich diese selbstironisch kluge Art, auf die es geschieht. Es ist der Michael Caine5 unter den Magazinen, oder vielleicht auch Sir Roger Moore.

In den aktuellen Ausgaben6 erklärt der „Economist“ neben den beherrschenden Themen der Weltpolitik und -wirtschaft („How to fix America’s Supreme Court“) auch den Stand zur Forschung beim Vaping (das ist das „Rauchen“ von E-Zigaretten7), warum Jair Bolsonaro ein furchtbarer Präsident für Brasilien wäre, warum Sambias drohende Wirtschaftskrise ganz Afrika eine Warnung sein sollte und auch, warum auf der griechischen Insel Korfu Cricket gespielt wird.8 Wessen Gedanken in der Zwischenzeit gewandert sind, der wird feststellen, dass wir ein derartiges Magazin in Deutschland nicht haben. Eine Frage könnte sein: Warum? Meine Frage zumindest ist das, und ich stelle sie in traurig-anklagendem Ton.

Die Welt durch die Augen des liberalen Ökonomen zu sehen, ist eine ungeheuer interessante Perspektive; es gibt sogar eine Reihe prominenterer oder aufregenderer Beispiele als den „Economist“. Der „New York Times“-Kolumnist und Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman gehört dazu, aber vor seiner aktiven Zeit als Politiker traf die Beschreibung auch einigermaßen genau auf den damaligen Professor und Blogger Yanis Varoufakis zu. Ökonomen sind unter den Journalisten und Autoren die einzigen, die Geld an sich keinen moralischen Wert zumessen, allen anderen ist es entweder suspekt oder sie beten es an9. Für Ökonomen ist es nur ein Werkzeug. Das ist sehr angenehm.

Und interessanterweise befähigt genau diese Haltung die Menschen beim „Economist“, über Menschenrechte, Demokratie, Freiheit, Korruption und vieles andere entspannter zu schreiben als die eigentlich „politischen“ Journalisten. Und anders als beispielsweise der „Spiegel“, der sich zu sehr als Nachrichtenmagazin begreift, um simple Erklärstücke zu schreiben, beleuchtet der „Economist“ für mich persönlich die Weltlage verständlicher, entspannter und dabei klarer als alle anderen. Autorenblätter wie „Zeit“, „Spiegel“ und, wo er das ist, auch der „Stern“10 stehen vor der Aufgabe, dass in fast jedem einzelnen Text die Grundhaltung des Autoren erklärt oder ausgeblendet werden muss – beim „Economist“ gibt es nur die eine, und selbst wenn man sie wie ich nicht unbedingt in allen Punkten teilt, macht es das Lesen interessant. Und den Humor hatte ich schon erwähnt, der macht ja sowieso fast immer alles erträglich.

Ich schreibe das mit einer halb angezogenen Handbremse, weil ich auch nicht nur jubeln will. Das ist eine wöchentliche Zeitschrift11, und man muss die nicht für den Nabel der Welt halten. Aber wenn man schon eine macht, dann macht man es tatsächlich am allerbesten so, wie diese internationalen Briten da: mit festen Wurzeln und Zweigen, die überall hinwachsen. Und hoch hinaus.

Herzlichen Glückwunsch zum 175., ich hoffe, das war erst der Anfang.

The Economist
Economist Newspaper Limited
7,50 Euro

Ein Kommentar

  1. Ich oute mich hier als großer Economist Fan

    Aber legt er wirklich den „Schwerpunkt auf Themen der Weltwirtschaft“? Ist der Schwerpunkt nicht eher Politik und Zeitgeschehen und dann kommt hinten noch ein Teil zu Wirtschaft/Unternehmen und ein Teil zu Finanzen.

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