Niemand will irgendwem das Auto verbieten, trotz angeblichem „Verbrennerverbot“. Auch nach 2035 werden Verbrennungsmotoren erlaubt sein. Die Debatte lenkt von einer anderen Frage ab: Wie wollen wir bei einem „Aus vom Verbrenner-Aus“ noch die Klimaziele erreichen?
„Wir sind auf dem Weg in die Klimahölle, mit dem Fuß auf dem Gaspedal“, warnte UN-Generalsekretär António Guterres 2022. Die Europäische Union will deshalb zumindest das Tempo drosseln: Ab 2035 sollen Neuwagen kein Benzin oder Diesel mehr verbrennen, soweit die beschlossene Regelung.
Richtig gelesen: neue Fahrzeuge. Kein generelles „Verbrennerverbot“, so oft es auch in den Überschriftensteht. Wer heute ein Auto mit Otto-Motor fährt, darf das auch 2036 noch tun – tanken, hupen, im Stau stehen inklusive.
Eigentlich geht es um neue Emissionsgrenzen
Der Autor
Foto: privat
Maximilian Arnhold, Jahrgang 1996, ist freier Klima- und Politikjournalist. Er beschäftigt sich besonders mit ökologischen und sozialen Protesten, Landwirtschaft, Mobilität und Meeresthemen. Außerdem moderiert er Veranstaltungen und engagiert sich an Schulen, um Medien- und Umweltbildung von Jugendlichen zu fördern. Lebt bei Hannover.
Und welches Verbot überhaupt? Genau genommen schreibt die EU lediglich vor, dass neu zugelassene Fahrzeuge in zehn Jahren keine CO₂-Emissionen mehr verursachen dürfen. Theoretisch könnte sich die Autoindustrie über diese Vorgabe hinwegsetzen. Sie müsste dann aber Strafen für den CO₂-Ausstoß zahlen und diesen kompensieren – eine Praxis, die für bestimmte Obergrenzen auch heute schon gilt. Klar, das wird neue Verbrennermotoren aus dem Markt drängen, das soll es ja auch.
Der Begriff „Verbrennerverbot“ verschleiert unterdessen, worum es eigentlich geht: um eine europäische Klimaschutzmaßnahme. Nicht um den Eingriff in die heimische Garage, Öko-Planwirtschaft, die letzte freie Fahrt für freie Bürger. Und doch ist es dieses Wort, das Schlagzeilen, Kommentare oder Talkshows zum Thema dominiert.
Trotziger Auto-Test in der „Welt“
Gerade rechtskonservative Medien nutzen es gezielt, um Stimmung zu machen: In der „Welt“ wird trotzig-infantil ein Audi-Modell getestet – als die „beste Absage an das Verbrennerverbot“. Motto: Von Brüsseler Bürokraten lasse ich mir nicht das Auto wegnehmen! Kulturkampf mit Ansage, der schon beim „Heizhammer“ und dem „Veggieburger“ bestens funktioniert hat.
Hasswort
Es gibt präzise und poetische, wichtige und wunderbare Wörter. In dieser Rubrik geht es um die anderen: Begriffe, die überflüssig, irreführend oder einfach nur nervig sind – und trotzdem ständig in Medien auftauchen. Auf welche Wörter unsere Gastautor:innen schon geschimpft haben, können Sie hier nachlesen.
Auch bei „Focus online“ wird mit Reizwörtern hantiert: Wer den Leuten das Verbrennerverbot als Notwendigkeit verkaufen wolle, betreibe „professionelle Volksverdummung“, schreibt ein Auto(!)redakteur, ohne den Hintergrund der CO₂-Regulierung überhaupt zu erwähnen.
Emissionen im Straßenverkehr drastisch gestiegen
Ich finde das zum Verzweifeln. Während das Klima kippt, die Meere sich massiv erwärmen, Hurrikane ganze Länder verwüsten und Korallenriffe sterben, dreht sich die öffentliche Debatte um den Erhalt eines Status quo, den es so längst nicht mehr geben kann. Kaum jemand redet darüber, dass die CO₂-Emissionen im Straßenverkehr in Europa seit 1990 um 23 Prozent gestiegen sind – und was sinnvoll dagegen zu tun wäre.
Problematisch ist also nicht nur die kalkulierte Empörung von rechts. Wenn Leitmedien wie „Spiegel“, „Süddeutsche“ oder gar die „Tagesschau“ den Begriff übernehmen, verengt sich die Debatte auf ein eingängiges Schlagwort, für oder gegen das man sein kann, dessen Ursprung aber niemand mehr hinterfragt. Stattdessen diskutiert Deutschland darüber, ob und wie die europäische Einigung zum „Verbrenner-Aus“ wieder kassiert werden kann. Genau dafür will sich CDU-Kanzler Friedrich Merz einsetzen.
Selbst Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Olaf Lies, der im VW-Aufsichtsrat sitzt und sich ebenfalls für eine Aufweichung der EU-Beschlüsse ausspricht, stört sich an dem Begriff. „Es gibt kein Verbrennerverbot“, stellte er in einem ARD-Interview klar.
Die Rücknahme der Pläne labeln Medien nun als „Aus vom Verbrenner-Aus“. Viele Redaktionen berichten vor allem über die politischen Entwicklungen – und vergessen, auf Deutschlands Verantwortung für den Klimawandel und die Folgen unkontrollierter Erderhitzung hinzuweisen. Wer fragt Merz, wie ohne das Ende für Otto-Motoren die Klimaziele im Verkehrssektor erreicht werden? Diese Ziele sind Gesetz und haben Verfassungsrang, darauf sollten Journalist*innen hinweisen.
E-Fuels werden es nicht richten
Vielleicht wird es stattdessen ja eine grüne Zaubertechnologie richten. Die Mär vom „klimaneutralen Verbrenner“ hält sich hartnäckig: Statt nachzurechnen, fordert ein Wirtschaftsredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, den Bestand an Verbrennern „so bald wie möglich mit klimaneutralen E-Fuels“ zu betreiben.
Technisch ist das leider Unsinn: E-Fuels, also synthetische Kraftstoffe, brauchen vier- bis sechsmal so viel Energie wie ein Elektroauto. Sie sind teuer, ineffizient und die Menge an erneuerbarer Energie, die dafür nötig wäre, existiert schlicht nicht. Wissen sie das in der Redaktion nicht besser? Oder geht man hier der Autolobby auf den Leim, die bequem verspricht, bloß den Sprit statt den Antrieb zu wechseln?
Tatsächlich sind Ausnahmen für E-Fuels nach 2035 längst beschlossene Sache. Wir erinnern uns: Die Ampelregierung hatte sich bei der EU dafür eingesetzt, auf Druck der FDP. Ergibt zwar marktwirtschaftlich keinen Sinn. Ist aber ein Grund mehr, warum der Begriff „Verbrennerverbot“ schlicht nicht zutrifft.
Die Folgen: Mehr Streit und mehr CO₂
Zugegeben, komplexe Klimapolitik passt schlecht in Schlagzeilen. Das „Ende der Pkw-Neuzulassungen mit Verbrennermotor ab 2035, mit Ausnahmen für CO₂-neutrale Kraftstoffe“ klingt nicht sexy. Aber wer verkürzt berichtet, spielt mit Ängsten und überlässt es dem Publikum, Ausmaß und Notwendigkeit des „Verbrennerverbots“ kritisch einzuordnen.
Übrigens befürwortet einer Umfrage zufolge eine Mehrheit der Deutschen das Ende von Verbrennungsmotoren, nur über den Zeitpunkt herrscht Uneinigkeit. Im Grunde ist die Bevölkerung gar nicht so gespalten. Bloß die Lautstärke der Auseinandersetzung passt nicht dazu: CSU-Chef Markus Söder poltert im Bierzelt sogar vom „Kulturkampf gegen das Auto“, obwohl das Auto erst recht keiner infrage gestellt hat.
So dreht sich die Spirale weiter: Medien greifen Söders Verbrenner-Aussagen auf, verstärken sie, verkaufen das Ganze als polarisierte Debatte – und spalten, wo sie eigentlich erklären sollten.
18 Kommentare
Man muss es den Rechtsextremen und anderen Ewiggestrigen lassen, dass sie verdammt gut darin sind, Begriffe zu prägen, die es dann in den Mainstream schaffen und dadurch eine bestimmte politische Sichtweise transportieren. „Flüchtlingswelle“ war vor zehn Jahren ja auch so ein Negativbeispiel. Oder „Zwangsgebühren“: die haben es zwar noch nicht in den Mainstream der Zeitungen geschafft, aber doch in viele Gespräche.
Es muss denen, die an sachlicher, voruteilsfreier Kommunikation orientiert sind, einfach auch gelingen, solche Begriffe zu prägen – und zwar bevor die politisch interessierte Gegenseite ihre Lesart durchsetzt.
Das mag in dem Fall den Rechten und/oder der Autoindustrie schon sehr gelegen kommen, aber „Verbrennungsmotorenneuzulassungsaus“ oder ähnliches ist halt zu sperrig, um es in irgendeine Zeitung zu schaffen.
@surfgard
„Es muss denen, die an sachlicher, voruteilsfreier Kommunikation orientiert sind, einfach auch gelingen, solche Begriffe zu prägen – und zwar bevor die politisch interessierte Gegenseite ihre Lesart durchsetzt.“
Es wäre sehr zu befürworten wenn das gelingen würde, aber ich denke leider das es sehr bis absolut unrealistisch ist.
Egal um welche Themen es geht, man wird sie nie mit irgendwelchen einzelnen Schlagwörtern genau genug beschreiben das es sachlich und vorurteilsfrei ist. Dieser Kampf kann nur verloren werden.
Das Ziel muss es einfach sein den Menschen beizubringen solchen Kampfbegriffen, Pauschalisierungen und Emotionalisierungen zu misstrauen und nachhaken zu wollen.
Das wird aber natürlich deutlich schwieriger wenn sich auch große, seriöse Medien daran beteiligen und diese Begriffe weiter im Umlauf/am Leben halten.
Die oben erwähnten Artikel sind wohl allesamt an mir vorübergegangen, jeden falls dachte ich der Begriff Verbrennerverbot wäre schon längst durchgekaut, als Falschaussage markiert und wieder ausgespuckt worden. Danke an alle Beteiligten Medien für das weiterleben lassen dieses Hass erzeugenden Begriffes (vermutlich nur aus Gier nach klicks)
@#1:
Der Begriff lautet „Right Wing Agenda Setting“: Man greift sich ein Thema, stülpt ihm seine eigene Sichtweise über oder erfindet gar ein komplett neues Thema; Wort, Problem, etc. und positioniert es so prominent im Diskurs, dass es sich nur noch darum dreht und selbst leute mit anderen Anschauungen darüber diskutieren müssen.
„Woke“ ist auch so ein Beispiel: Die Rechte (der USA) brauchte einen Sammelbegriff für jemanden, den sie als Feind ansehen kann und bedienten sich am Afroamerikanischen Begriff woke, der seinen Ursprung in den 30er Jahren der Schwarzenbewegung hatte. Inzwischen wird dem Begriff ja sogar Veganismus und Winderergie zugeschrieben, was klar darauf hindeutet, dass es hier um politische Instrumentalisierung geht. Die Europäische Rechte hat den Begriff dankbar übernommen und plappert ihn nach ohne zu wissen worum es eigentlich geht (außer natürlich um die begriffliche Stigmatisierung von etwas, was einem nicht passt).
Wie absurd und kindisch das Verhalten der „konservativen“ Trotzköpfe ist, merkt jeder, der sich mal das Vergnügen gönnt, ein Elektroauto probezufahren. Die Technik ist einfach überlegen. Sie macht nur nicht Brummbrumm und verpestet nicht die Luft. Solche Probefahrten müssten Pflichtprogramm für alle Wirtschafts- und Politikredakteure* sein, die noch Benzin im Blut haben (ähnlich fataler Inhaltsstoff wie Alkohol).
* es sind tatsächlich fast immer Männer
Nunja, so überraschend ist das jetzt nicht wirklich, denn die Motorjournalisten sind ja zu einem guten Teil abhängig von einem guten Draht in die Hersteller hinein. Wenn man dann die großen Firmen schlechtschreiben würde, wäre das sicher nicht sehr förderlich.
Damit will Ich noch nicht mal sagen, dass sich da jemand kaufen lässt, man hat einfach die Perspektive nicht. „Wie soll das denn gehen, …“ sagen die großen Autobauer.
Das Problem ist eben, dass die Meere sich nicht in Berlin Mitte an der Rudi-Dutschke-Straße erwärmen, Hurrikane und sterbende Korallenriffe hab Ich da jetzt auch keine gesehen, als Ich vor vier Wochen in Berlin im Urlaub war…
Auto-Journalisten schreiben positiv über Auto-Industrie: „Was will man machen, die brauchen die Konnektions.“
Game-Journalisten schreiben positiv über die Game-Industrie: „Was will man machen, die Konnektions.“
Sport-Journalisten schreiben positiv über die Fußball-Industrie: „Was will man machen?“
Buch- und Theaterkritiker hauen einen fiesen Take nach dem anderen heraus, ohne deshalb arbeitslos zu werden, aber wehe, sie werden zu nett…
@mycroft
Mir sind in meinem Berufsleben durchaus schon ein paar fachjournalistische Kolleg:innen mit dem Berufsethos von Theaterkritikern begegnet. Aber es stimmt: Déformation professionelle kommt zu häufig vor. Es ist ja nicht so, dass alle in der Autoindustrie sich allein per Rückspiegel orientieren würden. Man kann sich als Journalist:in also auch auf diejenigen fokussieren, die an der E-Mobilität arbeiten. Ich habe auf Youtube positive Beispiele für hochkompetenten Fachjournalismus gesehen, gelegentlich auch in Print – also nicht nur in einschlägigen (Online-) Fachpublikationen für E-Autos. Es müssten sich jetzt nur noch die Schreiber aus den Ressorts Wirtschaft und Politik mit der Thematik befassen, die immer noch die merzige Denke im Kopf haben, dass der Industriestandort Deutschland ohne Turbodiesel und AMG-12-Zylinder den Bach runterginge.
Ich kann nicht umhin, zu glauben, dass von der mächtigen Autolobby traktierte Politiker*Innen und konservative Medien das selbe Interesse haben: Die Politiker – Kaste will die Arbeitsstellen und den Umsatz erhalten, die Medien die Werbekunden nicht verlieren.
Diese unheilige Allianz sorgt dafür, dass Merz in Rio von Innovationen faselt (für die er herzlich wenig tut und auf die wir seit Bekanntwerden des Klimawandels vergeblich warten – wenigstens was die Automobilindustrie betrifft) statt im Land die Autoindustrie ordentlich in den Senkel zu stellen und denen klipp und klar zu sagen: Ihr seid selbst Schuld, dass ihr den Zug in die Zukunft verpasst habt (auf dem die Chinesen gerade davon brausen) und stattesen die Verbraucher und Behörden beschissen habt. Rettet Euch selber und hört auf nach dem Geld des Staates zu rufen!
@8 t.mido
Das wird erst noch richtig kommen dass die Autoindustrie unser(Staat) Geld möchte. Die sträuben auch nämlich immer noch, der Abstand wird immer größer und die sind genauso wie die Banken too big to fail.
Ein paar Jahre geht das noch gut und dann müssen Rettungspakete im dreistelligen Milliardenbereich gezahlt werden.
Und trotzdem wird bis dahin schön weiter nach immer mehr Subventionen gerufen werden.
Unsere einstige Vorzeige Industrie wird vielleicht unser wirtschaftlicher Untergang.
Hatte ich ja schon mal geschrieben: Die Aufladung der schönen Rubrik „Hasswort“ mit moralischen Debatten um politische Korrektheit finde ich bedauerlich.
Zur Sache: „Verbrennerverbot“ war ursprünglich kein rechtes „Framing“ sondern stolzes Ziel der EU – als Kurzform für „Verbot der Neuzulassung von Pkw mit Verbrennungsmotoren ab 2035“. Das ist dann in doppelter Hinsicht zurückgezogen worden: Zum einen politisch, weil die EU ihr Ziel unter maßgeblicher Beteiligung von Volker Wissing leider aufgeweicht hat (zugunsten sogenannter Technologie-Offenheit mit E-Fuels, etc.). Zum anderen sprachlich, weil das Wort „Verbot“ in der politischen Debatte immer stärker unter Beschuss geriet.
Nun haben wir rechts-konservative Medien, die am Wort „Verbrennerverbot“ in pejorativer Absicht festhalten, obwohl es nicht mehr stimmt – und linksliberale Journalisten, die so tun, als hätte es nie gestimmt und wäre immer schon Propaganda gewesen. Außerdem Kommentatoren bei Übermedien, die einfach mal behaupten, der Begriff sei eine Erfindung von „Rechtsextremen“. Kurz: Es ist das blöde, alte Moralspektakel, das mir so unendlich auf die Nerven geht.
(Zur Klarstellung: Ich wäre für eine Verbrennerverbot ab 2035 sehr dankbar.)
„Es muss denen, die an sachlicher, voruteilsfreier Kommunikation orientiert sind, einfach auch gelingen, solche Begriffe zu prägen – und zwar bevor die politisch interessierte Gegenseite ihre Lesart durchsetzt.“
Dazu folgendes:
In Teilen der Linken wird tatsächlich diskutiert, ob man dem rechten Kulturkampf-Populismus mit linkem Populismus begegnen sollte. Zum Glück ist diese Position nicht sehr verbreitet.
Zum Thema Populismus in sozialen Medien fand ich einen SWR/Tagesschau-Beitrag aufschlussreich, der eine aktuelle Studie zusammenfasst. Demnach sind viele junge Nutzer:innen in der Lage, Täuschungs- und Manipulationsversuche zu erkennen ( trotzdem noch unter OECD ø laut PISA ) . Allerdings sind die Plattform-Algorithmen verzerrt, rechte Akteure investieren überproportional viel Aufwand – und die Gegenbeiträge anderer politischer Richtungen bleiben oft zu flach, um wirklich gegenzuhalten. https://www.tagesschau.de/wissen/forschung/social-media-populisten-100.html
Noch bedrohlicher erscheint mir der Bevölkerungsteil, den die Psychologie als „autoritäre Persönlichkeit“ beschreibt. Bei diesen Menschen lassen sich Präferenzen für autoritäre Führungsstrukturen kaum durch politische Bildung oder Information verändern – im Gegenteil können entsprechende Impulse die Neigung sogar verstärken, wenn sie das Thema Autoritarismus stärker salienzieren. Zugleich steigen Unsicherheitsgefühle eher, wenn Polizei-Präsenz, Abschiebungen oder ähnliche Maßnahmen hochgefahren werden. Autoritäre Persönlichkeiten wählen nicht automatisch Diktator:innen, aber mit wachsendem Unsicherheitsgefühl steigt die Wahrscheinlichkeit dafür. Divers zusammengesetzte Nachbarschaften dämpfen dieses Unsicherheitsgefühl, homogene Milieus verstärken es.
Das führt weit vom Ausgangspunkt weg – aber ein Artikel des neuseeländischen Forschers Danny Osborne („Die Wurzeln des Autoritarismus“, Gehirn & Geist, November-Ausgabe) hat mich gerade wieder daran erinnert, wie sehr mich die Frage beschäftigt, wie Populismus wirksam eingedämmt werden kann.
Der Begriff „Verbot“ ist ja nicht völlig falsch. Früher wurden Autos gebaut, die keine Sicherheitsgurte auf den Rücksitzen hatten. Heute nicht mehr, und wenn man irgendwen – bspw. ein Kindergartenkind – dazu befragte, wäre die Antwort: „Weil das verboten ist!“
Nicht: „Neuzulassungen von PKWs ohne Sicherheitsgurten auf der Rückbank waren ab Stichtag 1.5.79 in der BRD nicht mehr zulässig; es war aber nicht geplant, PKW ohne solche Sicherheitsgurte aus den Verkehr zu ziehen, weshalb man nicht von einem „Verbot“ sprechen kann.“
Hieß damals in den 70ern auch wirklich nicht „Autos-ohne-Sicherheitsgurte-hinten-Verbot“, sondern „Gurtpflicht“, aber nur, weil ersteres einfach viel zu viele Silben hat.
Und eine Menge der Verkürzungen und Zuspitzungen, die Medien verwenden, sind in ähnlicher Weise unpräzise oder zu vereinfachend. Da kriegt man doch die nächsten 100 Hasswort-Kolumnen ganz schnell voll.
Bitte fangen Sie mit „wir“ an!
@#11
Sollte die EU tatsächlich mal offiziell „Verbrennerverbot“ als Kurzform verwendet haben, dann lag das Zurückziehen eventuell daran, dass Verbrenner nicht verboten werden.
Da ja für Sie die Einen so tun als ob es immer noch stimmt und die Anderen als ob es nie gestimmt hätte, muss es einen Zeitpunkt gegeben haben, an dem es gestimmt hat. Der Zeitpunkt dürfte für Sie schwer zu benennen sein, da Ihnen ja bewusst ist, dass es immer nur um die Neuzulassungen ging.
Ich stimme dem kritischen Kritiker und Mycroft zu: Ich bin absolut für das Verbrennerverbot und finde es nicht schlimm, das Ding auch so zu nennen. Ökonomisch sinnvolle E-Fuels sind, wie im Artikel dargelegt, extrem unrealistisch und ein Neuzulassungsverbot von CO2 ausstoßenden Verbrennern ist ein Verbrennerverbot. Ich bezeichne mich gelegentlich als Autohasser, lebe trotz Führerscheinbesitz und obwohl ich es mir finanziell leisten könnte seit zwanzig Jahren ohne Auto – obwohl ich mit dem ÖPNV fast zwei Stunden für die 30km ins Büro brauche, die zu Zeiten ohne Stau mit dem Auto in 20 Minuten zu schaffen wären. Trotzdem habe ich genug Empathie, dass ein Fan von Verbrennungsmotoren (nennen wir ihn meinetwegen auch Reichweitenfetischist oder Ladestationenangsthase) sich veräppelt fühlt, wenn man ihn sagt, die geplante EU-Regelung sei ja kein Verbrennerverbot. Sobald sein Verbrenner nach 2035 einen irreparablen Totalschaden hat oder nicht mehr über den TÜV kommt, darf er ihn nicht mehr durch ein gleiches Modell ersetzen, weil dessen Zulassung dann verboten wäre. Die Wortklauberei hilft hier glaube ich nicht weiter. Man müsste mehr die (individuellen und gesellschaftlichen) Vorteile grünerer Antriebstechnologien in den Vordergrund stellen anstatt ein Verbot durch andere Benennungen zu verbrämen.
@#13
„Der Begriff „Verbot“ ist ja nicht völlig falsch.“
Stimmt, es wird ja wirklich etwas verboten. Was völlig falsch ist, ist der Begriff „Verbrennerverbot“, denn die werden ja gar nicht verboten.
„Hieß damals in den 70ern auch wirklich nicht „Autos-ohne-Sicherheitsgurte-hinten-Verbot“, sondern „Gurtpflicht“, aber nur, weil ersteres einfach viel zu viele Silben hat.“
Wahrscheinlich eher weil zweiteres zutreffend ist und ersteres nichts mit der Realität zu tun hatte. Eventuell gab es auch in den 70ern einfach weniger Menschen, die bereit waren von einem Verbot zu sprechen, wenn die besagte Sache gar nicht verboten wurde.
@#15
Jeden Tag insgesamt 3 Stunden und 20 Minuten mehr Fahrtzeit akzeptieren, nur um auf das Auto zu verzichten, nenne ich wahre Hingabe für den Klimaschutz. Ich verzichte zwar auch freiwillig auf ein Auto, lebe aber auch in Berlin und bei mir sind es nur wenige Minuten Aufschlag für die Arbeit und oftmals bin ich in der Freizeit auch schneller. Wäre ich an Ihrer Stelle, hätte ich definitiv ein Fahrzeug. Ich würde mich aber auch niemals als Autohasser bezeichnen.
„Ich bin absolut für das Verbrennerverbot und finde es nicht schlimm, das Ding auch so zu nennen.“
Geht mir genauso, ich bin für ein Verbot von Verbrennern und auch bereit, das Ding so zu nennen, wenn Verbrenner verboten werden. Ihr Reichweitenfetischist kann sich 2035 dann ja einen Gebrauchten kaufen, gibt es dann sogar als Jahreswagen.
Wie soll denn eigentlich die Regelung genannt werden, wenn in ferner Zukunft Verbrenner in der EU tatsächlich alle verboten werden?
@15 Kai Weber
Auch ich bin absolut für ein Verbrennerverbot.
Ich selbst hab keinen Führerschein und fahr nur mit Rad und Öffis.
Aber wenn es technisch möglich ist weiter Verbrenner herzustellen solange sie klimaneutral fahren. Wir haben also einerseits eine bestehende Flotte von Verbrenner Autos die vielleicht noch 10 bis 20 Jahre weiterhin besteht. Dazu kommen irgendwelche, wahrscheinlich sehr hochpreisige Modelle die mit efuels laufen werden (Porsche und Ferrari setzen schon auf diese Kraftstoffe – auch wenn es ökonomisch kompletter Schwachsinn ist).
Allein deswegen finde ich den Begriff Verbrennerverbot irreführend.
Aber mein eigentliches Problem mit diesem Begriff ist, er wird als Kampfbegriff missbraucht von genau jenen die die Energiewende torpedieren.
„Die links-grüne ÖkoDiktatur will euch die Verbrenner wegnehmen“.
oder noch besser die Aussage von Porsche VizeChef Meschke:
„Verbrenner-Aus könnte Deutschland zum Armenhaus machen“
Solange die größten Feinde der Energiewende mit so etwas Stimmung machen finde ich es notwendig auf die Feinheiten des Gestzes hinzuweisen.
„Sobald sein Verbrenner nach 2035 einen irreparablen Totalschaden hat oder nicht mehr über den TÜV kommt, darf er ihn nicht mehr durch ein gleiches Modell ersetzen, weil dessen Zulassung dann verboten wäre.“
Er kann sich immer noch ein gleiches oder gleichwertiges gebrauchtes Modell holen.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Turnstile. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Man muss es den Rechtsextremen und anderen Ewiggestrigen lassen, dass sie verdammt gut darin sind, Begriffe zu prägen, die es dann in den Mainstream schaffen und dadurch eine bestimmte politische Sichtweise transportieren. „Flüchtlingswelle“ war vor zehn Jahren ja auch so ein Negativbeispiel. Oder „Zwangsgebühren“: die haben es zwar noch nicht in den Mainstream der Zeitungen geschafft, aber doch in viele Gespräche.
Es muss denen, die an sachlicher, voruteilsfreier Kommunikation orientiert sind, einfach auch gelingen, solche Begriffe zu prägen – und zwar bevor die politisch interessierte Gegenseite ihre Lesart durchsetzt.
Das mag in dem Fall den Rechten und/oder der Autoindustrie schon sehr gelegen kommen, aber „Verbrennungsmotorenneuzulassungsaus“ oder ähnliches ist halt zu sperrig, um es in irgendeine Zeitung zu schaffen.
@surfgard
„Es muss denen, die an sachlicher, voruteilsfreier Kommunikation orientiert sind, einfach auch gelingen, solche Begriffe zu prägen – und zwar bevor die politisch interessierte Gegenseite ihre Lesart durchsetzt.“
Es wäre sehr zu befürworten wenn das gelingen würde, aber ich denke leider das es sehr bis absolut unrealistisch ist.
Egal um welche Themen es geht, man wird sie nie mit irgendwelchen einzelnen Schlagwörtern genau genug beschreiben das es sachlich und vorurteilsfrei ist. Dieser Kampf kann nur verloren werden.
Das Ziel muss es einfach sein den Menschen beizubringen solchen Kampfbegriffen, Pauschalisierungen und Emotionalisierungen zu misstrauen und nachhaken zu wollen.
Das wird aber natürlich deutlich schwieriger wenn sich auch große, seriöse Medien daran beteiligen und diese Begriffe weiter im Umlauf/am Leben halten.
Die oben erwähnten Artikel sind wohl allesamt an mir vorübergegangen, jeden falls dachte ich der Begriff Verbrennerverbot wäre schon längst durchgekaut, als Falschaussage markiert und wieder ausgespuckt worden. Danke an alle Beteiligten Medien für das weiterleben lassen dieses Hass erzeugenden Begriffes (vermutlich nur aus Gier nach klicks)
@#1:
Der Begriff lautet „Right Wing Agenda Setting“: Man greift sich ein Thema, stülpt ihm seine eigene Sichtweise über oder erfindet gar ein komplett neues Thema; Wort, Problem, etc. und positioniert es so prominent im Diskurs, dass es sich nur noch darum dreht und selbst leute mit anderen Anschauungen darüber diskutieren müssen.
„Woke“ ist auch so ein Beispiel: Die Rechte (der USA) brauchte einen Sammelbegriff für jemanden, den sie als Feind ansehen kann und bedienten sich am Afroamerikanischen Begriff woke, der seinen Ursprung in den 30er Jahren der Schwarzenbewegung hatte. Inzwischen wird dem Begriff ja sogar Veganismus und Winderergie zugeschrieben, was klar darauf hindeutet, dass es hier um politische Instrumentalisierung geht. Die Europäische Rechte hat den Begriff dankbar übernommen und plappert ihn nach ohne zu wissen worum es eigentlich geht (außer natürlich um die begriffliche Stigmatisierung von etwas, was einem nicht passt).
Wie absurd und kindisch das Verhalten der „konservativen“ Trotzköpfe ist, merkt jeder, der sich mal das Vergnügen gönnt, ein Elektroauto probezufahren. Die Technik ist einfach überlegen. Sie macht nur nicht Brummbrumm und verpestet nicht die Luft. Solche Probefahrten müssten Pflichtprogramm für alle Wirtschafts- und Politikredakteure* sein, die noch Benzin im Blut haben (ähnlich fataler Inhaltsstoff wie Alkohol).
* es sind tatsächlich fast immer Männer
Nunja, so überraschend ist das jetzt nicht wirklich, denn die Motorjournalisten sind ja zu einem guten Teil abhängig von einem guten Draht in die Hersteller hinein. Wenn man dann die großen Firmen schlechtschreiben würde, wäre das sicher nicht sehr förderlich.
Damit will Ich noch nicht mal sagen, dass sich da jemand kaufen lässt, man hat einfach die Perspektive nicht. „Wie soll das denn gehen, …“ sagen die großen Autobauer.
Das Problem ist eben, dass die Meere sich nicht in Berlin Mitte an der Rudi-Dutschke-Straße erwärmen, Hurrikane und sterbende Korallenriffe hab Ich da jetzt auch keine gesehen, als Ich vor vier Wochen in Berlin im Urlaub war…
Auto-Journalisten schreiben positiv über Auto-Industrie: „Was will man machen, die brauchen die Konnektions.“
Game-Journalisten schreiben positiv über die Game-Industrie: „Was will man machen, die Konnektions.“
Sport-Journalisten schreiben positiv über die Fußball-Industrie: „Was will man machen?“
Buch- und Theaterkritiker hauen einen fiesen Take nach dem anderen heraus, ohne deshalb arbeitslos zu werden, aber wehe, sie werden zu nett…
@mycroft
Mir sind in meinem Berufsleben durchaus schon ein paar fachjournalistische Kolleg:innen mit dem Berufsethos von Theaterkritikern begegnet. Aber es stimmt: Déformation professionelle kommt zu häufig vor. Es ist ja nicht so, dass alle in der Autoindustrie sich allein per Rückspiegel orientieren würden. Man kann sich als Journalist:in also auch auf diejenigen fokussieren, die an der E-Mobilität arbeiten. Ich habe auf Youtube positive Beispiele für hochkompetenten Fachjournalismus gesehen, gelegentlich auch in Print – also nicht nur in einschlägigen (Online-) Fachpublikationen für E-Autos. Es müssten sich jetzt nur noch die Schreiber aus den Ressorts Wirtschaft und Politik mit der Thematik befassen, die immer noch die merzige Denke im Kopf haben, dass der Industriestandort Deutschland ohne Turbodiesel und AMG-12-Zylinder den Bach runterginge.
Ich kann nicht umhin, zu glauben, dass von der mächtigen Autolobby traktierte Politiker*Innen und konservative Medien das selbe Interesse haben: Die Politiker – Kaste will die Arbeitsstellen und den Umsatz erhalten, die Medien die Werbekunden nicht verlieren.
Diese unheilige Allianz sorgt dafür, dass Merz in Rio von Innovationen faselt (für die er herzlich wenig tut und auf die wir seit Bekanntwerden des Klimawandels vergeblich warten – wenigstens was die Automobilindustrie betrifft) statt im Land die Autoindustrie ordentlich in den Senkel zu stellen und denen klipp und klar zu sagen: Ihr seid selbst Schuld, dass ihr den Zug in die Zukunft verpasst habt (auf dem die Chinesen gerade davon brausen) und stattesen die Verbraucher und Behörden beschissen habt. Rettet Euch selber und hört auf nach dem Geld des Staates zu rufen!
@8 t.mido
Das wird erst noch richtig kommen dass die Autoindustrie unser(Staat) Geld möchte. Die sträuben auch nämlich immer noch, der Abstand wird immer größer und die sind genauso wie die Banken too big to fail.
Ein paar Jahre geht das noch gut und dann müssen Rettungspakete im dreistelligen Milliardenbereich gezahlt werden.
Und trotzdem wird bis dahin schön weiter nach immer mehr Subventionen gerufen werden.
Unsere einstige Vorzeige Industrie wird vielleicht unser wirtschaftlicher Untergang.
Hatte ich ja schon mal geschrieben: Die Aufladung der schönen Rubrik „Hasswort“ mit moralischen Debatten um politische Korrektheit finde ich bedauerlich.
Zur Sache: „Verbrennerverbot“ war ursprünglich kein rechtes „Framing“ sondern stolzes Ziel der EU – als Kurzform für „Verbot der Neuzulassung von Pkw mit Verbrennungsmotoren ab 2035“. Das ist dann in doppelter Hinsicht zurückgezogen worden: Zum einen politisch, weil die EU ihr Ziel unter maßgeblicher Beteiligung von Volker Wissing leider aufgeweicht hat (zugunsten sogenannter Technologie-Offenheit mit E-Fuels, etc.). Zum anderen sprachlich, weil das Wort „Verbot“ in der politischen Debatte immer stärker unter Beschuss geriet.
Nun haben wir rechts-konservative Medien, die am Wort „Verbrennerverbot“ in pejorativer Absicht festhalten, obwohl es nicht mehr stimmt – und linksliberale Journalisten, die so tun, als hätte es nie gestimmt und wäre immer schon Propaganda gewesen. Außerdem Kommentatoren bei Übermedien, die einfach mal behaupten, der Begriff sei eine Erfindung von „Rechtsextremen“. Kurz: Es ist das blöde, alte Moralspektakel, das mir so unendlich auf die Nerven geht.
(Zur Klarstellung: Ich wäre für eine Verbrennerverbot ab 2035 sehr dankbar.)
„Es muss denen, die an sachlicher, voruteilsfreier Kommunikation orientiert sind, einfach auch gelingen, solche Begriffe zu prägen – und zwar bevor die politisch interessierte Gegenseite ihre Lesart durchsetzt.“
Dazu folgendes:
In Teilen der Linken wird tatsächlich diskutiert, ob man dem rechten Kulturkampf-Populismus mit linkem Populismus begegnen sollte. Zum Glück ist diese Position nicht sehr verbreitet.
Zum Thema Populismus in sozialen Medien fand ich einen SWR/Tagesschau-Beitrag aufschlussreich, der eine aktuelle Studie zusammenfasst. Demnach sind viele junge Nutzer:innen in der Lage, Täuschungs- und Manipulationsversuche zu erkennen ( trotzdem noch unter OECD ø laut PISA ) . Allerdings sind die Plattform-Algorithmen verzerrt, rechte Akteure investieren überproportional viel Aufwand – und die Gegenbeiträge anderer politischer Richtungen bleiben oft zu flach, um wirklich gegenzuhalten.
https://www.tagesschau.de/wissen/forschung/social-media-populisten-100.html
Noch bedrohlicher erscheint mir der Bevölkerungsteil, den die Psychologie als „autoritäre Persönlichkeit“ beschreibt. Bei diesen Menschen lassen sich Präferenzen für autoritäre Führungsstrukturen kaum durch politische Bildung oder Information verändern – im Gegenteil können entsprechende Impulse die Neigung sogar verstärken, wenn sie das Thema Autoritarismus stärker salienzieren. Zugleich steigen Unsicherheitsgefühle eher, wenn Polizei-Präsenz, Abschiebungen oder ähnliche Maßnahmen hochgefahren werden. Autoritäre Persönlichkeiten wählen nicht automatisch Diktator:innen, aber mit wachsendem Unsicherheitsgefühl steigt die Wahrscheinlichkeit dafür. Divers zusammengesetzte Nachbarschaften dämpfen dieses Unsicherheitsgefühl, homogene Milieus verstärken es.
Das führt weit vom Ausgangspunkt weg – aber ein Artikel des neuseeländischen Forschers Danny Osborne („Die Wurzeln des Autoritarismus“, Gehirn & Geist, November-Ausgabe) hat mich gerade wieder daran erinnert, wie sehr mich die Frage beschäftigt, wie Populismus wirksam eingedämmt werden kann.
Der Begriff „Verbot“ ist ja nicht völlig falsch. Früher wurden Autos gebaut, die keine Sicherheitsgurte auf den Rücksitzen hatten. Heute nicht mehr, und wenn man irgendwen – bspw. ein Kindergartenkind – dazu befragte, wäre die Antwort: „Weil das verboten ist!“
Nicht: „Neuzulassungen von PKWs ohne Sicherheitsgurten auf der Rückbank waren ab Stichtag 1.5.79 in der BRD nicht mehr zulässig; es war aber nicht geplant, PKW ohne solche Sicherheitsgurte aus den Verkehr zu ziehen, weshalb man nicht von einem „Verbot“ sprechen kann.“
Hieß damals in den 70ern auch wirklich nicht „Autos-ohne-Sicherheitsgurte-hinten-Verbot“, sondern „Gurtpflicht“, aber nur, weil ersteres einfach viel zu viele Silben hat.
Und eine Menge der Verkürzungen und Zuspitzungen, die Medien verwenden, sind in ähnlicher Weise unpräzise oder zu vereinfachend. Da kriegt man doch die nächsten 100 Hasswort-Kolumnen ganz schnell voll.
Bitte fangen Sie mit „wir“ an!
@#11
Sollte die EU tatsächlich mal offiziell „Verbrennerverbot“ als Kurzform verwendet haben, dann lag das Zurückziehen eventuell daran, dass Verbrenner nicht verboten werden.
Da ja für Sie die Einen so tun als ob es immer noch stimmt und die Anderen als ob es nie gestimmt hätte, muss es einen Zeitpunkt gegeben haben, an dem es gestimmt hat. Der Zeitpunkt dürfte für Sie schwer zu benennen sein, da Ihnen ja bewusst ist, dass es immer nur um die Neuzulassungen ging.
Ich stimme dem kritischen Kritiker und Mycroft zu: Ich bin absolut für das Verbrennerverbot und finde es nicht schlimm, das Ding auch so zu nennen. Ökonomisch sinnvolle E-Fuels sind, wie im Artikel dargelegt, extrem unrealistisch und ein Neuzulassungsverbot von CO2 ausstoßenden Verbrennern ist ein Verbrennerverbot. Ich bezeichne mich gelegentlich als Autohasser, lebe trotz Führerscheinbesitz und obwohl ich es mir finanziell leisten könnte seit zwanzig Jahren ohne Auto – obwohl ich mit dem ÖPNV fast zwei Stunden für die 30km ins Büro brauche, die zu Zeiten ohne Stau mit dem Auto in 20 Minuten zu schaffen wären. Trotzdem habe ich genug Empathie, dass ein Fan von Verbrennungsmotoren (nennen wir ihn meinetwegen auch Reichweitenfetischist oder Ladestationenangsthase) sich veräppelt fühlt, wenn man ihn sagt, die geplante EU-Regelung sei ja kein Verbrennerverbot. Sobald sein Verbrenner nach 2035 einen irreparablen Totalschaden hat oder nicht mehr über den TÜV kommt, darf er ihn nicht mehr durch ein gleiches Modell ersetzen, weil dessen Zulassung dann verboten wäre. Die Wortklauberei hilft hier glaube ich nicht weiter. Man müsste mehr die (individuellen und gesellschaftlichen) Vorteile grünerer Antriebstechnologien in den Vordergrund stellen anstatt ein Verbot durch andere Benennungen zu verbrämen.
@#13
„Der Begriff „Verbot“ ist ja nicht völlig falsch.“
Stimmt, es wird ja wirklich etwas verboten. Was völlig falsch ist, ist der Begriff „Verbrennerverbot“, denn die werden ja gar nicht verboten.
„Hieß damals in den 70ern auch wirklich nicht „Autos-ohne-Sicherheitsgurte-hinten-Verbot“, sondern „Gurtpflicht“, aber nur, weil ersteres einfach viel zu viele Silben hat.“
Wahrscheinlich eher weil zweiteres zutreffend ist und ersteres nichts mit der Realität zu tun hatte. Eventuell gab es auch in den 70ern einfach weniger Menschen, die bereit waren von einem Verbot zu sprechen, wenn die besagte Sache gar nicht verboten wurde.
@#15
Jeden Tag insgesamt 3 Stunden und 20 Minuten mehr Fahrtzeit akzeptieren, nur um auf das Auto zu verzichten, nenne ich wahre Hingabe für den Klimaschutz. Ich verzichte zwar auch freiwillig auf ein Auto, lebe aber auch in Berlin und bei mir sind es nur wenige Minuten Aufschlag für die Arbeit und oftmals bin ich in der Freizeit auch schneller. Wäre ich an Ihrer Stelle, hätte ich definitiv ein Fahrzeug. Ich würde mich aber auch niemals als Autohasser bezeichnen.
„Ich bin absolut für das Verbrennerverbot und finde es nicht schlimm, das Ding auch so zu nennen.“
Geht mir genauso, ich bin für ein Verbot von Verbrennern und auch bereit, das Ding so zu nennen, wenn Verbrenner verboten werden. Ihr Reichweitenfetischist kann sich 2035 dann ja einen Gebrauchten kaufen, gibt es dann sogar als Jahreswagen.
Wie soll denn eigentlich die Regelung genannt werden, wenn in ferner Zukunft Verbrenner in der EU tatsächlich alle verboten werden?
@15 Kai Weber
Auch ich bin absolut für ein Verbrennerverbot.
Ich selbst hab keinen Führerschein und fahr nur mit Rad und Öffis.
Aber wenn es technisch möglich ist weiter Verbrenner herzustellen solange sie klimaneutral fahren. Wir haben also einerseits eine bestehende Flotte von Verbrenner Autos die vielleicht noch 10 bis 20 Jahre weiterhin besteht. Dazu kommen irgendwelche, wahrscheinlich sehr hochpreisige Modelle die mit efuels laufen werden (Porsche und Ferrari setzen schon auf diese Kraftstoffe – auch wenn es ökonomisch kompletter Schwachsinn ist).
Allein deswegen finde ich den Begriff Verbrennerverbot irreführend.
Aber mein eigentliches Problem mit diesem Begriff ist, er wird als Kampfbegriff missbraucht von genau jenen die die Energiewende torpedieren.
„Die links-grüne ÖkoDiktatur will euch die Verbrenner wegnehmen“.
oder noch besser die Aussage von Porsche VizeChef Meschke:
„Verbrenner-Aus könnte Deutschland zum Armenhaus machen“
Solange die größten Feinde der Energiewende mit so etwas Stimmung machen finde ich es notwendig auf die Feinheiten des Gestzes hinzuweisen.
„Sobald sein Verbrenner nach 2035 einen irreparablen Totalschaden hat oder nicht mehr über den TÜV kommt, darf er ihn nicht mehr durch ein gleiches Modell ersetzen, weil dessen Zulassung dann verboten wäre.“
Er kann sich immer noch ein gleiches oder gleichwertiges gebrauchtes Modell holen.