Emotional ehrlich: „Esquire“

Von elf psychisch Kranken, die in den USA stationär behandelt werden, haben zehn ihre Betten nicht in einer psychiatrischen Klinik. Auch nicht in irgendeinem anderen Krankenhaus. Sondern im Knast.

Das liegt nicht daran, dass alle psychisch Kranken kriminell werden, sondern dass ihre Behandlung in den vergangenen Jahrzehnten derart zusammengestrichen wurde, dass Betroffene außerhalb der Anstalten praktisch keine Hilfe vom Staat bekommen. Und wem nicht privat geholfen wird, dessen Krankheit verschlimmert sich, oft so weit, dass diese Betroffenen dann irgendwann Gesetze verletzen. Wenn sie aus dem Knast kommen, geht es ihnen regelmäßig schlechter als vorher.

Wir reden hier nicht über einen Fall, oder über tausend, oder zehntausend, sondern: Von 2,2 Millionen Gefangenen in den USA sind bei 400.000 psychische Erkrankungen diagnostiziert. Es ist eine Krise und deshalb in der ein bisschen zynischen Welt des Journalismus eine gute Geschichte. Und jetzt kommt die Frage, auf die ich hinaus will. Als Redakteur eines Magazins, der diese Krise als Thema erkannt hat: Wie geht man an die Geschichte heran? Wie erzählt man sie?

Man beginnt damit, dass man Kranke sucht, die im Knast sitzen (oder saßen) statt im Krankenhaus. Gibt es besonders krasse Fälle, die das Problem besonders deutlich machen? Und wie kommt man an die heran? Was macht man, wenn die Quellen Menschen sind mit Störungen, die es ihnen schwierig machen, reflektierte Antworten zu geben? Die man aber auch schwer über lange Zeit in ihrer eigenen Umgebung zu beobachten, weil sie im Gefängnis sitzen?

In der besten aller Welten hätte ein Magazin einen brillanten, einfühlsamen Autoren mit einem persönlichen emotionalen Zugang zu dem Thema, der gleichzeitig ein brutaler Verbrecher ist und in einem US-Knast sitzt. Diese beste aller Welten existiert – sie heißt „Esquire“.

Das Magazin mit dem britisch klingenden Namen1ist eine sehr amerikanische Magazin-Institution, gegründet 1933 als eine Art Modeheft, in dem aber Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Tom Wolfe schrieben. Es ist das, was der „Playboy“ immer behauptete zu sein: Ein Männerheft, das man wegen der Artikel liest.2

In der aktuellen Ausgabe schreibt ein Autor mit dem wunderbaren Namen John J. Lennon die Geschichte des schizoiden Joe Cardo, der nach einen dilettantischen Überfallversuch mit einem Luftgewehr im Gefängnis landet und immer weiter abrutscht. Lennon w…

2 Kommentare

  1. Ich schließe mich meinem/r Vorredner/in an, weise aber auch noch auf einen Fehler hin:

    Die man aber auch schwer über lange Zeit in ihrer eigenen Umgebung zu beobachten, weil sie im Gefängnis sitzen?

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