Vier Minister? Wie sich die „Süddeutsche“ von der CSU blenden ließ

Clever hat er das gemacht, der Horst Seehofer. Fast könnte man denken, er hätte für die von ihm geführte Regionalpartei vier Ministerposten in der Bundesregierung herausgehandelt – neben den Ressorts Inneres, Verkehr und Entwicklungshilfe auch ein neues für Digitales.

Dabei wird Dorothee Bär, die vermeintliche zukünftige Digitalministerin, bloß Staatssekretärin im Bundeskanzleramt. Oder wie die „Süddeutsche Zeitung“ hilfreich erklärt:

Sie darf sich künftig lediglich „Staatsministerin“ nennen, weil sie ihre Arbeit nicht mehr im Verkehrsministerium, sondern im Kanzleramt leisten wird. Eine Bundesministerin ist sie deshalb aber noch lange nicht.

Die CSU dürfte mit ihrer Blenderei trotzdem Erfolg haben. Den meisten Bürgern ist der Unterschied zwischen Staatsministern und ordentlichen Ministern nicht geläufig. Außerdem heißen in Bayern – anders als im Bund – die ordentlichen Minister Staatsminister. Und so wird Dorothee Bär, wo immer sie in Zukunft im Freistaat mit ihrem Titel „Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin“ auftritt, von den meisten Bürgern wie eine echte Ministerin wahrgenommen werden.

Tjaha, schlau von der CSU, auf die Unwissenheit der meisten Bürger zu setzen.

Von der Unwissenheit der Journalisten ganz zu schweigen. Denn die ersten, bei denen die CSU mit ihrer „Blenderei“ Erfolg hatte, waren die Kollegen von der „Süddeutschen Zeitung“. Sie verschickten gestern Vormittag eine Eilmeldung:

Auch im zugehörigen Artikel hieß es: „CSU schickt vier Minister nach Berlin.“ Die Bayern würden somit im neuen Kabinett einen Spitzenposten mehr als ursprünglich vereinbart bekommen.

Das schien ein ziemlicher Coup zu sein für die CSU – und ein ziemlicher Scoop für die „Süddeutsche Zeitung“.

In einigen anderen Medien begannen daraufhin schon die Spekulationen und Interpretationen, wie Seehofer es schaffte, Angela Merkel einen weiteren Ministerposten abzuringen. Dabei gab es, wie gesagt, gar keinen vierten Ministerposten für die CSU, sondern nur die Stelle einer Staatssekretärin.

Das aber war dann auch kein großer Scoop mehr. Der „Münchner Merkur“ hatte die Personalie bereits am Vorabend gemeldet. Der „Spiegel“ hatte schon am Freitagnachmittag berichtet, dass die CSU den Posten eines Staatsministers für Digitales im Kanzleramt besetzen dürfe und Bär als „mögliche Kandidatin“ benannt.

Irgendwann rückte die „Süddeutsche Zeitung“ von ihrer falschen Formulierung mit den „vier Minstern“ ab, änderte die Überschrift und Teile des Artikels. Wann das geschah, lässt sich nicht nachvollziehen, denn SZ.de korrigierte sich nicht transparent, sondern machte das einfach unauffällig. Auch zahlreiche Nachfragen und kritische Äußerungen auf Twitter blieben ohne Reaktion:

Auch eine Nachfrage von Übermedien bei Redaktionsleiterin Julia Bönisch blieb bislang unbeantwortet.

PS: Als Seehofer gegen 14 Uhr die drei zukünftigen Bundesminister seiner Partei und die parlamentarische Staatssekretärin der Öffentlichkeit vorstellte, sah das im Fernsehsender „Welt“ so aus:

Screenshot: Welt

Nachtrag, 16:00 Uhr. Jetzt steht unter dem SZ-Artikel die Anmerkung:

In einer vorherigen Version dieses Textes lautete die Überschrift „CSU schickt vier Minister nach Berlin“. Diese war falsch. Dorothee Bär wird als „Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin“ den Rang einer Staatssekretärin innehaben. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Nachtrag, 16:25 Uhr. Nun kamen auch Antworten von Julia Bönisch auf unsere Fragen:

Der Überschrift lag ein einfacher, aber dennoch folgenschwerer Denkfehler zugrunde. Obwohl wir ja schon von der ersten Version des Textes an richtig berichteten, dass Dorothee Bär als Staatsministerin ins Kanzleramt wechseln würde, unterlief uns beim Titeln der Fauxpas, sie als Vierte im Bunde mit den drei Bundesministern in der Formulierung gleichzusetzen. Das war falsch und hätte nicht passieren dürfen.

Die erste Version mit der irreführenden Überschrift ging um 10:07 online, korrigiert wurde sie um 10:13 Uhr.

Prinzipiell machen wir bei SZ.de Korrekturen gröberer inhaltlicher Fehler oder falscher Formulierungen transparent unter dem Text kenntlich (was wir nicht kenntlich machen sind z.B. Ausbesserungen von Rechtschreibfehlern). Dass dies gestern versäumt wurde, war der zweite Fehler, der nicht vorkommen darf. (…)

Wir ärgern uns selbst am meisten über die gestrigen Fehler. Dort, wo viele Menschen in unter großem Zeitdruck zusammenarbeiten, kann so etwas aber leider vorkommen. Zu unserer Fehlerkultur gehört es, dass wir kritisch nacharbeiten, um solche Dinge künftig zu vermeiden – dass wir aber den beteiligten Kollegen trotzdem nicht den Kopf abreißen, weil wir alle nicht perfekt sind.

24 Kommentare

  1. Unter dem Artikel (http://www.sueddeutsche.de/bayern/eil-csu-schickt-drei-minister-und-eine-staatsministerin-nach-berlin-1.3892636) heißt es jetzt:

    »Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Textes lautete die Überschrift „CSU schickt vier Minister nach Berlin“. Diese war falsch. Dorothee Bär wird als „Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin“ den Rang einer Staatssekretärin innehaben. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.«

  2. Meine Regionalzeitung (gehört zur Funke Mediengruppe) schrieb:
    Die CSU stellt dreieinhalb Minister in Berlin.

  3. #4: Ja. Aber in derselben Ausgabe wäre die aufwendig recherchierte Antisemitismus-Geschichte auf der Drei mindestens ebenso eine medienkritische Betrachtung wert – auch wenn das sicherlich anspruchsvoller wäre, dafür aber weniger Klicks und geringere Aufmerksamkeit einbrächte. Ich kann mich kaum daran erinnern, hier jemals eine solche pressejournalische Leistung gewürdigt gefunden zu haben. Dafür jede Menge Flüchtigkeitsfehler und Kommunikationspannen, wie es sie immer und überall geben wird. Diese extreme Fokussierung auf Sechs-Minuten-Probleme erscheint mir verantwortungsethisch problematisch. Zu Recht werfen Sie manchen Medien vor, mit thematischer Verengung auf empörungsträchtige Randaspekte gesellschaftlichen Ressentiments Vorschub zu leisten. Ich würde mich freuen, wenn Sie diesbezüglich Ihre eigene journalistische Verantwortung auch kritisch hinterfragen (und nein, ich bin nicht bei der SZ).

  4. @Niggemeier
    Das mit der Relevanz ihrer Themen hier hatte ich ja auch schon mal „angemeckert“.
    Also ein Themenvorschlag: die Berichterstattung zu Syrien (zB ZON): immer das selbe Muster. Sobald eine Niederlage der „Rebellen“ (…schon diese Bezeichnung…) droht, wird hochmoralisch das Leid der Zivilbevölkerung beklagt. Als wenn die Situation so einfach aus dem Nichts auftauchte.
    …und gegen die Russen geht ja immer.

  5. „Diese extreme Fokussierung auf Sechs-Minuten-Probleme erscheint mir verantwortungsethisch problematisch“

    „Extreme Fokussierung“ – Nehme ich nicht so wahr, ich finde es stattdessen eher gut und sinnvoll, eben auf die eiligst korrigierten Headlines hinzuweisen. Kenne keinen anderen Blog, der sich dieser Aufgabe widmet.
    Wie #4 schon sagt: Die Headline hat die Wirkung, nicht die Korrektur.
    Habe dazu meine ich auch schon mal irgendwo Zahlen gelesen (Reichweite Headline vs. Reichweite Korrektur), vielleicht hat die ja jemand parat?!
    Vielleicht kann man da ja eine übermedien-Rubrik daraus machen – „Hoffentlich fällt’s keinem auf!“ oder so.

    Dass die „thematische Verengung auf empörungsträchtige Randaspekte“ (Oder in verständlich: Dass übermedien die Fehler Anderer öffentlich aufschreibt.) so „gesellschaftlichen Ressentiments Vorschub leistet“ halte ich für Mumpitz.
    Die Ressentiments entstehen durch die falschen Überschriften, nicht dadurch, dass ein Watchblog exakt diese kritisiert.
    Vor Allem, was ist die Alternative: „Och nö, lass mal liber nicht über die falsche Headline berichten, das könnte sich negativ für den journalisten auswirken“… WTF?

  6. #12: Ich lasse mich gerne von verständlicheren Formulierungsmöglichkeiten überzeugen, sie sollten dann aber auch stimmen. Ich meinte eben nicht „Dass übermedien die Fehler Anderer öffentlich aufschreibt“, sondern dass man sich – jedenfalls, was den Printjournalismus betrifft – nahezu ausschließlich darauf verengt. Ich verstehe zwar die Sehnsucht nach einer vereinfachten Unterteilung der Welt in Wahrheit hier und Mumpitz dort. Die Wirklichkeit ist aber vielgestaltiger, bei der SZ sitzen auch andere Leute als nur solche, die nicht bis drei zählen können. Und weil Journalismus (ganz gleich ob politischer oder medienkritischer) immer noch in dem Ruf steht, die Welt zu zeigen, wie ist, können bei einseitiger Berichterstattung sehr wohl Ressentiments entstehen. Zumindest in der Medienwissenschaft ist man sich darüber weitgehend einig. Andere Blogs, die sich dieser Aufgabe – in teils mehr, teils weniger redlichen Form – widmen, gibt es übrigens bereits seit geraumer Zeit und in hoher Zahl, vom „bildblog“ bis zur „propagandaschau“. Es wäre schön, wenn eines mal mehr leistet als nur Fehler zu zählen.

  7. @blunt, 13: „Es wäre schön, wenn eines mal mehr leistet, als nur Fehler zu zählen“. Das ist jetzt aber schon ein bisschen polemisch, finden Sie nicht. Letztlich artikulieren die genannten Blogs und Übermedien einen Anspruch, denn man an Journalismus haben sollte und an dem man sich auch messen lassen sollte. Eine Sache ist es, einen Fehler zu machen, die andere Sache ist, wie man damit umgeht. Eine Sache ist es, eine Falschmeldung rauszuhauen, eine andere, diese aufzugreifen und zu verbreiten. Sie sehen doch auch, dass es immer wieder dieselben Fehler sind, die sich ständig wiederholen..

  8. @13: Danke für den Unterricht.

    Off-Topic aus der Praxis: Selber machen, statt rumnörgeln!
    Sie haben doch die Idee für einen neuen Blog bereits grob skizziert, worauf warten Sie?

    Die Schwarzweißmalerei (Wahrheit vs. Mumpitz), die Sie mir unterstellen ist ein Strohmann.
    Um das zu konkretisieren: Ich halte es für Mumpitz, dass übermedien die thematische Verengung tatsächlich so vornimmt, wie Sie behaupten.
    Auch wenn man sich “ in der Medienwissenschaft darüber weitgehend einig ist.“, dass „bei einseitiger Berichterstattung sehr wohl Ressentiments entstehen können“ beduetet es ja nicht, dass Sie übermedien einer einseitgen Berichterstattung überführt hätten.
    Das ist von vornherein Ihre These, die Sie außer mit dem subjektiven Eindruck noch nicht belegt haben.

    Das Thema über das übermedien berichtet (Die Berichterstattung über das eignetliche Thema) ist außerdem nicht das Thema, um das es in dem referenzierten Artikel geht (Das eigentliche Thema).
    Insofern ist es. m. E. sehr abwegig, übermediens Berichterstattung über eine Berichterstattung als einseitige Berichterstattung über das eigentliche Thema zu werten.

  9. Das Konzept von „Übermedien“ geht ja wohl über ein reines Medien-Watchblog hinaus. Es wird hier ja auch durchaus mehr geboten, als nur das Aufzählen von banalen Medienpannen. Aber dadurch entsteht eine andere Erwartungshaltung. Was z.B. bei BILDblog noch beiläufig abgehandelt werden kann, erweckt hier schon mal eher den Eindruck, dass wenig Weltbewegendes, wofür die Twitter-Hinweise wohl ausgereicht hätten, zu sehr aufgeblasen wird. Vielleicht wäre es ja eine Idee, sowas in eine gesonderte Kategorie oder Box zu packen. Oder dass man nicht schon durch diese etwas wichtigtuerisch wirkende Überschrift, die Fallhöhe hochschraubt.

  10. #14: Ja, der letzte Satz ist vielleicht etwas polemisch, gebe ich zu. Aber wenn sich viele dieser Fehler wiederholen, könnte das ja ein Hinweis darauf sein, dass sie im verdichteten Redaktionsalltag unter den gegebenen Bedingungen einfach kaum zu vermeiden sind. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Redakteure, die solche Fehler mit Absicht machen, gibt es ebenso wenig wie Chefredakteure, denen sie einfach egal sind. Es geht um höchste Aktualitätserwartungen bei niedrigster Fehlertoleranz und das Ganze möglichst kostenlos, was bedeutet bei immer weniger und immer schlechter bezahlten Arbeitskräften. Wenn dann ein Fehler geschehen ist, haben diese alle Hände voll zu, ihn auszubügeln, den Chef zu beruhigen, empörte Leser zu bedienen und zwischendrin den Bombenanschlag im Nahen Osten wiederum so aktuell und korrekt wie möglich mitzunehmen, auch hier zu prüfen: Stimmt diese Meldung überhaupt? Oder gehen wir nicht auch in diesem Fall wieder irgend jemandem auf den Leim? Und dann kommt auch noch Herr Niggemeier aus Berlin an: Wie ist es zu Ihrem Fehler gekommen? Wer trägt die Verantwortung? Wie stellen Sie sicher, dass das nicht mehr vorkommt? Um schriftliche Antwort wird gebeten bis heute, 18 Uhr! Es mag sich ja mancher vorstellen, dass bei einer solchen Redaktion 20 Leute bereit stehen, die den Tag über nichts anderes zu tun zu haben, als auf die Anfrage des Herrn Medienkritikers zu warten: Dem ist tatsächlich nicht so, sei es aus überzogenen Renditeerwartungen der Verlage, sei es, weil es die heutige Marktlage nicht zulässt. Aber den Journalismus der Süddeutschen Zeitung über Jahre hinweg an nichts anderem zu bemessen als an solchen Fehlern ist so, als achte man bei den Spielen von Bayern München nur auf die Gegentore.

  11. Ergänzung/Klarstellung zu #16: Womit ich natürlich nicht sagen wollte, dass BILDblog nur aus dem Aufzählen banaler Medienpannen besteht. Weißgottnicht. Ging mir nur darum, dass bei so einem mehr oder weniger klassichen Watchblog sowas einfach anders rüberkommt.

  12. @17: Verlage leiden also unter großem Wettbewerbsdruck, erwarten steigende Renditen und den Fehler macht ja auch keiner extra, daher darf man den gemachten Fehler nicht kritisieren?
    Finde ich nicht richtig.

    Man könnte natürlich auch die Verlagsmanager kritisieren: Muss soviel Rendite sein? Wie kann man Fehler vermeiden? etc.

    „den Journalismus (…) über Jahre hinweg an nichts anderem zu bemessen als an solchen Fehlern“
    Wer macht das denn? Bei übermedien kann ich das nicht erkennen.

    Zu glauben, inhaltliche Kritik führt zu einer Abkehr von dem jeweiligen Medium halte ich auch für grund-verkehrt.
    Im Gegenteil, wenn ich sehe, dass ein Medium selbstreflektiert sagt „Scheiße, das war ein Fehler, hier ist die transparente Korrektur!“ fördert das mein Vertrauen in diesen Verlag und auch meine kaufbereitschaft für ein Produkt des Verlages.
    Wenn mir hingegen ein blasierter Julian Reichelt erklären will, das Problem ist meine Wahrnehmung, eigentlich gibt es garkeinen Fehler, dann passiert das Gegenteil: Vertrauen weg, kann nur sehr schwer wieder aufgebaut werden, wenn überhaupt und Geld lasse ich bei dem Verlag sicher nicht.

  13. @19: Herrn Reichelt in Schutz zu nehmen, liegt mir fern, und dass in diesem Fall das Vertrauen weg ist, verstehe ich gut. Was die Einseitigkeit betrifft: Es gibt hier ja die Möglichkeit, sämtliche Artikel, die auf dieser Seite je über die SZ veröffentlicht worden sind, aufzurufen – einfach bei „Mehr zum Thema“ auf den blau eingefärbten Begriff „Süddeutsche Zeitung“ klicken. Es erscheinen fünf Beiträge, vier davon negativ – sogar zum größten Scoop, der Panama-Papers-Recherche, ist den Autoren nur Kritikwürdiges eingefallen. Bei einer Zeitung, die vom ADAC-Skandal über die Panama- bis zu den Paradise-Papers wesentliche Rechercheleistungen erbracht hat (die sich selbstverständlich im einzelnen auch kritisch diskutieren ließen), kommt mir das einfach einseitig vor. Zumal es sich bei dem einzigen nicht negativen Artikel ironischerweise um eine Entschuldigung handelt für zu Unrecht erhobene Vorwürfe gegen die SZ. Dasselbe beim Tag FAZ: auch hier alles negativ. Wenn ein Theater- oder Literaturkritiker so über sein Metier schreiben würde, könnte er einpacken. Aber klar: Dass das erfolgreich ist, leuchtet mir schon ein.

  14. @Blunt, 20: Diese Kritik an dem Hype um die Panama-Papers kam mir damals auch ein bisschen wohlfeil vor. Auch wenn das auf das Getöse, mit der die SZ ihren Scoop inszenierte, schon eine fast zwangsläufige Gegenreaktion war.

    Ansonsten muss ich sagen, dass ich mit diesem Lamento vom „Zuviel Negativen – wo bleibt denn das Positive?“ nix anfangen kann. Das liegt doch in der Natur der Sache, dass Medienkritik in den allermeisten Fällen das negativ Kritikwürdige aufgreift. Da find ich den Vergleich zur Theater- und Literaturkritik auch nicht so passend. Schon weil dort oft der Lese- oder Veranstaltungstipp mitabgedeckt wird.

    Einen Artikel, der z.B. einfach nur die SZ für irgendeine Recherche abfeiern würde, fände ich per se nicht wirklich relevant. So eine Lobhudelei gab’s hier übrigens schon mal mit einem Artikel von Oliver Gehrs über die „Zeit“. Das sei der „Zeit“ und anderen gegönnt, aber sowas macht doch nicht den Kern relevanter Medienkritik aus. Für alles andere gibt‘s hier ja auch noch die Rubrik „Gutes Live“ von Jürgen Kühner.

  15. #11 Stefan Niggemeier:

    Wobei es für das Format von Übermedien auch nicht um eine inhaltliche Einschätzung des Syrienkonflikts (oder anderer geopolitischer Konflikte) ginge, sondern gerade um Medienkritik.

    Dass bei syrisch/russischen Offensiven massiv und emotionalisiert berichtet wird, bei US-geführten dagegen sachlich zurückhaltend oder gar nicht, ist doch unabhängig vom Inhalt absolut frappierend. Man vergleiche nur die Berichterstattung über zwei prominente Städte und deren Rückeroberung von islamistischen Gruppen die die Zivilbevölkerung nicht gehen ließen; Aleppo vs Mossul).

    Ich denke eine sachliche Medienkritik könnte hier auch erreichen zu zeigen, dass die meisten Journalisten das nicht mit Absicht machen, sondern die Nachrichtenlage wiedergeben, wie sie über die Ticker kommt bzw wie andere Leitmedien berichten. Journalisten wiederum könnten dadurch angeregt werden, über die seltsamen Ungleichgewichte nachzudenken, die sich daraus ergeben bzw dafür sensibilisiert werden, dass die Nachrichtenlage in Kriegen eben immer stark von Beteiligten zu beeinflussen versucht wird usw. Alles klassische Medienkritik, und dazu noch in einem für ein friedliches Miteinander immens relevanten Feld.

  16. @20:
    Der Reichelt Vergleich sollte Ihnen nichts in die Schuhe schieben!
    Ich fand das passte betr. der peinlichen Twitter Situation ganz gut in die Thematik.

    „Wenn ein Theater- oder Literaturkritiker so über sein Metier schreiben würde, könnte er einpacken.“
    Ja eben, weil er nicht unabhängig ist, wie z. B. übermedien.
    Ich finde ja, dass das eher für übermedien spricht.

    Was die Beweisführung betr. SZ Negativberichterstattung angeht:
    1. Danke, dass Sie die von Ihnen aufgestellte Behauptung nun belegt haben, leider fehlt noch eine Referenz, aber ich gleube das gerne, dass 4/5 Artikel über die SZ hier negativ waren.
    2. Ob einem der negative Chrakter der Kritik hier gefällt oder nicht, ist anscheinend geschmackssache. Wie HANNO schon sagte, ich will hier keine Lobhudeleien lesen.
    3. Als Chefredakteuer würde ich Seiten wie übermedien oder bildblog nicht als Feind sondern als kostenloses Korrektiv betrachten.

    „Aber klar: Dass das erfolgreich ist, leuchtet mir schon ein.“
    Ich persönlich hoffe, dass solche Formate generell Erfolg haben, weil es unseriöser und künstlich aufgebauschter Journalismus-Kritik (meist vom rechten Rand) den Boden entzieht. Und ich hoffe auch, dass mehr Journalisten das Potential einer solchen unabhängigen Kontrollinstanz sehen und nicht direkt beleidigt sind, wenn man ihnen einen kleinen Fehler nachweist.

    Außerdem bin ich angenehm positiv überrascht, dass diese Meinungsverschiedenheit ohne Weltuntergangsszenarien und gegenseitiges Augenauskratzen auskommt. Ist man garnicht mehr gewohnt im Interwebz. #nursonebenbei

  17. @ 11 Niggemeier & 22 Illen:
    Genau das meine ich: warum werden die Verlautbarungen der „Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ – ja, seit einiger Zeit mit Vorbehalt – aber immer sehr prominent wiedergegeben, aber die Position der Gegenseite nicht. Als im Konflikt eingebundene Partei, würde sich (ja, ich spüre schon: igitt..) z.B. RT anbieten. Nicht als die Wahrheitsinstanz, aber als Meinung der Gegenseite. Wenn man schon nicht genau weiß, was da los ist. Wäre doch fair, oder?
    Leicht schräges Beispiel: Während des Iran-Irak-Krieges wurden in der DDR-Presse – da man sich nicht festlegen wollte – immer die Pressemeldungen beider Seiten einfach unkommentiert hintereinander abgedruckt. Mit allen Widersprüchen. Seltsam/seltenes Beispiel von Neutralität.
    Warum geht sowas in unserer freien Presse heute nicht?

    Noch besser natürlich: Leute hinschicken, und nicht bloß Meldungen von selbsternannten Dienstleistern übernehmen.

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