Saarländischer Rundfunk kapituliert vor Facebook-Mob

Am vergangenen Donnerstag berichtete die Nachrichtensendung „aktueller bericht“ des Saarländischen Rundfunks (SR) über eine Demonstration zugunsten der Seenotrettung von Flüchtlingen. Die Demo hatte unter dem Titel „Gegen das Sterben im Mittelmeer – Solidarität mit Geflüchteten!“ einige Stunden zuvor in Saarbrücken stattgefunden.

Beitrag des „aktuellen berichts“ zur Demo für die Seenotrettung Screenshot: SR

Der einminütige Bericht (eine nachrichtliche Zusammenfassung plus Interview mit dem Veranstalter) wurde auch auf der Facebookseite des „aktuellen berichts“ hochgeladen – in deren Kommentarspalte es kurz darauf so aussah:

Geistiger Tiefflieger, dann sollten sie direkt nach Afrika gehen, da gibt’s viele freie Fläche und da können sie ein Land ihrer Vorstellung errichten und selbst unterhalten.

Schwimmen ist wie Essen. Kann nicht jeder.

Wo bleibt den deine Antwort Hohlbirne? Wie viele Musels hausen in deiner Baracke??

Ich bin erstaunt wie viele sich nicht damit begnügen beschissen auszusehen; anscheinend gehört zum Komplettpaket auch Scheisse im Hirn…

Bei solchen Deutschen wünscht man sich den Harris zurück. Für jede Sauerkrautkartoffel zwei Fliegerbomben mehr und wir müssten uns solche Kommentare heute nicht mehr antun.

„Verreck im Gulag ❤“

Nach mehreren hundert solcher Kommentare wurde das Video schließlich von der Facebookseite gelöscht.

Eine „himmelschreiende Ungerechtigkeit“, findet nun der Veranstalter der Demo, das Aktionsbündnis „Bunt statt Braun Saar“: Der SR habe damit – ohne es zu wollen – „den Rechten einen riesigen Erfolg beschert“.

Denn mit dem Beitrag verschwindet eine Seite der Debatte. Wir, die Menschen, die sich gegen das Sterben im Mittelmeer einsetzen, werden unsichtbar gemacht. (…) Eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt darf der kleinen lauten Gruppe digital organisierter Rechter nicht so nachgeben. Keine Debatte ist unmoderierbar.

Das sieht der SR anders. Auf Anfrage von Übermedien erklärt Reiner Buhl, stellvertretender Unternehmenssprecher:

Wir hätten den Filmbeitrag gern auf dieser Facebook Seite belassen und „nur“ die Kommentarfunktion gesperrt, weil trotz einzelner sachlicher Beiträge eine sehr große Zahl Beleidigungen, gezielte Falschinformationen oder offensichtliches Trolling, die unserer Netiquette widersprechen, den Beitrag für uns unmoderierbar gemacht haben.

Nach über 500 Kommentaren waren unsere redaktionellen Kapazitäten erschöpft, zumal wir am Wochenende leider keine 24 Stunden Betreuung leisten können. Die unsachlichen Bemerkungen bis hin zu strafrechtlich relevanten Aussagen kamen von allen Seiten, so dass man mehr als 90% der Einträge hätte löschen müssen.

In dieser Situation hätten wir uns gewünscht, die Kommentarfunktion schließen zu können. Allerdings ist das Abschalten der Kommentarfunktion bei Facebook auf Facebook-Seiten – im Gegensatz zu Facebook-Gruppen – nur generell möglich, nicht zu einzelnen Posts.

Damit hätten wir der großen Mehrheit der User die Möglichkeit genommen, auf andere Inhalte dieser Facebook Seite zu reagieren.

In der SR-Mediathek (ab Minute 17.30) sei der Beitrag weiterhin zu sehen. Üblich sei diese Lösch-Praxis im Übrigen nicht, dies sei zuvor nur ein einziges Mal vorgekommen, „bei einer permanenten und gravierenden persönlichen Beleidigung“.

26 Kommentare

  1. Naja, da in einem privaten Blog die Anzahl der Kommentare auch schon manchmal ein paar hundert betragen kann, ist es schwer nachvollziehbar, dass die Redaktion eines öffentlich-rechtlichen Senders bei 500 Kommentaren kapituliert.

  2. Der „aktuelle Bericht“ verfügt über eine redaktionelle Social-Media-Kapazität von genau einer Person. Im Tagesdienst, d.h. 8 Stunden am Tag. Schwer vorstellbar, dass man damit einen gesteuerten Shitstorm mit 500 Kommentaren (abzüglich der bereits gelöschten) in den Griff bekommt. Die Lösung wäre: mehr Leute im Rund-um-die-Uhr-Schichtdienst. Das kostet aber Geld. Und genau das hat nun gerade der kaputt gesparte SR nicht…

  3. Oder wie wäre es dann damit gewesen, die Kommentarfunktion mit einem entsprechendem „Kommentar“ zu „sperren“, indem einfach alle Kommentare entfernt werden?
    Selber Effekt, nur 500x klicken, und alle paar Minuten noch ein paar Mal … mache ich übrigens bei Event-Einladungen auch.
    Offenkundige Social-Media-Unwilligkeit aus Komfort-Willigkeit oder Ideen-Unwilligkeit perfekt demonstriert. Gut gemacht!

    Hint: Wer in den Netzen nicht tut, was man kann, hinkt allen anderen hinterher. Willkommen zurück in der Nachhut – oder war da mal was Anderes?

  4. Vielleicht sucht sich der SR ja zukünftig eine Plattform, die den eigenen Ansprüchen und Anforderungen eher entspricht als FB.

  5. Retten aus Seenot ist o.k. , auch wenn die sich selbst bewusst in diese Lage gebracht haben ! Aber nicht o.k. ist es, diese unter dem Vorwand nach Europa zu verbringen , mit abstrusen Behauptungen ! Es gilt das internationale Seerecht – nächst gelegener Hafen. Nebenbei – diese gut gebauten und athletischen Männer fehlen beim Aufbau ihrer Heimatsländer ! Und da ja alle viel Geld bezahlt haben, ihren Pass verloren und ihr Smartphone aber haben – was sagt uns das ? Na ?

  6. @1 Gunnar

    Im Gegensatz zum Blog hier, werden Kommentare bei FB direkt veröffentlicht.

    In Blog-Softwares, wie zum Beispiel hier, kann man einstellen, dass Kommentare erst nach Prüfung veröffentlicht werden. Hier staut sich sicherlich einiges an Kommentaren an, aber er erscheint nichts, was nicht auch freigegeben wurde.

  7. Das kann man bei FB auch einstellen. Es gibt die Option, Beiträge erst zu kontrollieren und dann einzeln zu veröffentlichen, und natürlich kann man Beiträge komplett deaktivieren. Letzteres wäre sinnvoller gewesen, als den beitrag zu löschen. Ersteres bietet sich an, sobald man sieht, dass da ein Sturm tobt.

  8. Warum keinen Hinweis schreiben, dass nun jede Stunde ALLE Kommentare gelöscht werden. dann müssen sie nicht einzeln bearbeitet werden.

  9. @7
    Man kann auf „Seiten“, die ursprünglich mal am ein Profil gekoppelt waren, die Kommentare nicht deaktivieren.
    Löschen ist die einzige Möglichkeit. Entweder einzelne Kommentare oder den kompletten Post.
    Als Senderverantwortlicher hätte ich den stehen gelassen und in Ruhe von zwei Praktikanten abarbeiten lassen.
    Wäre sicher ausreichend Material für eine Bachelorarbeit drin gewesen.

  10. # 5

    „Es gilt das internationale Seerecht – nächst gelegener Hafen. “ Hört sich gut an, ist aber falsch: „“to ensure that in every case a place of safety is provided within a reasonable time.“ (aus:msc guidelines on the treatment of persons rescued at sea)

    Übrigens fehlen gut gebaute Männer überall ;)

  11. Ich muss sagen wenn so eine Kommentarspalte am Eskalieren ist und sowieso keine sinnvolle Diskussion mehr zu erwarten ist finde ich es auch verlockend, Gulag-Scherze zu machen oder Harris zu danken, vielleicht regt sich der ein oder andere Rechte drüber auf. Das ist sicher selbst-verstärkend, Trolle und fehlende Moderation führen zu mehr (Gegen-)Trollen und noch überforderterer Moderation. Wenn man nicht rechtzeitig und großflächig zu löschen schafft, bevor Kommentare Gegenreaktionen provozieren, dann kann man den Post abschreiben.

    @Stefan Pannor, was ist denn der Unterschied zwischen löschen und deaktivieren? Dass man den Post wieder aktivieren kann wenn sich der Sturm gelegt hat?

  12. Es ging um die Kommentare. Nicht um den Post, unter dem die Kommentare stehen. War mißverständlich formuliert.

    PS: Ist Kommentar #5 ein Bot? Mit dem Thema hat das, was er schreibt, jedenfalls so viel zu tun wie Rezepte für Erdbeertorte. Will er derailen?

  13. @Civichef

    Stimmt. Die Blog-Software ist in der Regel deutlich komfortabler, was die Moderation betrifft.
    Ich halte es aber dennoch für machbar in 8 Stunden 800 Kommentare (also 100 pro Stunde und das meist 3 Zeiler) zu sichten und zu moderieren.

  14. Ich verstehe die Reaktion der Zeitung gut, da man gegen eine geplanten Aktion von so genannten ‚Rechten Trollfabriken‘ (zB Reconquista Germanica‘) nicht ankommen kann. Ich sehe das Problem bei Facebook: wenn JEDER anonym schreiben kann, haben Trolle, Hasser und gezielt agierende rechte Gruppierungen ein allzu leichtes Spiel.
    Hans-Joachim Förster: mir ist Ihre Meinung zu inhuman: es gibt weltweit jede Menge Fluchtursachen. Würde es den Leuten gut gehen, würde Niemand die gefährliche Reise wagen. Das Internationale Recht sagt: sicherer Hafen, nicht nächster Hafen (und das jeweilige Land muss auch zustimmen). Libyen zb ist nicht erlaubt, weil bekanntermaßen KZ -ähnliche Zustände in den Lagern herrschen mit systematischer Quälerei, Nahrungsunterangebot und Vergewaltigungen.

    Ich bin für deutliche Verringerung von Flucht Ursachen und möglichst globale Einigung zur Verteilung der restlichen Flüchtenden. Dieses Sterben, Gewalt etc ist grauenhaft…

  15. # 5: „Es gilt das internationale Seerecht – nächst gelegener Hafen.“

    Der erste Satzteil ist richtig, der zweite Teil kompletter Unsinn.

    „Nach Ziffer 3.1.9 des Annexes zum SAR sowie nach dem neu eingeführten Absatz 1.1 der Regel V/33 des SOLAS sind die Geretteten innerhalb einer angemessenen Zeit an einen „sicheren Ort“ zu bringen.

    Auch die vom Schiffssicherheitsausschuss (MSC) der IMO im Jahr 2004 verabschiedete Resolution MSC.167(78)31, welche Hinweise zur Behandlung von in Seenot geratenen Menschen gibt, sowie das von der IMO zuletzt im Jahr 2016 herausgegebene IAMSAR Manual,32 welches in Band 3 Ausführungen zur Art und Weise der Hilfeleistung enthält, sprechen allein davon, dass die Geretteten an einen „sicheren Ort“ gebracht werden sollen. Es geht nach dem geltenden Seevölkerrecht im weiteren Fortgang nicht darum, die Geretteten in den „nächsten, sicheren Hafen“ zu bringen.“

    https://www.bundestag.de/blob/516166/90470cc9ff31524a40522ac738f79fbd/wd-2-068-17-pdf-data.pdf

  16. Sinnlos, das erklären zu wollen. Die Falschbehauptung ist ein rechtes Mem, das kritik- und kenntnisfrei runtergebetet wird, weil es gar nicht darum geht, faktisch recht zu haben, sondern die Fakten mit einer alternativen Wahrheit zu überschreiben.

    Ist aber auch nicht Thema hier, zeigt nur, wie ein gezielt eingeworfener Blödsinn geschickt vom Thema ablenken kann.

  17. #17: Sie haben natürlich recht – es ist nicht das Thema und folgt dem Derailing. Ich wollte nur die ‚alternative Wahrheit‘ wieder mit Fakten überschreiben. So haben zumindest Zweifler einen Ansatzpunkt, zu überprüfen, was wahr ist und was nicht. Notorische Falschbehaupter erreicht man so natürlich auch nicht, da mache ich mir keine Illusionen.

  18. Öffentlich-Rechtliche Sender sollten sich schon aus Prinzip überhaupt nicht erst auf Facebook rumtreiben.
    Das ist wie koksend bei Pablo Escobar am Küchentisch zu hocken und darüber zu berichten wie gesellschaftsschädigend das Medellin-Kartell eigentlich ist.

  19. Ich dachte Facebook ist voll Grufti!
    Wieder mal ein Beweis dafür, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihre Programme eher für ältere Leute machen.

  20. @pitpit

    Mit „gutgebauten Männern“ machen jeden Tag Menschen in Deutschland bekanntschaft…

    In Schweden gibt es bei jungen Erwachsenen schon ca. 20% mehr Männer als Frauen und hier dürfte es bald auch so aussehen.Finden sie anscheinend gut.

  21. 23/ Mimon: Und wir alle haben soeben erneut mit einem themenfremden und wirren Kommentar Bekanntschaft gemacht. Danke dafür. Wär aber nicht nötig gewesen. ;-)

  22. Das einzige was mich (Naivling) wundert ist die völlig kritiklose Akzeptanz der ‚Social‘ Media genannten Geschäftsmodelle die ja nie dazu vorgesehen waren in irgendeiner Weise ’sozial‘ auf die Menschheit einzuwirken. Es sind ökonomische einzig auf finanziellen Vorteil der Betreiber angelgte Einrichtungen und NICHTS weiter. Der ‚zivilisierte‘ Mensch sollte sie meiden. (So wie ich das tue, ich kann daher eigentlich gar nicht mitreden, zumindest wird das jetzt sicher als Argument kommen.) Es ist aber trotzdem schön zu sehen wie sich die achso ’soziale‘ und ‚zivilisierte‘ Menschheit zu verhalten gedenkt wenn Sie sich hinter vermeintlicher annonymität sicher wähnt. Viele sog. Errungenschaften der modernen Zivilisation sind ‚overengineert‘ und führen nicht zu Fortschritt sondern paradoxerweise leider zu Rückschritt. Evolutionstechnisch wird hier von Facebook schön demonstriert das der Mensch eben erst vor ein paar Minuten von den Bäumen geklettert ist, und anscheinend gedenkt sich wieder dorthin zurück zu begeben. Traurige Entwicklung. Eben alles andere als ‚Sozial‘. Facebook und viele anderer ähnlich gelagerter ‚Innovationen‘ gehören ignoriert. (Das ist jedenfalls das was ich mache, und schon wird man zum Aussenseiter. Naja, an mir perlt das inzw. ab. Und ich weiß das ich richtig handle.)

  23. Nur für diejenigen, die nicht immun gegen die Lügen der Rechtspopulisten sind:
    Schweden hat nicht 20 % mehr junge Männer als Frauen! Wie man im World Factbook für 2017 nachlesen kann, gibt es dort bei Männern unter 25 einen Überhang von 6 %. Diese 6 % mehr gibt es schon bei Neugeborenen und das ist weltweit so. Je älter die Menschen werden, desto mehr kippt das Verhältnis in die weibliche Richtung. Bezogen auf alle Altersgruppen ist das Geschlechterverhältnis 1:1.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unserer Datenschutzhinweise gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.