Lokaljournalisten als Cheerleader für VW

Andreas Schweiger ist ein echter Volkswagen-Fan, und das weiß er zu vermitteln. Er schwärmt vom guten Gefühl, es geschafft zu haben, als man endlich mit dem eigenen Passat in der Nachbarschaft vorfuhr. Lobt VW als Grundpfeiler der sozialen Marktwirtschaft. Und träumt von der goldenen Zukunft, in der das Unternehmen sich aufmacht, „die Welt der Digitalisierung ins Auto zu holen“. In seinem Artikel „Volkswagen ist für viele Türöffner in ein besseres Leben“ ist wirklich alles enthalten, was eine Hochglanzbroschüre aus der PR-Abteilung eines Autokonzerns braucht, der seit dem Auffliegen der Diesel-Affäre vor drei Jahren aus den Negativschlagzeilen nicht herauskommt.

Es gibt nur ein Problem: Schweiger nennt sich zwar „Kenner des Unternehmens“, arbeitet aber gar nicht für VW. Er leitet die Wirtschaftsredaktion der „Braunschweiger Zeitung“ (BZ), die Regionalzeitung für die VW-geprägte Region zwischen Wolfsburg und Salzgitter, die zur Funke-Mediengruppe gehört.

Sein Text steht nicht alleine. Am vergangenen Wochenende erschien er als Aufmacher der 16-seitigen, von der BZ redaktionell verantworteten Sonderbeilage „Menschen bei VW“. In einer Auflage von 1,4 Millionen Exemplaren wurde sie in Funke-Titeln von „Berliner Morgenpost“ über „Iserlohner Kreisanzeiger“ bis zu den „Wolfsburger Nachrichten“ verteilt. Eine Leistung, auf die man so stolz war, dass man sie sogar im Vorfeld per Pressemitteilung bewarb.

„Wir haben den Skandal als Journalisten und Bürger mit größter Sorge verfolgt und sind ebenso empört über den Betrug wie jeder andere“, erklärt darin BZ-Chefredakteur Armin Maus. Aufgrund der lokalen Nähe haben man aber auch die Folgen für die fast 100.000 Mitarbeiter in der Region mitbekommen. Der „Zorn der Belegschaft über die Ungerechtigkeit der Pauschalurteile“ habe die Idee eines Unternehmensporträts von der Basis reifen lassen. „Wenn Sie diese Beilage lesen, lernen Sie die Menschen bei Volkswagen kennen – anständige, hart arbeitende Leute, die nie vergessen haben, welchen Werten sie verpflichtet sind.“

Besser hätte es kein Sprecher des Autobauers sagen können. Nur folgerichtig, dass dieser die Veröffentlichung auch bezahlte: „Die Beilage ist in Zusammenarbeit mit Volkswagen entstanden und wurde von VW finanziert“, heißt es in der Pressemitteilung. „Wir freuen uns, dass Volkswagen unsere Idee unterstützt und zugleich unsere redaktionelle Unabhängigkeit respektiert hat“, so Maus.

Dem Image-Beauftragten von VW dürfte diese Zusage keine schlaflosen Nächte bereitet haben. Doch die BZ spart sich kritische Blicken auf den größten Arbeitgeber in ihrer Region schon länger.

Bereits im Oktober 2015 hatte die Zeitung in einer Sonderbeilage in großen Lettern „Wir stehen zu VW“ verkündet, daneben das Logo und die Wolfsburger Werkstürme des Konzerns. Einen Monat zuvor war bekannt geworden, dass VW die Abgaswerte seiner Dieselfahrzeuge mit Hilfe einer illegalen Software nach unten manipuliert hatte. „Noch ist nicht klar, welche Folgen der Abgas-Skandal für Volkswagen hat“, hieß es im Editorial im Namen der lokalen Redaktionen. Sicher sei man sich jedoch, dass nun die Zeit für Zusammenhalt, emotionale Ansprachen, besondere Aktionen und Solidarität gekommen sei. „Und es ist die Zeit, sich an die vielen positiven Dinge zu erinnern, die VW ermöglicht, und mit Zuversicht nach vorne zu schauen.“

Ach, hätten nur die VW-Bosse bei ihren Entscheidungen für die Betrugssoftware so sehr an die Folgen für ihre Mitarbeiter gedacht wie seitdem die Redakteure der „Braunschweiger Zeitung“.

Die 16 Seiten Beilage von 2015 wirken rasch zusammengestellt. Zwischen Werbeanzeigen, auch von VW, bekunden Wolfsburgs Oberbürgermeister und der Theater-Intendant, Vertreter lokaler Unternehmen und Privatpersonen in kurzen Statements ihre Solidarität. „Lassen sie uns jetzt erst recht zusammen stehen und das Vertrauen in Volkswagen und die Stadt Wolfsburg wiederherstellen, das ihnen gebührt“, heißt es da. Als sei eine Naturkatastrophe über die Region hereingebrochen, und nicht ein bewusst begangener Betrug.

Im Vergleich dazu ist die aktuelle Sonderausgabe wesentlich elaborierter. Auf vielen Zeilen werden die verschiedensten Sparten und Aufgabenfelder innerhalb des Konzern beleuchtet, vom Porträt der Gestalterin des Windkanals über die Reportage über Menschen mit Behinderungen in der Produktion bis zum Besuch eines VW-Autohauses in Erfurt. So lernt man einiges über vielfältige Aufgaben, Aufstiegschancen und soziales Engagement des Unternehmens. Der Diesel-Skandal, immerhin offizieller Anlass für das Erscheinen der Sonderbeilage, wird zwar in den meisten Texten angesprochen. Doch damit dient er nur als Vorlage für Bekenntnisse wie „In der Verwandtschaft gibt es doch auch immer irgendein schwarzes Schaf“ oder „Wir stehen zu VW, das stand nie zur Debatte“.

Geschrieben wurden die Artikel von Redakteuren und freien Autoren der Zeitung. An jedem anderen Tag sollen diese Volkswagen genau auf die Finger schauen. Für die Beilage wurde ihr Verlag von VW fürs Schöntexten bezahlt.

Am kritischsten angegangen wird der Konzern in einem Gespräch zwischen VW-Chef Herbert Diess, dem Betriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh und fünf Mitarbeitern. Diese Mitarbeiter beklagen als Ursache des Skandals zu starre Hierarchien und die Entkoppelung der autoritär agierenden Führungs-Etage. BZ-Chef Armin Maus, als Moderator mit von der Rede-Partie, stellen sich auf der Doppelseite Interview hingegen nur fünf Fragen:

  • „Was bedeutet Volkswagen für Sie?“
  • „Was hat Diesel-Gate bei Ihnen ausgelöst?“
  • „Was hat sich durch den Skandal verändert, was muss sich ändern?“
  • „Wo steht Volkswagen heute?“
  • „Vor welchen Herausforderungen steht Volkswagen?“

Jedem Volontär hätte er eine solche Zahnlosigkeit sicher um die Ohren gehauen. Doch statt der kritischen Aufarbeitung des Diesel-Debakels scheint er am Übertünchen unschöner Ecken interessiert.

Dabei werden deutsche Verlage nicht müde, zu betonen, was für eine zentrale Rolle sie als vierte Gewalt für die Demokratie spielen. Mit diesem Argument haben sie zuletzt sogar deutsche Politiker dazu bekommen, den öffentlich-rechtlichen Sendern ihr Engagement im Netz zu beschneiden und damit Konkurrenz aus dem Weg geräumt. In einem poppigen Image-Video des Verbands Nordwestdeutscher Zeitungsverlage lobt auch die BZ sich selbst mit „glaubwürdigen Artikeln aus erster Hand“ sowie „Berichterstattung, die alle Seiten betrachtet“.

Genau das alles liefert sie mit ihren Beilagen jedoch nicht.

Natürlich kann man sich dafür bezahlen lassen, in vielen schönen Texten zu beweisen, dass nicht alles schlecht war und ist bei Volkswagen. Das heißt dann nur halt nicht Journalismus, sondern PR, und sollte daher auch nicht von einer Zeitung betrieben werden.

Man könnte glauben, VW verdiente nach dem Diesel-Skandal eine umso kritischere Berichterstattung. In Braunschweig glaubt man das aber nicht.

Offenlegung: 2009/2010 war ich für fünfzehn Monate Volontärin der Braunschweiger Zeitung. Die Verantwortung lag noch bei einem anderen Chefredakteur, die Nähe zu VW fand ich aber auch schon damals bedenklich.

Ein Kommentar

  1. VW-Jubelperserei ist der Standardmodus der ganzen Region hier. In BS gibt’s auch ständig irgendwelche Veranstaltungen rund ums Auto (wahlweise Oldtimer oder die Autohäuser machen die Innenstadt zu ihrem Showroom…). Die Städte sind ebenfalls primär auf Individualverkehr ausgelegt, alles andere muss sich hinten anstellen, Feinstaubwerte sind eh Teufelszeug (Werte verbessern auf Braunschweiger Art: Man versetzt die Messstation an eine nicht so belastete Stelle).

    Man muss sich hier wohl selbst versichern, dass alles immer so weitergehen kann, schließlich ist die Region angeblich wirtschaftlich extrem abhängig von VW – und momentan geht’s uns hier ganz gut.

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