Alt genug, um neu zu sein

Die Szene der Kiteboarder ist offensichtlich in Aufruhr. Ich kann das erklären: Der Lizenznehmer der Segelmarke „North“ hat sich entschlossen, nicht mehr länger für die Lizenz zu bezahlen, sondern dieselben Kites1 stattdessen unter dem Namen „Duotone“ zu verkaufen. Der Lizenzgeber „North Sails“ will nun selbst Drachen herstellen und hat dafür mehr oder weniger das komplette Team eines weiteren Konkurrenten abgeworben. Oh, ja, es geht heiß her!

Für „Kite – Deutschlands meistverkauftes Kitemagazin“ ist das natürlich ein großes Thema,2 das mit einem vierseitigen Interview vorne im Heft und einer nicht gekennzeichneten, redaktionell anmutenden Anzeigenstrecke über 16 Seiten weiter hinten gewürdigt wird. Zeiten, in denen Firmen mit ihren Kunden kommunizieren müssen, sind offensichtlich Zeiten der Freude für Special-Interest-Titel.

Von Wolfgang Block, einem der Verleger-Pioniere in Sachen Surf-Zeitschriften in Deutschland, stammt der Satz:

„Die Redakteure müssen Surfer sein. Zeitschriften machen kann ich ihnen beibringen, Surfer zu werden nicht.“

Ich glaube, dass er einerseits völlig recht hat: Die Liebe zu einem Thema, das nerdige Expertentum, das Dazugehören zur Peer-Group – das ist der wichtigste Teil der DNA eines Heftes. Aber natürlich sieht man das im Ergebnis.

Bei „Kite“ sind sie bestimmt sehr gute Kiter, und sie lieben das. Dafür muss man damit leben, dass man bei einigen Geschichten selbst nach Lektüre von Headline und Vorspann nicht versteht, worum es eigentlich geht, wenn man nicht auf der rechten Seite des Aufmachers rechts oben in der Ecke nachguckt, wer da zum Beispiel gerade interviewt wird. Oder dass man erst auf der letzten Seite eines sechsseitigen Interviews zum ersten Mal das Gesicht des Interviewten auf einem Foto sieht. Und gute Kiter sind außerdem nicht automatisch gute Schreiber, auch das ist klar.

Insgesamt finde ich also richtig, dass die Spezialisten des Inhalts für ein Heft wichtiger sind als die Spezialisten der Form – aber bei „Kite“ könnten sie eindeutig ein entscheidendes bisschen mehr für die Form tun.

Ein Schritt, der nicht nur für „Kite“ gilt, wäre sich die Sätze groß an die Wand zu schreiben, die der Schauspieler Ethan Hawke in dem großartigen Porträt in der „New York Times“ vom Wochenende gesagt hat:

„[John] Cassavetes, Charles Bukowski, Jack Kerouac and Richard Linklater have all inspired more bad art because they make it look so easy. Like, oh, ‘I’ll just write a novel about my friends, it’ll be great.’ ‘I’ll just write a poem about being hung over.’”

In der Realität ist es schwieriger, und wahrscheinlich muss man sich immer wieder vorhalten: Das Ziel guten Schreibens ist „einfach und tief“, niemals „komplex und flach“3.

Aber all das lässt sich hier gut wegstecken, weil das Heft enthusiastisch gemacht ist, und Motivation schlägt auf Dauer immer sowohl Talent als auch Routine. Ich würde sowieso lieber darüber reden, was der Auslöser war, dieses Heft zu kaufen. Auf dem Cover ist als eins der zwei größten Themen ein „Einsteiger-Guide“ angekündigt. Der ist tatsächlich umfassend und liebevoll gemacht, und er bringt mich zu einem der Dilemmata, vor denen Magazinmacher stehen:

Wann kann man ein Thema eigentlich wieder machen? Ein Einsteiger-Guide wäre ja potenziell sehr oft geeignet, neue Leser zum Magazin zu holen. Aber wie oft kann man das machen?

Ich arbeite jetzt seit fast 20 Jahren im Magazin-Journalismus, das heißt, ich habe jedes Thema schon wieder auftauchen sehen, und jedes Mal muss ich mich fragen, ob es alt genug ist, um schon wieder neu zu sein. Natürlich gibt es das überall: Von Korrespondenten, die neu in ein Land oder eine Stadt kommen, wird erzählt, dass sie bei ihren ersten zehn völlig überraschten Beobachtungen vor Ort nach einem Blick ins Archiv feststellen müssen, dass jeder ihrer Vorgänger dieselben zehn Beobachtungen auch gemacht und darüber Beiträge produziert hat. Es gibt im Grunde wenig ganz und gar Neues unter der Sonne, und – Vorsicht, Journalisten-Lingo – „der Leser hat kein Archiv“.

Es gibt keine allgemeingültige Antwort darauf, wann was wieder neu genug ist, um berichtet zu werden. Eine halbe Antwort ist das Kleinwerden: Je mehr man ins Detail geht, je ernster man ein Thema nimmt, umso mehr Facetten hat es. Am Ende reicht es dann, dass da vielleicht etwas ähnliches erlebt wurde wie vorigen Monat, aber von jemand anderem, der es anders begreift.

Die Szene der Kite-Surfer ist in Aufruhr, weil für manche das Segel, das sie benutzen, in Zukunft anders heißt. Was mich nicht bewegt, weil ich nicht kitesurfe. Aber für andere ist es das Schönste, was sie in ihrem Leben tun, und da sind sie über jede Veränderung aufgeregt.

Und so verstehe ich den Satz von Wolfgang Block: Es braucht in Redaktionen Menschen, die sich gemeinsam mit ihren Lesern aufregen über das, was sie bewegt. Und wenn es eben sein muss: immer und immer wieder.

„Kite“
Kite & Learn GmbH
4,90 Euro

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