Wenn einer eine Reise tut, dann heißt das noch nicht, dass er erzählen kann

Reden wir doch mal über das Wetter: „Ein kühler Nebel hängt über den Reisfeldern und es nieselt leicht, doch Wayan Sukamerta ist das egal.“ So beginnt eine Geschichte über die indonesische Insel Jatiluwih1 in der aktuellen Ausgabe von „Lonely Planet Traveller – Das Reisemagazin“, und ich hatte letzte Woche versprochen, ein bisschen über Texteinstiege zu schreiben, deshalb beginnen wir doch einfach mal mit diesem hier. Es ist ein so genannter „Szenischer Einstieg“2, der in der Pre-Post-Moderne, also in der Moderne, also früher, jedenfalls – er galt einmal als Königsweg in die Reportage. Und die Reportage als Königsdisziplin des Journalismus. Kurz: Das war der königlich-heiße Scheiß.

Im besten Fall führt der Szenische Einstieg nicht nur in die Szene, sondern erzeugt auch noch Spannung. Das vorliegende Beispiel illustriert ganz offensichtlich nicht den besten Fall, was wahrscheinlich an dem zu geringen Kontrast zwischen den Antagonisten liegt, nämlich Nieselregen und Wayans tiefenentspannter Grundhaltung. Besser wäre natürlich ein sintflutartig abregnender Tropensturm, bei dem man als Leser denkt, „Wayan, du Teufelskerl, der ist dir echt egal? Du Tier!“ Oder aber: „Ein kühler Nebel und es nieselt leicht, aber Wayan Sukamerta glüht schon vor rasender Wut“, so dass man denken könnte: „Was soll das denn, du Irrer, es nieselt doch nur leicht“.

Aber so war es halt nicht, und wenig Kontrast heißt nun einmal wenig Drama. Man muss sich das so vorstellen, als hätten die Eltern und die ganze bucklige Verwandtschaft von Romeo und Julia gesagt: „Ja, ist doch gut, Kinder, dann liebt euch halt, das ist doch eine nette Familie, in die du da einheiratest“, dann hätte Shakespeare ein Problem gehabt. Zu wenig Drama.

Bei uns ist es weniger schlimm, da geht es ja nur um den Einstieg, aber trotzdem hätte mehr Drama ihm gut getan. Übrigens löst der im Text folgende Satz auf, warum Wayan von dem Nieselregen so unbeeindruckt ist: „Er trägt einen Overall, Gummistiefel und einen Bambushut.“ Ich lehne mich mal weit raus: Vielleicht hätte es spannendere, besser geeignete Szenen als Grundlage für diesen szenischen Einstieg gegeben.

Nehmen wir uns mal eine andere Geschichte aus dem Heft vor, eine über den Großen St. Bernhard3. Der beginnt folgendermaßen:

Es dauert fünf Minuten, den Großen-St.-Bernhard-Tunnel zu durchqueren. Fünf Minuten, um 5000 Meter unter den Alpen über die Grenze nach Italien zu fahren, die Holzschindel-Chalets hinter sich zu lassen und auf der Piazza ein Glas Chianti zu bestellen. Gerade genug Zeit, um hinter dem Lenkrad Puccinis „Nessun Dorma“ lauthals mitzusingen oder sich an einem leichten Jodler zu versuchen.

Okay, zugegeben, der szenische Teil dieses Textes findet zu einem nicht geringen Teil auf der Metaebene statt und besteht im Wesentlichen daraus, dass der Leser die Stirn runzelt. Aber es gibt dramatische Kontraste in dem Text, zum Beispiel zwischen dem Text selbst und den Prinzipien von Kongruenz, Logik, Verständlichkeit und gutem Schreibstil. Nur ganz kurz: Dass etwas fünf Minuten dauert ist an sich nicht dramatisch, außer natürlich, die Zeitangabe steht in krassem Gegensatz zu den Erwartungen. „Der Dritte Weltkrieg dauert fünf Minuten“ wäre ganz gut, oder „Die Geburt meines kleinen Bruders dauert fünf Minuten“, oder „Ein Acht-Minuten-Ei dauert fünf Minuten“, wobei in einem ersten Satz versuchen würde, mehrfache Wortkoppelungen genau so zu vermeiden wie Abkürzungen, die anders gesprochen werden4. Ja, ich gucke dich an, Großer-St.-Bernhard-Tunnel-Schreiber!

Aber das ist schnell vergessen über der Frage, ob man in diesen fünf Minuten nun unter den Alpen 5000 Meter weit fährt oder tatsächlich 5000 Meter tief unter den Alpen, was in dem Satz nicht wirklich klar wird, genau so wenig wie die Antwort auf die Frage, was genau denn nun fünf Minuten dauert: nur die Tunnelfahrt allein oder tatsächlich der ganze Weg auf die Piazza inklusive der Weinbestellung?

Und dann kommt man an den Punkt, an dem offenbar wird, warum der Autor dieses ganze Fünf-Minuten-Gekacke da überhaupt angefangen hat: um uns zu erzählen, dass er im Auto gesungen hat. Spätestens jetzt habe ich den starken Drang verspürt, ihn ganz doll in eine Brustwarze zu kneifen, und zwar nicht auf die gute Art.

Ich würde deshalb mal vorsichtig die erste Tendenz einer Regel formulieren wollen: Einem szenischen Einstieg tut eine gute Szene gut5.

Aber es gibt ja auch noch andere Formen des Einstiegs, im „Lonely Planet Traveller“ zum Beispiel so demonstriert:

Auf Gili Air vergeht die Zeit viel langsamer als anderswo.

Das ist eine Behauptung6. Behauptungen können gute Einstiege sein7, aber es hilft einer Behauptung schon sehr, wenn sie gut ist oder wenigstens originell. „Man muss sich im Leben entscheiden, ob es einem morgens gut gehen soll oder abends“ ist eine super Behauptung, nach der ich gar nicht anders könnte, als zu lesen, wie es weitergeht. Dass die Zeit irgendwo langsamer vergeht als anderswo, habe ich schon so oft gelesen, dass ich ich mich zwingen müsste, hier nicht auszusteigen. Und das ist nicht gut.

Da wäre eine simple Feststellung schon besser wie:

Der Viñicunca (auch bekannt als Montaña de los Siete Colores oder Rainbow Mountain) südöstlich von Cusco in der Provinz Quispicanchi im Süden Perus, gilt als neues Must do der internationalen Backpacker-Gemeinde.

Der Satz ist nicht deshalb schlecht, weil die Feststellung die falsche wäre, sondern wegen all dem anderen, begonnen bei der Kommasetzung und der schieren, absurden Länge – ganz nebenbei auch für das geposte „Must do“ und die merkwürdige Benennung der „internationalen Backpacker-Gemeinde“. Lautete der Satz also nur: „Den Viñicunca im Süden Perus muss man unbedingt gesehen haben“, wäre er meiner Meinung nach besser.

Für mich stand nämlich bis eben noch die Marke „Lonely Planet“ für Backpacker-Reisen, und ich habe sie dafür gemocht, aber wann immer man eine Gruppe benennt, vor allem so fremdelnd8, gehört man entweder selbst als Redaktion nicht zu ihr oder der Leser nicht, sonst benennt man die Gruppe entweder gar nicht und der bunte Berg in Peru ist eben ganz einfach ein Ort, den man gesehen haben muss, oder man sagt „wir“.

Aber für Backpacker ist das Magazin wohl nicht gemacht. Allerdings weiß ich auch nicht, für wen denn sonst. Es ist fast schmerzhaft, wie konventionell und harmlos das Heft ist, und tatsächlich dort nicht nur fast schmerzhaft, wo es ins Dämliche abrutscht. „Für Pistentouren“ in der Schweiz empfiehlt mir das Heft, ein Kissen mit einem Schweizerkreuz und ein „Candle-Light-Raclette-Set“ als Accessoires einzupacken. Und einen Pullover, auf dem „Luzern“ steht. Also lauter Kram, den man sicher nicht in die Schweiz mitnimmt, sondern höchstens in manchen unglückseligen Fällen aus der Schweiz mit nach Hause bringt.

Eine mutierter Bruder des beschriebenen Einstiegs über eine Feststellung ist übrigens die Rätselmoderation, mit der Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass“ Musiker angesagt hat („Seine Stimme kennt jeder, 150 Millionen Menschen haben seine Schallplatten gekauft, und sein Friseur sagt, seine Haare seien dicker als Spaghetti“, und so weiter), und das klingt in diesem Heft so:

Ihre Fertigstellung dauerte angeblich länger als der Zyklus von Wagners Nibelungen, aber die 790 Millionen Euro teure Elbphilharmonie war die Geduld wert.

Mit Rätselmoderation meine ich übrigens den Satzbau, bei dem erst am Ende erklärt wird, worum es geht, und nicht das Rätsel, warum man eine offensichtlich und für jede Knalltüte erkennbar falsche Information mit „angeblich“ verbrämt und dann ins Blatt hebt. Was auch immer mit der Länge des Nibelungen-Zyklus hier gemeint ist, seine Aufführung dauert vier Abende und gearbeitet hat Wagner an ihm mehr als 25 Jahre, die Elbphilharmonie wurde aber 2007 beschlossen und 2017 eingeweiht. Vielleicht soll das „angeblich dauerte“ hier so etwas heißen wie „es wird gespottet, die Fertigstellung9 dauerte länger als die des Nibelungen-Zyklus“, aber auch das wäre doof, denn wer hat denn parat, wie lange das gedauert hat? Insgesamt drängt sich ein bisschen der Eindruck auf, das Heft wäre nicht besonders gut redigiert.

Was bleibt, ist ein Heft mit sehr schönen Fotos, die sauber und professionell layoutet sind, aber für mich nicht mehr als irgendwie nett und hübsch. Was nichts Verkehrtes ist, aber halt ein bisschen wie Reden über das Wetter.

Lonely Planet Traveller
Life! Verlag
6 Euro

11 Kommentare

  1. Wenn man sich in seiner Kritik auf Stilmittel wie Fallhöhe, Erwartung usw. konzentriert, sollte man sich vielleicht selbst mal von diesen bemühten Holzhammer-Achtung-jetzt-kommt-ein-lustiger-Witz-Fußnoten trennen.

  2. „Er hat Jehova gesagt!“

    Das eine gewissen Ironie innewohnt wenn man über schlechten Stil schreibt und dabei Fußnoten verwendet ist natürlich nicht jedem sofort ersichtlich…

  3. …Binsen!
    Wie jede(r) hier, könnte ich was erzählen. Wäre aber wie früher im Elternhaus:
    Vater hat die Leinwand aufgestellt, wenn Gäste da waren, den Diaprojektor ausgerichtet und…
    Schwamm drüber!
    Wer für sowas am Bahnhofskiosk Geld ausgibt, statt das bahneigene Magazin zu lesen::
    Tja…

  4. Ich kann irgendwie nicht ganz nachvollziehen, wie man im Heft (bis auf das erste Beispiel) sehr stimmige Bild-Schrift-Kombinationen setzen kann und dann einen Titel verbricht, der schlechter ist als die aller hingerotzten Last-Minute-Kataloge, die ich je gesehen habe. Das Logo sitzt darauf wie der Aufkleber auf dem Lesezirkelumschlag, nur farblich noch etwas grausamer. Und der Winter in den Alpen präsentiert sich in balinesischem Sonnengelb vor üppiger Vegetation. Etc.pp.

    Die Textanfänge scheinen nicht das Einzige zu sein, wo Hilfe von außen wünschenswert wäre.

  5. Metakritik:
    Wenn schon Fußnoten in Fußnoten für mehr Meta, dann vllt. ein neuer Absatz? Oder wenigstens ein Punkt plus Leerzeichen?
    Oder ein Komma, und dafür die Asteriken weglassen?

    Ansonsten fallen mir gerade Geschichten ein, die mir mal auf indonesischen Inseln passiert sind. Schön!

  6. „Ein kühler Nebel und es nieselt leicht, aber Wayan Sukamerta glüht schon vor rasender Wut“

    In der Tat würde ich eine Geschichte über einen Mann, der derart erbost auf Witterungseinflüsse reagiert, sehr gerne lesen.

  7. Jetzt mal ein szenischer Einstieg, der sich gewaschen hat:

    Der Kilimandscharo ist ein schneebedeckter Berg von
    6007 Metern Höhe und soll der höchste Berg Afri-
    kas sein. Sein westlicher Gipfel heißt Masai «Ngàje
    Ngài», das Haus Gottes. Nahe am westlichen Gipfel
    liegt der ausgedorrte und gefrorene Kadaver
    eines Leoparden. Niemand kann sagen, was der Leopard
    in dieser Höhe gesucht hat.

    Aber nicht in jedem Touristen steckt ein Hemingway

  8. Bei „wobei in einem ersten Satz versuchen würde“ fehlt wahrscheinlich ein „ich“?
    In „Eine mutierter Bruder“ ist dafür wohl ein „e“ zu viel.

    An den neuen Fußnoten stört mich persönlich eigentlich nur der fehlende Punkt am Ende, selbst wenn sie einen vollständigen Satz beinhaltet. Aber das Meckern über die Fußnoten ist ja im Bahnhofskiosk bereits lieb gewonnene Tradition.

  9. Wieder mal stark! Danke, Michalis Pantelouris, hab viel gegrinst und auch wieder was dazu gelernt (über Einstiege und Methoden etc.). Sowas lieb ich! Und das schätz ich so an ihren Beiträgen hier.
    Mir sind in diesem Beitrag allerdings auch ungewöhnlich viele Schnitzer in Sätzen aufgefallen. Immer noch vergleichsweise wenige, doch für Ihre Verhältnisse mehr als sonst. Gleichzeitig sind es eher Kleinigkeiten: fehlende Wörter, doppelte Wörter, nicht korrekte Endungen, sowas halt.

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