„Mundus“ aus München fehlt ein Schuss München

„Mundus – Das Kunstmagazin aus München“ gibt mir manche Rätsel auf. Keines davon ist, warum es „Mundus“ überhaupt gibt: Kunstmagazine kann man immer gebrauchen, und ich glaube, es gibt viele Menschen, die gerne Kunstmagazine machen würden, und manche von ihnen tun es dann tatsächlich.

Aber es ist mir ein Rätsel, warum es sich „Das Kunstmagazin aus München“ nennt. Vielleicht ist es eine Abgrenzung zu, was weiß ich, „Art“, einem – oder: dem? – Kunstmagazin aus Hamburg? Aber wahrscheinlich gehen die Macher einfach davon aus, es wäre ein Prädikat oder eine Erklärung für irgendwas. Wenn dem so sein sollte, konnte ich es im Heft nicht finden.

Das Titelthema der aktuellen Ausgabe ist Naturfotografie, begleitet von einem Schwerpunkt der Naturdarstellung als solcher, von der Höhlenmalerei bis zu den entsprechenden Fotos der Düsseldorfer Schule, und als eine Art Gegenpart fungiert die Auseinandersetzung mit der Darstellung menschlicher Furchtbarkeit, zusammengefasst als „Kunst und Psychologie“.

Ich muss der Fairness halber unbedingt vorher erwähnen, dass der eigentliche Heftschwerpunkt, und wahrscheinlich seine Hauptdaseinsberechtigung für die Leser, eine sehr umfassende Beschreibung der gerade in Deutschland, Österreich und der Schweiz aktuellen Museumsausstellungen ist, was sicher ein guter Service ist. Aber die kulturtheoretischen Texte sind natürlich spannender, um sie hier zu besprechen. Schon deshalb, weil sie mich rasend machen!

Es geht damit los, dass über jeder Geschichte der Autorenname ungefähr genau so groß abgedruckt ist wie der Name des besprochenen Künstlers im Vorspann. Gepaart mit der Tatsache, dass die Bilder regelmäßig als Bildunterschrift1 nur so einen Museumstext haben – Name des Bildes, Künstler, Erstellungsjahr und solche Informationen – habe ich an Textanfängen zuerst den Autorennamen für den des Künstlers gehalten. Das ist schon nervig.

Noch viel schlimmer ist, dass man so oft erst den gesamten Text einer Geschichte lesen muss, um zu wissen, in welchem Zusammenhang ein Bild mit dem Thema steht – oder, wenn der Titel nicht eindeutig ist, was darauf genau zu sehen ist. Und die Texte zu lesen ist kein ungetrübter Spaß:

„Höhlenzeichnungen, die ältesten Kunstwerke der Menschheit, zeigen die damalige Tierwelt so naturalistisch, dass sich heute sogar einige ausgestorbene Tierarten wiedererkennen lassen. Sie geben uns manches Rätsel auf, beispielsweise wie es zu so einer hochgradig naturalistischen Malkunst kommen konnte.“

Ja, den zweiten Satz fand ich so witzig, dass ich ihn für den Einstieg klauen musste: Die Existenz von etwas gibt uns Rätsel auf, beispielsweise wie es zu der Existenz kommen konnte? Echt wahr? Die andere Frage ist übrigens:

„Auch stellt sich die Frage, warum vor allem Tiere so zahlreich an Höhlenwände gemalt wurden.“

Ich nehme an, Alien-Archäologen, die in zehntausend Jahren auf der Erde landen und eine „Auto-Bild“-Ausgabe ausbuddeln2, werden sich wahrscheinlich fragen, wie es zu der Existenz dieses Kunstwerks über ein dann ausgestorbenes Fortbewegungsmittel kommen konnte, und warum es so oft abgebildet wurde. In beiden Fällen, Tieren wie Autos, wäre meine Antwort: Die Dinger waren halt da, und die Menschen mochten sie.3 Aber mich fragt ja keiner.

Am liebsten ist mir jedoch ein Text über Naturfotografie, der so beginnt:

„Das Genre Naturfotografie umfasst Fotografien von Pflanzen und Landschaften, im weitesten Sinne auch von Tieren in ihrem ursprünglichen Lebensraum. Die Landschaftsfotografie entwickelte sich aus der Landschaftsmalerei und führte als neues Medium zur Erweiterung dieses Genres.“

Besser hätte man es in einem Aufsatz auch nicht aufgeschrieben.

Fun fact übrigens aus der Höhlenmalerei-Geschichte:

„Besonders ansprechend wirken gemalte oder fotografierte Bilder einer Natur, die sich für die menschliche Nutzung anbietet. Das sind beispielsweise parkähnliche Landschaften mit sanften Hügeln und Baumgruppen, die Deckung bieten; sauberes Trinkwasser fließt durch Bäche und kleine Seen; der Untergrund ist fest, so dass wir leicht laufen oder jagen können.“

Das heißt, wir sind auch beim Bildergucken irgendwie bequem, oder? Finde ich seltsam tröstlich.

Mich nervt diese hölzerne Schreibe4, weil die Themen an sich viel stärker sind, als sie hier aufbereitet werden, und die Autoren wissen jeweils wirklich, wovon sie da schreiben. Vielleicht hilft es, wenn ich rate, das ganze Ding parkähnlicher anzulegen, so dass man ein bisschen schwelgen kann, optisch und lesend, und wo wir dabei sind, auch haptisch, weil dieses Magazin in einer Klammerbindung lieblos wirkt.

Ich nehme an, das sind teilweise auch Geldfragen, die da eine Rolle spielen, aber etwas mehr Liebe und Flaneurhaftigkeit, ein bisschen Samt und Seide, ein bisschen… – ich trau mich gar nicht, das zu schreiben, aber wenn ich es mir so überlege, fehlt diesem Heft eigentlich nur: ein guter Schuss München.

Mundus
E.M.F. Entertainment Media Film GmbH
6,90 Euro

6 Kommentare

  1. Noch viel schlimmer ist, dass man so oft erst den gesamten Text einer Geschichte lesen muss, um zu wiss…

    Herr Pantelouris, worauf wollen Sie hinaus?

  2. Fehlt da am Ende Text oder missdeute ich ein kunstvolles Stilmittel? Oder ist das die übermediale Rache, dass ich auf dieser Seite gleich 12 externe Tracker inkl. dem Behavioral Targeting von DoubleClick aussperre?

  3. Hallo, ähnlich wie unter dem Bundespressekonferenz Kommentar gefragt wurde, tue ich es auch mal. Wird diese Kolumne bald frei geschaltet?
    Ich dächte dass sie Wöchentlich erscheint und immer wenn eine neue kommt die letzte Lesbar ist, scheint bei dieser wohl nicht der Fall zu sein.

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