„Hier sind fünf Live-Kameras, bitte stellen Sie sich in die Mitte, sehen niedlich aus und machen das.“

In dieser Woche kam die Nachricht, dass Viva Ende 2018 nach 25 Jahren eingestellt wird. Für viele war die eigentliche Nachricht, dass es den Musiksender überhaupt noch gibt. Dabei war er, vor allem in seiner Anfangszeit, eine Talentschmiede. Hier begannen die Karrieren von Heike Makatsch, Enie van de Meiklokjes, Palina Rojinski, Collien Ulmen-Fernandes, Klaas Heufer-Umlauf, Markus Kavka, Daniel Hartwig, Matthias Opdenhövel, Oliver Pocher, Stefan Raab – und Sarah Kuttner.

Sarah Kuttner auf ihrem ersten Viva-Pressefoto

Sarah, wo wärst du heute, wenn es Viva nicht gegeben hätte?

Sarah Kuttner: Bei MTV.

Da ist aber doch auch keiner mehr.

Ja, ist auch doppelt Quatsch, denn bei MTV war ich schon vor Viva, die wollten mich gar nicht. Mein Manager hatte mir damals ein Casting bei MTV besorgt. Nach mir kam ein ganz großes, blondes, schönes Mädchen, und hinterher meinte jemand vom Sender zu ihr: „Vom Aussehen passt’s schon mal wahnsinnig gut, und am Rest kann man ja noch arbeiten.“ In dem Moment wusste ich: Ah, kann sein, dass die mich nicht so gerne haben wollen. Und wollten sie auch nicht. Dann bin ich zu Viva gegangen, und die wollten mich.

Das war 2001?

Ja, und mein erster Job war es, nach New York zu fliegen, weil gerade 9/11 war. Die haben direkt die Neue nach Ground Zero geschickt. Ich war mit Mola eine Woche in New York und eine in L.A., weil die ganzen Stars sich nicht mehr trauten zu fliegen.

Du hattest bei Viva ein Moderatoren-Casting gewonnen.

Ja, aber das bedeutet noch nicht, dass du den Job kriegst. Du musst dann erst noch eine Woche „Interaktiv“ moderieren mit jemandem, der das „kann“. Und erst danach entscheiden die endgültig. Deshalb hatte ich vorher noch eine Testwoche mit Oliver Pocher im Studio.

Oh.

Der war anstrengend, aber nicht schlimm. „Interaktiv“ ging ja drei Stunden lang. Davor waren aber noch ein oder zwei Stunden Webshow. Du bist also jeden Tag fünf Stunden in diesem Studio, und alles mit Oliver Pocher.

Ist es nicht schwer, als Neuling so eine Live-Sendung zu machen?

Ich fand das nie schwer. Aber ich hatte den Vorteil, davor schon ein Jahr Fritz gemacht zu haben. Du lernst beim Radio die ganzen relevanten Sachen, Interviews führen, einen Text so lesen, dass er gesprochen klingt. Und ich hatte ein grundsätzliches Sarah-Selbstbewusstsein, ich hatte da keine Angst vor. So aufregend war es auch nicht.

Und für Notfälle hattest du ja Oliver Pocher …

… einen professionellen Typen an meiner Seite, genau.

Die tägliche Live-Show „Interaktiv“ war der Kern von Viva. Ihr habt das alle gemacht.

Ja. Ich wollte nie nach Köln, ich habe deshalb fast den Job abgesagt. Ich hab damals in Berlin gewohnt, war frisch verliebt in jemanden in Hamburg. Und die Schweine haben mich am Anfang jeden einzelnen Tag besetzt. Alle Moderatoren, die schon da waren, dachten: Jäy, ’ne neue, endlich Urlaub. Ich habe drei Wochen im Monat am Anfang durchmoderiert.

Ja nun. Wurdet ihr irgendwie vorbereitet? Oder einfach auf die Bühne geschubst?

Letzteres. Du hast nichts bekommen, keinen Kurs, keine Interviewausbildung. Es war wirklich so: „Hier sind fünf Live-Kameras, ein sehr großes Studio, bitte stellen Sie sich in die Mitte, sehen niedlich aus und machen das.“ Aber ich habe da viel gelernt, und das auf eine gute Art. Jeder sollte und durfte so doof und unerfahren sein, wie er war. Das machte den Charme aus.

War Musik überhaupt dein Thema?

Null. Ich hab Musikfernsehen auch erst geguckt, als ich wusste, ich muss da zum Casting gehen. Ich hatte ganz früher, so mit 13, ein New-Kids-On-The-Block-Poster. Aber ich war nie Musikfan, kannte mich auch nicht besonders aus.

Konntest du was mit den Kindern anfangen, die da im Studio um dich rumsaßen?

Ich weiß nicht. Ich war 22. Ich glaube, ich konnte nicht so richtig was mit denen anfangen, aber sie haben mich auch nicht genervt. Ich denke, ich war ein bisschen ironisch mit denen, aber nicht so, dass es die verletzt hat. Ich hab da nie drüber nachgedacht, es war einfach alles so aufregend: von 0 auf 100 war man berühmt.

Zum Nachdenken war vermutlich eh keine Zeit.

Man wird auf schnell auf ein hohes Ross geworfen. Ich glaube, meine allererste Sendung „Interaktiv“, die allein moderiert habe, war ein Toten-Hosen-Spezial, und zwar, weil die Toten Hosen sich mich gewünscht haben. Später habe ich mal in einer Kolumne geschrieben, dass ich finde, dass ältere Herren sich nicht notgedrungen noch Kudel und Schmuddel und Mausepeter nennen müssen. Das hat Campino gelesen und war super eingeschnappt. Jedenfalls, in der Zeit denkt man tatsächlich kurz: Ich bin der König der Welt. Weil man’s auch ist. Deshalb denkt man so viel nicht nach. Aber ich hatte von Anfang an strenge Ansprüche an mich. Die kamen auch durch meinen Vater. Ich dachte, oh Gott, dieser superschlaue, intellektuelle Theatertyp, na, der wird sich ja freuen, wenn seine Tochter bei Viva ist. Das habe ich immer ein bisschen mit mir rumgeschleppt.

Hattest Du ein Ziel? Wolltest du was werden danach oder damit?

Nee. Man vergisst ein bisschen, dass es noch eine Zukunft gibt, wenn man sowas macht. Das Hier und Jetzt ist so groß und glitzert. Du bist sofort auf dem Echo, auf dem Comet …

… in New York!

Ja! Da habe ich neben Mariah Carey gesessen, Destiny’s Child, so die richtig großen Leute. Du bist sofort in einer anderen Welt, und da denkt man nicht, was will ich später werden. Man denkt: Ich bin jetzt gerade der heiße Scheiß.

Und abends habt ihr Moderatoren dann alle Party gemacht!

Nein, man hat tatsächlich kaum Kontakt gehabt. Erstens war ja keiner da, weil alle Urlaub machten, weil ja jetzt Sarah ein Jahr lang komplett alleine „Interaktiv“ macht. Und dann war es auch schon ein bisschen …

Konkurrenz.

Ein paar Mädchen waren wirklich assi. Wahrscheinlich auch aus Angst. Die dachten ja auch, sie wären der heiße Scheiß. Wenn dann ein neuer heißer Scheiß rauskommt, ist das problematisch. Ich hatte ein bisschen mit Gülcan Kontakt, die kam nach mir, und ich wusste, wie die sich fühlen wird, und war dann extra freundlich zu ihr, weil die auch extra Bullshit von einem anderen Moderatorenmädchen bekommen hat. Da liefen wirklich solche Sachen: Man stellt sich vor die Neue und dreht sich, richtig amerikanisch, so schwungvoll weg, dass die die Haare ins Gesicht bekommt. Janin Reinhardt, mit diesen sehr langen blonden Haaren!

Warst du dann irgendwann die Oliver Pocher für eine Nachfolgerin?

Ja, ich für Klaas. Die haben ja alle zwei Minuten Castings gemacht, teilweise auch gesponsert.

Deins auch?

Ja, ich glaube, ich habe sogar eine Fernsehwerbung gewonnen. Für einen Mobilfunkanbieter oder sowas. Ich weiß noch, das war schlimm: Ich stehe vor einem DJ-Pult, hinten ist der DJ, aber am Handy. Und ich sag zu ihm: „Ey, kannste mal auflegen?“

Oooooh!

Ja, das gefällt dir.

Jedenfalls kam dann der Klaas.

Ja, der war bei einem Casting, und, soweit ich mich erinnere, mussten die ersten drei Leute jeweils eine Sendung „Interaktiv“ mit mir moderieren. Ich weiß noch, dass ich Klaas super fand, weil Klaas super war. Der hat aber nicht gewonnen, sondern irgend so ein „Bachelor“-Mädchen. Das Publikum hatte das entschieden, aber Viva hat sich die Freiheit genommen, das nochmal nachzuentscheiden. Klaas hat dann den Job von Viva bekommen.

Wie kam es zu deiner eigenen Show?

Ich habe mich schnell bei den klassischen Sachen gelangweilt. Die Album-Charts zum Beispiel. Da musst du um 7 Uhr morgens im Sender sein, prompterst Text weg, und gut ist. Dann hab ich beschlossen, lass uns das doch machen, während ich mir den Weisheitszahn ziehen lasse. Ich habe eine ganze Sendung in Berlin gedreht, immer eine Moderation, angefangen zuhause beim Zähneputzen, dann in der Straßenbahn, dann beim Arzt. Davon hab ich ein paar Sachen gemacht. Und dann wünschten sich Künstler, dass ich moderiere, wenn die kommen, was natürlich megageil ist.

Und dann fragten die irgendwann, willst du nicht eine eigene Late-Night-Show.

Was die sich gedacht haben, weiß ich nicht, ich weiß nur – typische Sarah-Geschichte – die meinten so: „Wir wollen, dass du ’ne eigene Sendung hast! Fünf Tage die Woche!“ Ich so: „Ich will nur drei!“ Ich weiß noch, wie sich mein Manager die Haare gerauft hat. Aber ich wusste, ich kann nicht fünf Tage in Köln sein.

Am Ende wurden’s vier.

Ja, aber wie dumm! Du kriegst deine eigene Sendung, die wie du selber heißt, und die feine Dame möchte aber lieber zum Boyfriend nach Hamburg oder nach Hause fahren.

Aber das war dann toll?

Ja, aber auch stressig. Das musste ja gefüllt werden. Und ich wollte schon damals keinen Stand-Up.

Aber du hattest einen Side-Kick, und eine Band.

Ja, es war sehr klassisch. Und dann musstest du das immer füllen.

Das machen doch Leute für dich.

Ja, aber ich bin ja sehr kontrollfreakig. Da stand mein Name drauf. Ich wollte das gut finden. Ich bin superstreng, was Humor angeht. Es war zu keinem Zeitpunkt leicht, mit mir zu arbeiten. Ich musste das ja alles gutfinden. Deshalb war ich auch – als dann nach zwei Jahren Schluss war – bockig und traurig, aber ein Teil von mir war auch erleichtert.

Und dann wurdest du schon ans große Fernsehen ausgeliehen. War da nicht auch der Grand-Prix-Vorentscheid, den Jörg Pilawa mit dir im ersten moderieren musste?

Ja, das war in der kurzen Zeit, als ich der heiße Scheiß war.

Und du bist zu MTV gewechselt, weil du zu cool warst für Viva.

Ganz ehrlich: Ich wollte nach Hause, nach Berlin, ich wollte dieses Köln nicht mehr. Deshalb hab ich das auch forciert. Klar war der Sender ein bisschen cooler. Aber mein Herz war eigentlich bei Viva, weil ich da jahrelang war.

Das heißt, das war schon wichtig für deine Karriere, dass es das gab.

Ich war ja vorher beim Radio. Es wäre ohne Viva vielleicht keine ganz andere Richtung geworden. Aber vermutlich mit bedeutend weniger „Fame“ und Möglichkeiten, die man danach hat.

Viele Fernsehleute sagen ja, dass heute etwas wie Viva fehlt, wo neue Leute sich im Kleinen ausprobieren können.

Aber man hat sich nicht im Kleinen ausprobiert. Das war schon verhältnismäßig großes Fernsehen, vor allem damals, als das noch alle gerne geguckt haben. Aber es war ein tolles Sprungbrett, weil du soviel lernen konntest und musstest. Wenn du jeden Tag mit drei Leuten ein Interview führen musst, merkst du ganz schnell, was geht und was nicht. Dann lernst du irgendwann, wie du näher an einen Menschen rankommst. Alles, was ich heute, wie ich finde, ganz gut draufhabe, lernt man da, und zwar by doing.

Aber einen gemeinsamen Viva-Spirit hast du nicht gespürt.

Ich wette, den gab es ganz am Anfang. Als ich kam, war schon ein bisschen Jeder gegen Jeden.

Was hast du dann jetzt für Gefühle, dass es eingestellt wird?

Promofoto „Interaktiv“

Ich hatte jahrelang gar keine Gefühle, aber jetzt dacht ich schon: Och Viva. Ohne die wäre ich wirklich woanders. Und es war eine irre Zeit. Auch ein paar Jahre zu denken, man wär der Nabel der Welt – und eine Zeitlang war man es schon auch in dem Kosmos. Wie viel in diesen wenigen Jahren passiert ist! Ich habe soviel Mist gemacht und soviel tolle Sachen. Mariah Carey, die damals in L.A. zu mir sagte: „I like your style“, was im Grunde kein Kompliment ist von jemandem, der einen Klamottengeschmack wie eben Mariah Carey hat. Oder ein Videodreh in der Mohave-Wüste. Ich bin exakt für einen Tag nach Los Angeles geflogen, wo für irgendeinen David oder so ein Video gedreht wurde. Ich hatte zwei Meet-and-Greet-Gewinnerinnen dabei, die keiner meeten und greeten wollte, was ein bisschen fies war. Sprich: Wir saßen da zu dritt; in einem Kilometer Entfernung – was man gut sehen konnte, weil es eine Wüste war – hat dieser David dieses Video gedreht, und ich saß mit diesen beiden Gewinnerin da, die zu recht vollkommen frustriert und müde von dem langen Flug waren. Ich war damals schon, wie du mich jetzt kennst: Schnell schlecht gelaunt, schnell genervt. Ich bin mir immer treu geblieben in meiner Muffeligkeit. Vielleicht hat die auch zu meinem Erfolg beigetragen: Sarah Kuttner, die muffelige von Viva.

Wenn die dich zur großen Abschieds-Sause einladen, würdest du hingehen?

Würde das von Oliver Geißen moderiert?

Ich denke doch Mola.

I-uh. Aber ich würde schon kommen.

Offenlegung: Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier haben einen gemeinsamen Podcast. Die Hunde der beiden machen regelmäßig gemeinsame Sonntagsausflüge.

5 Kommentare

  1. Schönes Interview, sehr lehrreich und sympatisch, aber was den Vorspann betrifft:
    Wo hatte eigentlich die Karriere von Stefan Raab begonnen?

  2. Ja genau, die Kuttner: Hatte Null Ahnung von Musik, eigentlich von nix eine Ahnung und ist heute mit Recht vergessen. Eigentlich entsetzlich was die uns damals vorgesetzt haben, aber heute ist es nicht viel besser.

  3. Okay, nachdem ich gelesen habe, dass eure beiden Hunde regelmäßig miteinander Gassi gehen, muss ich sagen: Ich finde diesen Artikel nun doch schon recht tendenziös …

    Nein…Spaß…Top Artikel! ⭐⭐⭐⭐⭐

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