Ich verschwör!

Wenn ein Zeitschriftentitel gestaltet wird, ist es wie bei einer Trauung: Menschen stehen herum und versprechen sich und anderen voller Überzeugung Dinge für die Zukunft, die selten wahr werden und oft in bitterem Schmerz enden – für den jeder einen anderen Schuldigen ausmacht. In Wahrheit kennt niemand das Geheimnis, wie es funktioniert. Es gibt solche, die es besser können, und es gibt solche wie mich. Wahrscheinlich haben manche auch einfach Glück und andere Pech. Es ist eine obskure Mischung aus Alchemie, Selbstbetrug, Sachzwängen und frei erfundenen Regeln, von denen man in Wahrheit nur hoffen kann, dass Leser (oder Ehepartner) sie teilen.

Ich habe zum ersten Mal, seitdem ich aushilfsweise diese wunderschöne Kolumne für Peter Breuer übernehmen durfte, eine Zeitschrift nur wegen ihrer Titelzeile gekauft. Die aktuelle Ausgabe des „Musikexpress“ hat ein Deutsch-Rap-Special und den besten Titel gemacht, den man sich dazu vorstellen könnte, wenn man sehr, sehr gut wäre. Die Zeile lautet „Wir ficken deine Mutter!“ Das ist auf so vielen Ebenen gut, dass ich kaum weiß, wo ich anfangen soll. Es ist provozierend, weil Worte geschrieben noch einmal eine völlig andere Dynamik entfalten als gesprochen. Es beschreibt den Habitus von Deutsch-Rappern perfekt, gleichzeitig lustig-ironisch und derb, und es strahlt ungeheuren Spaß aus. Man kann sich vorstellen, wie der Vorschlag für diese Zeile als Witz gemeint war, und nach dem ersten gemeinsamen Lachen wuchs wahrscheinlich im Komitee derjenigen, die daran beteiligt waren, die Erkenntnis, dass es tatsächlich funktionieren könnte, wenn man nur den Mut hätte, es zu machen.

Ich kann natürlich nicht sagen, ob die Zeile als Arbeitstitel schon während der Produktionswochen im Raum waberte und so den Ton und den Spaß an der ganzen Ausgabe geprägt hat, oder ob der Spaß die Zeile provoziert hat. Jedenfalls ist das ganze Special so gut gelaunt, mit Zwischenzeilen wie: „Respekt vor der Mama ist so 90er“ oder: „Wichtig ist nur, ,die Sprache immer fresh und neu und different zu keepen’“ – und mit einem Deutsch-Rap-Quartett, das als Extra auf dem Cover klebt.

Kurzer Exkurs zu den Extras: Es hat auch jenseits der Jugendzeitschriften, die das mit „Yps“-Gimmicks, Postern und Aufklebern und ähnlichem schon ewig gemacht haben, ein Wettrüsten gegeben, wer mehr Kram in eine Plastiktüte stecken und seine Zeitschrift dazupacken kann. Von DVDs bis Flipflops konnte und kann man jede Menge Müll zu seiner Zeitschrift bekommen, und natürlich ist das am Ende ein Kampf, den niemand gewinnen kann, weil Käufer sich erstens daran gewöhnen und es erwarten und es natürlich zweitens die Zeitschriften abwertet. Warum sollte man drei, vier oder noch mehr Euro für eine Zeitschrift ausgeben, wenn man letzten Monat für das Geld noch einen Lippenstift und ein Bluetooth-Headset mit Vogelstimmenimitator und ein Kaugummi bekommen hat? Die Extras haben mehr kaputtgemacht als genützt.

Es gibt allerdings eine Ausnahme, von der ich mir nicht sicher bin, ob sie in allen Verlagen verstanden wurde. Ich bin gegen fast alle so genannten „Non-Paper-Extras“, aber gerade bei den „Paper-Extras“ gibt es eine großartige Möglichkeit, bei der ich sie gut und gerechtfertigt finde, nämlich dann, wenn sie den Lesern mehr von dem gibt, was das Magazin ist. Der „Playboy“-Kalender ist einfach nur eine Fortsetzung des Heftes mit anderen Mitteln. Auch die lange schon gelernte CD auf dem „Rolling Stone“ ist eine Fortsetzung des Heftes (und eine der wenigen „Non-Paper“-Ausnahmen, die ich machen würde), und das lustige Deutsch-Rap-Quartett auf dem „Musikexpress“ ist es eben auch. Ende des Exkurses.

Der Grund, warum die Titelzeile und dieses gesamte, lustige Special im „Musikexpress“ so gut sind, ist, dass sie eine Verschwörergemeinschaft herstellen zwischen den Lesern und dem Heft. Sich gemeinsam über etwas zu freuen und zu lachen ist die einfachste Art, eine Gruppe herzustellen, oder eine Community, wie man es heute wahrscheinlich sagen würde. Es funktioniert wie die drei Typen, die sich am Rande einer Konferenz oder sowas in der Raucherecke zum ersten Mal im Leben treffen, und nach dem ersten Witz sind sie eine Gemeinschaft, nach dem ersten provozierenden Witz eine verschworene.

Es ist im übrigen auch das, was Ehen scheitern lässt oder nicht: Die Kommunikationsmuster ändern sich nach dem ersten Jahr einer Beziehung eigentlich nicht mehr, sie sind festgelegt (und in ihnen ist angelegt, ob man sich in Krisen zu- oder abwendet). Eine gute Ehe ist eine Verschwörung gegen den Rest der Welt, das ist es ja, was Betrug so schmerzhaft macht, nämlich dass da plötzlich Geheimnisse mit jemand anderem sind, potenziell das Ende der Verschwörung.

Wenn es Zeitschriften gelingt, sich mit ihren Lesern zu verschwören und Codes zu finden, bei denen beide Seiten davon ausgehen können, dass derjenige, der sie versteht, zur Gruppe gehört, auch als Abgrenzung gegen alle anderen, werden sie meiner Meinung nach ihre Leser finden. „Neon“ ist das in den ersten Jahren (unter den nebenbei begnadeten Titelmachern Michael Ebert und Timm Klotzek*) fantastisch gelungen, „Landlust“ gelingt es, ich selbst war im ersten Jahr von „FHM“ in Deutschland dabei, wo wir es mit unseren kryptischen Bildunterschriften auch geschafft haben – wer diese Witze verstanden hat, hatte das Gefühl, das Magazin würde nur für ihn gemacht.

„Wir ficken deine Mutter“ macht genau das. Ich habe jetzt hier nicht mehr den Platz, auf den Rest des Heftes groß einzugehen, ich mochte es ziemlich. Aber ich hoffe, es lohnt sich auch manchmal, sich nur Details rauszupicken, wenn sich etwas Größeres an ihnen erläutern lässt**.

Ansonsten viel Glück mit diesem Beziehungszeug. Es wird wahrscheinlich schiefgehen. Weiß halt keiner, wie es richtig geht.

Musikexpress
Axel Springer Mediahaus Berlin GmbH
7,90 Euro

*) Offenlegung: Ich schreibe regelmäßig für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“, wo die beiden heute Chefredakteure sind. Man kann mir glauben oder nicht, dass ich das mit dem „begnadet“ aber auch vorher schon fand und es keine reine Schleimerei ist.

**) Billiger Trick: Wer jetzt innerlich genickt hat, hat sich mit mir verschworen. Aber es ist ein schönes Gefühl, oder?

13 Kommentare

  1. Mein Gedankengang war ähnlich wie der von Tobias. In der Rezension zu einem Rap-Heft noch kurz die Ehe erklärt bekommen.

  2. Kaufimpuls?
    Eine solche Verrohung der Ausdrucksweise stößt mich ab. Leider läßt sich das Bild nicht in den Hintergrund schieben, dieser Titel wird mich hier begleiten, bis er peu à peu von aktuelleren Beiträgen verdrängt wird und nach unten aus der Startbild wandert.
    Habe ich einmal bei dem Titelbild FUCK YOU erduldet, mach ich nicht mehr. Ich schau mal, wie ich Übermedien abbestelle. Tschüs.
    herb

  3. „Es ist im übrigen auch das, was Ehen scheitern lässt oder nicht: Die Kommunikationsmuster ändern sich nach dem ersten Jahr einer Beziehung eigentlich nicht mehr, sie sind festgelegt (und in ihnen ist angelegt, ob man sich in Krisen zu- oder abwendet). Eine gute Ehe ist eine Verschwörung gegen den Rest der Welt, das ist es ja, was Betrug so schmerzhaft macht, nämlich dass da plötzlich Geheimnisse mit jemand anderem sind, potenziell das Ende der Verschwörung.“

    Das Geheimnis funktionierender Beziehung in sieben Zeilen. Pointiert, nachvollziehbar und so einfach erklärt, dass sogar ich mich imstande fühle, enttäuschten Freunden damit helfen zu können.
    Chapeau, Herr Pantelouris!

  4. Moment mal, Herrn Pantelouris ist der Internet-Platz ausgegangen? Können die Verantwortlichen da nicht irgendwie n paar mehr Zeilen dazu-buchen, dass er weiterschreiben kann? Das geht ja wohl nicht an, dass er einfach so mittendrin aufhören muss.

  5. Wegen einer Kolumne zu einem Titel eines Musikmagazins zum Thema Deutschrap damit drohen, das Abo zu kündigen…das ist ein interessanter move. Habt ihr herb schon angebettelt, es doch nicht zu tun? Oder zensiert ihr den Titel? Oder schmeißt ihr endlich diesen offensichtlich völlig geschmacklosen Griechen raus? War ja schon das zweite schlimme Cover. Das Maß ist voll.

  6. @Bertsen
    ich habe nichts gegen die Kolumne. Ich lese alles. Und auch die Kommentare dazu. Hab hier schon viel gelernt.
    Aber ich will nicht diese Art Cover sehen, das sehe ich für mich als Art von innerer Hygiene. Ich wünsche Ihnen viel Spass, das Bild wird ja noch eine Zeit lang den Auftritt von Uebermedien begleiten.
    @Michalis Fuck, yeah! zurück.
    herb

  7. Ich versuch mir gerade vorzustellen was dat für Peoples sind, die bei dem Text denken, dat muss ich unbedingt kaufen ??!

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