Jagd auf Pädosexuelle: RTL will keine Fehler gemacht haben

Bei RTL behaupten sie immer noch, keine Fehler gemacht zu haben. Dabei hat es sich inzwischen bestätigt: Der Mann, den der Sender vergangene Woche in einem Beitrag verdächtigte, möglicherweise ein Pädosexueller zu sein, der mit einer 13-Jährigen „intim werden“ wolle, ist laut Polizei nicht der Gesuchte. Er ist irgendwer. Ein Fußgänger. Doch RTL genügte für den Verdacht schon, dass er mal langsam ging, mal schnell – und dann sogar weg.

Noch am Sendetag hat sich der Mann bei den Behörden gemeldet. „Intensive kriminalpolizeiliche Ermittlungen“ ergaben dann, schreibt die Polizei, dass der Mann „in keinerlei Zusammenhang“ mit dem von RTL dargestellten Fall steht. Den Ermittlern soll er gesagt haben, dass er sich von dem Fernsehteam verfolgt gefühlt habe. RTL widerspricht: Der Autor des Beitrages habe diesen „Eindruck“ nicht gehabt.

RTL wollte, „wenn möglich“, einen Täter stellen, das kündigte RTL-Reporter Thorsten Sleegers auch so an. Ihn stellen, konfrontieren, der Polizei übergeben – das war der Plan. Aber er ging nach hinten los und endete im Desaster.

Nicht nur, dass RTL einen Unbeteiligten in die Nähe eines Verbrechens rückte, der Sender hat mit seiner Jagd auf Pädosexuelle auch dazu beigetragen, dass ein weiterer Unbeteiligter schwer verletzt wurde. Kurz nach der Ausstrahlung schlug eine Gruppe einen Mann zusammen, von dem sie offenbar dachte, es wäre der aus dem Beitrag. Aber auch er hat nichts mit alldem zu tun.

Wie wir bereits vergangene Woche schrieben, stellt sich nun die Frage, inwieweit RTL Fehler gemacht hat und eine Mitschuld trägt. Der Sender sieht sich nicht in der Verantwortung. Aber vielleicht hilft da ein Blick in den Beitrag.


Schauen wir kurz die Sequenz an, um die es geht, und dann, was der Sender zu seiner Verteidigung vorbringt. (Wir haben den unbeteiligten Mann, der gezeigt wird, nachträglich weiter verfremdet, zu seinem Schutz.)

 

RTL sagt, man habe „zu keinem Zeitpunkt“ behauptet, dass es sich bei dem im Beitrag gezeigten Mann „um den Gesuchten handelt“, zudem sei er ja „großflächig verpixelt“ gewesen und deshalb „unmöglich zu erkennen“. Sowieso habe man journalistisch sorgfältig gearbeitet: „Wir haben weder den Ort (Bremen) genannt“, schreibt RTL auf unsere Anfrage, „noch haben wir Straßennamen oder einzelne Häuseransichten mit erkennbaren Nummern gezeigt.“

Okay, fangen wir kurz mit dem Ort an:

Rätselaufgabe: Wo könnte das sein? Screenshot: RTL

Sich damit rauszureden, man habe den Ort nicht „genannt“, obwohl er im Beitrag in großen roten Buchstaben an einer Hauswand steht, ist schon einigermaßen kühn. Zumal RTL ja auch den Namen des Einkaufszentrums zeigte, der zugleich der Name des Gegend dort ist, in der die Reporter drehten: Marßel.

Windig: RTL-Reporter vor Marßel-Fahnen Screenshot: RTL

Richtig ist, dass RTL weder Straßennamen noch Hausnummern gezeigt hat. Aber der Sender hat eine Fährte gelegt zu den Wohnblocks, in denen später der Mann zusammengeschlagen wurde. Die Straße, in der es geschah, ist nur wenige Minuten vom Einkaufszentrum entfernt, und die Backsteinhäuser mit den weißen und gelben Balken, die dort stehen, sind auch im Beitrag. Dorthin verfolgte das RTL-Team offenbar den Mann, der dann „verschwand“.

Beate Krafft-Schöning nach der Verfolgung Screenshot: RTL

RTL räumt jetzt ein, „dass Anwohner anhand der gezeigten Bilder ihren Stadtteil wiedererkennen konnten“ – was ja schon reicht. Beate Krafft-Schöning, die dem RTL-Reporter fahnden half, meint aber: „Nach Lage der Dinge war der Beitrag wohl ein Anstoß zu dieser Tat, auf keinen Fall jedoch die Ursache. Der Mann war ja zu keinem Zeitpunkt Gegenstand der Berichterstattung.“

Wie es dazu kam, dass die Gruppe den Mann verwechselte, ist in der Tat weiter ungeklärt und rätselhaft. Daraus zu schließen, der Mann aus dem Beitrag sei nicht identifizierbar, führt aber auch in die Irre.

Über Kopf und Oberkörper hatte RTL eine Unschärfe gelegt, die auffällig bedruckte Shorts, die Badelatschen, sein Gang – all das, was wir oben im Video verfremdet haben, war aber zu sehen. Ob der Mann sich selbst erkannt hat im Fernsehen, oder ob ihn andere informierten, auch das ist unklar. Möglicherweise hatte er einfach Glück, dass der Lynchmob nicht ihn überfiel.

Die Reporter hatten nicht mehr als einen Mann, der angeblich nervös war, nichts einkaufte und sich mit niemanden traf. Sie wussten nicht mal, wie derjenige aussieht, den sie suchen, und sie wissen es bis heute nicht: „Es ist uns im Zuge unserer Recherchen nicht gelungen, ein Foto von dem Chatpartner zu bekommen“, schreibt uns RTL. Dabei hatte Krafft-Schöning das ja noch angekündigt. Um das Foto mit dem Drehmaterial abzugleichen.

Der Sender hatte also keinerlei stichhaltigen Hinweis, dass es sich um den gesuchten Mann handelt. Und: „Es ist uns nicht gelungen, ihn zu konfrontieren, so dass die Situation hätte aufgeklärt werden können“, schreibt RTL. Was den Sender aber nicht abbrachte, den Mann vorzuführen. Als Alibi reicht ihm nun, dass man ja im Off-Text gesagt habe:

„Wir können nur mutmaßen, aber hier enden vorerst unsere Möglichkeiten.“

Direkt im Anschluss heißt es:

„Wir können ihn aber identifizieren, falls es dazu kommen sollte, haben seine Nummer und sehr eindeutige Textnachrichten.“

Ihn? Damit muss der Mann gemeint sein, den RTL gefilmt hat. Der Off-Text setzt ihn in Bezug zu den „sehr eindeutigen Textnachrichten“ des gesuchten Mannes. Ganz so „mutmaßlich“ war das alles also doch nicht, und „Punkt 12“-Moderatorin Katja Burkard nannte es auch in ihrer Anmoderation „einen ganz heftigen Fall“, als hätten die Reporter tatsächlich etwas aufgedeckt.

Haben sie aber nicht. Sie haben eine Recherche abgebildet, die lange nicht beendet war. Eigentlich hätte man das Material wegschmeißen müssen, auch wenn Krafft-Schöning schreibt, dass „diese Mutmaßungen“ durchaus berechtigt gewesen seien – „aufgrund einiger Umstände“. Welche, schreibt sie nicht, da dies „Teil aktueller Ermittlungen“ sei.


Die Staatsanwaltschaft Bremen hat ein Vorermittlungsverfahren gegen RTL eingeleitet, um zu prüfen, ob ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht. Der Sender hat dafür den Beitrag und Rohmaterial des Drehs zur Verfügung gestellt. Inwieweit der Beitrag medienrechtlich zu beanstanden ist, untersucht derweil die Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM), die schon eine klare Tendenz erkennen lässt, was eher ungewöhnlich ist.

Auch die NLM deutet an, RTL habe den angeblich Verdächtigen möglicherweise nicht ausreichend verfremdet, wie das Fachmagazin „Werben & Verkaufen“ berichtet: Da „die Statur, der Gang und eine auffällige kurze Hose zu sehen“ gewesen seien, könnte es sein, so die NLM, dass RTL gegen journalistische Grundsätze in Ziffer 8 des Pressekodex verstoßen habe, wo der „Schutz der Persönlichkeit“ geregelt ist. Die Aufseher wollen den Sender nun anhören.

Auf die Frage, ob RTL Konsequenzen ziehe, antwortet der Sender: „Unmittelbar keine. Auch künftig werden wir heikle Themen wie diese anpacken.“ Und „selbstverständlich“ nehme man „diese Ereignisse auch zum Anlass, unsere Redaktionen noch einmal grundsätzlich darauf hinzuweisen, wie wichtig RTL die im vorliegenden Fall eingehaltene journalistische Sorgfaltspflicht ist“, etwa „die Achtung des Schutzes der Persönlichkeitsrechte sowie eine generelle Unschuldsvermutungen gerade bei sensiblen Recherchen wie diesen“.


Eine grundsätzliche Frage ist damit noch gar nicht berührt: Wieso müssen Reporter unbedingt mutmaßliche Täter stellen? Beate Krafft-Schöning betreibt das schon seit gut 15 Jahren. 2010, zum Beispiel, wirkte sie an einer RTL2-Sendung mit, in der sich Stephanie zu Guttenberg dem Thema Pädosexualität annahm. Auch damals lief alles darauf hinaus, Täter zu stellen und mit Fragen zu überziehen. Verhöre vor laufender Kamera.

Krafft-Schöning schreibt uns nun, Beiträge wie jener in „Punkt 12“ seien „auch in Zukunft nötig“: „Viele Eltern glauben erst, dass sexuelle Übergriffe auf ihr Kind eine reale Gefahr sind, wenn man ihnen die Gefahr demonstriert und im Wortsinn vor Augen führt: Vom ersten ‚Hallo‘ im Chat bist zum Treffen mit einem mutmaßlichen Sexualstraftäter.“ Zudem seien die „Chancen bei einer Konfrontation höher“, den mutmaßlichen Täter auch vor Gericht zu sehen.

Sie habe aufgrund ihrer Erfahrung „niemals damit gerechnet“, dass nach so einem Beitrag Leute loszögen, „um jemanden fast totzuschlagen“. Dass ein „Unschuldiger“ Opfer „blinder Selbstjustiz“ geworden sei, empfinde sie als „unerträglich“. Fehler einräumen will aber auch Krafft-Schöning nicht.

Sie denke „natürlich“ darüber nach, „wie man dieses wichtige Thema zukünftig wirksam darstellen kann, ohne dass es zu solchen Folgen kommt“, schreibt sie. Bedauerlich sei aber ja auch, dass jetzt niemand mehr nach den Männern frage, die sich mit einem Kind verabreden wollten. Diese seien „leider ebenso real wie der Mann, der Opfer von Selbstjustiz wurde“.

10 Kommentare

  1. Zustimmung, dass RTL sehr zu kritisieren ist. Aber bisher „nur“, dass die gezeigte Person nichts damit zu tun hatte. Ihre beiden Beiträge auf Übermedien wären nicht erfolgt, ohne den Prügel-Mob als eigentliches Thema. Den Grund für die körperliche Gewalt ist unklar, wie Sie selber schreiben. Ohne den Hintergrund dessen, ist die „RTL-Schuld“ im Wesentlichen nicht bezifferbar. Wenn zB (frei spekuliert) der Prügel-Mob das Opfer eh aus anderem Grund schlagen wollte und der zufällig gesendete RTL-Beitrag einer „strafmildernden“ Irrtumsbehautung dienen sollte, dann wäre der RTL-Skandal deutlich kleiner. Aber klar: Der RTL-Beitrag ist zu kritisieren. Nur wie sehr, wird sich wohl erst noch zeigen.

  2. In einem zivilisierten Land ist es Aufgabe von Strafverfolgungsbehörden und Gerichten, Straftäter verfolgen, und zwar auf Grundlage vernünftiger Gestze und fairer Verfahren.

    Es ist hingegen NICHT die Aufgabe von Medien, eine Art Menschenjagd zu veranstalten, mit der Entschuldigung, dass es ja die „Richtigen“ trifft.

    Gerade dort, wo es um (angeblichen) sexuellen Missbrauch von Kindern geht, scheinen viele Menschen jede Vernunft zu verlieren und in einen Hexen-Jäger-Modus umzuschalten, mit teils desaströsen Folgen, siehe etwa:

    http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-8955202.html

    Das sollte inzwischen doch allgemein bekannt sein. Dass die Landesmedienanstalten überhaupt derartige „Reportagen“ wie die hier diskutierte zulassen, ist daher unabhängig vom konkreten Fall äußerst bedauerlich.

    Und die Entschuldigung der entsprechenden Fernsehproduzenten, dass man die Eltern sensibilisieren wolle, ist eine einzige Heuchelei.
    Es ist doch völlig unstrittig, dass sexueller Missbrauch vor allem im Nahfeld stattfindet, und nur zu einem marginalen Teil im Internet. Ginge es darum, Eltern zu sensibilisieren (sofern diese nicht am Missbrauch beteiligt sind!), dann müsste man zuerst und vor allem über potentielle Gefahren aus dem Umfeld der Kinder aufmerksam machen. So, wie diese Sendungen ablaufen, sind sie hingegen geeignet, den Eltern eine völlig verzerrte Wahrnehmung der realen Gefahren nahezubringen.

    Aber das ist den Fernsehmachern natürlich egal – es geht ihnen schließlich nicht um das Wohl von Kindern oder eine angemessene Aufklärung von Erwachsenen, sondern einfach um Kohle. Und die kriegt man mit spektakulären Bildern, Jagden und inszenierter „Detektivarbeit“ natürlich besser als anders.

    Das ist in gewisser Weise ja sogar verständlich private Fernsehsender sind gewinnorientierte Unternehmen, oftmals frei von Skrupeln. Nur: Dass die Medienanstalten da mitspielen, ist dann eben umso unverständlicher.

  3. „Sich damit rauszureden, man habe den Ort nicht „genannt“, obwohl er im Beitrag in großen roten Buchstaben an einer Hauswand steht, ist schon einigermaßen kühn.“
    Das ist mir auch schon öfter bei anderen Sendern und Sendungen aufgefallen und dazu habe ich tatsächlich mal eine rechtliche Frage:
    Geht es da um „Nennung“, also in Audio-Form, z. B. von Sprecher aus dem Off?
    Ich erinnere mich z. B. an einen – ich glaube es war Galileo – Beitrag (damals immer nach Simpsons), bei dem immer explizit von einem „Heimwerkermarkt“ die Rede war, während der GF vor 3 wehenden Hornbach Fahnen stand und munter in die Kamera sprach.
    Oder Brotaufstriche: „Wie lecker sind diese Nuss-Nougat-Aufstriche“? Und im Bild prangt dann das Maxi-Nutella-Glas in die Kamera.
    Was ist denn eine „Erwähnung“, kann die nur vom Sprecher aus dem Off kommen oder kann die Abbildung der Wortmarke im Bild auch eine Erwähnung sein?
    Ich finde diese Praxis jedenfalls äußerst lächerlich.

  4. es ist wohl leider typisch für Journalismus in Deutschland, dass man selbst ja nie Fehler macht und sich immer mit Konjunktiven absichert.

    Ob der Journalismus bei all den formellen Richtigkeiten trotzdem Gedanken machen muss, wie es bei der Zielgruppe ankommt? Das muss diskutiert werden.
    Vielleicht ähnlich wie bei Selbstmordberichterstattung ein Abbinder für Investigativgeschichten à la:
    „Bitte üben Sie keine Selbstjustiz aus. Bei sachdienlichen Hinweisen informieren Sie die Polizei, Staatsanwaltschaft oder die Redaktion.“

  5. Der Lockvogel ist 18. Selbst wenn es zu einer „Konfrontation“ gekommen wäre, fragt sich, ob überhaupt eine Straftat oder Versuch dazu vorgelegen hätte.
    Wenn es „sehr eindeutige Textnachrichten“ gibt, wäre interessant, ob RTL diese an Ermittlungsbehörden übergab. Und wenn, ob die Polizei vielleicht mehr ermittelt hat, als die offensichtlich unfähigen RTL-Leute, die selbst einen Unbeteiligten vor Ort so nervös machten, dass er lieber rasch wegging (wie ein vermeintlicher Täter anders agiert haben sollte, dass es zu einem Erfolg für die Möchtegernermittler geführt hätte, bleibt fraglich.)

  6. Ich verstehe nicht woher dieser Pädo-Hype in den Privatmedien kommt. Aber seine Auswirkungen nerven mich ungemein, z.B. Wenn mir meine Kinderlose Nachbarin erzählt ich gefährde meine Tochter weil ich sie im Sommer nackt im Garten spielen lasse. Wohin soll das alles nur führen….

  7. Ich denke, der „Pädo“-Hype ist ganz leicht zu erklären. Sex sells. Das Thema macht die Zuschauer geil.
    Fängt ja schon damit an, dass das Ranwanzen an eine vermeintlich Dreizehnjährige nichts mit Pädophilie zu tun hat. Hebephilie ist der Fachausdruck für sexuelles Interesse an Pubertierenden. Und wenn man den in Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Hebephilie) zitierten Studien glauben kann, gibt es möglicherweise sehr sehr viele Hebephile. Man denke nur an den gewaltigen Erfolg all dieser (Schulmädchen-/Frühreifen-/…)Report-Filme in den Siebzigern. Wichsvorlagen unter dem (durchsichtigen) Vorwand der Aufklärung von Eltern.
    Jetzt wird das Thema halt von den Privaten ausgebeutet. Unter dem Vorwand der Aufklärung von Eltern und unter schlecht gespielter Empörungsvortäuschung.
    Mal ehrlich, werden Eltern nach solchen Beiträgen wirklich über das Internetverhalten ihres Nachwuchses nachdenken oder gibt man damit nicht eher einen wertvollen Tipp an Hebe- oder auch Pädophile weiter? Dass es nämlich möglich ist, sich in Chaträumen an junge Menschen ranzumachen?
    Es ist so widerlich.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.