Hasswort (65)

ICE-Beamte

Deutsche Medien nennen die Einheiten der US-Einwanderungsbehörde gerne „ICE-Beamte“. Das Wort lässt an staatliche Kontrolle, Recht und Gesetz denken – und hat mit der anonymen Gewalt der ICE-Truppen nichts zu tun.

Jedes Mal, wenn ich in deutschen Medien das Wort „ICE-Beamte“ lese, zucke ich zusammen. Man findet es überall: in der „Tagesschau“, im „Spiegel“, in der „Zeit“, in der „Süddeutschen Zeitung“, bei der Deutschen Presseagentur dpa (und auch bei Übermedien).

Gemeint sind Einheiten des Immigration and Customs Enforcement, eine Einrichtung für den US-Einwanderungs- und Zollvollzug.

„Beamter“ klingt nach Rechtsstaat

Doch das Wort „Beamter“ weckt im Deutschen präzise Assoziationen: Laufbahnrecht, Disziplinarverfahren, Rechenschaftspflicht, institutionelle Einbindung. Man denkt an Finanzämter, Schulbehörden, vielleicht noch an den Kontaktbereichsbeamten der Polizei oder den Schutzpolizisten mit der Dienstnummer. An Menschen, die man zur Verantwortung ziehen kann.

Die Realität in Minneapolis, Chicago oder New York ist das genaue Gegenteil. Wir sehen vermummte, oft anonyme Einheiten. Sie tragen keine Namensschilder, fahren in nicht gekennzeichneten Fahrzeugen, tragen militärische Kampfausrüstung. Sie agieren jenseits der Kontrolle lokaler Behörden, oft gegen den ausdrücklichen Willen der betroffenen Städte.

Vizepräsident Vance spricht von „absoluter Immunität“

Am 7. Januar wurde Renee Good, eine 37-jährige US-Bürgerin und Mutter, von einem Angehörigen einer ICE-Einheit in Minneapolis erschossen. Sie hatte gerade ihr Kind zur Schule gebracht. Bürgermeister Jacob Frey bezeichnete die offizielle Darstellung des Vorfalls als „bullshit“ und forderte ICE auf, die Stadt zu verlassen. Gouverneur Tim Walz rief Renee Good zu Ehren einen „Day of Unity“ aus. Die Truppen blieben.

US-Vizepräsident Vance behauptete, der Schütze genieße „absolute Immunität“. Eine Aussage, die von Rechtsexperten als falsch bezeichnet wird, die aber illustriert, wie diese Truppen sich selbst verstehen: als über dem Gesetz stehend. Wer so agiert, hat das Wort „Beamter“ nicht verdient.

ICE ist eine Bundesbehörde

Nun könnte man einwenden: ICE ist eine Bundesbehörde und ihre Mitarbeiter sind Staatsdiener. Warum sollten Medien das nicht so benennen? Dieses Argument geht jedoch am Problem vorbei, denn die Kritik richtet sich nicht gegen die Benennung staatlichen Handelns an sich, sondern gegen ein deutsches Wort, das falsche Assoziationen weckt. Zudem ist „Beamter“ hier keine zwingende Übersetzung. Im Englischen heißen sie „Agents“ oder „Officers“, Begriffe, die eine Funktion beschreiben, aber nicht den deutschen Beamtenstatus implizieren.

Ein zweites Argument lautet: Gerade weil diese Einheiten staatlich sind, sollte man sie auch so nennen. Das sei eine Mahnung, wie schnell Institutionen ausgehöhlt werden können. Richter, Soldaten und Polizisten, die Unrecht tun, würden formal das bleiben, was sie sind. Das Unbehagen, das die Bezeichnung auslöst, sei produktiv.

Anonyme Gewalt statt Recht und Gesetz

Ich verstehe diesen Punkt. Aber er verwechselt Beschreibung mit Analyse. Ja, ICE-Kräfte sind formal Bundesbedienstete. Diese Information gehört in Medienberichte. „Beamter“ ist im Deutschen jedoch mehr als eine Funktionsbeschreibung. Es ist ein Wort, das Legalität signalisiert: Hier handelt jemand im Rahmen von Recht und Gesetz, kontrolliert und kontrollierbar, als Repräsentant einer demokratischen Ordnung.

Wer mit dem Wort Einheiten beschreibt, die anonym Gewalt ausüben und faktische Straffreiheit genießen, sagt nicht die Wahrheit. Er sagt etwas formal Korrektes, das in die Irre führt.

„Einsatzkräfte“ ist die bessere Wortwahl

Natürlich erwarte ich nicht, dass die Tagesschau von „Schergen“ spricht. Aber zwischen „Beamten“ und „Schlägertrupps“ liegt ein weites Feld. „Einsatzkräfte“ beschreibt beispielsweise die Funktion, ohne Rechtsstaatlichkeit zu suggerieren. „Einheiten des sogenannten Heimatschutzministeriums“ ist sperrig, aber präzise. Man könnte auch einfach beschreiben, was man sieht: vermummte, bewaffnete Kräfte in nicht gekennzeichneten Fahrzeugen.

Die Sprache formt unsere Wahrnehmung der Realität. Wenn deutsche Medien paramilitärische Einheiten, die außerhalb demokratischer Kontrolle operieren, mit einem Wort belegen, das Amtsstuben und Aktenordner evoziert, dann ist das keine neutrale Berichterstattung. Es ist Weichzeichnung durch Wortwahl.

8 Kommentare

  1. „Hier handelt jemand im Rahmen von Recht und Gesetz, kontrolliert und kontrollierbar, als Repräsentant einer demokratischen Ordnung.“
    Wenn das denn so wäre, wären all die Berichte über Polizeigewalt und Rassismus in Deutschland gegenstandslos.

  2. Im Netz habe ich zwei Fotos gefunden von ICE Einsatzkräften, sozusagen „vorher – nachher“. Vor Trump sahen diese aus wie hierzulande Ordnungsamtsmitarbeiter, in dunkelblauer ziviler Kleidung mit ein paar hoheitlichen Abzeichen. Maskierten und bis an die Zähne bewaffneten Wrestlern möchte ich in meinem Alltag nicht begegnen müssen.

  3. Hatte eine ähnliche Reaktion als ich neulich „Einwanderungsbehörde ICE“ gelesen habe. Klingt irgendwie nach BAMF, nicht nach übermachtiger Grenzpolizei. Weiss aber auch keine passende knappe Übersetzung/Beschreibung.

  4. “ „Einsatzkräfte“ beschreibt beispielsweise die Funktion, ohne Rechtsstaatlichkeit zu suggerieren.“ Bei „Einsatzkräften“ denke ich aber an „Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdiensten und THW“. Die Suggestion ist aus meiner Sicht noch positiver oder weichgezeichneter als „Beamte“.
    Wie wäre es mit „Mitarbeiter“, wie in „Stasi-Mitarbeiter“?

  5. Mitarbeiter finde ich auch den neutraleren Begriff, zumal offenbar auch nicht alle der tausenden neu angeworbenen Leute gleich den Beamtenstatus erhalten. Ich würde darüber hinaus nicht von einer reinen Einwanderungsbehörde sprechen, denn sie tut ja eigentlich das Gegenteil: Sie schiebt ab. US-Einwanderungs- und Abschiebebehörde trifft es eigentlich besser.

  6. Es ist bemerkenswert, wie rasant das „ICE“ es in den Sprachgebrauch des deutschen Journalismus geschafft hat.
    Ich brauche bei einer Überschrift mit „ICE“ immer ein paar Zehntel Sekunden, um zu realisieren, dass der nicht vom Personal im ICE der Deutschen Bahn handelt.

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